Dresden schreckt mich die starre des Staatsexamen, Großes Latinum beim Fach Geschichte, Pflichtpraktika usw. ab.
Also wenn das große Latinum dich derart abschreckt solltest du ein gesellschaftswissenschaftliches Studium auf jeden Fall noch einmal überdenken. In Geschichte ist das aus gutem Grund an den meisten Hochschulen bis heute vorgeschrieben, in Politik oftmals noch ein Latinum erforderlich, ein großes Latinum aber teilweise noch Teil der Promotionsordnung der Universitäten.
Pflichtpraktika sollten dich weniger abschrecken in einem Studiengang, sondern gerade bei einem Lehramtsstudium als frühzeitige Chance gesehen werden den eigenen Berufswunsch noch einmal äußerst kritisch in der Praxis prüfen zu können. Nichts schlimmer, als nach 5 Jahren Studium erst im Ref festzustellen, dass man eigentlich mit Schuldienst gar nichts anfangen kann.
Wer sich so tiefgreifende Fragen die eigene berufliche Orientierung betreffend stellt wie du, sollte erst einmal ein Praktikum an einer Schule machen. Das bieten nicht alle Schulen jungen Menschen auch schon vor dem Studium an, einige aber durchaus, hatten wir an meiner Refschule auch. Gerade in Schularten mit großem Lehrkräftemangel einerseits und speziellerer Klientel andererseits ist man offener für solche Praktikanten. Wenn es passt gehen die jungen Menschen motivierter ins Studium und wenn nicht erspart das denen den Umweg und Studienabbruch und den Schulen später die deutlich aufwendigere Betreuung von Studienpraktikanten, die doch nur frustriert das Handtuch schmeißen (oder im worst case meinen, sie müssten jetzt halt fertig studieren und den Beruf ergreifen, auch wenn sie erkennbar falsch gewählt hatten).
Kann das den ganzen Job versauen, wenn einige Schüler nicht so wollen, wie es wahrscheinlich sinnvoll wäre? Oder ist das nicht stressiger als ein nerviger Kunde/Vorgesetzer/Abteilungsleiter/Kollege usw.?
Frustrationstoleranz aufbauen, differenzierendes Rollenverständnis entwickeln und aufbauen und sich bewusst machen, dass pädagogische Arbeit ein wesentlicher Bestandteil des Jobs auch in vielen Bereichen der BBSen ist. Wer das gar nicht will sollte in die reine Erwachsenbildung gehen (oder einen anderen Beruf wählen). Dort dürfte man das zwar auch teilweise etwas anders handhaben, kann sich aber an vielen Stellen auf eine Bringschuld der bereits volljährigen Erwachsenen berufen. Was für wen stressiger ist ist sowohl individuell als auch situativ verschieden, Ich habe immer lieber mit bockigen, unwilligen Pubertieren gearbeitet, als mit ihren erwachsenen Pendants, denen ich- weil sie womöglich Kunden waren- am Ende auch noch den Allerwertesten verbal pudern sollte. Meinem persönlichen Stresspegel schadet Arschkriecherei nämlich ganz massiv- bei den meisten Situationen mit SuS führen stressige Tage zu einer Steigerung einer persönlichen Entspannung, weil ich bei denen nämlich authentisch bleiben kann/darf/soll, sprich auch mal deutliche Worte finden kann, wenn jemand grad völlig aus der Spur läuft/besonders verhaltenskrativ wäre und bei vielen so auch noch etwas erreichen kann.
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Zur intellektuellen Herausforderung: ist also der Lehrerberuf rein fachlich nie wirlklich "anspruchsvoll", da man ja studiert hat, oder? Und wenn etwas nicht so das krasse Niveau hat, ist es dann zumindest verhältnismäßig? Also wenn jemand die Fachhochschulreife oder die Azubi-Prüfung machen will ist das ja wünschenwert und das Niveau ist dort einfach festgelegt. Was ich mir aber schwierig vorstelle, ist wenn es regelrecht unmöglich ist, den Erwartungshorizont einer Klasse zu erfüllen.
