Schuljahresstart übermorgen - wie gehe ich mit dem Wiederholungsschüler bzw. mit dem extrem schwachen Schüler um?

  • Hallo,


    ich wusste nicht, wie ich die Überschrift besser formulieren kann...


    Also ich hatte im letzten Schuljahr eine erste Klasse (meine erste 1. Klasse überhaupt und damals neu eingestiegen nach der Elternzeit), es lief alles auch ganz gut...


    Jetzt fängt übermorgen das neue Schuljahr an und ich mache mir (vielleicht auch unnötig) Gedanken.


    1. Ich bekomme einen neuen Schüler, der die zweite Klasse freiwillig wiederholt. Wie kündige ich das den Kindern an? Ich meine, sie kennen sich ja alle, es ist ne ganz kleine Schule. Sage ich dann einfach, dass der XY jetzt auch bei uns in der Klasse ist, weil er die zweite Klasse nochmal macht, weil er noch Übung braucht? Ich will ja nicht, dass er irgendwie ausgelacht oder gehänselt wird deswegen, er soll sich in die Klasse integrieren können...


    2. Ich habe einen Schüler, der extrem schwach ist. Nach Testung durch die Beratungslehrerin kam auch raus, dass er vom IQ her in einer Fördershcule besser aufgehoben wäre. Er kann den regulären Stoff einfach nicht schaffen, zumindest nicht in dem Tempo. Nach Wunsch der Eltern sollte er eigentlich jetzt auf eine Förderschule wechseln, was aber unmöglich ist, da die Förderschule keinen freien Platz hat. :grimmig:
    Jetzt soll ich ihn anderweitig fördern, also auch leichtere Aufgaben geben. Ich muss auch den MSD beantragen, aber das dauert noch sicher ein paar Wochen und außerdem bedeutet das (wenn der erhöhte Förderbedarf festgestellt wird, was definitiv der Fall sein wird), dass ich maximal 1-2 Stunden pro Woche eine Förderlehrkraft bekomme, mehr nicht.
    Ich bin da wirklich überfordert, wie ich das machen soll. Ich meine, ich müsste für ihn nicht nur "ein bisschen" leichtere Aufgaben parat haben, sondern er müsste z.b. das Rechnen im 10er und 20er-Raum automatisieren, während die anderen jetzt dann sehr bald in den 100er-Raum gehen. Wie mache ich das denn? In Deutsch ist es auch schwierig, weil er noch nicht wirklich lesen und überhaupt nicht schreiben kann, aber in der zweiten Klasse kommt da schon Einiges auf uns zu - Rechtschreibung, Texte verfassen, usw.
    Also mein Problem ist erstens, das ich keine Ahnung habe, wie man das organisieren KANN. (Die ganze Inklusionseinführung passierte in der Zeit, als ich in Elternzeit war, so dass ich auch keine Fortbildungen zu dem Thema besucht habe.)
    Und zweitens, wenn ich ihm regelmäßig komplett andere Materialien gebe bzw. ihm andere Aufgaben stelle, wie erkläre ich das den anderen? Sie werden doch fragen, warum das so ist? Klar kann ich da sagen, dass er da noch Vieles üben muss - ...


    Verwirrte Grüße
    Ketfesem

  • Da noch niemand geantwortet hat und es ja schon um morgen geht, versuche ich es mal, obwohl ich nicht in der Primarstufe arbeiten.
    Zu 1.: Das kommt ja bei uns in der SekI auch oft vor, dass Schüler Klassen wiederholen oder von anderen Schulen kommen. In der Regel sage ich dann nichts näher dazu, sondern frage das Kind nur, wie es heißt und beziehe es sonst mit ein. Dann kann es sich aussuchen, was es selbst den Mitschülern erzählen möchte. Ich denke, das ist für das Kind die angenehmere Lösung.


    Zu 2 kann ich dir leider nicht weiterhelfen, aber ich drücke dir die Daumen, dass sich noch jemand findet, der dir da weiterhelfen kann. :)

  • Danke dir mal für die Antwort!


    Ja, "Problem 1" sehe auch als weniger problematisch an... ;)


    Vielleicht kann mir doch noch jemand etwas zum zweiten Problem raten? Wäre echt super!


    LG
    Ketfesem


  • Also mein Problem ist erstens, das ich keine Ahnung habe, wie man das organisieren KANN. (Die ganze Inklusionseinführung passierte in der Zeit, als ich in Elternzeit war, so dass ich auch keine Fortbildungen zu dem Thema besucht habe.)
    Und zweitens, wenn ich ihm regelmäßig komplett andere Materialien gebe bzw. ihm andere Aufgaben stelle, wie erkläre ich das den anderen? Sie werden doch fragen, warum das so ist? Klar kann ich da sagen, dass er da noch Vieles üben muss - ...


