Ich denke, es ist für die vielen Ukrainer in Deutschland einfach eine schwierige Situation, bei der sie nicht wissen, wie es langfristig weitergeht. In den meisten Fällen war es ja keine über einen längeren Zeitraum geplante bewusste Migration nach Deutschland (und selbst in solchen Fällen muss es ja nicht heißen, dass Kinder mit derselben Euphorie bei der Sache sind als ihre Eltern), sondern eine Nacht-und-Nebel-Aktion aus der Not heraus. Wenn jemand unfreiwillig migriert, sind alle Formen der Integration mit großer (emotionaler) Anstrengung verbunden. Solange die Hoffnung besteht, wieder ins Heimatland zurückzukehren, überlegt man sich zweimal, ob man sich gegenüber seinen Mitmenschen öffnet, womöglich Freundschaften knüpft, die bei einer Rückkehr ins Heimatland durch die große Distanz zerbrechen könnten. Ich stelle fest, dass in Reportagen aus der Ukraine auffällig oft betont wird, wie wichtig den Menschen ihre Heimat und die kulturellen Werte sind und dass sie für deren Erhalt kämpfen. Dieser Nationalstolz ist bewunderswert und scheint Antrieb zu sein, warum die Menschen dort überhaupt weiterhin an den Sieg der Ukraine glauben und dieses Schiff nicht einfach untergehen lassen. Die hiesigen Ukrainer können natürlich das Kriegsgeschehen nicht aktiv beeinflussen, aber auch bei ihnen gehe ich davon aus, dass dieser Nationalstolz noch vorhanden ist und sie ihn nicht "mal eben" bei Überquerung der deutschen Grenzen hinter sich ließen. Die Kehrseite der Medaille ist, dass jemand, der am liebsten schon gestern wieder in der geliebten Heimat wäre, seine aktuellen Prioritäten nicht im Lernen deutscher Vokabeln sieht. Irgendwo auch verständlich, wenn ihr mich fragt.
Mit zunehmender Kriegsdauer kommt irgendwann der Punkt an dem der innere Widerstand nachlässt und man sich denkt: "Es muss ja irgendwie weitergehen!". Man arrangiert sich damit, dass man jetzt in Deutschland ist, geht (auch emotionale) Verpflichtungen ein, die Verbindung zur alten Heimat wird schwächer und die Wahrscheinlichkeit der Rückkehr sinkt stetig. Auch wenn die deutschen Politiker betonen, dass die gewählten Maßnahmen zur Unterstützung der Ukraine bzw. Schwächung Russlands (Waffenlieferung, wirtschaftliche Sanktionen) auf Zeit spielen, müssen die Ukrainer auch bereit sein, so viel Zeit in Warteschleife zu verharren. Verlören sie vorher den Mut, würde das wiederum nur umso stärker Putin in die Karten spielen.