Krise Berufseinstieg- Abbruch?

  • Hallo zusammen,


    dies ist mein erster Beitrag hier in diesem Forum. Habe seit einigen Tagen darüber nachgedacht, mich hier mal mit anderen Lehrern auszutauschen. Denn eigentlich gehört Jammern nicht zu meinen Tugenden.
    Habe nach den Sommerferien meine erste volle Stelle als Lehrer angetreten. Mein Ref. habe ich erfolgreich vor den Sommerferien abgelegt. Also, eigentlich müsste ich mich total freuen, dass ich eine feste Stelle an einer sogar für mich tollen Schule bekommen habe. Aber seitdem ich nun die volle Stelle habe (6 Korrekturkurse + Klassenleitung+LK), habe ich das Gefühl nichts klappt mehr. Ich finde meinen Unterricht total mieserabel, auch haperts mit einigen Kursen ein wenig. Mit meiner eigenen Klasse läufts auch nicht wirklich rund. Da müsste ich viel härter durchgreifen. Doch bin ich so geschafft, dass mir manchmal wirklich die Muße fehlt, da so hart durchzugreifen. Ist wahrscheinlich Typabhängig. Während andere aufbrausen, schalte ich für mich auf Durchzug, um den ganzen Stress irgendwie zu kompensieren. Kurzum, ich glaube mir wächst die ganze Sache- vor allem die Vorbereitung- schon jetzt nach 3 Wochen über den Kopf. Da bleibt einem ja nichts mehr vom Leben. Von wegen der Prüfungsstress ist weg, jetzt beginnt ein freies neues Leben. Ich bin da eher geschockt.
    Damit ich noch irgendwie Ruhe finde, habe ich meine Unterrichtsvorbereitung auf das Wesentliche beschränkt, aber da merke ich eben in sehr vielen Stunden, dass das so nicht läuft. Mir manchmal selber das genaue Ziel fehlt.
    Jetzt habe ich zwar schon von anderen gehört, dass gerade der Einstieg ziemlich schwierig sein soll. Aber mal ehrlich, mit so viel Selbstzweifel, wie soll da noch guter Unterricht funktionieren? Ich würde am liebsten alles hinschmeißen und mich auf einen anderen Job bewerben. Ist ja nicht so, dass das hier mein erster Beruf ist. Vor dem Ref. habe ich in einem Büro gearbeitet. Da hat es ja auch super geklappt.
    Frage an euch, welche Job- Alternativen gibt es mit dem 2. Staatsexamen? Oder ist das gar nichts wert. Bleibt mir wirklich nur der Lehrerberuf?


    Vielen Dank für eure Antworten!


    Zottel

  • Gib nicht gleich auf - was du gerade durchmachst, ist VÖLLIG normal für den Anfängerlehrer.


    Du bist gerade in der Phase, in der du begreifst, dass der größere Teil der Lerninhalte des Referendariats und vor allem die Mentalität, auf die du im Referendariat konditioniert wurdest, nicht nur wenig tauglich für die Alltagsarbeit sondern sogar kontraproduktiv und schädlich ist. Das scheinst du vor allem an der Vorbereitungszeit zu merken, die offensichtlich VIEL zu lang ist und deinen Unterricht durch Überlastung de facto schlechter macht.


    Die Parameter, in denen du arbeitest, sind anscheinend auch ziemlich normal: du hast noch nicht die nötigen Routinen in der Verwaltungsarbeit, noch nicht die nötige Instinktsicherheit und Erfahrung im pädagogischen Handeln und mit Sicherheit noch nicht ein auf deinen Stil zugeschnittenes, gut ausgebautes Materialarchiv. Kein Wunder, dass der Unterricht da noch nicht so gut läuft; das legt sich mit der Zeit, ganz von alleine. Versprochen!


    Dass sie dir jetzt jede Menge Korrekturkurse und auch noch eine Klassenleitung aufgepappt haben, ist natürlich extreme Scheiße von der Schulleitung. Aber auch das passiert, ich durfte da auch durch.


    Deine Aufgabe muss jetzt sein, Gelassenheit und ein dickes Fell aufzubauen. Setze dir das Ziel, nur EINE gut vorbereitete (nach Referendarsniveau!) Unterrichtsstunde in der Woche zu haben. Mach viel Lehrbucharbeit. Traue dich, zu improvisieren. Mach eine Zeiteinteilung, die Freizeit für dich vorsieht. Vor allem, bau das schlechte Gewissen ab.


