Die Gemeinschaftsschule in Sachsen (Kl. 1-12) kommt

  • @Buntflieger: Was sagen denn die Bürger (insbesondere eure Eltern) zu dieser Handhabe des Sek I-Schulsystems in BW? Zufrieden oder weniger? Könnte es Grund genug sein, die Grünen bei der nächsten Wahl abzuwählen? Ich meine, dass Unzufriedenheit mit der Umsetzung von Inklusion bei der letzten NRW-Wahl zum Wechsel von SPD zu CDU führte...


    Umfragen dazu sind mir nicht bekannt, auch so habe ich eher den Eindruck, dass vor allem betroffene Lehrkräfte Kritik ausüben und weniger die Eltern; schließlich haben die Kinder auf der Gemeinschaftsschule die Möglichkeit, ein vermeintlich leichteres Abitur zu erhalten.


    Problematisch finde ich übrigens nicht die Idee der Gemeinschaftsschulen selbst, sondern den Rigorismus bei der Umsetzung. Prinzipiell ist die Idee wunderbar, dass SuS möglichst aus eigenem Antrieb heraus lernen können sollten und man hierzu entsprechende Schulformen bereitstellen muss - sofern Grund zur Annahme besteht, dass SuS in relevantem Ausmaß über diesen Antrieb verfügen könnten oder würden.


    Bislang war es so, dass die Schulzeit dazu diente, SuS in z.T. schwierigen bis schwierigsten Lebensabschnitten (z.B. Pubertät) trotzdem qua extrinsischer Motivation zu Bildung und (Selbst)Disziplin anzuleiten, damit sie später selbständig lernfähig (Studium, Ausbildung) werden. Es gab auch schon immer eine Minderheit von SuS, die diese Selbständigkeit vorzeitig ausgebildet hatten und/oder zu begabt waren und für die das allgemeine Schulsystem eher eine Belastung darstellte, da sie hier die notwendigen Freiheiten und Entwicklungsmöglichkeiten nicht zur Verfügung hatten.


    Großes Aber meinerseits: In der Regel läuft es vielfach nicht so ab. Die überwiegende Mehrheit der Kinder/Jugendlichen braucht eine klare Struktur und Erwachsene, an denen sie sich positiv wie negativ ausprobieren und abarbeiten können. Also Autoritätspersonen im eigentlichen Sinne. Die können mit unverbindlichen Lernbegleitern und selbständigen Lernangeboten nicht allzu viel anfangen.


    Wenn solche Angebote vermehrt in der Oberstufe zur Wahl stehen, ist das was gänzlich anderes, als einem - als Beispiel - pubertierenden 14-Jährigen (beide Geschlechter sind gemeint) die Wahl zu lassen, wie er seine Lernwoche eigenverantwortlich gestaltet.


    Das ist die pädagogische Seite, die schon nicht unproblematisch ist, wenngleich ich nicht davon ausgehe, dass junge Menschen allein auf Grund suboptimaler Beschulung gänzlich im Leben scheitern werden; die meisten werden ihren Weg so oder so machen.


    Die andere Seite ist die der Rücksichtslosigkeit gegenüber denjenigen Menschen, die solch "fortschrittliche" Konzepte umsetzen müssen (in der Regel findet das nicht freiwillig statt). Die fehlenden Rahmenrichtlinien und die schiere Unmöglichkeit, den gesetzten Idealen in der Praxis gerecht werden zu können, wiegen meines Erachtens noch weit schwerer als die genannten pädagogischen Probleme.


    Um damit den Bogen zur Politik zu lenken: Ich schrieb schon woanders, dass ich eine Politik, der das Wohl der Lehrpersonen im Grunde - salopp gesagt - wurscht zu sein scheint, nicht länger unterstützen möchte. Entsprechend orientiere ich mich gerade um, obwohl ich langjähriger SPD-Wähler bin (bzw. war). Es ist schade, dass allein die missratene Bildungspolitik eine solche Entscheidung nährt (obwohl die SPD derzeit ohnehin mehr und mehr an Profil verliert, aber das ist ein anderes Thema).

