Da gebe ich dir prinzipiell recht - allerdings gibt es Regeln, die nicht zu hinterfragen sind. Dazu gehört zum Beispiel die Vorschrift, nicht bei Rotlicht in eine Kreuzung einzufahren. Ebenso gehört auch dazu, sich in die Gesellschaft und ihre herrschenden Normen zu integrieren. Und so, wie es (hoffentlich) auch üblich ist, bei der mündlichen Maturaprüfung im Anzug und nicht in Badehosen zu erscheinen - auch wenn es Ende Juni oft schon sehr heiß ist und die Badehosen eigentlich eher anzuraten wären - so sollte es auch üblich sein, anderen (vielleicht sogar unausgesprochenen) Richtlinien zu folgen. Dazu kann (muß aber nicht) das Verbot gehören, Kappen, etc. im Unterricht zu tragen - schon allein deshalb, weil bei Vorstellungsgesprächen oder dergleichen das Tragen von Kappen in den meisten Fällen unangebracht ist. So gesehen muß man auch nicht alles hinterfragen - manches ist einfach so (gängige Norm, o.ä.), wie es ist. Dies auch in der Schule zu vermitteln, ist meines Erachtens sicherlich nicht falsch...
Das schöne an sinnvollen Regeln ist, dass man diese jederzeit hinterfragen kann und darf und mit einer sinnvollen Erklärung rechnen kann, die die Mehrheit auch einsehen wird können. Warum es nicht sinnvoll ist bei Rotlicht einfach in die Kreuzung einzufahren lässt sich problemlos, nachvollziehbar und vor allem einsehbar erläutern. Warum man zur mündlichen Abiturprüfung im Anzug erscheinen sollte dagegen nicht unbedingt. Das mag in Österreich vielleicht noch so üblich sein, was aber nicht bedeutet, dass das kein Zopf wäre, den man auch abschneiden dürfte. Ordentliche, saubere und angemessene Bekleidung zu einer Prüfung beschränkt sich schließlich nicht auf Anzug oder Kostüm, die auch später von den meisten ehemaligen Abiturient:inn:en beruflich nicht zu tragen sein werden. Ich wäre niemals auf die Idee gekommen mich derart förmlich zu kleiden für meine mündliche Abiturprüfung, auch wenn es mir wichtig war mich ordentlich zu kleiden. Im 1.und 2.Staatsexamen gab es dann- weil ich weiß, dass es unter Prüfer:inne:n immer auch Menschen geben kann, die sich übermäßig an Kleidungsfragen aufhängen und aufhalten und ich das anders als zum Abitur mit etwas mehr Resignation hinnehme, als damals noch- zumindest ein Jackett über das Shirt und frisch geputzte Schuhe. Das Ganze dann aber zur üblichen Jeans, einem üblichen Shirt (sehr bunt und vermutlich gestreift) und üblichen Schuhen (meist rot oder grün), die ich allesamt auch sonst zur Arbeit trage. Ich erwarte auch von meinen Prüflingen (9. oder 10.Klasse) nicht, dass sie im Anzug erscheinen. Und auch wenn ich die Schülerin, die dieses Jahr in Jogginghosen ankam etwas irritierend gekleidet fand persönlich, gab es die Note am Ende natürlich nur für die fachliche Leistung und hätte sich auch dann nicht geändert, hätte sie im Badeanzug vor mir gestanden. (Einen freundlichen Hinweis zu angemessener Bekleidung hätte es in dem Fall aber NACH der Prüfung durchaus gegegeben.)
Ich bin GK-Lehrerin und ich vermittle meinen SuS, dass gute Regeln und Normen solche sind, die man hinterfragen kann und darf und für die es sinnvolle, einsehbare Erläuterungen gibt. "Das war schon immer so" reicht niemals aus in einer Demokratie. SuS zur Mündigkeit erziehen zu wollen bedeutet gerade auch, ihnen dieses Recht zuzugestehen, damit letztlich auch sie sich bewusst und willentlich dafür entschieden können ein Teil dieser Gesellschaft sein zu wollen mit Regeln, die sie entweder anzunehmen bereit sind oder an deren Veränderung sie mit demokratischen Mitteln mitarbeiten wollen und dürfen. In Stein gemeißelt sind hier in Deutschland zumindest nur Art. 1 GG, sowie Art.20 GG, alles andere ist Teil unserer ständigen gesellschaftlichen Verhandlungen und darf sich insofern auch wandeln, was entsprechend offene Debatten darüber voraussetzt. Man MUSS vielleicht nicht alles hinterfragen, DARF es aber in der Demokratie und sollte sich die Mühe machen eingetretene Pfade immer mal wieder zu verlassen, um eine neue Perspektive zu entdecken. Anzug in der Prüfungssituation darf man tragen, wer das zur Sollensvorschrift erheben möchte muss eben mit entsprechendem Gegenwind rechnen, der gut, richtig und wichtig ist. Duckmäuser die brav alles schlucken was man ihnen vorsetzt braucht keiner, mündige Bürger sind etwas anderes, als das, was du beschreibst.