wo die liebe hinfällt ...

  • Ich hab das Gefühl, jetzt geht's hier aber ziemlich durcheinander:


    Ich glaube, daß wolkenstein (der wie viele andere auch hier für Distanz argumentiert hat) und Timm schlicht unterschiedliche Auffassungen von Distanz haben.


    Niemand, der hier für Distanz eingetreten ist, wird - so wage ich zu vermuten - gegen Klassenfeste, Kurstreffen etc. sein.


    Distanz heißt ja nicht, daß man fluchtartig davonrennt, wenn man einen Schüler außerhalb des Unterrichts trifft. Ich würde eher meinen: Distanz ist einfach die Rücksichtnahme darauf, daß das Lehrer-Schüler-Verhältnis - wie hier schon mehrfach von einigen betont - ein asymmetrisches Verhältnis ist. Ich verstehe nicht, wieso du diese Form von Distanz (die ja nicht nur Selbstschutz, sondern auch Schutz des Schülers ist!) umstandslos mit Kälte gleichsetzt. Im Grunde siehst du das mit der Distanz nicht anders, Timm, wenn du schreibst:


    Zitat

    Für mich ist es absolut wichtig und auch nicht unprofessionell mit Schülern ein "freundschaftliches" Verhältnis zu pflegen. Wenn man die Schüler nah an sich ranlässt (ohne natürlich jede Distanz zu verlieren), macht man viele sehr tiefe und meist auch schöne Erfahrungen.


    Was wolkenstein m.E. hier einfordert ist eben diese (professionelle!) "Restdistanz" (die du ja auch für dich reklamierst). Hand aufs Herz, redest auf nem Kurs-/Klassentreffen wirklich über alle deine Probleme oder filterst du da nicht auch, was du an die "Knuffels" weitergibst?


    gruß, ph.


    p.s. @ britta: 100% agree (wieder mal ;) )

    Einmal editiert, zuletzt von philosophus ()

  • hallo timm ...


    Zitat

    Ansonsten kann ich nur sagen, dass ich heute die angenehmen Erinnerungen mit den Lehrern verbinde, die in meiner Schulzeit eine ähnliche Einstellung wie ich hatten.


    die erfahrung habe ich auch machen dürfen und ich bin lehrer geworden, weil ich damals noch die vorstellung hatte, etwas verändern zu können, die schüler zu motivieren, ihnen entgegenzukommen und ihnen zu helfen, wenn es etwas gibt, was sie vom lernen abhält (probleme). ich freue mich zu merken, dass ich zugang zu den schülern gefunden habe und merke, dass sie mir vertrauen entgegenbringen.
    genau das ist der grund, warum ich die nähe auch mal als ganz angenehm empfinde. natürlich in einem bestimmten rahmen, indem ich noch genug privatsphäre habe, um mich auch mal zurückziehen zu können. obwohl ich die derzeitigen ereignisse, die gedanken daran nicht so einfach abschalten kann.


    @ britta


    Zitat

    Wenn du aber Meinungen einforderst, musst du auch damit rechnen, dass sie dir nicht gefallen und mit deinen Absichten nicht übereinstimmen.


    natürlich lege ich wert auf einen meinungsaustausch und das diese meinungen auch weit auseinandergehen können, ist mir vollkommen bewusst ...
    doch das, was ich hier den meisten beiträgen entnehme beschränkt sich auf :
    "das geht nicht", "das ist falsch" - vielleicht auch unmoralisch ?
    als lehrer darf man dies nicht und das nicht und wenn doch, dann heißt es gleich frau ist unprofessionell ...


