Du setzt Inklusion in dem Rahmen um, wie du es kannst. Hast du das Gefühl, die inklusiv beschulten Kinder lernen bei dir abweichend von den Ergebnissen der Studien zu dem Thema weniger als an Förderschulen?
Manche meiner zieldifferent beschulte SuS lernen definitiv weniger als das in einem geeigneten Förderschulsetting der Fall wäre, ja. Das sagen auch sämtliche Sonderpädagoginnen, mit denen ich bislang zusammengearbeitet habe, die das deutlich besser beurteilen können als ich, da sie anders als ich wissen, wie an Förderschulen gearbeitet wird. Manche lernen aber mit Sicherheit ganz genauso viel, das ist individuell sehr verschieden und kommt u.a. auf den Förderschwerpunkt an, aber eben auch weitere Faktoren, wie das Klassensetting oder bereits erlernte Kompensationsstrategien.
An den Förderschulen gibt es nun einmal deutlich kleinere Klassen, speziell ausgebildetes Fachpersonal in Form von u.a. sonderpädagogischen Lehrkräften die nicht grundlos ein eigenständiges Lehramt studiert haben, sowie Differenzierungsräume oder eben auch erforderliche Zusatzmaterialien. Für manche Förderschwerpunkte sind genau das die Unterschiede, die einen regulären Schulabschluss überhaupt erst möglich machen, weil die erforderliche Förderung- die wir in der SEK.I bei oft über 30 SuS und so unendlich vielen SuS mit diversen Förderbedarfen oftmals nicht in ausreichender Intensität leisten können- eben möglich ist.
Bekommst du da nicht das Gefühl, das auch der Bildungsforscher Rolf Werning hat, dass wir als Lehrkräfte - auch wegen eines ja lobenswerten hohen Anspruchs - manchmal nur 'das halbleere Glas sehen'?
Nein, das Gefühl habe ich an der konkreten Stelle nicht. Natürlich sehen wir alle manchmal nur „das halbleere Glas“, an der Stelle geht es für mich aber nicht um einen lobenswert hohen Anspruch, sondern um Kinder, die ein Recht haben auf gute Bildung, was leider an viel zu vielen Stellen in unserem Bildungssystem nur für diejenigen gut funktioniert, die Eltern haben, die dafür mit all ihrer Kraft zu kämpfen bereit sind.
Wir haben hier in BW, anders als andere Bundesländer, auch weiterhin zahlreiche und wirklich gute Förderschulen, wo es diese spezielle, rare Spezies namens Förderschullehrkräften häufig genug gibt, so dass die SuS, die das benötigen, tatsächlich auch von deren Expertise profitieren dürfen. Verteilt auf sämtliche Regelschulen mit ein paar zieldifferenten SuS hier und da, bleiben für alle von ihnen dann allerdings nur noch wenige Wochenstunden Anspruch auf Förderunterricht übrig, wodurch nicht alle, aber eben doch einige SuS an Regelschulen in der aktuellen Inklusion untergehen, die an Förderschulen aufblühen könnten. Das ist einfach nur beschissen und kein lobenswert hoher Anspruch, dass man diese Kinder nicht zum Zweck erklärt, der die Mittel heiligt, nur um auf deren Kosten die aktuelle Inklusion so sichtbar an die Wand zu fahren, dass man nicht darum herum kommt, endlich ausreichende Ressourcen für eine funktionierende Variante flächendeckend bereitzustellen.