    Einmal editiert, zuletzt von Buntflieger ()

  • Fakt ist, dass eine großes Intetesse in der Bevölkerung dafür vorhanden war. Also sicher viele Nichtlehrer (aber auch die GEW) und eben Eltern, die ja nun eine nicht unwesentliche Rolle im Bereich Schule spielen.

    Nun, der SLV nicht!


    Und bei dem Ruf nach einer Gemeinschaftsschule werden wohl viele hier das alte Schulsystem vor Augen gehabt haben, was ja mit der aktuellen GS nichts zu tun hat.

  • EIne Gemeinschaftsschule kann im Prinzip durchaus funktionieren - vor allem dann, wenn sie nicht in direkter Konkurrenz zum mehrgliedrigen Schulsystem steht.
    Die amerikanischen High Schools stehen natürlich nicht für exorbitant hohes Niveau, aber letztlich bieten sie in vielen Fächern eine vier- oder fünffache Differenzierung der Leistungsniveaus. Abhängig vom Level des Kurses gibt es entsprechend viele (oder wenige) credit points, die in ihrer Gesamtheit dann zu einem Schulabschluss und ggf. einem Platz an einem College oder einer Universität führen.
    Solange wir in weiten Teilen der bundesdeutschen Gesellschaft ein Klassendenken als moderne Fortsetzung des Standesdenkens haben, werden wir das flächendeckend nicht erleben.


    Was ich problematisch finde, ist, dass uns weder ein Klassendenken der Konservativen (Dreigliedrigkeit) noch der Egalitarismus der Sozialdemokraten und Sozialisten (Gemeinschaftsschule) weiterhelfen - leider aber ebenso wenig eine Kombination aus beidem, wie wir in der aktuellen Bildungslandschaft vorfinden.


    Vielleicht wäre die Dreigliedrigkeit innerhalb einer Gemeinschaftsschule, d.h. Differenzierung auf drei Niveaus innerhalb der Schule eine Lösung. So separieren und selektieren wir nicht mehr, wir haben Schüler aller sozialen Schichten an einer Schule, schließen somit niemanden vom Bildungserfolg aus, denn jeder könnte bei entsprechender Leistung Abitur machen ohne die Schule zu wechseln. Dafür bräuchten wir aber Schulmoloche von 2000+ Schülern, um die Differenzierung effizient zu organisieren - und streng genommen das Verbot (kommerzieller) Privatschulen, damit die "Elite" nicht aus dem System herauskaufen kann. Müsste man nicht befürchten, dass so etwas im Falle einer Umsetzung wieder an zu wenig Geld für Personal, Ausstattung und Logistik scheitert, könnte ich mich als Gymnasiallehrer tatsächlich mit einer solchen Schule anfreunden.

  • Aktuell kann auch jeder Schüler unabhängig seiner Herkunft entsprechende Abschlüsse erwerben. Je schwieriger die Herkunft, desto weniger kann er sich auf externe Faktoren (z.B. Nachhilfe) beziehen, dann muss die Motovation stärker intrinsisch erfolgen. Das wäre aber auch an der Gemeinschaftsschule so. Ich selbst komme aus einem Nichtakademikerhaushalt, hatte in der Grundschule Freunde mit Haupt- oder Realschulempfehlung, ging dann später auf das Gymnasium, was nie ein Problem war. Ich wusste früh, dass Bildungserfolg für Erfolg im Leben entscheidend ist - und um zu dieser Erkenntnis zu kommen, ist jeder Schüler fähig, auch in Halle-Neustadt oder Dortmund-Nordstadt. Wer darauf keinen Bock hat, ist selbst Schuld - nicht das soziale Umfeld oder das Schulsystem.


