Ist eine gute Frage. Prinzipiell würde ich sagen ja, aber das Problem ist, dass ich eine ganz andere Sicht auf die Fächer habe, die ich für unterrichtenswert ansehe. Es gibt z.B. auch Mangel in Fächern, die aus meiner Sicht nur einen äußerst geringen Stellenwert an einem Gymnasium haben sollten (z.B. Religion, Kunst etc.)
Aus meiner Sicht sollten Fächer wie Französisch, Religion etc. stark reduziert werden und dafür Fächer wie Informatik stark ausgebaut werden.
Ich verstehe den Ansatz eines allgemeinbildenden Gymnasiums und da haben auch andere Fremdsprachen (neben dem wirklich wichtigen Englisch) und Fächer wie Kunst, Musik, Religion einen Platz. Dennoch finde ich, dass viel zu viel Zeit in Fächer wie Geschichte gesteckt wird (historisch bedingt, ist klar) und auch die zweite Fremdsprache (insbesondere Französisch) finde ich viel weniger sinnvoll als ein Fach wie Informatik. Ich kritisiere also Umfang, also die Verteilung der Kontingentstunden auf die Fächer. Aus meiner Sicht müssten SuS durchgängig 6 Stunden Mathematik und logisches Denken durch alle Jahrgänge haben. Ein Fach wie Religion könnte man so extrem kürzen und als Teilgebiet in Philosophie oder Geschichte mit unterrichten.
Während man sich in anderen Ländern damit beschäftigt Rohstoffe zu sichern und technische Innovation zu betreiben wird in Deutschland disktutiert und gelehrt, wieviele Geschlechter es gibt. Damit schafft sich Deutschland als wirtschaftsstarkes, wohlstandsreiches Land selbst ab.
Würde man den Fächerkanon so ausrichten, wie ich mir das vorstelle, dann fände ich eine Bezahlung nach Mangelstatus sinnvoll. Solange es aber Fächer gibt, für deren Ausübung man außerhalb der Schule kaum Geld bekäme, diese aber im schulischen Mangel vorliegen können, finde ich eine Bezahlung nach Mangel absurd.
Ich halte die Forderung nach einer stärkeren Gewichtung von Informatik und Mathematik grundsätzlich für nachvollziehbar. Daraus folgt jedoch nicht, dass Fächer wie Geschichte oder Geografie an Bedeutung verlieren sollten. Im Gegenteil: Wer davon spricht, dass Deutschland sich stärker mit Rohstoffsicherung, globalen Machtverschiebungen oder wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit beschäftigen müsse, beschreibt damit bereits klassische Themen der Geografie und Geschichte.
Geografie vermittelt das Verständnis für Ressourcenverteilung, Lieferketten, Energieversorgung, Migration, Demografie und geopolitische Konflikte. Geschichte erklärt, warum Staaten und Gesellschaften heute so funktionieren, wie sie funktionieren, und vermittelt die Fähigkeit, politische Entwicklungen, Propaganda, Extremismus und internationale Krisen einzuordnen. Gerade in einer Zeit von Desinformation, sozialen Medien und künstlicher Intelligenz sind Quellenkritik und historisches Urteilsvermögen keine Nebensächlichkeiten, sondern Schlüsselkompetenzen.
Zudem ist die Vorstellung eines Gegensatzes zwischen MINT-Fächern und gesellschaftswissenschaftlicher Bildung künstlich. Erfolgreiche Volkswirtschaften benötigen nicht nur Ingenieure und Programmierer, sondern auch Menschen, die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge verstehen. Technologische Innovation allein schafft weder stabile Demokratien noch kluge politische Entscheidungen.
Problematisch erscheint mir daher weniger die Forderung nach mehr Informatik als die Abwertung anderer Fächer. Wer glaubt, wirtschaftlicher Erfolg entstehe allein durch mehr Mathematik und Programmierung, unterschätzt die Bedeutung von politischer Bildung, gesellschaftlichem Verständnis und kritischem Denken. Die großen Herausforderungen unserer Zeit – von geopolitischen Konflikten über den Klimawandel bis zur Regulierung von KI – lassen sich gerade nicht rein technisch lösen.
Deshalb sollte die Debatte nicht „Geschichte oder Informatik“ lauten, sondern wie ein modernes Gymnasium sowohl technologische als auch gesellschaftliche Kompetenzen vermitteln kann. Denn ein guter Programmierer ohne Verständnis für Geschichte, Politik oder Geografie ist ebenso unvollständig gebildet wie ein Historiker ohne grundlegende digitale Kompetenzen.