Deutschland verdummt, Schüler auf dem Niveau von Kleinkindern

  • Auf dem Niveau von Kleinkindern? Mhm. Aus irgendeinem Grund muss ich da an die arrivierten Babyboomer denken. Weiß auch nicht warum...

  • Die Frage ist doch aber berechtigt, warum wir Lehrer diesen pädagogischen Mist, wie z.b. das selbstbestimmte Lernen mitmachen.


    "Das Konzept des offenen Unterrichts, in dem Kinder sich selbst aussuchen sollen, welche Aufgaben sie bearbeiten möchten, verurteilt der Facharzt scharf: „Vor die Wahl gestellt, suchen sich Kinder das aus, was sie schon können“, weiß er – eben genau so, wie Erwachsene auch."

  • Die Frage ist doch aber berechtigt, warum wir Lehrer diesen pädagogischen Mist, wie z.b. das selbstbestimmte Lernen in Lernbüros mitmachen.

    Die Antwort liegt doch auf der Hand: Wer sich in Deutschland nicht der gerade hippen, politisch vorgegeben Mehrheitsmeinung bedingungslos unterwirft, wird ausgegrenzt und diffamiert. Das gilt natürlich insbesondere auch im pädagogischen Bereich.


    Gruß !

  • Nee, ich habe nicht "geschimpft". Ich habe nur festgestellt und etwas ironisiert (was man im Internet aber immer schlecht erkennen kann).


    Gruß !

    Mikael - Experte für das Lehren und Lernen

  • Ich finde die Ausführungen des Autors ja doch reichlich wirr. Da werden eine Menge Aspekte des Themas ganz schön durcheindandergeworfen. Z.B. liest es sich eingangs noch so als läge es vor allem an den Schulen, im Verlaufe des Artikels scheint es aber dann doch mehr um die vorschulische Bildung zu gehen.
    Grundsätzlich kann ich viele Argumente nachvollziehen, andere sind mir zu undifferenziert und was ich wirklich überhaupt nicht verstehe ist, wie man den Einfluss von elterlicher Erziehung so komplett ausklammern kann...

  • Ich frage mich allerdings, wer bei Textverständnis hier immer auf dem Holzweg ist ... ich kann erneut nicht erkennen, dass wieder einmal die Lehrer zum großen Teil schuld sind. Denn


    "Ich fordere die Umstellung, dass wir Lehrer wieder als Lehrer sehen, dass Erzieher wieder Erzieher sind. Die können wir sofort machen, die kostet noch nicht mal Geld. Aber wir müssen, wenn uns die Kinder wichtig sind und wir als Gesellschaft Menschen haben wollen, die so leben können wie wir, investieren. Ich brauche in der Grundschule auf 15 Kinder zwei Lehrer oder einen Lehrer und einen Erzieher. Ich brauche das auch in der Nachmittagsbetreuung in der Offenen Ganztagsschule, da ist der Schlüssel aktuell 1:25 und diese Person ist oft noch nicht mal Erzieherin."


    "Die Schulen wurden in den letzten 20 Jahren kaputtreformiert, die Lehrer können nicht mehr. Auf die wahren Probleme schaut man nicht, dass wir, wie es bis 1995 noch war, nicht mehr darüber verfügen können, dass alle Kinder eine Schulreife mit sich bringen. Damals wollten die Kinder in die Schule, waren lernwillig, wissbegierig und haben auch Dinge gemacht, zu denen sie keine Lust hatten, üben, Hausaufgaben etc. Und heute haben die Lehrer einen großen Teil von Schülern da sitzen, die Kleinkinder geblieben sind und sich nicht haben entwickeln können. Wir haben an den Bedürfnissen der Kinder vorbei ein ganzes Bildungswesen auf den Kopf gestellt."


    Das hat doch nichts mit den Lehrern an sich zu tun, sondern mit dem, wie die Gesellschaft / das System Schule sie haben will und unter welchen Bedingungen sie arbeiten.

  • Sehe ich auch so. Er sagt doch deutlich, dass die Lehrer nicht schuld sind:
    "Die Veränderung des Bildungswesens kommt ja nicht von Lehrern oder Eltern, sondern ist eine Idee der OECD und von Ideologen gewesen und über die Bildungspolitik von oben nach unten durchgedrückt worden."

  • Klar, aber das "System Schule" zieht ja auch zu einem Großteil genau diejenigen an, die die Entwicklung seit den 90er-Jahren unterstützen und gut finden... welcher klar denkende junge Mensch mit "marketable skills" wird denn heutzutage noch Lehrer? Höchstens ein paar Idealisten, aber das ist gleich wieder ein ganz anderes Problemfass...


