Lektüre für leseschwache Fünfer?

  • Wiese? Bäume?


    *neidisch über die Mauern ihrer Innenstadtschule rausguckt* :D

    Man soll denken lehren, nicht Gedachtes.
    (Cornelius Gustav Gurlitt)

  • hallo,


    Hermine, wenn du meine Beiträge langweilig findest, lies sie doch einfach nicht mehr. Was Wiederholungen angeht, lese ich hier auch immer wieder von den gleichen Problemen, immer den gleichen oder ähnlichen Ratschlägen und Erklärungsversuchen.


    Alias, ich habe massenweise Informationen für mögliche Ursachen von Leseproblemen hier eingestellt, die u.a. verdeutlichen sollten, dass leider ein Augenarztbesuch bei Weitem nicht ausreicht, um sämtliche Probleme mit der visuellen Wahrnehmung festzustellen.


    Zitat

    Lesen lernt man nur durch Lesen, schreiben nur durch Schreiben und auch das Einmaleins nur durch ständige Übung.


    Damit hast du sicher Recht. Leider funktioniert das nur, wenn die neurophysiologische Grundausstattung, die für leichtes Lernen notwendig ist, vorhanden ist. Genau das ist bei vielen Kindern eben nicht der Fall. Da kann ständiges Üben als alleinige Fördermaßnahme sehr gut am Ziel vorbei schießen. Mich wundert es nicht, wenn Kinder dann mit Faulheit, Bockigkeit, Zurückgezogenheit oder Agressivität reagieren.


    Mia, die skandinavischen Länder kümmern sich um die Ursachen von Lernstörungen und lassen Kinder nicht einfach nur Leseübungen machen.


    Woher weißt du, dass die meisten Kinder keine Lernstörungen haben, sondern mangelnde Förderung im Elternhaus vorliegt? Oh, wie ich solche Äußerungen hasse! Mit meinem Sohn habe ich nie Leseübungen gemacht, er kann trotzdem supergut lesen, ist auch einmal Klassenbester Leser geworden. Ein Jahr später sagte ihm seine Lehrerin, dass es keinen Spaß mehr machen würde, ihm beim Lesen zuzuhören. Er hatte einen Kiss-Rückfall und sagte mir, dass er leise genau so gut lesen könne, aber beim Lautlesen das Sprechen erschwert sei. Jetzt liest er wieder perfekt.


    Ich bin nicht der Meinung, dass Lehrer die falsche Adresse sind, wenn es um Förderung geht, die an den Ursachen ansetzt. Lehrer sind sicher nicht die einzige Adresse, aber eine m.E. wichtige. Wie ich schon mehrmals sagte, keiner fühlt sich zuständig. Offiziell gehört es leider nicht zu eurer Aufgabe, den Kindern Förderung anzubieten, die an den Ursachen ansetzt. Das so etwas möglich ist, beweisen aber u.a. die Abteilung ANKe in Wetzlar und auch andere wenige deutsche Schulen. Bücher und Lehrerfortbildung gibt es auch darüber. Eigeninitiative, der Wille, Neues dazuzulernen und das Bedürfnis, Kinder verstehen und ihnen helfen zu wollen, können Berge versetzen. Wer darauf wartet, dass er einen dienstlichen Auftrag erhält, wird wahrscheinlich noch bis zum Rentenalter vergeblich auf Unterstützung von oben warten.


    Carla, ADS ist nichts anderes als das, worüber ich hier informieren möchte - lediglich ein Ergebnis, ein Sammelbegriff. KUJ-Psychatrie sagt mir nichts, was ist das?
    Migrantenkinder - ich kenne z.B. ein Migrantenkind - hier augewachsen, Kindergarten besucht - Mutter spricht schlecht deutsch, Vater sehr gut - Kind hatte Sportförderunterricht, was auf Entwicklungsstörungen hindeutet und nichts mit Migrantenthema zu tun hat. Lehrer haben aber nur Mutter mit schlechten Deutschkenntnissen als Ursache für Deutschprobleme gesehen - m.E. falsch. Oft spielen mehrere Faktoren eine Rolle und führen erst insgesamt zu Lernstörungen. Oft sind Entwicklungsstörungen eben ein sehr, sehr großer Faktor, der ausschlaggebend für Schulerfolg oder Misserfolg ist, aber viel zu oft einfach übersehen wird.