    ist es mir nicht erlaubt, einer schülerin eine schulter zum ausweinen anzubieten, sie mal zur seite zu nehmen, sie zu trösten, wenn sie gerade eine schwere zeit durchmacht ? darf ich ihr nicht helfen krisen zu bewältigen, sie versuchen mit ihren eltern zu versöhnen, damit sie daheim nicht hinausgeschmissen wird ? kann ich ihr nicht unter die arme greifen, indem ich ihr eine arbeit anbiete, indem fall die nachhilfe, für die sie wenigstens etwas geld bekommt, um sich als teenager auch mal etwas leisten zu können, wenn sie daheim nicht unterstützt wird, die eltern vielleicht noch sozialfälle sind ??
    steht es mir nicht zu ihr zu helfen, ihre kleine welt wieder aufzubauen, wenn ich merke, dass sie mich braucht ?
    so fängt das an und irgendwann kann es vorkommen, dass man eine bindung zu dem mädel aufbaut, dass man sie an gewissen bereichen der eigenen heilen welt teilhaben lässt, einfach damit sie merkt, dass es trotz not auch noch schöne seiten des lebens gibt ?


    wird das alles als unprofessionell angesehen ?
    ist das ausnutzung des abhängigkeitsverhältnisses ?
    ist das am rande der legalität ?
    was werft ihr mir konkret vor ?

    Moral und Tugend sind das Schild der Schwachen
    - sich hinter ihrem Glauben versteckend -
    weil sie nicht fähig sind ihre eigenen Wege zu gehen ...

  • Natürlich erzähle ich nicht alle meine Probleme, dafür gibt es vielleicht zwei bis drei Menschen in meinem Leben, denen ich besonders vertraue.


    Ich möchte niemand langweilen, aber ich feiere und labere nicht nur mit meinen Schülern. Wir hatten sehr gute Gespräche, z.B. auch über das (vergangene) Drogenproblem einer Schülerin! Da ist ein besonderes Vertrauen, wobei dann auch viel Distanz verloren geht.


    Man bewegt sich dabei auf einem sehr schmalen Grat und deswegen kann ich es eben sehr gut verstehen, dass es zu mehr kommt als einer rein "professionellen Beziehung."


    Ich persönlich kann nicht verstehen, wie einige von euch so apodiktisch und allgemein geltend definieren können, wie eine solche "professionelle Beziehung" auszusehen hat (sieht man mal vom Strafrechtlichen ab).

    Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.

  • @ philosophus


    es hat ja niemand behauptet, seine ganzen probleme vor den schülern breitzuquatschen, aber etwas von dem vertrauen zurückzugeben ist meiner meinung nach nicht ganz verkehrt. natürlich wird alles gefiltert und ich beispielsweise bin auch nicht so naiv, dass ich jedem blind vertraue. ich weiß durchaus, dass schüler gerne mal was weitererzählen und achte schon darauf, was ich sage ...
    von dem was ich hier poste erfährt keiner meiner schüler was, auch diese schülerin nicht. gott bewahre, aber ist es denn so fatal, ihnen während eines gesprächs (in einem bestimmten rahmen) entgegenzukommen ?!


    ich verweise auf die gespräche des sokrates mit seinen schülern.
    nicht ganz dasselbe, aber auf eine ähnliche art ist es möglich die andere partei (schülerschaft) zu verstehen, sie auf fehler hinzuweisen, sie zum nachdenken zu bringen.
    (über bestimmte ansichten, problemlösungen, schulische leistungen, etc) ...


    Timm


    Zitat

    Man bewegt sich dabei auf einem sehr schmalen Grat und deswegen kann ich es eben sehr gut verstehen, dass es zu mehr kommt als einer rein "professionellen Beziehung."


    kann dir nur zustimmen ...

    Moral und Tugend sind das Schild der Schwachen
    - sich hinter ihrem Glauben versteckend -
    weil sie nicht fähig sind ihre eigenen Wege zu gehen ...

    • Offizieller Beitrag

    Hmmm...
    Ich denke nicht, dass es hier um entweder oder geht. Nehelenia, ich könnte auf fast all deine Fragen aus dem vorletzten psoting mit "doch" antworten. Und Timm: Natürlich "labere" ich mit meinen Schülern nicht nur, und habe auch schon private Philosophien erklärt / gehört / diskutiert und private Probleme gehört, besprochen, lösen geholfen (klar, als Vertauenslehrerin wär ich sonst wohl auch fehl am Platz).


