Referendarinnen-Mutation

  • Hej!


    Da mir grade - nach nur vier Stunden Schule -ganz gewaltig der Kopf raucht, muss ich mal auf diese Weise etwas Dampf ablassen: Wie kann es sein, dass man innerhalb eines Tages von der zufriedenen, motivierten Referendarin zum autoritätsfixierten, mit Hausaufgaben um sich werfenden, Stillarbeit verordnenden Klassenschreck mutiert?
    Ich hatte heute (und noch die ganze nächste Woche) in einer neunten und einer sechsten Klasse Vertretung, die ich beide schon vom Hospitieren und Unterrichten unter Anleitung kannte. In beiden Klassen bin ich heute - nach einem langen Vorbereitungsabend, da beide Fachlehrer kurzfristig erkrankt sind - ohne böse Vorahnungen (unterricht unter Anleitung war bisher in beiden Klassen wirklich nett) und mit durchgeplanten, schülerorientierten Stunden gekommen - und habe letzten endes jede Menge abschreiben, stillarbeiten und als Hausaufgaben mit nach Hause nehmen lassen: Die eine Klasse war fast komplett ohne Bücher erschienen, und die Kleinen meinten zunächt in der Klasse herumzulaufen, Streitereien auskämpfen und einen konstanten Lärmpegel erzeugen zu müssen....... Nachdem meine 'netten' Arbeitsanweisungen überhaupt nicht oder nur von einem Teil der Klasse ernstgeommen wurden, habe ich richtig üblen Frontalunterricht mit schriftlichem Fragenbeantworten gemacht (Und meine vorbereiteten Freiarbeits- und Gruppenarbeitsmaterialien traurig wieder ganz tief in der Tasche verschwinden lassen, aber ich hatte noch nicht mal eine Chance, sie den Schülern vorzuschlagen, da längere Erklärungen in der ersten Viertelstunde gar nicht drin waren)
    Letzlich hatte ich zwar beide Klassen einigermaßen ruhig an der Arbeit, aber das war ganz sicher kein Unterricht, wie ich ihn gerne machen würde, und den Start ins selbstständige Unterrichten (und mein eigener Verhalten!!!!) hätte ich mir auch anders gewünscht. Nächste Woche verbringe ich insgesamt vier Stunden in beiden Klassen; bin mal gespannt, ob das irgendwie funktioniert oder ich bei beiden (in einer wollte ich eigentlich Mitte März einen UB machen) jetzt komplett unten durch bin......
    Bisher hat mir der Job von Tag zu Tag (seit ich an der Schule bin) besser gefallen, aber heute bin ich ziemlich erledigt!


    nachdenkliche und ziemlich müde Grüße,


    carla

    Nehmen Sie die Menschen so wie sie sind.
    Es gibt keine anderen

  • Keine Panik! Die Schüler nehmen dir das nicht übel. 8)


    Meine 6er, die ich in Bio unterrichte und mit denen ich auch in die Prüfung gehen werde, brauchen das wohl auch immer wieder.
    Nachdem ich in einem Besuch einen Lernzirkel zum Thema "Warum können Vögel fliegen?" gemacht habe, er aber nicht fertig wurde und sie ganz klar eingefordert haben, dass wir das in der nächsten Stunde weiter machen, wurde ich krank. Sie hatten zwei Stunden eine Kollegin, die sie aus dem vergangenen Jahr in Bio kennen. Und "schwupp" waren sie heilfroh, als ich wieder gesund war und wir diese offene Unterrichtsform weiter führen konnten.
    Diese Freude hat sich jedoch nicht lange gehalten. Kaum eine Stunde später waren sie wie immer: laut, unkonzentriert usw... ;)


    Mich nervt das enorm, immer den Daumen drauf haben zu müssen. Das wollen und brauchen die SuS allerdings.
    Man kommt allerdings mit Hoffnung auf Verständnis und Appellen nicht weiter. Leider

  • Ja, es ist wirklich super schade. Man strengt sich total an, stellt die schönsten und schülerorientiertesten Unterrichtsstunden zusammen und was kommt im Zweifelsfalle...? :(


    Aber den Kopf nicht hängen lassen: Für jedes Ying gibt's ein Yang...oder so ähnlich...! :)


    Und ich kriege es "um die Ecke" immer wieder mit (von ehemaligen Kommilitonen, meiner Lehrerverwandschaft etc.), dass der eigene, selbstständige Unterricht nach dem Referendariat dann fast vollkommen anders wird.
    Ich meine, klar gibt es immer und überall schwarze Schafe, unruhige, ungeduldige... Klassen und so; aber wenn man erstmal "ausgelernter" (obwohl ich glaube, dass man das niemals wirklich tut - gut so!) Lehrer ist, dann hat man
    1.) die nötige Regelmäßigkeit, die man braucht, um mit den Schülern zurechtzukommen,
    2.) die notwendige Freiheit, da Du Dich ganz auf Deinen Unterricht und Deine Schüler konzentrieren kannst ohne die Bewertungen im Nacken...usw.