    Vielleicht macht sich der Eine oder Andere die Mühe und liest z.B. unter www.chucholowski.de über die Auswirkungen von frühkindlichen Reflexen, beobachtet dann seine Schüler, achtet auf diese vielen kleinen Auffälligkeiten. Ich bin sicher, dass einige sich wundern werden, was sie alles an ihren Schülern feststellen, bei denen sie bisher von zu wenig Elternförderung, Migrantenproblem, Erziehungsversagen, Faulheit usw. ausgingen.


    Jetzt mal was anderes - zur Freude von Hermine vielleicht:


    Das hier bereits empfohlene Buch " Insel der 1000 Gefahren" wurde gerade in der 4. Klasse meines Sohnes beackert. Mein Sohn war total begeistert, besonders weil der Leser zwischendurch entscheiden kann, wie die Geschichte weitergeht. Allerdings ist er ein guter Leser - ohne Elternförderung. Dass man durch dieses Buch vom leseschwachen zum lesestarken Schüler werden kann, bezweifle ich. Die Kinder mussten sich eine Lieblingsgeschichte aussuchen, mit eigenen Worten zu Papier bringen und Bilder zu jeder Seite malen. Das hat Tage gedauert. Die Eltern sollten auf Rechtschreibung kontrollieren. Anschließend sollten die Kinder alles noch einmal in Reinschrift abschreiben. Das hat auch Tage gedauert. lesen und einmal Schreiben fand mein Sohn auch interessant. Bei der Reinschrift gab es Schwierigkeiten. Er sagte: "Ich möchte etwas lernen, was erleben, erforschen, erfinden und nicht tagelang einen Aufsatz abschreiben. Wozu soll das gut sein?"


    Der Aufsatz wurde mit 1 bewertet mit dem Vemerk "Die Schrift lässt zu wünschen übrig". Ich fand die Schrift allerdings gar nicht so schlecht, vor einem Jahr war sie wesentlich schlechter.


    Viele Grüße
    Erika

    "Die Lehrer bezeichnen Lesen, Schreiben und Rechnen als Grundlagenfächer. In Wirklichkeit handelt es sich aber bei diesen Lehrstoffen bereits um sehr komplexe Prozesse, die sich nur bei einer einwandfreien geistigen Verarbeitung der durch die Sinnesorgane aufgenommenen Wahrnehmung erlernen lassen." A. Jean Ayres

  • Ach ja, stimmt ja, ich hab vergessen, dass nur Erika und die skandinavischen Länder wissen, dass Lernstörungen Ursachen zugrunde liegen. Was man hier aber auch alles Neues lernen kann. *gg*


    Zitat

    Woher weißt du, dass die meisten Kinder keine Lernstörungen haben, sondern mangelnde Förderung im Elternhaus vorliegt?


    Ich weiß es durch die Förderdiagnostik, die ich bei meinen Schülern betreibe. Interessant, dass du aber Behauptungen über meine Schüler aufstellst, ohne sie überhaupt zu kennen. Wie soll ich sowas denn ernst nehmen?
    Davon abgesehen halte ich die Auffassung, dass jeder Lernstörung eine organische Ursache zugrunde liegt für völlig unhaltbar. Und Leute, die Allheilmittel erfinden und den dazupassenden Lernstörungsmodetrend des Jahres kreiren, sind mir auch reichlich suspekt.


    Zitat

    Eigeninitiative, der Wille, Neues dazuzulernen und das Bedürfnis, Kinder verstehen und ihnen helfen zu wollen, können Berge versetzen. Wer darauf wartet, dass er einen dienstlichen Auftrag erhält, wird wahrscheinlich noch bis zum Rentenalter vergeblich auf Unterstützung von oben warten.


    Stimmt, wozu braucht der Mensch Schlaf. In der Zeit könnte ich auch genauso gut Kinder therapieren. :D
    Wenn das mit der Mehrarbeit so weitergeht, können wir ja sowieso gleich die Nacht über in der Schule bleiben. Wie praktisch.