    Aber ich sehe trotzdem keinen Grund für eine andere als eine Lehrer-Schüler Beziehung. Die Lehrer - Schüler Beziehung IST (!!!!!!!!!!!!) für mich an sich bereits "intim" in dem Sinne, dass sie (im Gegensatz zu der Beziehung zu irgendwem auf der Staße oder meinem Nachbarn herr X) die folgenden Kriterien beinhaltet:
    Respekt
    Toleranz
    eine große (!!) Portion Wärme/Zuneigung
    Interesse
    den Wunsch zu helfen, zu begleiten, Richtung zu weisen
    Geduld
    Freundlichkeit
    das Annehmen eines jeden Menschen
    etc...


    Ich finde, das ist, verteilt auf all die vielen, die ich unterrichte, schon eine gehörige Portion Nähe.
    Darüber hinaus muss ich und will ich nichts geben und auch nicht bekommen.
    Denn :


    Zärtlichkeit
    Sehnsucht
    Lust
    Hass
    Neid
    Wut
    Liebe
    etc...


    sind auch intime, intensive Gefühle
    gehören m.E. aber in andere Felder des Daseins, weil sie die Gefühlslagen sind, die einem klaren Blick und einem neutralen Urteil im Wege stehen: und das muss, auch im Sinne der Schüler, gewährleistet sein.


    PS: Nehelenia,
    es wirft dir hier keiner was vor. Ich denke, jeder steckt hier, wie von dir gefordert, seine persönlichen Grenzen und erläutert seinen Umgang.
    Im Großen und Ganzen sind wir uns da in unseren Ansichten wohl näher, als es scheint: auch du hättest ja nicht anfangs gepostet, wenn dir alles so klar und unproblematisch erschienen wäre. Oder?

    Lieber Gruß
    Heike

  • Hallo Nehelenia,


    Zitat


    ...aber etwas von dem vertrauen zurückzugeben ist meiner meinung nach nicht ganz verkehrt. natürlich wird alles gefiltert und ich beispielsweise bin auch nicht so naiv, dass ich jedem blind vertraue.
    ...aber ist es denn so fatal, ihnen während eines gesprächs (in einem bestimmten rahmen) entgegenzukommen ?!


    Die (von mir fett markierten) Textteile sind ja allesamt Einschränkungen deinerseits und zeigen, daß du die Nähe zu den Schülern ja selbst begrenzt. Freilich ist es, wie auch Timm schreibt, nicht so einfach, diese Grenze festzulegen. Wäre sie genau zu bezeichnen - etwa juristisch exakt definiert -, bräuchten wir hier gar nicht zu diskutieren. Du & Timm, ihr räumt beide ein, daß es Grenzen gibt, setzt sie aber anders (selbst da bin ich mir gar nicht so sicher...) als die anderen hier, die darob als "gefühlskalt", "hausbacken" etc. denunziert werden. Und diese Grenzziehungen sind keineswegs einfach nur apodiktisch in den Raum gestellt, sondern - zumindest zum Teil - argumentativ begründet. Die Auffassungen kann man teilen oder nicht.


    Aber da du nur die Anklagen (sind's überhaupt welche?) liest (lesen willst?) und die Argumente außen vorläßt, frage ich mich schon, wie denn bei dir ein Meinungsaustausch aussehen soll, wenn alles, was nicht deiner eigenen Façon entspricht, mit dem Stigma "Gefühlskälte" versehen wird, ohne daß du mit auch nur einer Silbe auf die Begründungen eingehst?


    leicht ratloser gruß, ph.



    P.S.


    Zitat

    ich verweise auf die gespräche des sokrates mit seinen schülern.
    nicht ganz dasselbe, aber auf eine ähnliche art ist es möglich die andere partei (schülerschaft) zu verstehen, sie auf fehler hinzuweisen, sie zum nachdenken zu bringen.
    (über bestimmte ansichten, problemlösungen, schulische leistungen, etc) ...