    Und dass seine Forderung nach "zwei Lehrkräfte für 15 Schüler" völlig unrealistisch ist mangels qualifiziertem Personal (nein, dass "fehlende Geld" ist es wirklich nicht (mehr), wenn man so ansieht, für was alles unsere Regierungen auf Bundes- und Landesebene auf Zuruf Dutzende von Milliarden Euro heraushauen und trotzdem noch Rekordsteuerüberschüsse einfahren), weiß er wahrscheinlich selber. Lässt sich aber gut fordern, so aus der Ferne, und (fast) jeder wird wohl nickend zustimmen...


    Gruß !

    Mikael - Experte für das Lehren und Lernen

  • Betrachtet der Psychiater eigentlich die gesamte Schülerschaft (z.B. eines Jahrgangs) - oder nur diejenigen, die als "Fälle" beim ihm ankommen?
    (Ich traue ja nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe...)

  • Er sagt:
    "Ich befasse mich nicht mit den 50 Prozent der Heranwachsenden, die super gelungen sind und bestens ins Leben gehen können. Ich bin als Arzt damit befasst, wenn etwas nicht stimmt. Und bei den anderen 50 Prozent haben wir etwas versäumt und darauf mache ich aufmerksam."

  • Schuld an was eigentlich? Eingangs beschreibt er einen Fall aus seiner psychiatrischen Praxis und schließt daraus, dass unsere Gesellschaft den Bach runtergeht. Dass man einen verschobenen Blick auf die Realität bekommt, wenn der Alltag aus Anormalität besteht kann ich gut nachvollziehen. Aber wenn man als Facharzt ein Buch schreibt, sollte man schon ein paar belastbare Zahlen haben.

  • Er sagt:
    "Ich befasse mich nicht mit den 50 Prozent der Heranwachsenden, die super gelungen sind und bestens ins Leben gehen können. Ich bin als Arzt damit befasst, wenn etwas nicht stimmt. Und bei den anderen 50 Prozent haben wir etwas versäumt und darauf mache ich aufmerksam."

    Da würde mich in der Tat auch mal interessieren, wie er auf die 50% kommt.

  • Schuld an was eigentlich? Eingangs beschreibt er einen Fall aus seiner psychiatrischen Praxis und schließt daraus, dass unsere Gesellschaft den Bach runtergeht. Dass man einen verschobenen Blick auf die Realität bekommt, wenn der Alltag aus Anormalität besteht kann ich gut nachvollziehen. Aber wenn man als Facharzt ein Buch schreibt, sollte man schon ein paar belastbare Zahlen haben.


    Hallo Krabappel,


    er erwähnt schon einige Studien, aber die Eindrücke aus seiner psychologischen Berufspraxis dominieren das Interview zweifelsohne. Insgesamt kommt mir das arg dramatisierend vor, was bei solchen Artikeln aber auch eher die Regel als die Ausnahme darstellt.


    Dass Bildungspolitik häufig ideologisch motiviert ist und zu wenige Lehrer für zu viele Schüler zuständig sind, wurde schon oft festgestellt und ist auch nicht neu unterm Sternenhimmel. Interessant fand ich die Aussagen zu Einzelfällen seiner Praxis, aber hier ist die Frage berechtigt, inwiefern eine Verallgemeinerung zulässig sein kann. Auch die These mit der psychologischen Reifung, die durch ein strukturgebendes Gegenüber (meine Worte) erst ermöglicht wird, ist interessant und klingt plausibel, aber auch hier bleiben genügend Fragen offen.


    Ich persönlich denke, dass das menschliche Hirn schon recht viel Murks von Seiten der Pädagogik kompensieren kann, also nicht gleich verdummen wird, nur weil sich die Schule als Institution derzeit in einer schweren Selbstfindungskrise befindet.


    Vorteil davon ist immerhin, dass wohl noch nie zuvor so kontrovers und rege über Bildung diskutiert wurde als derzeit der Fall. Sogar ein ausgewiesener Experte für Physik fühlt sich berufen, seinen Standpunkt (unser Schulsystem sei "Mist") als Laie lautstark popularisierend kundzutun. Da ist es doch nur recht und billig, wenn ein Psychoanalytiker auf den Zug aufspringt und es gleichtut. ;)


    der Buntflieger

  • Ich persönlich denke, dass das menschliche Hirn schon recht viel Murks von Seiten der Pädagogik kompensieren kann, also nicht gleich verdummen wird, nur weil sich die Schule als Institution derzeit in einer schweren Selbstfindungskrise befindet.