    *ausnahmsweise heute aber doch mal ins heimische Bett geht*
    Mia :D

    Man soll denken lehren, nicht Gedachtes.
    (Cornelius Gustav Gurlitt)

    Einmal editiert, zuletzt von Mia ()

  • Mia, warum drehst du mir das Wort im Munde um? Nirgendwo habe ich geschrieben, dass nur die skandinavischen Länder und ich über Ursachen von Lernstörungen Bescheid weiß. Ganz im Gegenteil, ich habe einige Bücher, viele Links und viele Namen von Fachleuten angegeben, die sich mit Lernproblemen im Zusammenhang mit Entwicklungsstörungen m.E. sehr gut auskennen.


    Behauptungen über deine Schüler habe ich überhaupt nicht aufgestellt. Wo hast du das denn gelesen? Auch habe ich nie behauptet, dass jeder Lernstörung eine organische Ursache zugrunde liegt.


    Glaubst du übrigens, dass die Mitarbeiter der Abteilung ANKe bzw. die Lehrer, die entsprechende Förderung im Schulamtsbezirk Wetzlar oder in den anderen wenigen Schulen durchführen, keine Zeit zum Schlafen mehr haben? Ich denke, sie werden sehr gut schlafen, da sie Erfolgserlebnisse haben.


    Erika




    So jetzt habe ich erst einmal wieder genug vom Diskutieren. Das passt hier jetzt auch nicht mehr zum Thema.

    "Die Lehrer bezeichnen Lesen, Schreiben und Rechnen als Grundlagenfächer. In Wirklichkeit handelt es sich aber bei diesen Lehrstoffen bereits um sehr komplexe Prozesse, die sich nur bei einer einwandfreien geistigen Verarbeitung der durch die Sinnesorgane aufgenommenen Wahrnehmung erlernen lassen." A. Jean Ayres

  • Mia
    Vielen Dank für die ausführliche Beschreibung, jetzt kann ich mir vorstellen, wie so etwas funktionieren kann (und in meiner mündlichen Prüfung erzählen, ich hätte von solchen Projekten gehört, die laufen :) ).


    Mann, hoffentlich merke ich mir die ganzen Stichpunkte alle, damit ich in ein bis zwei Jahren weiß, was ich bei der Suche eintippen muss, um die ganzen guten Ideen wieder zu finden. :D


    LG
    Katta

    "Et steht übrijens alles im Buch, wat ich saje. ... Nur nit so schön." - Feuerzangenbowle

  • Erika: Du kannst die Abteilung ANke wohl kaum mit einer Schule vergleichen. Die Mitarbeiter dieser Institution machen das hauptberuflich.
    Natürlich habe ich als Sprachheilpädagogin in der Therapie auch deutlich höhere Erfolge als als Sprachheillehrerin an der Schule. Du kannst Äpfel nicht mit Birnen vergleichen. Der Schwerpunkt der Arbeit ist doch ein ganz anderer.


    Ansonsten hab ich dir nicht das Wort im Mund rumgedreht. Dieser Satz war einfach mit jeder Menge Ironie behaftet. ;)


    Aber sag mal, andere Frage: Wie arbeitest du eigentlich im Unterricht? Vielleicht kannst du uns ja mal ein paar hilfreiche Tipps geben, wie wir die Quadratur des Kreises ab morgen bewältigen können.


    katta: Danke. :) Wenn du sowas wirklich in der Examensarbeit vor hast, dann sammel doch einfach schon mal alles, was du so an Ideen und Anregungen findest. Ich hab das früher auch so gemacht. Einfach copy&paste in ein Word-Dokument. Das muss man natürlich irgendwann krätig aussortieren, ist aber trotzdem zeitsparender als neu suchen.


    LG
    Mia

    Man soll denken lehren, nicht Gedachtes.
    (Cornelius Gustav Gurlitt)

  • Mia,


    ich vergleiche nicht Äpfel mit Birnen.