    Das Sokratische Gespräch ist m. E. kein gutes Beispiel für vertrauensvolles Reden mit dem Schüler, illustriert aber auch bezeichnend das Problem, um das es hier geht:


    Einerseits handelt es sich um eine (in der Philosophie-Didaktik sogar ausgebaute) Methode, ein Unterrichts[!]-Gespräch zu führen. Als solche - nämlich als Methode - ist die Maeutik aber nicht besser oder schlechter geeignet, vertrauensvoll mit dem Schüler zu reden, als irgendeine andere Methode. (Übrigens gibt es das vertrauensvolle Gespräch auch im institutionellen Rahmen [--> Vertrauenslehrer et al.], und da gehört das zum professionellen Handeln dazu. Aber muß das am heimischen Wohnzimmertisch sein, damit es besser, authentischer ist?)


    Andererseits (und da ist es nicht frei von Ironie, daß du Sokrates anführst): Das "echte" Sokratische Gespräch, wie man es in den Dialogen Platons findest, dokumentiert wohl am deutlichsten die Asymmetrie des Lehrer-Schüler-Verhältnisses. Denn wie läuft so ein Gespräch ab?


    "Sokrates: Findest du nicht, lieber XY (Charmides, Phaidon, Phaidros, ...), daß blablabla...?
    XY (= Charmides, Phaidon, Phaidros, ...): Oh ja, o Sokrates, so ist es."


    (Was soll der arme Kerl auch sonst sagen?)

    Einmal editiert, zuletzt von philosophus ()

  • Also ich kann mich _Heike nur anschließen, vor allem in Bezug auf ihre Aussage zur Klarheit der Situationsschilderung!


    Ich habe auch den Eindruck, dass sich deine Einstellung oder die Darstellung derselbigen von posting zu posting klarer gestaltet, so dass die anfänglichen moralischen Zeigefinger sicher zum Großteil daher kommen. Wenn man dein erstes posting liest, dann ist der Interpreationsspielraum einer sehr engen emotionalen Verbindung zwischen dir und der Schülerin nicht absolut abwegig und die dazu gepostetet Kommentare berechtigt! Die momentane Schilderung ist da doch differenzierter und lässt die Situation in einem ewtas anderem Licht erscheinen!


    Dann hat vielleicht die von dir empfundene Gefühlskälte, die ich nicht nachvollziehen kann und die sicher von keinem beabsichtigt gewesen ist, doch noch ihr gutes gehabt!?!


    Schnuppe :)


  • Sehe ich vollkommen anders. Diese Gefühle kann man doch nicht abschalten, sie sind da. Meine Aufgabe ist es aber, diese zu reflektieren und ggf. auch zu thematisieren.
    Mein Mentor hat es mal sehr pointiert auf den Punkt gebracht:


    "Man muss seine Schüler lieben, um ein guter Lehrer zu sein."



    P.S.: Ich werfe niemand Gefühlskälte vor. Wie weit man andere an sich heranlässt hat auch viel mit dem eigenen Temperament zu tun. Ich glaube aber auch, dass viele aus Angst/Unsicherheit früh abblocken; das ist meiner Erfahrung nach eben unnotwendig.

    Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.

    Einmal editiert, zuletzt von Timm ()

  • philosophus:
    Ich nehm die Frage jetzt mal ernst (weil die andere Interpretation doch eigentlich völlig abwegig ist!): Liebe im Sinne von Nächstenliebe, Empathie.


    Insofern trägt der thread ja doch noch seinen Namen zu recht.

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    Einmal editiert, zuletzt von Timm ()

  • Zitat

    Liebe im Sinne von Nächstenliebe, Empathie.


    Dann verstehe ich ehrlich gesagt nicht, wo du die Differenz deiner Auffassung zu der Heikes siehst. Haben denn die von Heike angeführten


    Zitat

    Respekt, Toleranz, Wärme, Zuneigung


    nicht damit zu tun? Ich habe den Eindruck, daß ihr im Grunde von denselben Dingen redet, sie nur anders nennt. "Liebe" ist für Heike offenbar sehr spezifisch (nämlich erotisch) besetzt. Empathie ist ja ein sehr viel weiterer und anders besetzter Begriff. Und jetzt nenne mir mal einen, der sich hier gegen Empathie ausgesprochen hat...


    gruß, ph.