    Die ersten drei Jahre im Beruf sind ziemlich hart, aber du kannst sie dir leichter machen, wenn du dein Leben und deine Gesundheit an die erste Stelle stellst, nicht die Schule. Nach drei Jahren, wird es dann wirklich dramatisch einfacher gehen, allein schon deshalb, weil ein großer Teil der Arbeit unbewußt und automatisch im Hinterkopf abläuft.


    Kopf hoch!


    Nele

    Einmal editiert, zuletzt von neleabels ()

  • Hallo Nele,


    erst mal vielen Dank für die Antwort. Ging es dir auch so, dass die Schüler in einigen der STunden gar nicht richtig bei der Sache waren. Heute zum Beispiel, klar 7. Stunde, da hat keiner mehr so richtig Lust. Aber ich glaube nicht, dass irgendetwas da bei rausgekommen ist. Die Improvisation ist eher in die Hose gegangen. Und das schon desöfteren diese Woche - das sagt mir meine Selbstkritik. Das haben die Schüler aber schon gemerkt.
    Auch mit meiner eigenen Klasse - die hat vor 1 1/2 Jahren schon mal so eine Art Schulpsychologen gehabt, weil die Schüler sich untereinander nicht konnten und gemobbt haben. Heute zur 5. STunde sind einige der Schüler erst nach dem 2. Schellen eingetrudelt. Wie sollte ich da reagieren. Hab natürlich gesagt, dass das so nicht geht und wenn das nochmal vorkommt, werden sie die Konsequenzen daraus ziehen. Naja, ob das gewirkt hat, weiß ich nicht. Aber klar ist auf jedenfall, dass die mich nicht wirklich akzeptieren, was vermutlich auch daran liegt, dass sie zu ihrer letzten Klassenlehrerin ein unglaublich gutes Verhältnis aufgebaut hatten.
    Ist das wirklich normal, dass man anfangs meint, es klappt nichts mehr?
    Dabei waren bisher alle - sowohl Schule als auch Seminar von mir begeistert, dass ich alles so flott geregelt bekomme und ich eher so ein Macher Typ bin. Na, da ist gar nichts mehr von da. Im Gegenteil, ich kann mir derzeit nicht vorstellen, jemals sinnvollen Unterricht zu gestalten a la Schulbuch. Am liebsten würde ich alles hinschmeißen. Bei anderen Jungkollegen hat man eher das Gefühl, da läuft alles bestens. Natürlich halte ich mich da mit Jammerei zurück. Ist ja klar. Bevor die Gerüchteküche brodelt.


    Seufz

  • Hallo Zottel,


    klar ist der Anfang hart, ich habe mich im ersten Jahr unglaublich oft gefragt, was ich eigentlich im Referendariat gemacht habe, 10 Std. Unterrich kamen mir so lachhaft vor... Im Ref hat man das Gefühl nie Zeit zu haben, im ersten Jahr mit voller Stelle fängt man an sich zu sagen, dass das Ref eine nette Zeit war und man jetzt keine Zeit mehr hat.


    Mir ging es ähnlich wie dir, ich hatte null Privatleben und das Gefühl, dass mein Unterricht immer schlechter wird. Irgendwie wird das alles aber wieder. *tröst*
    Mein Tipp: Bereite dich auf schwierige Kurse (gerade auch Freitags 7. Std.) gut vor und sei konsequent bei Schülerfehlverhalten (z.B. wenn deine SuS nochmal zu spät kommen, ruf die Eltern an o.ä.). Damit vereinfachst du dir auf Dauer das Leben ungemein.
    In Kursen, die gut laufen, mach planungseinfachen Unterricht, Text im Buch lesen, Aufgaben bearbeiten, fertig oder entlaste dich durch Projektphasen, durch Lernen-durch-Lehren Sequenzen o.ä.


    Du musst jetzt Routinen entwickeln und das dauert eine Weile, aber dann wird es besser!
    Und noch was: Such dir eine Person, bei der du jammern kannst! Dann siehst du nämlich, dass du nicht alleine mit deinen Problemen bist und das hilft ungemein. Ich telefoniere noch immer regelmäßig mit meiner "Jammerfreundin", das hilft wirklich! ;)


    Viel Glück!!!