    Mit freundlichen Grüßen

  • EIne Gemeinschaftsschule kann im Prinzip durchaus funktionieren - vor allem dann, wenn sie nicht in direkter Konkurrenz zum mehrgliedrigen Schulsystem steht.
    Die amerikanischen High Schools stehen natürlich nicht für exorbitant hohes Niveau, aber letztlich bieten sie in vielen Fächern eine vier- oder fünffache Differenzierung der Leistungsniveaus. Abhängig vom Level des Kurses gibt es entsprechend viele (oder wenige) credit points, die in ihrer Gesamtheit dann zu einem Schulabschluss und ggf. einem Platz an einem College oder einer Universität führen.
    Solange wir in weiten Teilen der bundesdeutschen Gesellschaft ein Klassendenken als moderne Fortsetzung des Standesdenkens haben, werden wir das flächendeckend nicht erleben.

    Die äußere Differenzierung in den USA findet nicht innerhalb einer Schule statt, sondern primär zwischen den Schulen.
    Im Gegensatz zu Deutschland geht dort die Differenzierung nach dem High School Abschluss sogar noch weiter: wer an einer Ghetto High School den Abschluss gemacht hat, hat in der Regel gar nicht die fachlichen Voraussetzungen, um in ein gutes College zu kommen. Da bleiben dann nur (je nach Region auch nur die schlechteren) Community Colleges. Wer in Deutschland nach der Realschule auf einem Wirtschaftsgymnasium das Abitur mit 4.0 schafft, kann aus vielen hervorragenden Universitäten wählen und die Karten meu mischen.

  • ... Je schwieriger die Herkunft, desto weniger kann er sich auf externe Faktoren (z.B. Nachteile) beziehen, dann muss die Motovation stärker intrinsisch erfolgen.

    Vielleicht mal gesamtgesellschaftlich gesehen und weg vom "selbst Schuld": können wir es uns leisten, dass Jugendliche keinen Bock haben und ohne Abschluss von der Schule gehen?


    Außerdem haben über 50.000 Bürger*innen unterschrieben, das Interesse ist offenbar vorhanden.


    Wäre cool, wenn die GEW jetzt eine Stellungnahme verfassen würde, wie eine Gemeinschaftsschule laufen müsste. Vielleicht kann man sich noch gewerkschaftlich einmischen...

  • Man kann zumindest Jugendliche nicht dazu zwingen, Bock auf die Schule zu haben. Ich denke, dass gerade in den Brennpunkten sich die Lehrer noch einmal doppelt Mühe geben, dass ihre Schützlinge erkennen, warum es Sinn machen könnte, in der Schule mitzuarbeiten und aufzupassen, aber am Ende ist jeder für sein Schicksal verantwortlich und entweder man nutzt es oder eben nicht. Ich weiß, dass es hart ist, wenn man aus einer Hartz-IV-Familie mit wenig familiärer Unterstützung kommt und sich mühsam nach oben kämpfen muss. Vor solchen Leuten habe ich mega Respekt, nicht jedoch vor "keinen Bock"-Jugendlichen... Daran wird aber auch eine Schulreform nichts ändern, da die innere Einstellung nicht von externen Faktoren abhängt.

  • Doch, die innere Einstellung hängt auch von äußeren Faktoren ab. Da beginnt die Prägung schon sehr früh im Leben.
    Dazu kommt, dass Lehrpersonen auf Schüler aus prekären Verhältnissen so anders und abgehoben wirken (Habitus, Sprache und ja - auch Aussehen), dass sie sie allein deshalb ablehnen. Wenn dann dazu noch entsprechende Bemerkungen der Eltern und eine antrainierte Resignation dazukommt und eine Peergroup, die Leistung verachtet, wird es mit der Motivation sehr, sehr schwer. Da muss man dann schon einen sehr dicken Sturkopf und ein dickes Fell haben, um sich davon abzugrenzen (denn man gehört dann nicht automatisch zu den "anderen". Die nehmen einen nämlich nicht automatisch als einen von ihnen wahr.)

    Dödudeldö ist das 2. Futur bei Sonnenaufgang.