    Vor allem denke ich, dass Kinder die von zu Hause aus genug mitbekommen (also: Stabilität, Zuwendung, Werte...) eine Menge kompensieren können. Aber seine Aussagen zur Rolle der Eltern verwirren mich wirklich am meisten:


    "Natürlich gibt es Eltern, die die Möglichkeit haben, sich die Zeit für die Kinder zu nehmen. Es gibt Eltern, die es als wichtig erachten, die Schulleistung zu begleiten. Es gibt auch Eltern, die es sich finanziell leisten können, besonders für sich und ihr Kind zu sorgen. Aber da reden wir von privilegierten Ausnahmen."


    Das halte ich, mit Verlaub, für Unsinn. Das klingt ja so, als wäre gute Kindererziehung eine Art Luxus, der nur mit überdurchsschnittlich viel Zeit oder finanziellen Mitteln funktioniert. Und alle, die das nicht haben, können das gar nicht und können auch nichts dafür, wenn es nicht klappt....


    Auch schön, das hier:
    "Ein 15-Jähriger aus Berlin, top erzogen, ausgezeichneter Schüler am Gymnasium, beschimpft seine Mutter mit den übelsten Schimpfworten, wenn er seinen Willen nicht kriegt."


    Also mal ehrlich: was genau versteht er unter "top erzogen" ???
    Wenn Kinder so mit ihren Eltern umgehen, liegt das nicht in der Verantwortung von Kindergarten oder Schule. Da ist ganz klar zu Hause einiges schiefgelaufen.

  • Vielleicht liegt es am Alter ... ich glaube, die "positive" Schülergeneration von der er spricht, auch noch erlebt zu haben. Und ich sehe sehr ähnliche Entwicklungen wie er, wenn ich die Schüler meiner jetzigen Oberstufenkurse mit denen vergleiche, die ich so 2004/05 herum hatte. Natürlich sind in den heutigen Kursen immer noch hervorragende Leute drin, aber eben auch mehr von denen, über die er so mit Sorge redet.


    Ich fühl mich von dem, was er sagt, in vielen Punkten durchaus angesprochen.


    Der Autor sagt (und er meint diese Aussage nicht positiv): "Es ist gewollt, dass die Kinder auf sich gestellt sind." Genau dieses "auf sich gestellt" wird mir aber zu stark an der Schule gepredigt. Gruppenarbeiten, Partnerübungen, der Lehrer als Coach, selbst-entdeckendes Lernen - alles gut, hat seinen Platz. Aber nicht als DAS neue, allein selig-machende Allheilmittel. Ich find Eigenverantwortung gut, aber die muss man auch lernen (können) und mit zu viel überfordert man Schüler (vor allem in der Unter- und Mittelstufe).



    Dass das menschliche Hirn viel Murks kompensieren kann, denke ich auch - aber nur, wenn es Alternativen für den Murks bekommt ... bzw. eine andere Pädagogik noch erlebt hat. Und immerhin murksen wir so seit ca. 15 Jahren herum ...



    Und zu Erziehung:
    - im Thread zur Ganztagsschule kommt doch ab und zu der Hinweis, dass manche Eltern sich nicht ausreichend um die Kinder kümmern könnten, weil sie arbeiten müssten (also liegt es da am Geldbeutel)
    - ich finde schon, dass gute Erziehung Zeit für und mit dem Kind erfordert ...


    aber richtig, hier ist er doch etwas oberflächlich.



    Nur: wir haben inzwischen die ersten Eltern, die als Kinder die negativen Entwicklungen, die er anspricht, selbst "erlitten" haben ... wenn er Recht hat (und auch nur im Ansatz) brauchen wir uns über unsere (zukünftigen) Schüler doch dann wirklich nicht mehr wundern.

  • Das liest sich doch so, als sei "früher" alles besser gewesen (Schule und Schüler und Unterricht und Erziehung und ...). Dazu mal zwei "Anekdötchen":
    Zum einen beschweren sich Schüler ab der 9. Klasse aufwärts immer wieder mal über die "frechen" 5.-Klässler. Und die Älteren sind sich sicher "SO waren wir früher nicht!" (Doch, ihr wart genau so & es gibt noch genug Lehrkräfte, die sich an eure Eskapaden erinnern.)
    Zum anderen klagte unser Hausmeister mal darüber, dass die Abiturienten eigentlich zu früh die Schule verlassen. Kaum hat man sie erzogen und es "läuft" mit dem Benehmen etc., gehen die schon wieder und man muss mit den "Kleinen" wieder von vorn anfangen.

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