    Einmal editiert, zuletzt von philosophus ()

  • Tja, ich poste gerne noch etwas weiter, wir in B-W haben ja Ferien...


    :)


    Nochmal der Unterschied zu Heike: Die beschriebenen Gefühle gehören in die Schule, wir sind doch keine Automaten. Also m.E. ist es doch auch pädagogisch unumstritten, dass man seine Gefühle in Bezug auf die Schüler thematisiert. Wenn ich auf eine Klasse wütend bin, dann sage ich das und begründe es. Wenn ich eine Klasse sehr gern hab', lass ich sie das auch spüren.


    Ich glaube aber auch, dass wir in unseren Auffassungen sehr nah beeinander sind. Ich möchte jedoch ausdrücklich dafür werben, (unnötige) Barrieren einzureißen, sich mehr als Mensch, denn als abgeklärter "Unterrichtsprofi" zu verstehen. Das Risiko, das man damit auch eingeht, ist es für mich jedenfalls wert!

    Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.

  • Nehelenia


    tja.. ich musste sie zu mir nach hause holen, da das, was wir machen mussten nicht in der Schule zu machen ging. Das lag aber an der mangelhaften technischen Ausrüstung an unserer Schule. Es musste sein. Außerdem muss ich sagen, dass ich sie sehr gern habe. Sie ist so etwas wie ein Rätsel für mich. Obwohl sie mir ziemlich viel offenbart hatte, gibt es noch etwas an ihr, das ich nicht ganz verstehe. Sie ist wirklich was besonderes. Das ist mir von Anfang an aufgefallen. Und auch sonst haben wir eigentlich eine schöne Zeit miteinander verbracht, sehr viel gelacht etc.



    Natürlich ist hier die Frage, wie man mit der Sitiation am besten umgeht. Ich weiß aber ganz genau, dass ich sie nicht fallen lassen kann. Nach all dem, was ich von ihr erfahren habe, weiß ich, dass es sie zerstören würde. Ich mag gar nicht an die möglichen Folgen solch einer Tat denken.


    @alle
    Man sollte wirklich dabei bedenken, das es hier um mehr geht, als einfach nur trockene Tatsachen oder unreife Schwärmereien der Schüler. Ich denke, ich brauche euch nicht zu sagen, dass ein Lehrer in erster Linie Mensch ist und dann alles andere. Das sage ich auch meinen Schülern immer. Und Menschen haben nun mal Gefühle. Es ist selbstverständlich, dass ich mich da auf nichts einlasse, aber diese Schülerin ist mir auch nicht ganz gleichgültig. Wahrscheinlich zum Glück, habe ich sie nicht im Unterricht, jetzt nicht und später auch nicht. Nur ist es eine Sache, die uns beide berührt mit dem Unterschied, dass sie sich ungebundener verhalten kann als sich. Es stellt sich natürlich die Frage, wie so etwas weitergehen kann und was sich daraus entwickelt. Ich weiß auch, dass es ganz dünnes Eis ist, doch vielleicht musste es so kommen.


    Auch Zärtlichkeit, Sehnsucht, Lust, Hass, Neid, Wut, Liebe usw. sind Gefühle. Und der Mensch kann sich nun mal nicht befehlen, was er fühlen soll und was nicht. Er kann nur durch seinen Verstand versuchen, diese Gefühle zu kontrollieren... Dem einen gelingt es mehr, dem anderen weniger.


    Kia

  • Zitat


    Die beschriebenen Gefühle gehören in die Schule, wir sind doch keine Automaten. Also m.E. ist es doch auch pädagogisch unumstritten, dass man seine Gefühle in Bezug auf die Schüler thematisiert.


    Natürlich sind wir keine Automaten und haben diese Gefühle. Aber gehören sie deshalb schon in die Schule? Und darin, daß sie thematisiert werden (ein Stichwort in dem Zusammenhang: Supervision), stimme ich dir zu. Aber immer auch vor/mit den Schülern? Was ist mit den negativen Gefühlen?


