Das Fatale ist ja, dass die Zeit, die SuS sparen, indem sie KI für Hausaufgaben etc. nutzen, dann für sinnloses Gedaddel verwendet wird.
Das Leben kann nicht nur aus Tik Tok und Burgern bestehen.
(Videospiele oder was auch immer).
Ich bin kein Freund von diesem pauschalen Generationenbashing. Ich behaupte, der überwiegende Großteil von Schülerinnen und Schüler hat schon immer nur das Nötigste getan - wobei die Definition dessen, was das "Nötigste" ist, von den Umständen abhängen kann. Wenn man Druck durch das Elternhaus bekommen hat, wenn man hochfliegende Studienpläne hat (bei uns war damals Psychologie immer der Studiengang, dem man nachgesagt hat, dass man überhaupt nicht reinkommt) oder wenn man einfach nur ums schulische Überleben gekämpft hat, kann das auf unterschiedliche Einsatzniveaus herauslaufen. Und das erlebe ich unverändert noch heute so. Die wenige, die aus intrinsischer Motivation mehr als "das Nötigste" gemacht haben, wurden schon zu meiner Schulzeit als Streber beschimpft. Und natürlich haben hat der Großteil der Schüler schon damals alle Möglichkeiten genutzt, um sich Arbeit zu sparen. Hausaufgaben abgeschrieben, in der Oberstufe, als es keine Hausaufgabenkontrollen im dem Sinne mehr gab, dass der Lehrer durch die Reihen ging, haben wir Hausaufgaben auch einfach auf den Kopierer gelegt, um uns das Abschreiben zu ersparen. Referatsthemen von den älteren Geschwistern recyclet etc. Und was habe ich mit der Zeit, die ich dadurch gespart habe, getan? Ja, manchmal habe ich gelesen oder mich mit Freunden getroffen, aber mal ehrlich, ich habe auch viele Stunden unnütz vor MTV verbracht oder am C64 gedaddelt oder später auf meinem 486er Doom gezockt. Ich will damit sagen: Die Schüler heute sind von der Persönlichkeit her gar nicht so anders als wir das damals waren. Sie haben halt jetzt mehr Möglichkeiten, sich das Leben einfacher zu machen und sich die Zeit zu vertreiben. Im Übrigen wissen wir gar nicht so genau, was die Schüler alles so am Handy treiben, im negativen wie im postiven Sinne. Meine Schüler sind politisch deutlich besser informiert als wir das waren, aufgrund von Insta Reels oder TikToks der Kanäle klassischer Medien (Tagesschau; Spiegel). Gleichzeitig sind sie aber gerade deswegen auch anfälliger für Missinformation, weil diese Infos aus qualitativ hochwertigen Medien halt zwischen Videos anderer Kanäle aufploppen. Ein Jugendlicher, der zwei Stunden am Tablet "daddelt" hat vielleicht zwei Stunden doomscrolling hinter sich, oder er hat zwei Stunden lang auf dem Tablet eine Zeichnung erstellt oder ein Video geschnitten oder eine Kurzgeschichte geschrieben. Wir bekommen das alles nur nicht so mit, weil es auf dem gleichen Werkzeug passiert und nicht allein der Ortswechsel vom Schreibtisch zur TV Couch wie früher schon anzeigt, ob man etwas "Sinnvolles" macht oder nur rumgammelt. Das sollten wir uns immer wieder bewusst machen.
Gestern las ich in einem alten Biologiebuch und dachte nur, ja, nett, aber zu Schulzeiten hätte mich das krass gequält. Hätte mich wirklich interessiert, wie sich Algen vermehren? Vermutlich nicht. Wir konfrontieren die Lernenden oft mit Dingen, die für sie gerade gar nicht aktuell sind und für die sie sich nicht erwärmen können, egal, wie wir uns anstrengen, das interessant zu machen.