    There is a difference between knowing the path and walking the path. (Matrix)

    • Offizieller Beitrag
    Zitat

    Original von Zottel
    Bei anderen Jungkollegen hat man eher das Gefühl, da läuft alles bestens. Natürlich halte ich mich da mit Jammerei zurück. Ist ja klar. Bevor die Gerüchteküche brodelt.


    Seufz


    Neles Beitrag kann ich mich aus eigener Erfahrung anschließen. Bis auf den LK hatte ich eine ähnliche Belastung - und das bis letztes Schuljahr durchgehend.


    Was Deine Wahrnehmung der anderen Kollegen angeht, so könnte es ja durchaus sein, dass es ihnen genauso (schlecht) geht wie Dir und dass sie genauso wenig vor anderen Jungkollegen jammern - aufgrund desselben von Dir genannten Grundes.


    Dieses Gefühl, dass es bei anderen besser läuft (bzw. dass es so sein muss), ist völlig normal. Es stellt sich nach und nach eine gewisse Routine bei vielen Abläufen ein.


    Wichtig ist, dass Du zwischen wichtig und unwichtig, relevant und irrelevant unterscheiden und entsprechend handeln kannst.


    Schüler, die nach dem zweiten Klingeln reinkommen, kann man disziplinieren, muss man aber nicht - denn es gibt sicherlich gravierendere "Verstöße", für die man Kraft und Nerven benötigt.


    Hart durchgreifen muss man entweder von Anfang an machen oder man wird auf erhebliche Widerstände seitens der Schüler treffen.


    Die Kurse, wo ich von Anfang an die Peitsche rausgeholt habe, haben mich anfangs sicherlich verflucht, später waren sie froh, dass sie langfristig doch etwas bei mir gelernt haben.


    Entsprechend greife ich jetzt von Anfang an auch in meiner neuen 8. Klasse durch.


    Durch die Situationen bzw. das Gefühl, das Du beschrieben hast, müssen alle Junglehrer durch - das hilft Dir zwar akut nicht, aber es dürfte kaum jemandem signifikant anders gehen - es sei denn er/sie hat keine Korrekturfächer.


    Gruß
    Bolzbold

  • Hallo Zottel,


    hier ist noch jemand, der sich Neles Beitrag voll und ganz anschließen kann! Genauso, wie es dort steht, ist es!


    Wegen der anderen Jungkollegen:
    Es gibt immer Kollegen - egal ob gerade erst dabei oder schon altgedient -, bei denen immer alles super, gut, problemlos usw. läuft. Genau hier wäre ich dann vorsichtig. Meist haben sie die gleichen Probleme wie man selbst, geben es nur nicht zu. Wie würde man denn dann darstehen.....?! Dieses Verhalten habe ich schon im Referendariat bei Mitreferendaren bemerkt. Gut tut einem selbst sowas nicht. Also bitte nicht davon beeindrucken lassen.


    Ich selber hatte zum Einstieg zwar eine faire Unterrichtsverteilung, war aber schon nach drei Tagen soweit, dass ich kurz vor der Kündigung stand. Vorbereitungen bis nachts um halb zwei, Arbeitsblätter basteln, Stunden nochmal reflektieren, das eigene Verhalten überdenken, Konflikte mit Schülern bzw. deren Verhalten gedanklich umwälzen und ebenfalls wie Du meinen, hart sein zu müssen, ohne es in der Realität umzusetzen.


    So macht man sich aber nur kaputt.


    Ein Kollege meinte, dass erste Jahr sei am schlimmsten. Nele hat schon die Gründe dafür genannt. Was bei mir geholfen hat die 1. Stunden zu reduzieren und 2. die Zeit selbst. Zum zweiten Dienstjahr hin habe ich 3 Stunden weniger gemacht, was schon was gebracht hat. Inzwischen mache ich 20 von 25,5 einer vollen Stelle. Ok, es ist weniger Geld, aber was nützt mir ein volles Konto, wenn ich kein Privatleben mehr habe und mental fertig bin? Der selbe Kollege sagte, es gäbe nach dem 3. Dienstjahr ein Plateau, wo man schon eine deutliche Veränderung in der Belastung merken würde. Stimmt. :) Ebenso meinte er, dass man mit dem 5./.6. Jahr dann auch aus dem Schneider sei, da man dann so ziemlich alles mal unterrichtet habe. Stimmt auch. :)


    Bitte durchhalten, Neles Beitrag noch mal lesen und bitte unbedingt Neles Beitrag unter diesem Link im Forum lesen: Anti-Burn out, Reduktion Arbeitsbelastung etc. Mir hat dieser Beitrag seh viel gebracht. Es liegt ausgedruck in Reichweite auf meinem Schreibtisch.