    Zitat


    Wenn ich auf eine Klasse wütend bin, dann sage ich das und begründe es. Wenn ich eine Klasse sehr gern hab', lass ich sie das auch spüren.


    Wenn du jetzt für "Klasse" mal "einzelner Schüler/einzelne Schülerin" einsetzt, findest du nicht, daß man da ein Problem bekommt? (Ist es nicht auch eine interessante Verschiebung, die du hin zum Kollektiv der Klasse vollziehst? Würden wir hier so kontrovers diskutieren, wenn der thread hieße "Ich liebe meine 9b"? [nur so als Beispiel])


    Oder spinnen wir das mal weiter: "Wenn ich einen Schüler nicht leiden kann, lass ich ihn das spüren." Das würde wohl jeder, denke ich, als unprofessionell empfinden. Aber wo ist jetzt der Unterschied zu den von dir oben genannten Gefühlsmitteilungen? Bei "meinem" Fall würden wir wahrscheinlich alle die Grenze ziehen, bei den oberen sieht's dann wieder anders aus. Wahrscheinlich läuft's dann tatsächlich auf Typfragen hinaus. Aber nochmal: niemand hat sich hier doch gegen Empathie gewandt. Wahrscheinlich kann man - hier spekuliere ich mal - gar kein Unterrrichtsprofi gänzlich ohne Empathie sein.


    gruß, ph. (der jetzt ins Bett geht und leider keine Ferien hat :( gute nacht zusammen!)

    Einmal editiert, zuletzt von philosophus ()

    • Offizieller Beitrag

    Philo,
    danke fürs Ausdrücken, was ich wohl nicht besser hätte schreiben können.


    Timm, ich denke, da liegt unser Missverständnis. Klar "liebe" ich meine 5b von ganzem Herzen. Und alle Schüler im Sinne der Nächstenliebe (das ist das, was ich unter "Annehmen" eines jeden Menschen verstand) auch.
    Und es kommt auch vor, dass ich Schüler x für eine echte Ratte halte, und vor Wut über seine Unverschämtheiten platzen könnte.


    Wie soll das jetzt seinen Platz in der Schule finden, ohne dass es unprofessionell wird?
    Ich stelle mir vor, dass ich mich vor meine 5. Klasse stelle und in meiner Klassenlehrerstunde gestehe: "Ich liebe euch! Von ganzem Herzen. Ihr seid so knuffig und begeistert und kreativ und niedlich...ich könn't euch dauernd knuddeln!"
    (betretenes Schweigen oder peinliches Gekicher)


    Oder dass ich dem Jungen aus der 9a, der derzeit alles an Charakterschwächen, was die Welt nur zu bieten hat, an den Tag legt, in einem privaten Gespräch sage: "Hör mal, ich habe in meiner ganzen Karriere noch kein solches widerliches Ekel wie dich getroffen, und wenn ich könnte, wie ich wollte, dann würde ich dich auf den Mond schießen!"


    Natürlich versuche ich eben diesem Jungen zu helfen und ihn irgendwie wieder auf den richtigen Dreh zu bringen und selbst meine "Anschiss-Gespräche" sind von einem Mindesmaß an Respekt und ...ja, auch der allgemeinen Schülerliebe geprägt.


    Damit verleugne ich aus professionellen Gründen meine "echten" (naja der Respekt ist ja auch echt) und "akuten" Gefühle - ganz besonders das momenthafte Bedürfnis, ihm mal so eine richtige Watschen...

    Und klar habe ich, wie alle Menschen, Gefühle der Wut, des Hasses, auch der Lust - auch in der Schule. Und wie auch im Privatleben kontrolliere ich sie und lebe sie nicht jederzeit aus oder thematisiere sie.


    Ich kann auch privat nicht zu jedem schnuckeligen Frankfurter Fahrradkurier hingehen und ihm einen dicken Kuss geben oder im an den Po fassen. Ich finde es noch nichtmal angemessen, ihm zu SAGEN; dass ich ihm gerne an den Po fassen würde....


    hmm...


