Soll ich wirklich Grundschullehramt studieren?

  • Guten Tag,


    Ich bin zwar noch keine Lehrerin, hoffe aber gerade bei so einem Forum Antworten von Leuten zu bekommen, die wirklich wissen worüber sie sprechen.


    Ich bin gerade 19, habe mein Abitur letztes Jahr gemacht und stehe nun vor der Entscheidung, was ich nun studieren soll.
    Mein Wunsch war immer Psychologie, aber da ich mit einem Schnitt von 1,9 nur schlecht an den meisten Unis angenommen wurde, habe ich mir letztes Jahr vorgenommen Pädagogik oder Grundschullehramt zu studieren. Da ich aber erst Erfahrung sammeln wollte, mache ich momentan ein FSJ in Hort und Grundschule. Auch hatte ich schon ein Betriebspraktikum an einer Grundschule, was mir sehr große Freude bereitet hat.
    Ich kann gut mit Kindern, besonders mit denen der 1. und 2. Klassenstufe. Auch kriege ich von Lehrern und Pädagogen durch aus immer positives Feedback und mir wird gesagt, ich hätte ein gutes Gespür dafür, wie ich mit Kindern umzugehen habe.
    Die letzten Monate war mir daher klar, dass ich Lehramt studiere. War alles schon geplant: Sachunterricht, Mathe und Deutsch, später dann noch eine Ausbildung für Deutsch als Zweite Fremdsprache.
    Aber trotzdem hatte ich die ganze Zeit über Unsicherheiten, ob ich wirklich diesen Weg gehen soll. Was, wenn ich mein Studium fertig habe, vor den Klassen stehe, und merke, dass das auf Dauer vielleicht doch nicht meins ist? Auch kriege ich gerade von 3. und 4. Klässlern manchmal nicht den nötigen Respekt, wobei mir klar ist, dass ich als Lehrerin eine ganz andere Wirkung auf die Kinder habe und nach dem Studium ja auch noch anders an Kinder rangehe. Die meisten sagen, ich solle mir darüber garkeine Gedanken machen, man würde das auf jeden Fall lernen, aber was, wenn nicht? Gerade vor der Arbeit mit verhaltensauffälligeren Kindern habe ich irgendwie Angst, auch in der Betreuung bin ich etwas unsicher, wenn ich weiß, dass bestimmte Kinder etwas komplizierter sind - aber auch da wird mir immer gesagt, das jeder Pädagoge und jeder Lehrer mal in der Situation war, erstmal zu lernen, wie man damit klar kommt. Ich arbeite seit 6 Monaten in dem Bereich, dass ich da die Dinge noch nicht so krass kann, ist wahrscheinlich normal.
    Gerade die schulische Arbeit mit Kindern macht mir Spaß, ich mag es, Kindern Dinge zu erklären und Sachen zu erläutern, die Aufgaben durch zu gucken und mit Kindern zusammen etwas zu erarbeiten.
    Wie ihr seht, bin ich gerade in einer totalen Zwickmühle. Mir macht der Beruf wahrscheinlich Spaß, jedoch ist das Studium so einspurig und ich habe einfach Angst davor, dann mit 35 mit dem Studium da zu stehen und dann zu merken "Hey, das ist jetzt nicht das was ich noch 30 Jahre weiter machen will".
    Was würdet ihr machen? Habt ihr vielleicht Ideen und Varianten? Mir ist auch wichtig, dass ich später einen Job habe, von dem ich gut leben kann. Wie sieht es mit dem Angestellten Gehalt von Grundschullehrern in Hessen aus? Wie sehr ist man darauf angewiesen, verbeamtet zu werden?

  • Danke für die Antwort!
    Weiß man denn, wie es momentan mit den Möglichkeiten, verbeamtet zu werden aussieht? Verbeamtet wird man doch ca nach 3 Jahren, oder?

  • Guck mal hier, Hessen hat einen eigenen Tarifvertrag und damit eigene Entgelttabellen:
    http://www.neues-tarifrecht-he…_TV-H_Lehrkrafte_copy.pdf


    Ich vermute, dass GS-Lehrer E11 bekommen, somit rund 2800 brutto am Anfang.


    Warum wolltest du denn Psychologie studieren? Wenn du diesen Plan aufgibst, gibt es nachher kein Zurück mehr. Ein zweites Studium kann sich kein Mensch leisten.


    Wenns aber das Grundschullehramt sein soll: Auch mit schwierigen vierten Klassen lernt man, zurecht zu kommen. Du bist doch selber noch ganz jung, das wird schon. Auftreten, Stimme, Sicherheit usw. das kommt mit der Zeit, das kann ich dir versichern.