    Ich bin zwar noch am Studieren, habe aber schon Schulpraktika mit eigenem Unterricht und ein knappes Jahr als Assistant Teacher im Großraum London hinter mir. Und ich kann ohne Übertreibung sagen, dass ich in diesen Monaten in London noch nie so "geschrieen" habe -KEIN Witz, dort an den staatlichen Gesamtschulen leider tägliche Praxis- wie zuvor. Und hoffentlich werde ich es auch nie mehr tun müssen. Aber natürlich gab es auch da, wie immer, genauso das komplette Gegenteil: Schüler, die offen und geradezu begierig darauf waren, etwas Neues zu lernen.


    Alles Gute!
    Mareike


    "Never give up, never surrender!"
    Galaxy Quest

  • Hallo Carla,


    mir geht's im Moment ähnlich. Zwar läuft der Unterricht noch in etwa so ab wie ich es mir vorstelle, aber gerade in den letzten paar Stunden sind mir aufgrund großer Unruhe in der Klasse und aufgrund einiger pampiger SuS einige Schnitzer passiert, die nicht gerade günstig waren: zu viele Schreibaufträge, keine Sicherungsphase und keine Hausaufgaben, weil die SuS schon aus der Klasse gestürmt sind.


    Eine meiner "Lieblingsschülerinnen" warf mir heute auch noch vor, mein Unterricht wäre ja gar nicht "mündlich" (weshalb sie sich in dem Bereich auch nicht beteiligen könne) und ich würde ja noch nicht mal die Hausaufgaben kontrollieren. Das hat mich sehr gekränkt, da ich ja wohl Personenbeschreibungen schließlich auch schriftlich üben lassen muss und besagte Dame an meiner "Verwirrung" in den letzten Stunden alles andere als unschuldig war mit ihrer frechen Art.


    Also mach dir nichts draus - du greifst im Gegensatz zu mir wenigstens schon härter durch.


    Liebe Grüße,
    Carla-Emilia

  • für die tröstlichen Antworten!
    Nachdem ich letzte Nacht (gestern war ich mit einer anderen Klasse auf einem Ausflug) sogar schon von Schule geträumt habe, habe ich mir fest vorgenommen, in den nächsten Woche noch strukturierter in besagte Klassen zu gehen und die Regeln VOR Unterrichtsbeginn festzulegen, d.h. auch mit den Schülern zu besprechen, was ich bzw. was sie von der Stunde erwarten und mir natürlich auch vorher genauer überlegen, was ich machen, wenn wieder das Chaos auszubrechen droht. Vielleicht kann ich so das panikartige Reagieren meinerseits auf ungeplante Unterrichtsverläufe und-störungen vermeiden. (Die 'Sanktions'-Hausaufgaben der letzten Stunde werde ich trotzdem bei allen kontollieren, in der Hinsicht ist mein Ruf ja derzeit sowieso schon ruiniert ;)
    Irgendwie habe ich noch ganz viel vom didaktischen Unikram im Kopf (und zum Glück auch noch den ein oder anderen guten Vorsatz), aber über das leidige Thema Disziplin habe ich mir bislang eindeutig zu wenig Gedanken gemacht - vielleicht ganz gut, dass der 'Realitätsschock' so relativ kurz nach Refbeginn gekommen ist!
    Wünsche Euch allen eine gute Woche, nette, interessierte Schüler und und viel Spaß im Unterricht!


    Liebe Grüße,


    carla

    Nehmen Sie die Menschen so wie sie sind.
    Es gibt keine anderen

  • Ich stelle bei mir auch fest, dass ich zunehmend "blöder" werde und "nur" damit zugange bin, hier und da, vorne und hinten zu ermahnen, umsetzen zu lassen, offensichtlich vor sich hin quatschende Schüler extra zu fragen, was sie zu dieser und jener Aussage, die gerade in Mitschüler getroffen hat, halten etc.
    Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, nicht so zu sein. Aber Pustekuchen!
    Habt ihr besondere Tricks, was ihr in der 11 macht, das ist ja auch ein Sonderfall. In der nächsten Stunde üben wir noch mal für die Klausur. Am liebsten würde ich ja sagen, dass diejenigen, die stören, ja anscheinend keine Fragen mehr haben und dann vielleicht am besten den Kurs für die Stunde verlassen ... aber dann sitze ich wohl schnell alleine da ;)
    Habt ihr Tricks in der 11 und vielleicht auch in der 7?