    Heike

  • @ Nehelenia: Was glaubst Du eigentlich, wie sich Deine anderen Schüler fühlen, wenn sie Dein Engagement für diese eine Schülerin sehen?


    @ Heike: Du gehörst wohl auch nicht zu den "Ich-schau-zuerst-in-die-Augen" Menschen? Schade, bei uns gibts keine Fahrradkuriere. :(

    Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz.

  • Zitat

    (ich kenne den § 174, doch mag es mir nicht gelingen, die angelegenheit rein rechtlich zu betrachten, da ich an der ganzen sache auch - gewisser maßen - nicht ganz unschuldig bin ... )


    Zitat

    ist das am rande der legalität ?


    Nehelenia, den strafrechtlichen Bezug hast du selbst als erstes hergestellt! Wenn du schreibst, du schaffst es nicht, die Angelegenheit rechtlich zu betrachten, impliziert das doch, dass du dich zumindest in der Nähe des Randes der Legalität bewegst. Deshalb verstehe ich noch immer nicht was du uns (oder einigen von uns) eigentlich vorwirfst.


    Allerdings frage ich mich immer mehr, wo denn nun eigentlich dein persönlicher Schutzraum, deine Distanz zum Schüler ist. Ich erzähle meinen Schülern nicht nur aus dem Grund nicht alles von mir, dass sie es weitererzählen könnten, ich will schlicht nicht, dass sie alles von mir wissen. Erstens habe ich dafür Freunde, zweitens gibt es ja auch Dinge, die die Schüler als ebenfalls empathisch veranlagte Menschen eher belasten könnten als ihnen zu helfen. Aber natürlich muss ich dir auch recht geben, dass ich natürlich Mensch bin und mich auch nicht ganz vor den Schülern verschließen will und um menschlich zu wirken auch aus meinem Leben erzähle - in den von mir gesteckten Grenzen. Ich finde nicht bedenklich, dass du deiner Schülerin helfen willst - das würde wahrscheinlich jeder von uns tun - sondern dass du sie damit so sehr bevorzugst gegenüber den anderen Schülern. Sicherlich profitiert sie von der Nachhilfe für deinen Sohn - aber er? Profitiert er genauso sehr wie von der Nachhilfe einer Einser- oder Zweierschülerin? Da bin ich skeptisch...
    Letztlich muss jeder von uns seine eigene Position zwischen absoluter Distanz und Distanzlosigkeit finden. Die wird bei jedem individuell sein und bei niemandem komplett auf der einen oder der anderen Seite liegen...


    Britta


    philosophus: dito, dank deiner letzten Kommentare von gestern abend kann ich einiges hier mal so stehen lassen...

  • @ Heike:
    Ich glaub wir sind jetzt einer Meinung, nur hast du meine letzten Beiträge nicht ganz verstanden. Ich habe ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Gefühle reflektiert werden müssen und nicht einfach ausgelebt werden können. Nach der Reflexion kann dann auch das Thematisieren erfolgen:
    Z.B. dass ich mich bei dem Schüler entschuldige, den ich gerade noch verbal statt handgreiflich "abwatschen" konnte; dass ich ihm aber auch klar mache, wieso ich so reagiert habe (sprich meine Gefühle). Und dass wir alle etwas mehr Mut haben, auch unsere Gefühle zu zeigen. Das kann ja auch bestimmt vor den "Beispielsfünfern" anderes geschehen, als du das ausgeführt hast...
    Fühlen - überdenken (!!!) - und (wenn möglich/nötig) - darüber reden, das sollte doch auch so in der Schule machbar sein... Denn mir sind in keinem Job zuvor so intensive Gefühle entstanden und begegnet...

    Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.