    Ich kann Dir keinen Tip geben, wie Du das gut machen kannst. Aber mach' Dir deswegen dennoch nicht zu viele Gedanken. Unterrichten ist ohnehin schon eine anspruchsvolle Aufgabe. An der Grund- wie auch an der Gesamtschule kommt dazu, dass die Kinder stark unterschiedlich leistungsfähig sind. Über den Umfang und leichte Modifikationen der Aufgaben lässt sich da aber schon einiges machen.


    Wenn Du jetzt aber einen Schüler hast, der leistungsmäßig völlig rausfällt, kann niemand von Dir verlangen, dass Du diesen optimal förderst und gleichzeitig den Rest der Klasse nicht vernachlässigst. Dass kann man auch nach "einer Inklusionseinführung" nicht, das kann man, wenn überhaupt, nach mehreren Jahren Erfahrung im integrativen Unterricht. Von daher musst Du zumindest kein schlechtes Gewissen haben.
    Da die anderen SuS Deinen Schüler ja schon ein Jahr lang erlebt haben, muss es gar nicht unbedingt sein, dass sie Erklärungen von Dir einfordern. Ich würde ihn aber in eine "starke Ecke" setzen, auch wenn das zunächst vielleicht kontraintuitiv ist, weil der Gegensatz dann noch offensichtlicher ist. Starke Schüler können ihm aber wahrscheinlich mehr helfen (macht man das in der zweiten Klasse schon, "Hilfslehrer" ernennen) und sie werden mit weniger Neid auf seine leichten Aufgaben gucken als die SuS, denen die normalen Aufgaben schwer fallen.

  • Den ultimativen Tipp habe ich zwar auch nicht, aber vielleicht kann ich zu "Problem2" ein bisschen aus meiner Erfahrung sprechen. In meiner 3.Klasse war auch ein Kind mit ziemlichem Förderbedarf (konnte nicht lesen, nicht schreiben (teilweise nicht mal den Anlaut) und hatte auch keine Zahlvorstellung).


    Ich würde, wenn es ums automatisieren beim Rechnen geht, ihm z.B. ein Arbeitsheft zum passende Zahlenraum geben oder entsprechende Karteikarten o.ä. Etwas was er weitgehend alleine bewältigen kann. Dann macht er in Mathe halt andere Sachen. Immer mal wieder müsstest du dann die anderen auch mal frei (an Karteien, Stationen etc) arbeiten lassen, damit du etwas Zeit hast auch ihm was zu erklären, mit ihm zu rechnen usw. Hierfür fanden sich bei mir aber auch immer sehr gerne Helferkinder. Jemand der seine Aufgaben fertig hat, hilft sicher gerne. Besonders andere schwächere Schüler haben das total gerne gemacht. Endlich konnten sie auch mal was zeigen und erklären. Es war auch nie ein Problem, dass das Kind etwas anderes gemacht hat. Klar fragten die anderen mal (vorallem bei Proben, die ich dem entsprechenden Kind vorgelesen haben und ihre mündlichen Antworten niedergeschrieben habe). Aber sie haben schnell akzeptiert, dass jeder irgendwo Schwächen und Stärken hat, und dementsprechend "unterschiedlich" behandelt wird.


    Beim Lesen und Schreiben finde ich es bedeutend schwerer. Hier könnte ein Lesepate helfen (z.B. ein Praktikant, oder Eltern). Wenn regelmäßig (z.B 1x die Woche) Eltern als Lesepaten in die Schule kommen und mit kleinen Gruppen lesen, haben alle Kinder was davon, die Eltern machen es oft gerne und es fällt nicht auf wenn der Junge auch mal ein paar Minuten (oder regelmäßig) alleine mit ner Mutter liest.


    So das waren jetzt mal meine ersten Gedanken. Vielleicht hilft es dir ja ein wenig weiter.


    primrose

  • Hallo!


    Zu 1.) Ich würde es recht wenig thematisieren, einfach das Kind vorstellen.


    Zu 2.) Ich hatte auch ein Lernhilfe-Kind und war zunächst überfordert: Wie die vorhandenen Lücken schließen?
    Mir half die einfache Aussage der LH-Pädagogin, dass er nicht lernzielgleich unterrichtet wird.


    Ganz grob: Also du hast ein gemeinsames Oberthema, zB. Herbst und überlegst, welche Ziele er erreichen muss. Wenn die anderen Kinder bereits Texte lesen, liest er eben Silben oder lernt noch Buchstaben.


    Auch finde ich die Lies-mal Hefte prima, Jojo differenziert auch prima, da gibt es spezielles Fördermaterial (sicher gibt es auch bei anderen Verlagen etwas Vergleichbares, ich arbeite aber damit).


