Primarstufe oder Sek I

  • Moin aus Schleswig-Holstein,


    ich beende demnächst mein Masterstudium (Lehramt Primar- und Sekundarstufe I Englisch/Geschichte/SU) und stehe dann vor der Qual der Wahl: Mache ich meinen Vorbereitungsdienst in der Primarstufe oder in der Sek I. Während meines Studiums hatte ich in beiden Stufen zwei lange Praktika, die mir viel Spaß gemacht haben. Das hat jedoch auch meine Wahl viel schwieriger gemacht. Zu Beginn des Studiums war ich fest davon überzeugt, in der Sek I anzufangen, weil ich unbedingt Geschichte unterrichten wollte. Nach der Zeit in der Grundschule, kann ich mir aber auch dort mein Berufsleben vorstellen.


    Könnt ihr mir vielleicht mit ein paar Erfahrungsberichten weiterhelfen? Was sind eurer Meinung nach die größten Herausforderungen in der Grundschule und in der Sek I? Wie verhält es sich zum Beispiel mit dem Korrekturaufwand? Unterscheidet sich der Tagesablauf von Lehrkräften an der Grundschule vom Tagesablauf an einer Gemeinschaftsschule? Was zeichnet eure Schulform aus?


    Für eure Eindrücke wäre ich euch sehr dankbar!



    Viele Grüße!

  • Smoerebroed

    Hat den Titel des Themas von „Primastufe oder Sek I“ zu „Primarstufe oder Sek I“ geändert.
  • Ich denke eine große Herausforderung der Grundschule ist die hohe Diversität der SuS. Da hast du im Extremfall Kinder, die hochbegabt sind, neben Kindern, bei denen u.U. eine geistige Beeinträchtigung vorliegt. Dementsprechend musst du dein Unterrichtsmaterial sehr breit ausgestalten.

    Auch geht es in der GS eher um die Vermittlung von grundlegenden Fertigkeiten bzw. das Niveau ist halt inhaltlich sehr niedrig, dafür ist es aber didaktisch sehr anspruchsvoll. Trotzdem muss man sich eben klar machen, ob man sich vorstellen kann, sein Berufsleben lang immer nur an der thematischen Oberfläche zu kratzen.

    Dafür sind die SuS m.E. oft leichter zu begeistern und haben eine engere Bindung zur Lehrkraft bzw. zeigen dieser mehr Wertschätzung.


    Das ist aber nur mein subjektiver Eindruck als Nicht-Grundschullehrer, der nur wenige Stunden dort als Vertretung unterrichtet hat.


    Berücksichtigen sollte man auch, dass GS-Lehrer idR "nur" A12 bekommen. Wohingegen man in der Sek1 H/R oft auch A13 bekommt.

    Sollte die Betreuung in der GS weiter ausgebaut werden (ganztags), hat dies natürlich auch Einfluss auf die Arbeitszeiten.


    Zur Sek 1:


    SuS können in der Pubertät sehr schwierig sein. Das bessert sich bei einigen erst gegen Ende, wenn überhaupt.

    Die Inhalte sind fachlich anspruchsvoller, wobei man das auch nicht überschätzen sollte. Auf wirklich einigermaßen hohem Niveau (im Vergleich zu dem, was du im Studium gemacht hast) kann man wohl nur in der Sek 2 im gymnasialen Bereich unterrichten. Dafür hat man es in der 9 und 10 meist mit halbwegs erwachsen Menschen zu tun, die sich oft auch so benehmen (egal ob Haupt- oder Realschule) und mit denen man auch mal etwas anderes reden kann als mit den "Kleinen". Das empfinde ich persönlich als ganz angenehm. Negative sowie postive Ausnahmen gibt es aber überall.


    So oder so hat auch die Lage der Schule sehr großen Einfluss darauf, mit wem man es da so zu tun hat. Da GS-LuL momentan sehr stark gesucht werden (wobei SU auch gefühlt jede zweite Person macht - aber Englisch ist da sehr gefragt), hättest du hier mehr Auswahl bzw. könntest wahrscheinlich eher an eine halbwegs gesittete Schule kommen.