    Frau Beigel, die jetzt in der Abteilung ANKe tätig ist, war früher 25 Jahre lang Lehrerin und hat durch ständige Weiterbildung und dann aus Überzeugung an dem Konzept die Abteilung ANKe 1998 ins Leben gerufen und offensichtlich höhere Instanzen überzeugt. Durch die Abteilung ANKe werden unterschiedliche Fördermaßnahmen (kostenlos!) angeboten:

    Einzelprogramme - Test in der Abteilung ANKe - tägliche Übungen werden zu Hause von den Eltern gemacht - Wiedervorstellung alle 6 - 8 Wochen - Dauer 12 bis 18 Monate - Zusammenarbeit mit und Unterweisung der betroffenen Lehrer mit vielen Tipps zur Unterstützung der Kinder


    unterschiedliche Gruppenprogramme - die einige Lehrer in ihren täglichen Unterricht eingebaut haben oder, die von speziell geschulten Lehrern in den Nachmittagsstunden angeboten werden


    Außerdem führt Frau Beigel entsprechende Lehrerfortbildungen durch und hält Vorträge. Inzwischen ist sie auch autorisiert, Ausbildungen zum neurophysiologischen Entwicklungsförderer durchzuführen, d.h. jeder der die Ausbildung hat, könnte eine Abteilung ANKe managen. Wie Frau Beigel es geschafft hat, die finanziellen Mittel dafür zu erhalten, weiß ich nicht. Dazu müssten Interessierte sie selbst befragen.


    Ich arbeite übrigens gar nicht im Unterricht (ist dir sicher auch bekannt - deine merkwürdige Frage kann ich nur als Verarschung verstehen - du kommst dir wohl sehr schlau vor), weil ich keine Lehrerin bin, nur eine Mutter, die sich seit 4 Jahren mit gewissen Themen sehr intensiv auseinander setzt und der es sehr am Herzen liegt, dass vielen Kindern das Lernen erleichtert wird. Was in Wetzlar möglich ist, müsste doch auch anderswo funktionieren! Für meine Kinder habe ich die richtige Förderung gefunden und privat bezahlt. Mir tun die vielen Kinder leid, deren Eltern nichts wissen bzw. die finanziell gar nicht in der Lage sind, ihre Kinder zu fördern.


    Gruß Erika

    "Die Lehrer bezeichnen Lesen, Schreiben und Rechnen als Grundlagenfächer. In Wirklichkeit handelt es sich aber bei diesen Lehrstoffen bereits um sehr komplexe Prozesse, die sich nur bei einer einwandfreien geistigen Verarbeitung der durch die Sinnesorgane aufgenommenen Wahrnehmung erlernen lassen." A. Jean Ayres

  • Ja, was meinst du, wieviele Förderprogramme es gibt? Auf der Prioritätenliste, die wir letzte Woche in der Konferenz gemacht haben, standen 8 Projekte, für die wir uns derzeit interessieren.
    Weil die Lehrer unseres Kollegiums völlig überlastet sind von der endlosen Mehrarbeit, haben wir uns dafür entschieden, nur noch Förderprogramme laufen zu lassen, bei denen externe Personen aktiv mitarbeiten.
    Immer nur alles den Lehrern aufdrücken zu wollen, halte ich nicht für den richtigen Weg. Es gibt unzählige Programme, die der Meinung sind, dass sie ganz dringend im Unterricht integriert werden müssen. Das Konzept von Frau Beigel ist eines von unzähligen.


    Wie einfach wäre so vieles, wenn die Welt wirklich so schön schwarz/weiß wäre, wie du sich zeichnest.


    Es ist natürlich wunderbar, dass das Konzept in Wetzlar gut funktioniert. Das steht völlig außer Frage und ich bin überzeugt davon, dass Frau Beigel ihre Sache gut macht. Genauso wunderbar, wie die Konzepte, die in Gießen umgesetzt werden. Und genauso wunderbar, wie die Konzepte, die in Frankfurt, Köln, Hamburg und Berlin erfolgreich in die Schulen integriert sind.
    Du musst also gar nicht mal unbedingt in so großes Mitleid mit den armen Kindern im restlichen Deutschland versinken. ;)


    Aber auf der anderen Seite ist es naiv, die Augen vor vielen Problemen zu verschließen, die es trotz unglaublich vieler engagierter Lehrer, Eltern und außerschulischen Mitarbeitern gibt. Und die klammerst du im Moment scheinbar völlig aus. Funktionierende Konzepte sind eine gute Sache, aber es gibt keine Allheilmittel. Und auch die Abteilung ANke ist kein solches.


