Paris - Und der Umgang mit den Anschlägen

  • Liebes Forum,


    ein kurzer Bericht aus meiner Schule:


    Wir hatten heute, anlässlich der Anschläge in Paris vergangenen Freitag, eine von der Schule verordnete Schweigeminute. Unser neuer Schulleiter nutzte hierfür zur Ankündigung in der 4. Stunde seine Lautsprechertaste. Der Lehrerschaft und der Schülerschaft teilte er hierrüber seine Betroffenheit aus und forderte uns auf, solidarisch um 12 Uhr gemeinsam auf dem Schulhof eine Schweigeminute einzulegen und der Opfer würdevoll zu gedenken. Die Schweigeminute, insofern man sie denn so bezeichnen darf, dauerte keine 20 Sekunden und war von vielen "Allah Akbar" Rufen unterbrochen. Der Schulleiter reagierte hierauf nicht und bedankte sich bei den Schülern und Lehrern für ihre Anteilnahme. Das Ganze wurde dann nach 2 Minuten aufgelöst (gemessen vom Zusammenkommen über Schweigeminute bis zur vollständigen Auflösung). Angesprochen auf die Allah Akbar Rufe und dem Hinweis auf die namentlich bekannten Rufer bügelte er das Ganze gegenüber den beiden Kollegen, die das angesprochen haben, ab.


    Mit dieser obskuren Aktion und der mangelnden Reaktion seinerseits ist der Mann bei mir nun untendurch. Eine sehr gute Freundin meinerseits hat in Paris ihre Schwester und ihren Schwager verloren, das vergangene Wochenende habe ich mit Trost spenden und schlaflosen Nächten verbracht. Vielleicht regt mich das Ganze nur deswegen so auf, dennoch finde ich seine Reaktion bzw. Nichtreaktion unmöglich und einem Schulleiterposten nicht angemessen.
    Ich werde dem Herren am Ende meines Referendariats an meinem letzten Schultag mitteilen, dass dies ein Ding der Unmöglickeit war und er in Zukunft bitte entweder wahre Anteilnahme vorleben soll oder es lieber sein lassen soll.



    Wie wurde das an eurer Schule gehandhabt? Gab es heute Schweigeminuten bei euch? Gab es bei euch auch solche "Allah Akbar Rufer"? Wenn ja, wie wurde damit umgegangen?

    • Nicht, wer zuerst die Waffen ergreift, ist Anstifter des Unheils, sondern wer dazu nötigt. -Machiavelli-
    • Zwei Mächte gehen durch die Welt, Geist und Degen, aber der Geist ist der mächtigere. -Napoleon-
    • In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst! -Augustinus-
  • Gehört zwar nicht direkt hier hin, ich gebe dir aber den Tipp, das Nachtreten gegenüber dem Schulleiter zu lassen.


    1. man sieht sich immer zwei Mal und
    2. das Schulamt vergisst nichts


    Und so blöd es klingt. Das ist die Aktion nicht wert.

  • scw: Der Schulleiter verkraftet das :) Will ihm ja nicht unverblühmt sagen das ich ihn für ein "Arsc*****" halte! Nur, dass ich der Meinung bin, dass das nicht gut gelaufen ist.

    • Nicht, wer zuerst die Waffen ergreift, ist Anstifter des Unheils, sondern wer dazu nötigt. -Machiavelli-
    • Zwei Mächte gehen durch die Welt, Geist und Degen, aber der Geist ist der mächtigere. -Napoleon-
    • In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst! -Augustinus-
  • SVW bitte. :wink_1: Das bin ich meinem Verein schuldig.
    Ansonsten lief es bei mir ähnlich ab wie bei dir im anderen Thread geschildert.
    Interessante Diskussion, aber bei manchen Fragen wusste ich auch keine Antwort. Das habe ich so auch gesagt. Da uns die Schweigeminute freigestellt war, habe ich darauf verzichtet da ich gemerkt habe, dass die Anteilnahme nicht wirklich vorhanden war.

  • Verordnetes und öffentlich zelebriertes "Gedenken" und "Trauern" ist in der Regel unehrlich. Darum wird es nach meiner Erfahrung von vielen Schüler auch gar nicht ernst genommen, sondern nur als willkommene Unterbrechung des Unterrichts gesehen.


    Bei uns gab es zum Glück keinen Zwang zum "Gedenken". Allen Kollegen war das selbst überlassen.

  • Das habe ich durchaus anders erlebt, sowohl z.B. beim Absturz der Germanwings Maschine als auch eben heute (das sind im Moment gerade die zwei Male, die es eine Schweigeminute gab, an die ich mich erinnere, es gab mehr, will mir aber um die Uhrzeit gerade nicht mehr einfallen). Heute hatte ich meine 8. Klasse im Unterricht und sogar die Pubertierenden haben das durchaus ordentlich durchgehalten. Ja, einer hatte Schwierigkeiten damit (ob jetzt inhaltlicher Natur oder weil es für ihn einfach eine ungewohnte, komische Situation war, auf die er erst Mal mit Übersprungshandlungen reagierte, weiß ich natürlich nicht), als er aber sah, dass alle andere das ernst nahmen, hat er sich auch sehr schnell beruhigt und ihnen gegenüber so respektvoll gezeigt, dass er sie dabei nicht gestört hat.
    Unsere SV hat auch eine Schweigeminute gewünscht (die sind aber auch insgesamt - zum Glück - sehr politisch/ Gesellschaft interessiert).


    Aber ich stimme dem TE darin zu, dass solche Rufe und Störungen eines solchen Gedenkmoments aufgegriffen werden müssten.