Auch das ist eine Wahrheit, die man nie vergessen darf. Ich nehme an, der Großteil der älteren Kollegen hier im Forum hat ein klassisches Gymnasium durchlaufen. Hier haben die Eltern, als man 9 Jahre alt war, die Entscheidung für die Schulform getroffen und man hat das halt dann neun Jahre durchgezogen, ohne das großartig zu hinterfragen. Irgendwann in der 10. Klasse hat man mal kurz überlegt, ob man nicht mit mittlerer Reife abgehen soll, dann haben die Eltern etwas von Chancen im Leben und späterem Verdienst erzählt und man hat schulterzuckend halt weiter gemacht. Ich übertreibe hier nur mininmal. Ich würde behaupten, die wenigsten haben sich jemals ganz grundsätzlich die Frage gestellt, ob sie sich für den Schulstoff interessieren. Punktuell vielleicht im positiven Sinne, da hat man mal ein Thema oder sogar ein ganzes Fach interessant gefunden, aber zumindest ich habe nie hinterfragt, ob ich Kurvendiskussionen, Redoxgleichungen oder Sprachanalyse interessant finde. Vielleicht mal kurz, ob man das im Leben nochmal braucht, aber doch nicht, ob es interessant ist. Man hat es halt hingenommen, dass man das jetzt lernen muss. So ging es mir und ich weiß, dass es vielen in meinem Umfeld auch so ging, weil wir uns schon häufiger darüber unterhalten haben, dass es schade ist, dass man Bildungsinhalte, die wir jetzt im Alter um die 50 Jahre spannend finden, damals, als sie auf dem Silbertablett serviert wurden, nicht ernster genommen hat als bis zur nächsten Arbeit. Auch das ist heute also nicht anders.
Was hat das alles mit dem Thema zu tun? Es ist menschlich und völlig normal, Aufgaben, die keine intrinische Freude bereiten, weitestgehend durch Technologie übernehmen zu lassen. Wenn ich wandern gehe, dann ziehe ich gerne mit Karte und Kompass los, weil ich Spaß daran habe, mir das Terrain zu erarbeiten. Wenn ich nach Hamburg fahren muss und dort in der Großstadt ein Ziel finden muss, gebe ich das natürlich ins Navi ein. Ist doch klar, alles andere wäre ja auch doof. Machen wir alle so und ich nehme an, dass Menschen, die nicht regelmäßig aus Spaß an der Freude eine Karte in der Hand haben, vielleicht auch Schwierigkeiten hätten, damit effizient umzugehen (- die Analogie hinkt natürlich, aber ihr wisst, was ich meine -). Müssen die das aber können? Ist das noch eine wichtige Kulturtechnik, wenn es doch Navis und Google Maps gibt?
Und das gleiche gilt für den Taschenrechner. Natürlich kann ich mehrere zweistellige Zahlen im Kopf addieren, aber wenn ich eine Englischarbeit in der Unterstufe korrigiere und am Ende die Punktzahlen der sechs Aufgaben zusammenrechnen muss, mach ich das oft mit dem Taschenrechner. Ich hab sowieso schon den Kopf voll, es geht (vielleicht ein bisschen) schneller und die Gefahr von Fehlern ist reduziert. Aber natürlich ist es irgendwie klar, dass man trotzdem noch Kopfrechnen können muss.
Vor dieser Entscheidung stehen wir, halt jetzt drastischer und plötzlicher als sonst: Welche Kulturtechniken sind überholt, weil sie niemand wirklich mehr brauchen wird, und welche sollten wir erhalten, weil sie wichtig sind, um sich handlungssicher in der Welt zu bewegen. Wir sollten diese Hinterfragung schonungslos und ohne falsche Nostalgie betreiben (- "Aber es ist doch sooo schön, Briefe mit der Hand zu schreiben!" -) und darauf aufbauend unsere Lehrpläne und in der Folge unsere Prüfungsformen hinterfragen. Und völlig neu denken.