    Ansonsten viel Material 'für die Hand' geben.


    Viele Grüße :laola:

  • Zu 2.: Ich finde die Meilensteine-Hefte ziemlich gut gemacht. Bei diesen Heften gibt es auch immer noch eine einfachere Version für schwache Schüler. Die Hefte gibt es für Deutsch und Mathe. In Mathe gibt es ein Heft zum Zehnerübergang in kleinen Schritten, weiß aber nicht, ob das vom Schwierigkeitsgrad her passt. Ansonsten finde ich Lies mal auch gut, oder Rechtschreiben 1 vom Jandorf Verlag. In diesem Heft geht es um Anlaute, Reimwörter, Groß- und Kleinbuchstaben, Silben etc. Die ersten Seiten sind wirklich ganz einfach und grundlegend, bevor es dann zu den ersten Wörtern geht.


    LG Primi

  • Hallo,


    ich wollte mich nochmal für die Antworten bedanken...


    Nach jetzt drei Schultagen muss ich sagen, dass "Problem 1" wirklich keines war/ist...


    An "Problem 2" muss ich aber wirklich arbeiten, ist alles andere als einfach. Mal sehen wie es klappt... Immerhin habe ich hier ein paar Tipps bekommen...


    LG
    Ketfesem

  • Hm, vermutlich ist in Bayern eh alles ganz anders, aber ich frag trotzdem mal: gibt es bei euch vielleicht von irgendwoher Sonderschullehrer, die man zur Beratung heranziehen könnte (wenn die Schule schon keinen eigenen hat, gibt es vielleicht die Möglichkeit von außerhalb mal einen zu "bekommen") und sei es nur, um dir Material zu empfehlen (super wäre auch, einen gemeinsamen Förderplan zu erstellen). Und hast du irgendwelche Förderstunden/ Doppelbesetzungen für die Klasse, in denen du das Kind zumindest zeitweise intensiver betreuen könntest? Ich hatte/ und habe auch immer wieder Kinder mit Förderbdarf "Lernen" in der Klasse, und versuche, das so zu regeln, dass ich für diese Kinder andere Materialien bereitstelle (selber bastel/kopiere oder auch über die Eltern anschaffen lasse) als für die anderen und immer mal wieder versuche ich , einzeln mit den Schülern zu arbeiten (und seien es 10 Minuten während der Förderstunden) um sie in das Material soweit einzuführen, dass sie dann wieder ein Stück weit selbständig weiterkommen. Extra-Stunden für diese Kinder bekommen wir hier in Berlin erst ab Klassenstufe 3!!!! Auch dann, wenn der sonderpädagoische Förderbedarf schon vorher festgestellt wurde (auch für Förderschwerpunkt "Geistige Entwicklung").
    In Mathe hatte ich für einen Schüler mal das Förderheft von "Denken und Rechnen", das hat gut geklappt, insbesondere weil immer dieselben Materialien zur Veranschaulichung genutzt wurden (Steckwürfel/Zehner- bzw. Zwanzigerfeld). In Deutsch habe ich gute Erfahrungen mit dem Material vom "ABC der Tiere" gemacht, auch da gibt es eine Förderausgabe. Insbesondere die Silbenfibel kann ich nur empfehlen!
    Bei den Heften von Jandorf (Lies mal/Rechtschreiben) muss man gucken. Die hatte ich auch schon im Einsatz und finde die generell ganz prima, weil sie sich schön"von selbst" differenzieren,ich habe aber gerade bei den Kindern mit Förderbedarf festgestelllt, dass sie die nur bis zu einem gewissen Punkt bearbeiten konnten und dann war da auch Schluss (habe die Hefte dann erstmal beiseite gelegt und zum Teil im darauffolgenden Jahr wieder hervorgeholt...). Ansonsten ist meine Lerngruppe sowieso dermaßen heterogen, dass wir gar nicht alle am selben Material arbeiten können (organisatorisch machen wir das mit unterschiedlichen Wochenplänen). Nach drei Jahren Jahrgangsmischung habe ich seit letztem Jahr zwar erstmalig eine "jahrgangshomogene" Gruppe, aber die setzt sich wie folgt zusammen (offiziell :2.Klasse) insgesamt 25 Kinder, davon 9 Kinder bereits im dritten Lernjahr.Von diesen 9 Kindern " wiederholen" 2 die 2.Klasse, 7 haben zwei Jahre den Stoff der ersten Klasse bearbeitet, unter diesen 7 ist ein Kind mit Förderbedarf "Lernen" und ein weiteres mit einer massiven LRS. Unter den anderen 13 Kindern sind auch wieder einige, die den Stoff der zweiten Klasse dieses Jahr nur teilweise werden bewältigen können und noch eine Weile den Stoff der ersten werden üben müssen: 3 Kinder, die kaum Deutsch sprechen, 2 Kinder die sich aufgrund von ADHS nur schwer konzentrieren können und 2 Kinder, die allgemein "entwicklungsverzögert" sind (Förderbedarf noch nicht festgestellt, kann aber noch kommen....). Da es in Berlin die Schuleingangsphase gibt, haben diese Kinder aber die Möglichkeit noch ein drittes Jahr zu machen, so dass ich sie auch lansamer lernen lassen kann.
    Ich finde, anders geht es auch nicht.
    Warum schreib ich das? Um zu sagen: man wächst da rein (der Witz ist nämlich: im Vergleich zur Jahrgangsmischung davor, finde ich es dieses Jahr geradezu entpannt...).
    Das Wichtigste wurde schon genannt: akzeptiere einfach, dass dieses Kind nicht dieselben Lernziele haben kann, wie die anderen und stehe dazu, dass du das Kind nur im Rahmen deiner Möglichkeiten fördern kannst. Und wenn du das zum ersten mal machst wirst du dich nach und nach schrittchenweise da reinfinden müssen.
    Ich drück dir die Daumen!
    LG icke