    Übrigens schon mal gar nicht, wenn ich lese, wie sehr sie sich auf die Mitarbeit der Eltern stützt. Mit so einem Programm könnte ich in meiner Klasse vermutlich nicht sehr erfolgreich arbeiten. Tägliche Übungen? 80% meiner Eltern schafft es noch nicht mal zu einem einzigen Elternabend im Jahr.... Von einer Unterstützung bei den Hausaufgaben ganz zu schweigen.
    Leider. Aber das heißt nicht, dass es ein gutes Programm ist, wenn die Eltern engagiert mitarbeiten. Da bin ich sogar sehr sicher.


    Aber wir schweifen nun wirklich sehr vom Thema ab...


    Gruß
    Mia

    Man soll denken lehren, nicht Gedachtes.
    (Cornelius Gustav Gurlitt)

  • Mia,


    ich bin weder naiv, noch verschließe ich die Augen vor den Problemen, die es sonst (außer Entwicklungsstörungen) gibt. Von den anderen Problemen weiß jeder, da braucht man niemanden drauf zu stoßen. Seitdem ich mich mit den Ursachen von Lern- und Verhaltensstörungen auseinandersetze, erlebe ich leider sehr, sehr oft, dass die Auffälligkeiten von Kindern mit den altbekannten Ursachen erklärt werden und dabei gibt es leider ziemlich oft Fehldiagnosen. Wie ich schon sagte, manchmal spielen mehrere Faktoren eine Rolle, auch Erziehungsprobleme, die aber oft ein Sekundarproblem (nicht immer!) sind.


    Es gibt viele Förderkonzepte, das ist richtig, m.E. einige ansatzweise gute, aber auch viele nichts bringende. Ich denke schon, dass das Konzept in Wetzlar sich in seiner Effizienz stark abhebt, was nicht heißt, dass es dort keine Probleme mehr gibt. Nenne mir doch einmal ein Konzept z.B. in Hamburg, was vergleichbar ist. Unseren Schulrat (Schleswig-Holstein) hatte ich nach vergleichbaren Fördermöglichkeiten gefragt und keine Antwort erhalten. Gerade hier im Norden scheinen doch alle im Dunkeln zu tappen. Deshalb werde ich weiterhin Mitleid mit den vielen Kindern haben, denen geholfen werden könnte aber nicht geholfen wird.


    Ich bestreite nicht, dass es viele engagierte Lehrer gibt. Ich bin auch überzeugt, dass Lehrerarbeit sehr anstrengend ist, allerdings auch davon, dass Engagement manchmal eben nicht reicht. Ich bin überzeugt, dass einiges für Lehrer, für Schüler so wieso, einfacher und erfolgreicher laufen könnte, wenn neue Wege beschritten würden. Das hat nun wirklich nichts mit Schwarz-Weiß-Malerei zu tun. Vieles erscheint mir so festgefahren, u.a. der Satz "Lesen lernt man NUR durch Lesen".


    Gruß Erika

    "Die Lehrer bezeichnen Lesen, Schreiben und Rechnen als Grundlagenfächer. In Wirklichkeit handelt es sich aber bei diesen Lehrstoffen bereits um sehr komplexe Prozesse, die sich nur bei einer einwandfreien geistigen Verarbeitung der durch die Sinnesorgane aufgenommenen Wahrnehmung erlernen lassen." A. Jean Ayres

  • Klar, jeder behauptet von seinem Konzept, dass es das Beste ist. ;)


    Auf den Rest mag ich nicht mehr eingehen. Zu viele Widersprüche, zu viele unbelegte Behauptungen.


    Gruß
    Mia

    Man soll denken lehren, nicht Gedachtes.
    (Cornelius Gustav Gurlitt)

  • Mein Sohn (7, vor einem Jahr bei der ADHS-Diagnose IQ 115 mit dem Vermerk "könnte besser sein, wenn er sich mehr konzentriert hätte"), war zu Beginn der ersten Klasse sehr engagiert. Ungefähr zu den Herbstferien, sagte er, das mit den Buchstaben würde er nie verstehen, wurde zusehends unglücklicher und verweigerte alles was irgendwie damit zu tun hatte.
    Im Februar hörte ich zufällig von Winkelfehlsichtigkeit und kaum hatte er eine Prismenbrille, stieg die Lesefähigkeit exponentiell an. Plötzlich erzählte er mir, vorher hätten die Buchstaben immer gewackelt.
    Dazu muss man sagen, dass wir zuvor regelmäßig an allen Us teilgenommen hatten und darüber hinaus jährlich beim Augenarzt waren. Leider wird Winkelfehlsichtigkeit nicht von Augenärzten akzeptiert und nur von Optikern festgestellt.
    Auch in anderen Fällen hörte ich, das Kinder mit Legasthenie deutliche Fortschritte im Lesen machten, nachdem sie eine Prismenbrille erhalten hatten.


