Verkommt das (Grundschul-)Lehramt zum Ausbildungsberuf?

  • Ich möchte einmal meinen allgemeinen Unmut kundtun, auch wenn es schwer sein wird den oder die Schuldigen zu finden. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass das (Grundschul-)Lehramt zum Ausbildungsberuf verkommt. Wir haben aktuell 3 volle Vertretungsstellen ausgeschrieben und an Bewerbungen kommt "ein Kessel Buntes", aber niemand, der auch nur annähernd das Grundschullehramt studiert hat. Wenn man sich dann die Bewerbungen im Detail ansieht, dann entdeckt man u.a. die Fitnesstrainerin mit Hauptschulabschluss, die seit 4 Jahren an verschiedenen Grundschulen unterrichtet. Nicht nur Sport, sondern auch alle anderen Fächer, sogar als Klassenleitung. Oder junge Herr, der irgendwann sein SekII-Studium geschmissen hat und seitdem durch die Grundschulen tourt. Ich möchte diesen Bewerbern natürlich nicht per se ihr pädagogisches Geschick im Umgang mit Kindern absprechen, aber ich finde diese Entwicklung bedenklich. Es muss doch sichergestellt sein, dass die Kinder von ausgebildetem Fachpersonal unterricht werden, oder? Schulen werden durch die derzeitige Situation doch nicht nur dadurch belastet, neue Kollegen in die schulischen Konzepte und Arbeitsweisen einzuführen, sondern überhaupt in einem Crashkurs zu Grundschullehrern zu machen.


    Aber vielleicht sollte ich mich einfach mal Arzt bewerben. Knöpfe annähen kann ich ganz gut mit google und Co findet schon irgendeine passable Diagnose ...

  • Mach mal, Gert Postel hats immerhin bis zu einem eigenen Wikipedia-Artikel gebracht :respekt:

  • Insbesondere wenn die dann die Grundlage in Deutsch und Mathe legen, das ist ja alles andere als unwichtig und schon gar nicht einfach... Ich habe Deutsch studiert (aber natürlich auf SI/II), hab ein klein wenig Ahnung vom Spracherwerb, Schreiben lernen, aber zutrauen würde ich mir das auf gar keinen Fall. Und ich finde, ihr legt da so eine extrem wichtige Grundlage, die man später nur sehr schwer aufholen kann.


    Seit wann ist es denn so auf dem Grundschulmarkt? Vor 6 Jahren oder so waren doch noch viel zu viele Grundschullehrer auf dem Markt, oder?

    "Et steht übrijens alles im Buch, wat ich saje. ... Nur nit so schön." - Feuerzangenbowle

    • Offizieller Beitrag

    In Berlin seit 3 Jahren ganz massiv. Bei uns müssen sie studiert haben. Z.B. Ingenieure, Musiker oder Sportwissenschaftler sein. Hilft auch nicht viel, manchmal traue ich unserer Putzfrau pädagogisch mehr zu, aber egal. Die Grundschullehrer, die noch da sind, fangen das alles auf und ziehen den Karren aus dem Dreck.
    Und ja, es gibt auch welche, die machen das super. So 10 bis 20%?

  • In NRW wird auf dem Grundschulmarkt zur Zeit alles genommen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.
    Da kann man froh sein, wenn man wenigstens noch Studenten im 1. Semester bekommt, die etwas in diese Richtung studieren.

  • Und was ist die Ursache? Braucht man wirklich im Moment mehr Lehrer als früher?


    Oder entscheiden sich viele eben doch für einen anderen Berufsweg, wo man besser bezahlt wird?

  • In den letzten beiden Jahren wurde sehr viel eingestellt, um den Unterricht der Flüchtlinge zu gewährleisten. Dadurch wurde der "Lehrermarkt" relativ leer gemacht. Weiterhin erleben wir einen Anstieg der Geburtenrate, wodurch insbesondere an Grundschulen einige Lehrkräfte durch Elternzeit ausfallen bzw. nachher nur mit reduzierter Kraft zurückkommen. Zudem war die Stellenlage vor 7 Jahren recht schlecht für Bewerber, weswegen sich vielleicht einige StudentInnen gegen das Primarlehramt entschieden haben. Diese Leute fehlen jetzt.

