Chilipaprika hat schon Recht. Muttersprachler haben den Vorteil beim Wortschatzerwerb, dass sie vieles schon vom Hörensagen kennen. Fehlt noch das Schreiben und Lesen. Und Muttersprachlersein heißt nicht automatisch, dass man sich für Sprache begeistert. Es soll auch Muttersprachler geben, die in der Sprache so mittelprächtig sind, aber in Physik und Chemie voll aufgehen.
Grammatikwissen ist wie bei deutschen Muttersprachlern oft intutiv vorhanden, aber soll natürlich im Unterricht explizit gemacht werden.
Dann kommt noch Literatur und Landeskunde dazu. Bei letzterem haben Muttersprachler in der Regel schon Vorwissen, aber der Grad der Ausprägung hängt (ähnlich wie deutschsprachigen Muttersprachlern) vom Elternhaus ab. Ein Schüler, dessen Eltern aus Frankreich kommen, wird einen groben Überblick über die Eckdaten haben, aber es gibt natürlich noch weitere frankophone Regionen, die im Unterricht behandelt werden. Von komplexeren Themen wie dem Elyséevertrag mal abgesehen.
Ich hatte schon einige bilinguale SuS mit Französisch als einer der beiden Sprachen im Unterricht. Die kannten manche Wörter und Wortschatzbereiche, aber längst nicht alles, was man im Anfangsunterricht macht, auch wenn natürlich von Beginn an das Verständnis und der eigene, gesprochene Satzbau den anderen weit voraus waren.
„Intuitives Grammatikwissen“: Das geht auch vielen komplett einsprachig aufgewachsenen Bio- Deutschen im hohen Maße ab und ist bei den Franzosen nicht anders, die auch ebenso wenig wie wir Deutschen qua Pass über irgendwelches Vorwissen in Literatur und Landeskunde verfügen. Auch mit der Muttermilch saugt das niemand auf..
Rudimentäre Landeskundekenntnisse haben bisher noch alle gehabt- auf demselben Niveau, wie meine SuS, die schon ein paar Mal Urlaub in Frankreich gemacht haben. Literaturkenntnisse, die darüber hinausreichten, dass ihnen mal jemand ein französischsprachiges Kinderbuch vorgelesen hat: Fehlanzeige. Zweisprachig aufzuwachsen bedeutet schließlich nicht, dass die Kinder mehr lesen würden in irgendeiner Sprache als andere Kinder ihrer Generation.
Ich weiß nicht, welche „Eckdaten“ du dir vorstellst, dass SuS der SEK. I generell über das Land haben könnten, dessen Pass sie zufällig auch noch haben, in dem sie aber nicht leben, ich versichere dir aber, dass frankophile SuS, die mehrfach im Urlaub in Frankreich waren im Schnitt bislang noch immer deutlich mehr Fakten über Frankreich parat hatten, als meine bilingualen Hasen, die dafür aber zumindest zur Frage, wie Fest X traditionell gefeiert wird manchmal einen Schwank aus ihrer Familie parat hatten, wobei sie dann aber nicht einzuschätzen wussten, was davon auch vergleichbar in anderen französischen Familien läuft und was z.B. eine Eindeutschung ist.
Was allen gemeinsam war ist, dass sie aufgrund ihrer Vorkenntnisse massiv unterschätzen, wie viel Lernaufwand dahintersteckt, um Französisch korrekt schreiben zu können. Ich habe deshalb meist erhebliche Diskrepanzen zwischen den mündlichen und schriftlichen Noten dieser SuS (mündlich meist Noten zwischen 1 und 2, schriftlich üblicherweise zwischen 3 und 5) und zwar bis zur Abschlussprüfung.