    Inzwischen möchte mein Sohn die Brille nicht mehr tragen, da er meint, er könnte ohne sie besser sehen. Bei testweisem Lesen mit und ohne Brille bestätigt sich das auch. Dies schiebe ich zum größten Teil der INPP-Therapie zu, die wir ebenfalls im Februar begannen. Die Brille wird jetzt überprüft und evtl angepasst.


    Jetzt liest mein Sohn übrigens alles inkl. der Tageszeitung freiwillig! Daran war vor 4 Monaten nicht zu denken.

  • Das bestätigt wieder meine Meinung, dass in der überwiegenden Anzahl der Kinder mit Leseproblemen organische Ursachen vorhanden sind, die behoben werden könnten.


    Für die Diagnose dieser organischen Ursachen sind jedoch nicht wir Lehrer zuständig - und können diese auch nie leisten. Dieses "Sich-kümmern-um die richtige Diagnose" ist zentrale und ureigene Aufgabe der Eltern. Diese müssen mit dem Kind zum Arzt.


    Wir Lehrer dürfen das leider nicht.
    Als ich mal mit einer Frau vom Gesundheitsamt sprach und wir auf dieses Thema "Augenuntersuchung" zu sprechen kamen war meine Idee spontan: Ich lade die Dame ein und sie untersucht die Kids.
    Diese Idee zerschlug sich sehr schnell.
    Weder ich als Lehrer, noch die Dame vom Gesundheitsamt darf die Kinder ohne ausdrücklichen Auftrag der Eltern untersuchen lassen. Die Gesundheitsfürsorge ist zentrales Elternrecht und ihre zentrale Pflicht.

    Vorurteilsfrei zu sein bedeutet nicht "urteilsfrei" zu sein.
    Heinrich Böll

    Einmal editiert, zuletzt von alias ()

  • Hallo,


    Alias, genau so ist es. Es liegen in der Regel organische Ursachen zugrunde. Auf dem Kongress zur kindlichen Entwicklung in Fulda, den ich einfach nur aus Interesse besucht hatte, wurde auch wieder ziemlich einheitlich von unterschiedlichen Fachrichtungen bestätigt, dass jeder, der normal intelligent ist, richtig sehen und hören kann, auch richtig lesen und schreiben lernen kann.


    Leider sind die meisten Schulmediziner so konservativ und werden vielleicht erst in 20 Jahren begreifen, was zu tun ist. Welcher Arzt interessiert sich für Lernstörungen? Eine Augen- und/oder Ohrenuntersuchung bei solchen konservativen Schulmedizinern reicht eben nicht aus.


    Nach wie vor bin ich nicht der Meinung, dass Eltern allein verantwortlich bleiben sollten. Die meisten sind doch völlig überfordert damit. Wer hilft Ihnen denn, wenn Schulmediziner zu wenig wissen, Krankenkassen nicht bezahlen, Lehrer sich nicht zuständig fühlen, ev. nur Leseübungen empfehlen oder zum Schulmediziner schicken? Niemand! Die meisten Eltern vertrauen den Lehrern, die sie für Fachleute, was Lesen und Schreiben betrifft, halten. Es wäre doch sehr wünschenswert, wenn diese Fachleute dann auch dazu beitragen würden, den Kindern zu helfen. Das so etwas sehr wohl in Schulen möglich ist, beweisen Schulen, die etwas in dieser Richtung tun. Sie helfen, obwohl sie es nicht müssen.


    Ich habe wirklich Verständnis für die anstrengende Arbeit von Lehrern, Stress und Mehrarbeit. Eine in den Schulen angebotene Förderung könnte allerdings auch einigen Lehrern das Leben mit den Schülern erleichtern.