  • In Berlin wurde einfach jahrelang viel zu wenig ausgebildet (und wird es auch jetzt noch), zudem werden neue Lehrer hier nur noch angestellt, so dass es für junge noch ungebundene Lehrer durchaus Sinn macht, irgendwohin abzuwandern, wo sie deutlich besser verdienen. Berlin ist aber trotzdem der Meinung, dass es irre attraktiv ist hier zu arbeiten, weil die Stadt an sich ja so sexy ist (oder so). Besonders hart trifft der Lehrermangel übrigends die Brennpunktschulen, die dank der immens höheren Arbeitsbelastung zum einen einen deutlich höheren Krankenstand haben, zum anderen grundsätzlich mehr Fluktuation und immer größere Schwierigkeiten neue Lehrer für sich zu gewinnen. Und wenn die Schule dann das Glück hat, doch Menschen zu finden, die trotz der prekären Beschäftigungsverhältinsisse bereit sind, sich ohne Ausbildung vor Klassen zu stellen, an denen schon die alten Hasen scheitern und die dann tatsächlich aufgrund natürlicher Begabung zurechtkommen und gute Arbeit leisten, hält es Berlin dennoch nicht für nötig, diese Menschen schleunigst nachzuqualifizieren, fest einzustellen und anständig zu bezahlen.
    Ich geh morgen übrigends streiken....

    "Die Wahrheit ist ein Zitronenbaiser!" Freitag O'Leary

    • Offizieller Beitrag

    In Berlin wurde einfach jahrelang viel zu wenig ausgebildet (und wird es auch jetzt noch),

    Als ich mich aufs Ref bewarb, gab es 24 (!!!) Ref-Plätze für GS-Lehrer bei über 160 Bewerbern. Davon 2 für Musik als Erstfach. Die Plätze gingen an die Männer mit einer 1 im Studium (es wurde auf glatte Zahlen gerundet), die Zivil- oder Wehrdienst geleistet und deren Frauen Kinder geboren hatten. Das gab "Sozialpunkt"e. Alle anderen gingen leer aus. Schon damals ließ sich absehen, wann der nächste Schwung Lehrer in Pension gehen würde und Berlin tausende Lehrer an Nachwuchs benötigen würde.
    Ich habe mein Ref dann in Brandenburg gemacht und danach dort einige Monate gearbeitet, denn es wurde in Berlin gar niemand geplant eingestellt. Ab und zu gab es im Nachsteuerungsverfahren 3 Tage vor Schuljahresbeginn noch die ein oder andere Teilzeitstelle.
    Jeder der konnte, ist abgewandert in ein Bundesland, in dem er eine Stelle bekam. (Ich hätte in BaWü und RLP eine haben können.)
    Im Sommer 2005 gab es genau 5 (FÜNF!) schulscharf ausgeschriebene Vollzeitstellen für Grundschullehrer in Berlin, die ein Mangelfach (Musik oder Englisch) als Erstfach hatten. Die Schulen hatten zwischen 120 und 200 Bewerbungen zu bewältigen (nur mit Mangelfächern, über alle anderen reden wir hier gar nicht). Alle wollten wieder die Männer, die es ja so selten gibt. Einer hat dann abgesagt und da ich an dieser Schule wohl relativ weit vorne auf der Nachrückerliste stand, bekam ich eine dieser 5 Vollzeitstellen. Das war wie ein 6er im Lotto, Vollzeitstellen für GS-Lehrer hatte es schon lange nicht mehr gegeben. Ein paar 2/3-Stellen folgten dann wieder im Nachsteuerungsverfahren. Ein paar Jahre ging es ähnlich weiter.
    In diesen Jahren hat Berlin sich immer mit seiner "sexy und attraktiv"-Rolle gebrüstet und dass der Lehrerbedarf mit Lehrern aus anderen Bundesländern, die alle nach Berlin kommen möchten, gedeckt würde. Jeder wusste, dass die Rechnung niemals aufgehen würde. Es ist viel kaputt gespart worden und nicht früh genug gegengesteuert worden. 2 oder 3 Jahre lang wurde immer noch gesagt: "Keine Panik, wir besetzen alle Stellen!" - da fiel es nur den Brennpunktschulen auf, wie groß die Lücken im Kollegium waren und dass man mit 92% Ausstattung schlecht arbeiten kann. Inzwischen ist es nicht mehr zu verbergen... Über die Bezahlung der Vertretungslehrer schreibe ich jetzt nichts mehr.... :(


    Ich bin krank, sonst würde ich auch streiken gehen.

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