    Es muss nicht jeder betroffen sein. Aber es zu respektieren, dass andere ihre Betroffenheit und ihre Solidarität (es war ja europaweit zur Schweigeminute aufgerufen worden), ist das Mindeste, was man von jedem verlangen können muss.
    Übrigens auch als Schüler von Seiten des unterrichtenden Lehrers, selbst, wenn der selber das gerade nicht für angemessen hält...

    "Et steht übrijens alles im Buch, wat ich saje. ... Nur nit so schön." - Feuerzangenbowle

  • Bei uns gab eis eine freiwillige Schweigeminute und ich habe meine Schüler gefragt, ob sie die einlegen wollen, weil ich keine Lust hatte, mir das anzugucken, falls es nicht ernst gemeint war. Alle dafür und die Schweigezeit war länger als eine Minute. Und das Gespräch über Paris noch länger.
    Viele unserer muslimischen Schüler/innen liefen den ganzen Tag mit Schildchen "not in my name!" durch die Schule.


    Dafür bin ich wirklich dankbar, wenn ich von den verrohten Reaktionen einiger kids hier lese.


    Über die Reaktion des SL im Ausgangsbeitrag würde ich mit dem Personalrat reden und bitten, dass die dazu Stellung nehmen. Geht gar nicht.

    WE are the music-makers, and we are the dreamers of dreams,
    World-losers and world-forsakers on whom the pale moon gleams
    yet we are the movers and shakers of the world for ever, it seems.

  • Meine Drittklässler waren sehr verwirrt, als der Unterricht durch die Lautsprecherdurchsage mit der Ankündigung der Schweigeminute unterbrochen wurde, haben aber gespannt zugehört. Danach war erst mal ein riesen Gesprächsbedarf. Ich erklärte ihnen, warum das gemacht wird. Dann haben wir noch über die Anschläge selbst und sogar über den IS gesprochen, die Kinder wollten wissen, warum jemand so etwas tut und wie das gestoppt werden kann. Viele Kinder hatten das Spiel gesehen und somit die Explosionen gehört. Da wir aber zur Zeit Projektwoche haben, war der Unterricht für die Kleinen schon um halb 12 zu Ende und sie haben die Schweigeminute somit nicht mitgemacht.

  • Ich finde es sehr interessant zu lesen, wie an den Schulen mit den Attentaten umgegangen wird.


    Ich muss gestehen, dass ich nicht Lehramt sondern den Masterstudiengang Pädagogik mit Schwerpunkt Bildungsforschung und Bildungsmanagement an der LMU München studiere.
    Aber ich möchte in meiner Masterarbeit gern den pädagogischen Umgang mit den Terroranschlägen in Paris am 13.11.2015 aufgreifen. Für die Arbeit möchte ich erfassen: Wie wurde dieses Thema an Schulen/im Unterricht aufgegriffen? Vor welcher Herausforderung standen die Lehrkräfte? Wie reagierten die Jugendlichen auf die Geschehnisse?
    Mittlerweile kann es nicht mehr verhindert werden, dass Jugendliche und Kinder mit solchen Katastrophen konfrontiert werden. Überall hängen Bildschirme, welche die Bilder zeigen und ich denke, dass gerade im pädagogischen Umfeld der Schule hier einiges aufgearbeitet wird.
    Jetzt bin ich auf der Suche nach Lehrkräften, welche mit mir ein vertraulich und anonymisiertes Gespräch darüber führen (anonymisiert, so dass ein Rückschluss auf Personen oder Einrichtungen nicht möglich ist) Aufgrund des vorgegebenen Zeitrahmens wären Interviews im Zeitraum von März bis Mitte Mai möglich (im Münchner Umland oder per Skype/Internettelefonie). Vielleicht findet sich hier der ein oder andere, welcher über das Thema sprechen möchte und meldet sich auf diesem Wege bei mir.


    Vielen Dank, dass ich hier bereits über erste Eindrücke/Schwierigkeiten lesen konnte.

  • Meld! Via Skype dann aber und bitte dann mit ner e-Kopie der Arbeit

    • Nicht, wer zuerst die Waffen ergreift, ist Anstifter des Unheils, sondern wer dazu nötigt. -Machiavelli-
    • Zwei Mächte gehen durch die Welt, Geist und Degen, aber der Geist ist der mächtigere. -Napoleon-
    • In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst! -Augustinus-
  • Bei uns war keine Schweigeminute vorgesehen. Die Klassenlehrer sollten das intern regeln, um gerade solche Situationen zu vermeiden. Da ich selbst aus einer muslimischen Familie komme, habe ich mich mit unseren muslimischen Schülern versammelt. Mir war es wichtig mit ihnen über ihre Gefühle und Ängste zu sprechen. Viele erzählten mir, dass Sie oftmals den Eindruck haben, dass plötzlich alles gegen ihre Religion hetzt und sich die Gesellschaft spaltet.
    Für mich macht eine unvorbereitete, kollektive Schweigeminute keinen Sinn. Es besteht Redebedarf und das ist vor allem die Verantwortung der Schule.
    Am Ende des Schultages hat meine Klasse (andere Lehrer haben sich noch angeschlossen) Teelichter auf dem Schulhof aufgestellt und wir haben zusammen ein Friedenslied gesungen.


  • Mittlerweile kann es nicht mehr verhindert werden, dass Jugendliche und Kinder mit solchen Katastrophen konfrontiert werden.

    Konnte es das jemals? Und warum sollte das sinnvoll sein?

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