    "Die Wahrheit ist ein Zitronenbaiser!" Freitag O'Leary

  • Hallo,


    danke für deine ausführliche Antwort! Ja, es ist beruhigend zu hören, dass man da "reinwächst"...


    Hier in Bayern ist es so, dass dieses Kind von der Beratungslehrerin getestet wurde (IQ-Test). Auf Grund dessen wurde eindeutig eine Förderschulempfehlung ausgesprochen, Eltern wären auch absolut dafür (sehen alles sehr realistisch und wollen die bestmögliche Förderung für ihren Sohn). Er hätte zu Beginn des zweiten Schuljahres in die Förderschule wechseln sollen - nur diese ist leider voll.
    Jetzt haben wir von der Schule aus den MSD (Mobiler Sonderpädagogischer Dienst) angefordert. Das bedeutet, dass er nochmal getestet wird, wo er genau steht und wie er gut gefördert werden kann. Das wird allerdings bestimmt noch einige Wochen dauern, bis da was kommt. Und danach würde ich von der Förderschule (die diese Testung vornimmt) einen Förderplan für mich bekommen und zusätzlich maximal 1-2 Stunden pro Woche eine Förderlehrkraft. (Weiß allerdings von meiner Kollegin, dass diese Förderstunden vielleicht alle 2-3 Wochen einmal stattfinden, weil Personal fehlt.)
    Ich bekomme auch keine zusätzlichen Unterrichtsstunden, so dass ich diese Extra-Förderung so "nebenbei" hinbekommen muss.


    Schwierig ist halt auch, dass er wirklich kein Kind ist, das selbstständig arbeitet - bei ihm muss ständig jemand daneben stehen und ihn "antreiben". Also daher sehe ich es als sehr problematisch an, dass ich ihm Material zum "Selberarbeiten" gebe...


    Morgen habe ich ein Gespräch mit der Mutter, da möchte ich mit ihr besprechen, wie wir vorgehen wollen...


    LG
    Ketfesem

  • Ketfesem: Das heißt, bei euch in Bayern findet Inklusion noch gar nicht wirklich statt? Bei uns werden die Schüler eigentlich nur noch zur Förderschule geschickt, wenn sie auf einer normalen Schule zu sehr stören oder zu sehr beeinträchtigt sind. Dafür gibt es allerdings festangestellte Förderkräfte mit voller Stundenzahl an der betreffenden Schule. Das ist ja heftig, dass die dir nen Förderplan schreiben und du dann sehen musst, was du draus machst.

  • :daumenrunter:
    Ich weiß es nicht, ob das generell so ist in Bayern, aber ich befürchte es. (In unserem Landkreis läuft es wirklich so wie ich es beschrieben habe.)
    Es wird gefordert, dass man ALLE Kinder auf die Regelschulen einschulen kann, wenn es die Eltern wünschen (in meinem Fall sogar, obwohl die Eltern Förderschule befürworten würden). Von den Lehrkräften wird dann auch verlangt, dass sie es "irgendwie" hinbekommen.
    Das Einzige, außer dem MSD, sind die Schulbegleiter für behinderte Kinder, die aber kein pädagogisches Personal sind...


    Ich fände ja Inklusion von der Idee her gut und würde es auch jeden Fall befürworten - aber nicht SO!!!


    Sind denn dann die anderen Bundesländer dann wirklcih weiter in dem Punkt?

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