    Am Ende weißt nur du selbst, was das Richtige für dich ist.


    Ich wusste übrigens gar nicht, dass man Sek 1 und GS zusammen studieren kann. Ich wusste nur, dass man in Bayern Sek 1 Hauptschule und GS studiert. Oder meinst du mit Sek 1 nur Hauptschule?

  • Moin MrJules,


    vielen Dank für die ausführliche Antwort! Das hilft ungemein! Ich nehme an, Du bist an der SekI? Wie verhält sich das bei dir mit dem Korrekturaufwand?


    In Schleswig-Holstein werden alle Grundschullehrkräfte bis 2025 auf A13 angehoben. Vom Gehalt macht die Schulform also bald keinen Unterschied mehr. Es sei denn, man unterrichtet im Bereich Sek II. Dann gibt's A13 plus Zulage.


    Ich habe in Hamburg studiert. Dort gab es den Studiengang Fach 1/Fach 2 für Primar- und Sek I (Haupt- und Realschule) inkl. Grundschulpädagogik. Der Studiengang ist mit dem aktuellen Semester jedoch ausgelaufen und wurde durch eigenständige Studiengänge für die Primar- bzw. Sekundarstufe ersetzt.

  • Ich habe nicht die gleichen Fächer wie du (also im Prinzip schon eines, da hier PoWi genau wie Geschichte zu GL wird), daher kann ich zum Aufwand nicht wirklich was sagen. Das hängt immer von den Fächern und von den Klassenstufen ab. Generell ist der Korrekturaufwand in Deutsch und Englisch am höchsten (wobei Englisch in der Sek1 nicht mit Englisch in der Sek 2 zu vergleichen ist).


    Ohne es zu wissen, würde ich davon ausgehen, dass die Planung des Unterrichts in der GS aber einen deutlich größeren Aufwand mit sich bringt als oft in der Sek1. Der entscheidende Punkt ist aber: Sobald du mal alle Schuljahre durch hast (und das sind ja nur vier), verringert sich dieser Aufwand wohl ungemein, wenn du mal alle Unterrichtsmaterialien zusammen hast. Dann sollte das inhaltlich fast ein Selbstläufer sein.

    Das funktioniert hingegen bei Klausuren in den höheren Klassen der Sek1 in einem sprachlichen Fach nicht wirklich.



    Grundschullehrkräfte werden händeringend gesucht, besonders mit u.a. Englisch. Da kannst du dir die Schule fast aussuchen. Ich finde es auch echt schlimm, dass mittlerweile so viele Leute in der GS unterrichten, die das nicht studiert haben. Schließlich werden dort die Grundlagen für alles Spätere gelegt. Im Interesse dieses Landes würde ich dir deshalb GS an's Herz legen. :D Wenn gleich bezahlt wird, umso besser.


    Aber wie gesagt, das musst du letztendlich selbst wissen.


    In meinen Augen spricht momentan sehr vieles für GS, wenn einem das liegt (was bei mir nicht der Fall wäre auf Dauer) und man, wie du, sogar ein sehr gefragtes Fach dafür anzubieten hat.

  • Hi,


    da ich mich mit deinem Bundesland nicht auskenne, habe ich noch eine Frage. Behältst du trotz des Vorbereitungsdienstes in der einen Schulform die Lehrberechtigung in der anderen Schulform? Dann empfehle ich dir definitiv den Vorbereitungsdienst in der GS zu machen und danach ggf. einen Vertretungsvertrag in der Sek 1 anzunehmen. Dann kannst du dich festlegen.

    Ich habe auch GHR studiert und bin von der GS (4 Jahre) in die Sek 1 gekommen. Die Ausbildung in der GS hat mir einfach einen sehr weitreichenden Blick eröffnet und mich absolut in Diagnostik und Differenzierung geschult. Auch das Classroom management wird ausgebaut. In der Sek 1 hätte ich niemals einen solchen Blickwinkel erlangt. Dieses Wissen hilft mir bei meiner jetzigen Arbeit in der Sek 1 ungemein, die ich übrigens als viel weniger arbeitsintensiv empfinde, trotz eines Hauptfaches.