  • Hallo Carla,


    vorweg: Was du erlebst, ist, glaube ich, normal. Die meisten Klassen testen, wie weit sie gehen können, wenn ein Referendar nach begleitetem Unterricht das erste Mal alleine kommt.
    Wer die Stunden irgendwie durchsteht, ohne die Kontrolle zu verlieren, kann das als eine Stärke betrachten, keinesfalls als eine Schwäche.
    Die Schüler merken das selbst und sollten in Zukunft auch "zahmer" sein. Methodisch würde ich in Zukunft versuchen, die geplanten schülerzentrierten Phasen auf jeden Fall durchzuziehen. Lehrerzentrierter Unterricht, der aus den Not geboren dann auch wenig strukturiert ist, bietet m.E. viel mehr Ursache für weitere Unruhe und stresst vor allem den Lehrer.
    Sei beim Themeneinstieg und der Aufgabenstellung eher rigide und lass den Schülern dann z.B. in den GA-phasen mehr Freiheit (es wird automatisch lauter).
    Ich würde mir auch nicht die Mühe machen, grundsätzliche disziplinarische Fragen zu klären (vergessene Bücher!), wenn das nicht deine eigene Klasse ist (vielleicht arbeitet die Kollegin/der Kollege nie mit dem Buch oder sagt es zuvor an?). Bevor ich meinen Unterrichtserfolg gefährde, habe ich lieber ein paar Kopien der betreffenden Seiten in der Hinterhand...

    Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.

    Einmal editiert, zuletzt von Timm ()

  • Hi Aktenklammer,


    ich kenn jetzt die genauen Umstände nicht in deiner 11 aber vielleicht könnte man den Damen und Herren (vorausgesetzt sie stören recht zahlreich X( ) klarmachen, daß es ein Service des Lehrers ist, wenn in der Klasse vor Klausuren geübt wird und man da keineswegs verpflichtet ist dazu. Wenn dann keine Ruhe ist, unangenehmes Grammatikthema der nächsten Lektion beginnen, offenlassen ob es in der Arbeit nicht doch noch drankommt. Ist zwar nicht die feine Englische aber verar..... lasse ich mich nicht.


    Grüße
    ML

    Was man zu verstehen gelernt hat, fürchtet man nicht mehr. Marie Curie

  • Hallo Maria Leticia,
    blöderweise habe ich den Herrschaften schon gesagt, dass die Klausur steht (als es hieß: "Was wir nicht machen, kann ja auch nicht in die Klausur!") als ich darauf hingewiesen habe, dass die SCHÜLER die Klausur schreiben "wollen", nicht ich. Aber das könnte man ja ändern. Vielleicht sollte ich noch was in petto haben... ;)

  • Zitat

    Mich nervt das enorm, immer den Daumen drauf haben zu müssen. Das wollen und brauchen die SuS allerdings.


    Naja, ob sie es wirklich wollen lasse ich mal dahingestellt, aber es stimmt schon, dass die beschriebene Situation tagtäglich aufs Neue auftaucht und ambitionierte Reffis und Lehrer verzweifeln lässt. Aber wo liegen denn tatsächlich die Ursachen?? Bei den Schülern? Bei den Lehrern? Im System?
    Ich tippe mal küchenpsychologisch auf Letzteres. Unsere Schüler sind es in (vorsichtig geschätzt) 25 von 30 Stunden (Grundschule mal außen vor) doch gewohnt, dass man ihnen gar keine Freiräume gibt, dass man Autonomiebestrebungen sofort im Keim erstickt, dass man sie einfach nicht gut behandelt und nicht wirklich ernst nimmt. Und dann gibt es noch die restlichen Stunden, mit einer Lehrperson, die sich sicher ist, dass es das nicht sein kann und es "besser" machen will. Aber wie sollen sich die Schüler dann verhalten? Erst mal sind sie mit den gegebenen Freiheiten schlicht überfordert. Die Krux an der Sache ist dann, dass es allzuschnell (aber vollkommen verständlich - kein Vorwurf) zu den beschriebenen Mutationserscheinungen kommt.
    Ich habe auch keine Lösung für diese Situation, weiss nur im Grunde meines Lehrerherzens, dass Schule tatsächlich ein Ort der Freude für alle Beteiligten sein könnte, wenn ....

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