    Wenn schon keine Ursachenförderung angeboten wird, läge es doch trotzdem im Rahmen der Möglichkeiten, dass Lehrer sich so weit über mögliche Ursachen informieren, um den Kindern das Schulleben erleichtern zu können. Vorträge für Eltern über mögliche Ursachen anbieten, müsste doch jede Schule bewerkstelligen können. Vorausgehen müsste natürlich die Erkenntnis, dass nicht überwiegend die Eltern die Schuldigen sind, wenn Kinder Probleme beim Lesen und Schreiben haben.


    Viele Grüße
    Erika

    "Die Lehrer bezeichnen Lesen, Schreiben und Rechnen als Grundlagenfächer. In Wirklichkeit handelt es sich aber bei diesen Lehrstoffen bereits um sehr komplexe Prozesse, die sich nur bei einer einwandfreien geistigen Verarbeitung der durch die Sinnesorgane aufgenommenen Wahrnehmung erlernen lassen." A. Jean Ayres

  • Es ist schwer, zu entscheiden, wer dafür zuständig ist, auf potentielle Probleme aufmerksam zu machen. Ich war früher so naiv zu glauben, dass alle Fachleute optimal ausgebildet sind und im Interesse der Kinder auch über ihren Tellerrand hinausblicken. Leider habe ich mich getäuscht. Mehr will ich jetzt gar nicht dazu sagen.
    Und natürlich werden Hinweise von den Eltern unterschiedlich aufgenommen. Ich habe 5 Jahre lang dringend nach Hilfe gesucht, da ich beruflich aus einem völlig anderen Bereich komme, und einfach keinen Überblick hatte, aber trotzdem bemerkt habe, dass bei meinem Sohn irgendetwas anders läuft. Ich kenne aber auch Familien, deren Kinder die gleichen Probleme haben wie mein Sohn und die dies immer noch nicht wahr haben wollen. Mir tut das Kind leid, das so schon zu Beginn seiner Schullaufbahn Entscheidendes verpasst und dem diese Grundlage später fehlt.


    Um es kurz zu machen: es ist keine Lösung die Verantwortung zwischen den Fachbereichen hin und her zu schieben, damit wird nur Zeit vergeudet.
    Vielmehr sollten alle, die etwas bemerken, frühzeitig darauf hinweisen, auch wenn es manchmal eine Gratwanderung ist.
    Und die Grundlage dazu ist Information.

  • Hallo Ute,

    Zitat

    Um es kurz zu machen: es ist keine Lösung die Verantwortung zwischen den Fachbereichen hin und her zu schieben, damit wird nur Zeit vergeudet.
    Vielmehr sollten alle, die etwas bemerken, frühzeitig darauf hinweisen, auch wenn es manchmal eine Gratwanderung ist


    Auch meine Meinung!
    Aber wer weiß schon was von Winkelfehlsichtigkeit, KISS, INPP, Hörtrainings usw.??
    Da macht man gehorsam alle Us mit, bekommt nur zu hören "Keine Sorgen machen", "alles in Ordnung und in der Norm". Mir geht grad schon wieder die Hutschnur hoch!!!


    Ich bin nur durch einen Zufall nach dem anderen auf die o.g. Dinge gekommen. Meine KiÄ hat nichts davon erwähnt (die glaubt sowieso nicht dran).
    Kann es denn nicht eine Stelle geben, wo man gesammelt solche Infos bekommt? O.k. ich gebe zu, dass klingt zu naiv. Fakt ist aber doch, dass man zu solchen Infos nur kommt, wenn der Zufall mitspielt und man selber immer am Ball bleibt, weil man ein sog. "Bauchgefühl" hat, dass was nicht stimmt.