  • doch, man/frau kann sich ein zweites studium leisten. hab' ich auch gemacht, zweitstudium komplett, erststudium teilweise selbstfinanziert (der elternbeitrag lag um die bafög-summe). ich hatte/habe viele leute im umfeld, die zwei sachen studiert haben. das geht schon. teilzeitjob, nebenher uni.


    für die threaderstellerin: mach dir bloß keinen kopf. du bist jung, du hast schon mal in das arbeitsfeld grundschule reingeschnuppert, es hat dir gefallen - mach' dich an die arbeit, ab an die uni mit dir. wenn es gar nicht das richtige ist, kannst du in ein bis zwei jahren immer noch was anderes anfangen. auch das tun jedes jahr tausende und keiner ist gestorben. viel erfolg und vor allem viel freude dabei! sicherheit ist nichts, was man bis ins letzte planen kann.

  • ja, dass ein zweitstudium geht denke ich auch. Finanziell würde das bei uns kein sehr großes Problem darstellen, an ein Zweitstudium zu kommen ist schon schwerer. Psychologie will ich machen, weil es ein breites Berufsfeld gibt, viele Möglichkeiten und mich das Thema einfach extrem interessiert. In Psychologie sehe ich mich einfach sehr. Habe halt ausschließlich Berufserfarung in dem Bereich und irgendwie Angst, dass ich bei Lehramt irgendwann das Gefühl habe, so viele andere Dinge verpasst zu haben.

  • wenn es wirklich psychologie sein soll, du den schnitt aber nicht hast, könntest du ja solange warten/eine ausbildung machen oder im ausland psychologie studieren.


    letztlich gehört es aber auch zum erwachsenwerden dazu, zu akzeptieren, dass jeder weg, den du gehst, impliziert, dass du andere wege nicht gehst. du verpasst immer was. das ist so, und das ist nicht schlimm.

  • Zunächst mal zur Verbeamtung: Du bist 19 und hast das ganze Studium noch vor dir. Es wird dir hier keiner mit Sicherheit sagen können ob du überhaupt und wenn ja bis wann du verbeamtet werden wirst. Selbst wenn dein Bundesland regulär verbeamtet, kann es sein, dass du nach dem Referendariat keine Stelle bekommst und erstmal eine Weile als KV durch die Lande tingeln musst. Ging und geht vielen meiner jungen Kolleginnen und Kollegen leider so. D.h. auf eine Verbeamtung würde ich mich jetzt nicht versteifen...


    Allerdings, das sag ich dir ganz ehrlich, würde ich diesen Job nicht machen, wenn ich nicht verbeamtet wäre. Nicht unbedingt wegen der Vorteile des Beamtentums, sondern eher wegen der finanziellen Einbußen. Angestellte Lehrer müssen mehr Deputatstunden arbeiten und bekommen im Endeffekt deutlich weniger netto raus als ihre verbeamteten Kollegen. Und für unter 3000€ netto würde ich diesen Job nicht machen wollen.


    Nun zu deinen Zweifeln bzgl deines weiteren beruflichen Werdegangs: Keiner von uns jungen Kollegen weiß, ob er genau den Job, den er jetzt macht, bis zur Rente machen wird. Es gibt so viele Veränderungsmöglichkeiten; da hast du meines Erachtens keine Chance irgendetwas abzusehen. Wenn du mal im System drin bist, bekommst du zwar Ideen, in welche Richtungen es gehen könnte, aber meist rutscht du irgendwo ganz "unschuldig" rein. Ich bin zum Beispiel nahezu ohne mein Zutun in die Referendarsausbildung (an der Schule) gerutscht. Da könnte ich mir durchaus vorstellen, das mal am Seminar zu machen.


    Ansonsten, was die Ausübung des Berufs angeht, heißt es beim Lehrer ganz klar: Learning by doing. Wenn du dich derzeit wohl vor den Klassen fühlst und mit den Schülern zurecht kommst, würde ich mal davon ausgehen, dass sich das in diese Richtung weiterentwickelt. Was die üblichen Schwierigkeiten des Berufes betrifft (ungezogene, laute, freche Schüler, etc.) wirst du mit der Zeit Strategien finden, wie du ressourcensparend damit umgehen kannst. Die ersten drei bis fünf Berufsjahre lernt man da noch Einiges dazu.


