Würde Faktorisierung tatsächlich eingeführt werden, befürchte ich, dass das einen erheblichen Unmut im Lehrerzimmer hervorrufen würde. Etwa die Hälfte des Kollegiums würde die Rückmeldung bekommen: Eure Arbeit ist einfacher oder nicht so viel wert.
Ich habe an einer Auslandsschule unterrichtet, in der die einheimischen Kollegen teilweise nur 1/5 des Gehalts der deutschen Kollegen erhalten, aber mehr als 30 Unterrichtsstunden pro Woche unterrichten. Auch die einheimischen Kollegen haben studiert, sie haben nur den falschen Pass. Das Gefühl, dass im deutschen Auslandsschulwesen eine große Ungerechtigkeit herrscht, ist prävalent.
Ich fände es schade, wenn diese zumindest empfundene Ungerechtigkeit noch stärker auch an deutschen Schulen im Inland ankäme. Dann müssten wir uns nämlich auch fragen, ob Mangelfächer nicht höher besoldet werden müssten. (Ich weiß, dass es in einigen Berufsschulfächern schon so weit ist; ich finde das schade!)
Wie Bolzbold schon schrieb: Jeder empfindet das eigene Fach als besonders arbeitsintensiv. Das liegt sicherlich daran, dass ich nur unzureichend verstehe, was mein Kollege mit den anderen Fächern wirklich alles zu tun hat.
Außerdem lenkt Faktorisierung davon ab, was eigentlich eine unserer Hauptaufgaben sein sollte: Wie können wir unseren Unterricht verbessern? Dazu gehört auch: Wie kann ich bei zumindest gleichbleibender Unterrichtsqualität meine Arbeitsbelastung verringern?
In den experimentellen Fächern sollte ich mich fragen: Welche Experimente kann ich durch Simulationen ersetzen? Ich weiß: Experimente machen Spaß. Aber manchmal ist eine Simulation tatsächlich einfacher zu interpretieren. Muss ich für diesen Kurs wirklich stundenlang am Wochenende den Versuch XY aufbauen oder reicht diesmal eine Simulation? (Manchmal ist die Antwort ja, manchmal nein)
In den Korrekturfächern sollte ich sich fragen: Wie kann ich meinen Korrekturaufwand verringern? Korrekturen bringen mir noch nicht einmal Wertschätzung von Seiten der Schüler ein! Warum muss ich alle Klausuren handschriftlich schreiben lassen? Gibt es dafür eine Vorgabe vom Land? Warum setze ich so wenig Sprach-KIs in der Klausurkorrektur ein, wenn doch gerade die Korrektur von Texten (egal welcher Sprache) von Sprach-KIs auf einem sehr hohen Niveau erledigt werden kann und ich als Lehrkraft nur noch für den Feinschliff der Rückmeldung sorgen muss?
Da stimme ich dir nicht zu. Die Korrektur zB eines Deutschaufsatzes kostet eine Menge Zeit, völlig unabhängig von der Motivation, Erfahrung und Kreativität der Lehrkraft. Damit haben D-Lehrkräfte schonmal einen Sockel an Arbeitsstunden [...]
Für mich zählt es zur Kreativität einer Lehrkraft auch, zu überlegen, wie man die Arbeitsbelastung reduziert (wie gesagt: bei mindestens gleichbleibender Unterrichtsqualität). Dazu müssen wir aktiv werden, uns austauschen und uns weiterbilden! Faktorisierung hingegen ist der passive Weg, zudem der konfliktträchtige.