Da hast du völlig Recht so sehe ich das auch.
Ich vermute, dass es mit der Entwicklung des Schulsystems in Bayern ganz allgemein zu tun hat. Früher gab es die strikte Dreiteilung in Hauptschule - Realschule - Gymnasium. Während das Gymnasium traditionell für diejenigen war, die später studieren wollten, bildete die Realschule die Kaufleute aus und die Hauptschule die Handwerker... stark überspitzt ausgedrückt. Die Wirtschaftsschule war schon damals eine spezialisierte Schule, man wusste einfach, dass die WS für die Wirtschaft ganz allgemein ausbildete.
In den 90ern zeigte sich, dass "alle Welt" aufs Gymnasium strömt, weil nur das Abitur eine solide Zukunft versprach. Damals stellte man fest, dass die Abiturienten keineswegs alle studieren wollten, sondern den Realschülern die Ausbildungsplätze "wegnahmen". Sicher nur anekdotische Evidenz, aber oftmals war es tatsächlich so. Gleichzeitig blutete die Hauptschule aus, niemand wollte mehr auf die HS, weil da eh bloß "die ganz dummen" SuS hingehen.
Als das Ungleichgewicht immer stärker wurde (50% der Gymnasiasten gehören eigentlich auf die Realschule, 50% der Realschüler gehören eigentlich auf die Hauptschule und 50% der Hauptschüler gehören eigentlich in ein pädagogisches Förderzentrum), kam man auf die glorreiche Idee, die Hauptschule aufzuwerten, indem man dort den sogenannten M-Zweig einführt, im Rahmen dessen man den mittleren Schulabschluss erwerben kann. Der Name "Hauptschule" wurde bei der Gelegenheit sicherheitshalber entfernt.
Ich hab' mal ein Jahr an der Mittelschule gearbeitet und die Abschlussprüfung mitkorrigiert... *hüstel* Das hat leider wirklich nichts mit der mittleren Reife der Realschule zu tun, aber mei, Papier ist geduldig.
Unseren Mittelschulen wird besonders deshalb übel mitgespielt, weil sie z.B. auch nach 2015 zum Auffangbecken für Flüchtlingskinder wurde. Es wurde verfügt, dass diese Kinder, sofern sie irgendwie beschulbar sind, alle auf die Mittelschule gehen und die KuK durften selbst zusehen, wie sie damit klarkamen.
Und jetzt kommt der neueste Clou - die Wirtschaftsschule, die wie gesagt eine sehr spezialisierte Schulform ist, wird jetzt flächendeckend 6-stufig, d.h. sie beginnt nicht mehr ab der 7. Jahrgangsstufe, sondern bereits ab der 5. und wird als gleichberechtigte Alternative zu allen drei anderen allgemeinbildenden Schulformen angepriesen. Das soll sicher für Entzerrung sorgen, ändert aber nichts an der Tatsache, dass immer noch zu viele SuS entweder aufs Gymnasium oder auf die Realschule gehen, die dort einfach nicht hingehören.
Mein Eindruck ist halt, dass das System irgendwann kollabieren wird. Mehrere kleine Schulen werden zusammengelegt, weil man so schon allein den Unterhalt fürs Gebäude spart, pädagogische Förderzentren (früher: Sonderschulen) werden dank (gut gemeinter aber schlecht umgesetzter) Inklusion "verschlankt" und der Lehrermangel, der in Bayern genauso stark ist wie anderswo (aber rhetorisch anders verkauft wird), sorgt dafür, dass die Schulbildung den Bach runtergeht.
Sorry, dass das jetzt so lang geworden ist - aber nach so vielen Jahren im Schuldienst kann ich viele Dinge, die gerade passieren, einfach nicht verstehen. Das Drama wäre vielleicht nicht abwendbar, aber zumindest minimierbar gewesen. 