    Bei meiner Tochter war es dann sogar noch so, dass wir extra zu einer Pädaudiologin gefahren sind, um ihre auditive Wahrnehmung testen zu lassen. Befund: alles o.k.
    Habe ca. 1 Woche vor der Pädaudiologin angefangen ein Hörtraining zu machen (natürlich privat bezahlt).
    Und siehe da: In einem Eltern-Lehrer-Gespräch (ca. 2 Monate später) stellte der Lehrer fest, dass sie im mündlichen Bereich sich um 1 - 2 Noten verbessert hat.
    Schade, dass man bei vielen wirksamen Methoden das nötige Kleingeld haben muss. X(

  • Hallo Uffel,


    so ähnlich lief es bei uns auch. Ohne Hartnäckigkeit und Zufälle wäre nichts passiert.
    Deshalb hoffe ich, dass z.B. durch Foren wie dieses Fachleute auf mögliche Problematiken aufmerksam gemacht werden. Auch wenn nicht jede Methode jedem hilft, wird damit das Bewußtsein für derartiges geschärft und die Eltern ermutigt, in verschiedene Richtungen zu sehen, statt sie und die Kinder zusätzlich unter Druck zu setzen.


    Leider wird alles, was zunächst unbekannt ist verpönnt und behauptet, dass nur Kassenfinanziertes helfen kann.
    Aber vielleicht sprechen sich ja irgendwann die Erfolge rum und dann haben auch die Kassen ein Einsehen?


    Ich beneide die Schulkreise, die allen Kindern ein fundiertes Abschecken der Fähigkeiten ermöglichen!

    • Offizieller Beitrag
    Zitat

    Ich finde diese Lese-/Literaturwerkstatt auch sehr spannend. Mich würde aber auch mal interessieren, woher bekommt man denn als Lehrer einen Satz verschiedener Bücher für die Schüler?? Manche Texte sollten doch vermutlich auch mehrfach vorhanden sein, damit alle, die das Buch interessiert, es auch lesen können? Oder was macht man denn, wenn mehrere Schüler das gleiche Buch lesen möchten und es nur einmal vorhanden ist??


    Ich habe im Referendariat auch eine Klassenbücherei gestartet. Eine Schülerbücherei hatten wir damals nicht. Ich habe ziemlich viele Bücher bei Ebay günstig ersteigert und auf Flohmärkten gekauft. Die meisten Bücher habe ich selbst gelesen bzw. quergelesen und habe sie den Schülern kurz vorgestellt. Jeder sollte sich ein Buch ausleihen und das durchlesen. Dann hat jeder Schüler ein Werbeplakat zu seinem Buch entwickelt und einen Kurzsteckbrief. Die Schüler haben Gegenstände zu ihren Büchern mitgebracht und ich habe (im Unterrichtsbesuch) einen Büchermarkt gemacht, bei dem je die eine Hälfte der Schüler mit ihren Materialien hinter Infoständen stand und die anderen rundgegangen sind und Fragen zu den Büchern gestellt haben und sich so informiert haben. Dann wurde gewechselt.
    Nach und nach haben die Schüler dann auch eigene Bücher für die Klassenbücherei mitgebracht, so dass wir später eine ganze Menge Bücher hatten. Ich glaube, meine Mentorin ließ auch eine Klassenarbeit darüber schreiben (das weiß ich nicht mehr ganz genau, da ich zu der Zeit ein paar Wochen überwiegend in einer anderen Klasse unterrichtet habe und so nicht dabei war).
    Du kannst dir aber auch in einer Bücherei eine Bücherkiste für den Unterricht zusammenstellen lassen und diese mehrere Wochen ausleihen.
    Gerade im Bereich Leseförderung gibt es viele Möglichkeiten und
    auch sehr viel Material im Internet.


    Ja, was das Lautlesen betrifft: Auch ich lasse meine Schüler laut lesen, weil sie das so gewohnt sind und weil sie das total gerne machen. Alle, auch die leseschwachen Schüler, lesen gerne vor und die anderen haben sehr viel Geduld mit ihnen. Und alle wollen immer drankommen und möglichst große Abschnitte lesen. Also lasse ich sie auch lautlesen.
    Interessanterweise bekommen sie aber auch beim lauten Lesen sehr viel mit und können sich sogar an Details erinnern.


    Aber gleichzeitig gibt es bei mir auch Stunden, in denen leise gelesen wird. Außerdem lesen sie natürlich auch oft ein oder zwei Kapitel zu Hause.

  • Hallo Hermine,
    gut, dass der Direktor meiner Schule anders denkt!!!
    Bei ihm bin ich nicht gegen Windmühlen gerannt. Er ist sehr offen für das Thema und wird versuchen Frau Beigel vom Schulamt Wetzlar für einen Vortrag zu gewinnen.


    LG
    Uffel

Werbung