    • Offizieller Beitrag

    An timm:
    da sind wir d'accord.
    Vielleicht klinge (aber nur klingen!) ich etwas "abgebrühter" weil mit 27 Stunden und einer Vertrauenslehrerstelle die Distanz etwas wachsen MUSS um mich selbst vor überladenen Batterien zu schützen...



    an zoque:

    Zitat

    Heike: Du gehörst wohl auch nicht zu den "Ich-schau-zuerst-in-die-Augen" Menschen? Schade, bei uns gibts keine Fahrradkuriere


    wennste schon so fragst...ich find den Po beim Mann wichtiger als die Augen...öhem... :P


    Gruß
    Heike

  • @ britta


    du zitierst mich, das ist in ordnung, aber du reißt meine aussagen vollkommen aus dem zusammenhang.
    ich bin nicht ganz unschuldig an der situation, da ich ihr die gespräche angeboten habe, mich (außerhalb des unterrichts) für sie eingesetzt habe, ihr einfach helfen wollte und das nun mal nicht mit 5 min reden in der woche getan war.
    ich hätte damit rechnen müssen, dass das irgendwann mehr für sie wird, dachte in dem moment aber nicht soweit, da ich es (das 'abhängigkeitsverhältnis') - wie schon zu beginn gesagt - nie zuvor in einem solchen ausmaß erfahren habe.


    Zitat

    Allerdings frage ich mich immer mehr, wo denn nun eigentlich dein persönlicher Schutzraum, deine Distanz zum Schüler ist.


    in wie weit jeder die distanz braucht, sei jedem selbst überlassen, aber ich für mich kann sagen, dass ich ihr zwar entgegen komme, aber - ich kann es nur noch einmal betonen - in einem bestimmten rahmen !
    informationen werden gefiltert und sie weiß zwar mehr als andere schüler, aber noch lange nicht alles und ebenfalls nichts, was meine existenz gefährden könnte ...


    timm und kia, ich kann euch nur zustimmen ohne etwas dazufügen zu müssen ...


    @ zoque

    Zitat

    Was glaubst Du eigentlich, wie sich Deine anderen Schüler fühlen, wenn sie Dein Engagement für diese eine Schülerin sehen?


    ich verstehe mich mit anderen schülern deshalb nicht schlechter, bzw. ziehe diese schülerin im unterricht nicht vor, bewerte sie nicht anders, nehme sie genau wie die anderen auch mal zu leistungserhebungen unangekündigter art dran ...
    und davon, dass andere dies sehen, kann keine rede sein.
    natürlich sieht man uns ab und an mal auf dem flur zusammen, aber meist nur kurz, um abzusprechen, wann ich sie zur nachhilfe abhole.
    alles andere besprechen wir bei mir, gerade damit sich die anderen nicht benachteiligt fühlen, denn von der nachhilfe wissen nur ganz wenige ...


    meine gründe für die nachhilfe nannte ich bereits und solange sich bei meinem sohn eine verbesserung einstellt (bereits nach einigen wochen um eine note), sehe ich keinen anlass abzubrechen ...
    sie braucht das mehr als eine zweier-kandidatin und wie gesagt, der erfolg stellte sich bereits ein, ich habe keine bedenken und kann wirklich sagen : ich kann zwei menschen helfen ... ihm und ihr.
    einer schülerin, die ohnehin top in mathe ist, wird das kaum noch mehr bringen - ihr schon. ich habe wirklich bisher keinerlei bedenken.


    philosophus


    du hast recht, das sokratische gespräch an sich widerspricht sich mit dieser situation.
    mir ist das schema des elenktischen verfahrens durchaus bekannt, aber was ich meinte und mit sokrates in verbindung brachte war lediglich sein berühmtester (?) satz :
    "ich weiß, dass ich nicht(s) weiß."
    wobei er sich mit seinen schülern auf die gleiche ebene stellt (als grundvoraussetzung, entgegen dem "unterrichtsprofi", entgegen dem voll distanziertem lehrkörper), um durch das gespräch überhaupt zu einer solchen erkenntnis zu erlangen ...

    Moral und Tugend sind das Schild der Schwachen
    - sich hinter ihrem Glauben versteckend -
    weil sie nicht fähig sind ihre eigenen Wege zu gehen ...

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