Und noch ein letzter Punkt: Wenn man noch irgendwie an eine Zukunft der eigenen Heimat glaubt, möchte man womöglich selbst dazu beitragen, das Narrativ möglichst zum Positiven zu beeinflussen, und das gelingt in der Regel vor Ort leichter als aus der Entfernung.
Das ist aus der Perspektive eines sorgenlosen, wohlgenährten Erstweltbürgers ziemlich selbstgerecht - die Hybris ist hier die Politikverdrossenheit gepaart mit Nichtwählen. Die Menschen, die fliehen, haben kein Interesse mehr daran, Dinge in ihrem Land positiv zu beeinflussen. Sie sind in der Regel in Umständen aufgewachsen, die ihnen gezeigt haben, dass das illusorisch ist.
Wir haben alle verdammtes Glück, weitgehend sorgenfrei aufwachsen zu dürfen.
Ich bin beileibe nicht dafür, jede/n hier ins Land zu lassen oder gar Deutschland als eines der Weltsozialämter zu erachten. Wir dürfen uns aber nichts vormachen, dass ein Teil des Problems die koloniale Vergangenheit ist, sowie die wirtschaftliche und politische Macht, die die USA und Europa immer noch auf die Drittweltländer ausüben, und unser Anspruch, als Gewinner der Globalisierung diese Gewinne selbstverständlich weiterhin einzufahren.
Die Entwicklung in Afrika und im Nahen Osten hat Europa maßgeblich verursacht. Es will mir auch nicht in den Sinn, wie man erwarten kann, dass bald 70 Jahre nach dem politischen Ende des Kolonialismus diese Länder bitte alle demokratisch sein sollen, ethnische Konflikte alle befriedet sein sollen und die Afrikaner, die als Vorbild nur das Recht des Stärkeren (hier der Kolonialherren) kennengelernt haben, plötzlich ihre Länder so wirtschaftlich, sozial und politisch stabilisieren, dass es dort allen Menschen so gut geht, dass niemand mehr flieht.
Viele Länder Afrikas haben meiner Einschätzung nach keine wirkliche Zukunft. Und was die Briten und Franzosen mit dem Sykes-Picot-Abkommen verbrochen haben, spüren wir ja auch heute noch.
Das bedeutet freilich nicht, dass wir jetzt die nächsten Generationen dafür bezahlen sollen. Aber es hilft schon, den moralischen Kompass hier ggf. noch einmal neu zu kalibrieren.