    Durchhalten, es wird besser!


    Liebe Grüße vom
    Raket-O-Katz

  • Erstmal vielen lieben Dank für alle, die sich die Zeit genommen haben, mir zu antworten. Wenigstens stehe ich nicht alleine da mit meinen Gefühlen.
    Aber Übel ist das schon, wenn man vor lauter STress so gar nichts mehr essen kann und eigentlich nur Dauermagenprobleme hat. Da bleibt mit wenigstens der Trost, wieder abzunehmen. Das passiert da ganz von alleine.
    Ich hoffe wirklich, dass es besser wird. So geh ich da kaputt.


    Liebe Grüße


    Zottel

  • Was du beschreibst, kennen sicher viele am Anfang der Lehrertätigkeit.
    Volle Stundenanzahl schlaucht einfach ungemein.


    Ergänzent zu obrigen Ausführungen:


    Vielleicht findest du ja Leute (eben z.B. übers Internet) mit denen du du dich austauschen kannst.
    Die in dem Bereich arbeiten, wie duch auch. Die du volljamern kannst und dich verstehen.
    Die dir vielleicht Tipps für käufliche Sachen geben, oder mit denen du Materialien austauschen kannst.


    Sowas ist immer Gold wert.

  • Ich finde es aber auch von der Schule nicht gerade hilfreich, Dir gleich eine solche Kursauswahl plus Klassenleitung plus LK zu geben. Hast Du Dir das gewünscht oder war das von der Schule so angedacht?


    Bei uns ist es so, dass neue, junge Kollegen zunächst relativ einfache Kurse nehmen, die zwar unter Umständen pädagogisch schwierig sind, aber nicht den hohen Korrekturaufwand beinhalten. Meist haben junge Kollegen auch eine geringere Stundenzahl bei uns, die dann dadurch ausgeglichen wird, dass sie eine Zusatzaufgabe bekommen (welche aber meist mit einer Woche Mehrarbeit abgegolten ist). Zumindest war es bei mir so und hat mir den Einstieg sehr erleichtert. Eine Klassenleitung habe ich dann erst übernommen, als ich mich an der Schule angekommen und recht sicher gefühlt habe.



    Ich wünsche Dir Kraft.

    Man muss Partei ergreifen. Neutralität hilft dem Unterdrücker, niemals dem Opfer. Stillschweigen bestärkt den Peiniger, niemals den Gepeinigten.“

    Elie Wiesel

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Zottel,
    ich kann mich den anderen nur anschließen. Am Anfang ist man komplett überfordert. Bei mir war es allerdings so, dass ich im Ref ständig und für alles kritisiert worden bin, so dass ich da psychische Probleme bekam und auch ständig Magenprobleme hatte. Meine erste Vollzeitstelle habe ich deshalb eher als "Freischwimmen" empfunden.
    Bei mir ist allerdings das Kollegium sehr nett und hilfsbereit und wir haben auch eine unglaublich gute Schulpsychologin,die immer wieder auch Kollegen ihre Hilfe anbietet, wenn sie sieht, dass man zu arg gestresst wirkt. Oder sie stellt sich einfach an die Kaffeetheke und hört nur zu. (Ist also so eine Art "Jammerfreundin", wie Kiray es beschrieben hat)
    Denk dir auch ein paar Konsequenzen aus, die für dich einfach durchzuhalten sind, zum Beispiel, wenn die Schüler wirklich wieder zu spät kommen, behältst du sie beim nächsten Mal länger da, schließlich müssen sie ja das Versäumte nacharbeiten.
    Was mir während des Refs und auch danach geholfen hat, war der Austausch hier mit anderen Kollegen, irgendwer hat meist garantiert Ähnliches erlebt und kann dir einen Ratschlag geben.
    Halt die Ohren steif, es wird besser!
    Liebe Grüße
    Hermine

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