Also ich bekenne, dass ich für Anglistik so gut wie gar nix gemacht habe und mit 1,3 durchs Examen gegangen bin (Fachdidaktik hats versaut 🙄). Wer gut analysieren und interpretieren kann, schwimmt easy peasy ohne großen Aufwand durch. Geografie, was ich eigentlich interessanter fand, war deutlich lernintensiver und gab im Ergebnis die schlechtere Note. Dass Mathe und Naturwissenschaften im Studium anspruchsvoller sind, würde ich niemals anzweifeln, da braucht man sich auch nichts vormachen.
Ob Naturwissenschaftler so super in Literaturarbeit sind, weiß ich nun allerdings auch nicht. Generell macht das Aufrechnen auch einfach wenig Sinn.
Der eigtl. Punkt ist ja, dass dies alles am Ende eher eine Frage des individuellen Typs und nicht eines vermeintl. objektiven Anspruchs ist, obwohl uns manche MINT-Absolventen gerne MINT-Fächer als Nonplusultra des Studienanspruchs verklären wollen.
Es gibt Menschen, die sind MINT-affin und haben auch keine eklatanten Verständnisprobleme ggü. diesen u./o. jenen geistes-/sozialwissenschaftlichen Inhalten. Es gibt Menschen, die sind MINT-affin, denen erschließen sich geistes-/sozialwissenschafltiche Themen aber überhaupt nicht. Entsprechend gibt es einerseits Menschen, die sind ggü. Geistes-/Sozialwissenschaften affin und auch in diesen u./o. jenen MINT-Disziplinen absolut fit, und andererseits auch menschen, die sind ggü. Geistes-/Sozialwissenschaften affin und haben absolut k.A. von MINT Mathe (und ich konzessiere sogar, dass dies wahrscheinl. mehr als diejenigen sind, die Ahnung haben). Und es gibt alles an Schattierungen dazwischen. Was dem einen anspruchsvoll ist, das erschließt sich dem anderen mühelos und (und umgekehrt), ist insg. eine hochindividuelle Angelegenheit.
Augenmerk möchte ich auf den Teil "wahrscheinl. mehr als diejenigen [...], die Ahnung haben" legen:
Jede Disziplin, möchte man wirklich in ihr versiert sein, braucht neben einem gewissen Maß an insg. kognitiv-intellektuellen Kapazitäten auch ein gewisses Maß an Fleiß und an (mehr oder weniger) 'stumpfer' Memorisierung (sofern man seine Disziplin nicht derart durchdrungen hat, dass die inhärenten 'Wirkmechanismen' sich auch ohne derartige Memorisierung erschließen). Ich sehe aber nicht, dass MINT ein höheres Maß an kognitiv-intellektuellen Kapazitäten (d.h. Anspruch) u./o. Memorisierung (auch d.h. Anspruch) erfordert, die Memorisierung einer mathematischen Formel ist aber wohl oftmals im minutiöseren Detail notwendig (damit sie funktionsfähig), als bspw. bei reziproken Interdependenzen sozialwissenschaftlicher Phänomene.
Ist das ein höherer Anspruch?
Ich würde dabei bleiben wollen: Es kommt auf das Individuum an. Ungenommen aber, dass wohl diese spezifischen 'Ansprüche' in einigen MINT-Disziplinen statistisch von weniger Menschen erfüllt werden, als in den Geisteswissenschaften. Das ist m.E. aber nicht das gleiche wie ein Unterschied in den Anspruchniveaus.
Ein anderer Ansatzspunkt um "Anspruch" zu definieren, wäre der Anspruch im Studium seitens der Dozenten etc., die entsprechend härter 'sieben'... das macht die Disziplin aber nicht anspruchsvoller, sondern den Selektionsmechanismus.
Gleiches gilt für den Faktor 'Zeit', der oftmals als vermeintl. Beleg für mehr Anspruch benutzt wird (bspw. hätten Geistes-Sozialwissenschaftsstudenten mehr Zeit für Partys o.ä. Unsinn - die härtesten Partys feierten bei uns die Mediziner) - d.h. die einen so, die anderen so: Meine vorlesungsfreie Zeit hätte zur Magisterzeit aus jeweils mehreren umfangreichen Seminararbeiten bestanden, inkl. umfangreicher Literaturrecherche, Durchführung von Erhebungen u.ä., hätte ich das nicht parallel in der Vorlesungszeit bereits immer angefertigt. In den Bachelor- und Masterstudiengängen sind mittlerweile zumindest an meiner alma mater die vorlesungsfreien Zeiten mit etlichen Klausuren, Praktika und Co. zugepflastert.
Aber ja, ungeachtet dessen: Ich habe mein Lehramtstudium in Englisch nach meinem (erfolgreichen) Magisterstudium der Politikwissenschaft, Soziologie und Geshcichte und nach meiner Promotion einige Jahre später als Bacherlor- und Masterstudiengang noch absolviert, zuderm noch die Fachdidaktikanteile in Geschichte nachgeholt. Nichts davon fand ich besonders ehrausfordernd, während links und rechts kräftigst ausgesiebt wurde, insb. noch beim Magisterstudiengang. Ich würde aber niemals behaupten, dass das objektiv irgendwie anspruchsloser wäre als Studienfach XYZ.
Und käme man mir so, dann könnte man problemlos die Karte Lehramtstudium vs. Magister- und Diplomstudium ausspielen, über die sich früher immer alle aufgeregt haben (obwohl dort tatsächlich die Fachwissenschaft beim Lehramt immer den Kürzeren zog).
Was btw auch oft übersehen wird: In den Geisteswissenschaften bedient man sich bisweilen auch der mathematischen Methoden der Stochastik, in unterschiedlichem Maße von Disziplin zu Disziplin, Universität zu Universität etc., aber das ist in einigen Disziplinen eigtl. obligatorisch (Psychologie; Soziologie etc.). Mithin ist Stochastik ja prinzipiell auch 'simple' Logik, was ein Teilgebiet der Philosophie (Geisteswissenschaft) ist. Insofern haben wir in diesem Bereich regelmäßig gar nicht die Dichotomie zwischen diesem (m.E. auch nicht sonderlich anspruchsvollen) Teilgebiet der Mathematik und dem gleichen Teilgebiet in den Geisteswissenschaften (das zudem auch die Anwendung stochastischen Wissens zur konkreten Datenerhebung und -analyse in bspw. sozialwissenschaftlichen Kontexten erfordert); m.W.n. ist das auch bspw. im Psychologiestudium "ein sehr häufiger Grund für Studienabbrüche" - in anderen Disziplinen wird es erst komplexer, wenn man selbst empirisch über dem Niveau simpler deskriptiver Statistik forscht, was das Gros der Absolventen nicht betrifft.