Du hast gerade mal ein Abitur in der Tasche. Dein fachliches Niveau ist also aktuell auch alles andere als "krass" (und die Wortwahl/Ausdrucksweise durchaus entwicklungsfähig). Ich habe ein universitäres Erststudium, ein Lehramtsstudium (Zweitstudium) und jede Menge außerschulischer Berufserfahrung. Ich habe womöglich kein "krasses" Niveau, aber sehr gute Noten und Arbeitszeugnisse vorzuweisen samt Promotionsangeboten nach Studienende. Ich komme in der Sek.I problemlos auf meine Kosten (und suche mir neue Aufgaben/Herausforderungen wenn nötig selbstständig, wo mir reiner Unterricht nicht ausreichend wäre). Natürlich ist das fachliche Niveau meiner SuS nicht vergleichbar mit dem im Studium. Wem das die Messlatte ist, der muss sein Glück an den Hochschulen suchen. Guter Unterricht definiert sich aber nicht isoliert über den fachlichen Anspruch, sondern umfasst eben auch Fachdidaktik und Pädagogik, die es in situ gekonnt zu jonglieren gilt. Klassenführung ist zwar in weiten Teilen erlernbar, dennoch aber in den Feinheiten eine Kunst, die nicht jedem liegt. Didaktische Reduktion (die man nur leisten kann, wenn man überhaupt ein entsprechendes Fachniveau hat, welches reduzierbar wäre, um das in guten Unterricht verpacken zu können) kann man ebenfalls lernen- schafft aber ebenfalls nicht jeder. Motivation von SuS- schafft man nicht, wenn man von oben herab auf das angeblich ach so niedrige Fachniveau der SuS herunterschaut, sondern indem man anerkennt, wo sie gerade stehen, erkennt, welche Potentiale sie mitbringen und Wege entwickelt, diese zu stimulieren und SuS damit im besten Fall "mitzunehmen". Wenn dir das zu niveaulos wäre, dann wäre das eigentliche Problem deine persönliche Haltung, die eindeutig nicht geeignet wäre für eine Schulform wie die BBSen mit ihrer vielfältigen Schülerschaft. Respekt vor der Leistung deiner SuS ist eine Grundvoraussetzung in dem Beruf. Dazu gehört es eine Fachhochschulreife oder eine erfolgreich bestandene Azubiprüfung nicht aufgrund des eigenen Bildungsweges als anspruchslos abzutun, sondern anzuerkennen, dass es für viele SuS ein harter Kampf war dieses große Ziel zu erreichen und sich mit und für diese zu freuen, dass sie dieses Ziel mit deiner Unterstützung und Arbeit erreichen konnten.
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Man liest allgemein ja so viel von Lehrermangel, Burnout, maroden Schulen, "schlimmen Schülern", sinkenden Niveaus und dass Lehrer die eierlegende Wollmichsau sind, die alles ausbaden müssten, was im Elternhaus gefehlt hätte. Ist das hochgepushtes Mediengetue oder Wahrheit?
Natürlich ist das "hochgepushtes Mediengetue" und natürlich steckt darin auch ganz viel Wahrheit. So einseitig ist es aber eben nicht, deshalb muss man sich selbst ein Bild machen, wenn man so viele Stereotype im Kopf zu haben scheint insbesondere die Schülerschaften betreffend wie das bei dir der Fall zu sein scheint. Praktika helfen! Lehrermangel betrifft nicht alle Schularten, Schulen oder Fächer gleichermaßen; Burnout hat eine Minderheit der Lehrkräfte, auch wenn es eine Krankheit ist, die in unserem Berufsstand ein größeres Thema ist, als in anderen Berufsgruppen, weil entgrenztes Arbeiten ein Dauethema ist bei uns auch vor Corona schon; sinkendes Niveau: überspringe ich, da eigene, lange Debatte; mach dir ein eigenes Bild, wenn du ein paar Jahrzehnte im Schuldienst auf dem Buckel hast; eierlegende Wollmilchsäue: Ja, die sind wir selbstredend oder sollen wir wohl manchmal sein.
Trotzdem können wir nicht im Alleingang alles richten, was im Elternhaus gefehlt hätte. Ab einem bestimmten Punkt geht es nicht mehr vorrangig darum daraus resultierende Lücken zu schließen, sondern mit dem, was vorhanden ist zu arbeiten und die SuS dazu zu befähigen das Maximum für sich selbst zu entwickeln und herauszuholen. Manchmal bedeutet das eben, dass bereits ein Hauptschulabschluss sensationell ist (und ich freue mich für jeden meiner Hasen, der/die das für sich in diesem Jahr geschafft hat). Wer das nicht anerkennen kann ist falsch im Beruf. Wer meint die Welt (oder auch nur die eigene Schülerschaft) im Alleingang retten zu können ist falsch im Beruf. Wer seine eigenen Grenzen dauerhauft nicht ausreichend beachtet und daran erkrankt ist- um seiner selbst willen- falsch im Beruf. Wer immer nur klagen muss über Elternhäuser, sinkende Lernniveaus oder die angeblich ach so schlimmen SuS ist falsch im Beruf. Ob du richtig wärst im Beruf vermag ich nicht zu beurteilen, ebenso wenig vermag ich zu beurteilen, ob ein rein geisteswissenschaftliches Studium richtig wäre für dich. Ich erkenne aber beide Studiengänge betreffend gewisse Hindernisse in deinen Einlassungen in diesem Forum und empfehle insofern eine (selbst-)kritische Prüfung, Praktika, Gespräche mit Menschen, die dich gut kennen, aber dir nicht nur nach dem Mund reden und eine vernünftige Studienberatung, sollte es auf ein geisteswissenschaftliches Studium hinauslaufen.