    Ich würde dir einfach empfehlen, es zu machen. Und dann musst du auch erstmal heile durch's Studium und durch's Ref kommen, bevor du überhaupt vollwertige Lehrerin bist. Bis dahin kann auch noch so viel passieren. Keiner von uns hat eine Glaskugel, die uns die Zukunft zeigt.

  • http://oeffentlicher-dienst.in…lin-lehrer-2016i&matrix=1

    Und für unter 3000€ netto würde ich diesen Job nicht machen wollen.

    :ohh::ohh::ohh:


    Ist der Unterschied wirklich sooooo groß? Ich finde mein Gehalt ehrlich gesagt gut und denke ab und an darüber nach, wie viel (und was) die Eltern meiner Schüler arbeiten, um nur einen Teil dessen zu erhalten. Vieles davon würde ich nicht machen wollen.


    Ich bin durchaus der Ansicht, dass man auch als Angestellte vom Gehalt leben kann, wobei es natürlich ungerecht ist, weniger zu verdienen und weniger gut abgesichert zu sein. Aber da backt auch jedes Bundesland seine eigenen Brötchen. Berlin sucht derzeit auch noch Lehrer, ist eine sehr coole Stadt mit Wohnmöglichkeiten im Speckgürtel und zahlt offenbar besser als Hessen.


    Im Moment bist du 19 und wirst von den Schülern eher als "große Schwester" / "ältere Freundin" wahrgenommen vom Alter, von der Stellung ("Praktikantin") und von den Aufgaben ("mit ihnen zusammen die Aufgaben anschauen") her. Das verändert sich, wenn du älter wirst und dich als Lehrerin vor die Klasse stellst automatisch.
    An deinem Auftreten und deiner Rolle kannst du arbeiten. Wenn man sich da unsicher fühlt, kann man auch Seminare zur eigenen Präsenz / Körpersprache (wird bei uns über die GEW angeboten) belegen oder zum Auftrittscoaching gehen. Ferner kann man Classroom-Management lernen (Fortbildungen besuchen, Bücher lesen).
    Ich kann ehrlich gesagt nicht mit allen verhaltensauffälligen Kindern umgehen. Hier ist es wichtig, sich klarzumachen, dass Veränderungen ganz ganz lange brauchen und die kleinen Fortschritte zu sehen. (Ist übrigens auch bei Psychotherapiepatienten so.) Ich hätte z.B. auch Schwierigkeiten damit, mir monatelang die depressiven Gedanken, Traumageschichten oder Zwangsgedanken meiner Patienten anhören, da wäre ich auch nicht so gut drin.


    Für mich die wichtigsten Kriterien für den Beruf (möglicherweise noch nicht vollständig):
    - Freude an der Arbeit, Interesse am einzelnen Kind,
    - Fähigkeit zum Aufbauen einer Beziehung zu den einzelnen Kindern und zur Klasse,
    - leistungsfähige Sprechstimme,
    - Flexibilität,
    - Fehlerfreundlichkeit (besonders sich selber gegenüber),
    - absolute Klarheit darüber, dass du nicht die "beste Freundin" deiner Schüler bist (nennt sich "professionelle Distanz" und wird auch von Psychotherapeuten benötigt),
    - ständig (!) damit leben können, dass man die Arbeit nicht perfekt erledigen kann.

    Klassenregel Nr. 17: "Niemand lecke am Würstchen des anderen."

    Klassenregel Nr. 20: "Ich helfe anderen beim Angeln."

  • Ich wusste mit 14 schon, dass ich Lehramt Sonderpädagogik studieren würde. Und jetzt denke ich oft "hättste doch mal Psychologie..."
    Aber dann würden mir die Vorteile meines jetzigen Berufs entgehen. Ich hab so ne tolle Klasse, wenn ich denke, was für ein zusammengewürfelter Haufen das mal war! Die die am lautesten die Türen geknallt haben verteidigen jetzt neue Schüler auf dem Hof und die, die am lautesten gepöbelt haben, fassen langsam Vertrauen in sich, dass sie etwas können und stellen ihren eigenen, entdeckten Rechenweg an der Tafel vor.


    Als Schulpsychologe schreibt man ständig Gutachten über Kinder, die man einmal im
    Leben sieht. Aber Spaghettikochen, Popsongs schreiben, den Zahlenraum und den Weltraum entdecken, das macht man in der Schule.


    Und die ganze Statistik hätte mir wohl das studentische Genick gebrochen :whistling:
    Aber wenns dein Traum ist, dann warte drauf. Umsatteln kann man notfalls immer noch. Ich könnte es mir definitiv nicht leisten- Familie, Kinder, Bafögschulden... aber wenn du das Geld hast, go for it!

Werbung