    Aber beide Bereiche sind toll!

  • Hi,


    da ich mich mit deinem Bundesland nicht auskenne, habe ich noch eine Frage. Behältst du trotz des Vorbereitungsdienstes in der einen Schulform die Lehrberechtigung in der anderen Schulform?

    Danke für eure Antworten! :)

    Leider muss man sich vor dem Vorbereitungsdienst festlegen. Sprich, wenn ich den Vorbereitungsdienst in der Grundschule absolviere, dann darf ich auch nur dort unterrichten. Es gibt zwar die Möglichkeit zu wechseln, das geht aber nur in Ausnahmefällen und nach mehreren Berufsjahren, Beurteilungen durch die Schulleitung usw.. Ansonsten hätte ich es so gemacht, wie von dir vorgeschlagen. :)


    Das Argument von MrJules, dass GS-Lehrkräfte gesucht werden und man sich die Schule quasi aussuchen kann, ist natürlich nicht zu unterschätzen. Das hatte ich so noch gar nicht bedacht. Vor allem im Flächenland Schleswig-Holstein ist es vielleicht schon von Vorteil, wenn man eine Schule in der Nähe und nicht an der anderen Küste hat. :)

  • Bei GS solltest du aber noch bedenken, dass du die beiden wichtigsten Fächer der GS nicht studiert hast, die aber später unterrichten musst. Dein studiertes Fach Geschichte hingegen würdest du gar nicht unterrichten.

  • Bei GS solltest du aber noch bedenken, dass du die beiden wichtigsten Fächer der GS nicht studiert hast, die aber später unterrichten musst. Dein studiertes Fach Geschichte hingegen würdest du gar nicht unterrichten.

    Du meinst wahrscheinlich Deutsch und Mathe? In beiden Fächern hatte ich zumindest ein paar Veranstaltungen zu den fachdidaktischen Grundlagen. Ansonsten sieht es in der Tat mau aus. :/

  • Die bisherigen Beiträge kann ich so unterstreichen.


    In der Grundschule musst du auf jeden Fall mit D oder Ma oder beidem rechnen, je nach Größe und Absprachen in der Schule. Je kleiner das System, desto mehr übernimmt man, das bezieht sich auf Unterricht, aber auch auf zahlreiche andere Aufgaben, die an jeder Schule zu verteilen sind, in einer kleinen Grundschle aber unter 4 Lehrkräften aufgeteilt werden müssen (Pausenaufsichten, Fachleitungen, alle möglichen Zusatzaufgaben).

    Für den Unterricht bedeutet es, dass man mehr Fächer hat, aber auch, dass man mehr Stunden in einer/ seiner Klasse eingesetzt ist.


    Dass man nach 4 Jahren mit den Inhalten durch ist, kann ich so nicht bestätigen, die Schulbücher wechseln (in NDS) häufig, die Klassen sind sehr unterschiedlich und die Inklusion, die ja auch in SH schon sehr weit umgesetzt ist, stellt immer neue Anforderungen, weil man Kinder unterschiedlicher Förderschwerpunkte beschult, und das Land stellt gerne die Leistungsbewertung auf den Kopf und zurück, versetzt die Schwerpunkte...


    Meines Wissens wechselt SH 2024 zurück auf G9, zeitgleich mit NRW, in dem Jahr wird es also besonders hohen Bedarf an allen Schulformen geben, NDS hat das gerade in diesem Sommer hinter sich. Da werden die Gymnasien besetzt, weil die Gym-LuL das System bevorzugen, dafür ist an GeSas Mangel, der sich auch auf die anderen Schulformen auswirken wird.

    Es erstaunt mich, dass der Mangel nur an GS hoch sein soll, in NDS herrscht seit Jahren auch Mangel in den SekI-Schulen.

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