  • Natürlich hängen Bildungschancen auch von externen Faktoren ab. Dass Schule keine Wunder vollbringen kann oder gesellschaftliche Missstände löst ist mir bewusst. Genauso ist es aber vereinfacht zu sagen, dass jede*r Jugendliche auf sich selbst gestellt sein sollte. Und damit meine ich nicht, dass jemand einen höheren Bildungsabschluss als seine Eltern erzielt, oder von Hartz-IV lebt, sondern gravierendere Entwicklungshemmnisse, etwa Eltern können nicht lesen, nicht beim Lernen helfen, keine Bücher im Haushalt, kein PC mit Internet usw.


    Soll ich dir erzählen, wie viele Eltern an sächsischen Grund- und Oberschulen die Aufgaben (z.B. "komplexe Leistungen") ihrer Kinder erledigen? Zähneknirschend aber sie erledigen. Und zwar deswegen, weil es keine Aufgaben sind, die die Kinder alleine machen können. Jaja ich weiß, hier im Forum gibts nur gut vorbereitete Kollegen. Im real life wird aber einiges an Arbeit nach Hause verlagert. Und darunter leiden alle Bildungsverlierer*innen, in Verantwortung von Schule.


    Allerdings wäre es da wie gesagt schon hilfreich, wenn Oberschulen endlich ordentlich mit ausreichend (ausgebildeten) Lehrkräften versorgt würden.

  • ... und eine antrainierte Resignation dazukommt und eine Peergroup, die Leistung verachtet, wird es mit der Motivation sehr, sehr schwer. Da muss man dann schon einen sehr dicken Sturkopf und ein dickes Fell haben, um sich davon abzugrenzen

    so ist es. Und ich vermute, dass kaum einer von uns (ich komme auch nicht aus "gutsituierten" Verhältnissen) das nachvollziehen kann. Die meisten von uns waren nunmal auf dem Gymi und Noten haben irgendeine Rolle gespielt, Interesse an uns und unseren Wünschen und Problemen war zumindest minimal vorhanden.

  • Aktuell kann auch jeder Schüler unabhängig seiner Herkunft entsprechende Abschlüsse erwerben. Je schwieriger die Herkunft, desto weniger kann er sich auf externe Faktoren (z.B. Nachhilfe) beziehen, dann muss die Motovation stärker intrinsisch erfolgen. Das wäre aber auch an der Gemeinschaftsschule so. Ich selbst komme aus einem Nichtakademikerhaushalt, hatte in der Grundschule Freunde mit Haupt- oder Realschulempfehlung, ging dann später auf das Gymnasium, was nie ein Problem war. Ich wusste früh, dass Bildungserfolg für Erfolg im Leben entscheidend ist - und um zu dieser Erkenntnis zu kommen, ist jeder Schüler fähig, auch in Halle-Neustadt oder Dortmund-Nordstadt. Wer darauf keinen Bock hat, ist selbst Schuld - nicht das soziale Umfeld oder das Schulsystem.


    Mit freundlichen Grüßen

    Wie schön für Dich. Wäre diese Erkenntnis allen gegeben, dann würden alle Schüler aufs Gymnasium gehen. Auch wenn Du "einer von ihnen bist", solltest Du Dich nicht im Nachhinein hinstellen und alle diejenigen verurteilen, die nicht früh zu dieser Erkenntnis gelangt sind - es gibt genug Jugendliche am Gymnasium, die das selbst auch noch nicht begriffen haben.


    Diese Erkenntnis kommt nicht aus einem selbst heraus. Es bedarf einer gewissen Erkenntnisfähigkeit und bestimmter Grundwerte wie Fleiß, Eigeninitiative, Anstrengungsbereitschaft, eigenes Denken und einige mehr. Wenn das zu Hause nicht vermittelt wird, dann wird das Kind der dritten Generation Sozialhilfempfänger im Leben nicht auf ein Gymnasium kommen. Ich war mit zwei Frauen zusammen, die jeweils aus nichtakademischen Elternhäusern kamen. Beide wurden / sind Lehrerinnen, der klassische Aufsteigerberuf. Und in beiden Elternhäusern waren die Eltern berufstätig, fleißig, anständig und haben bestimmte Grundwerte vermittelt, so dass sich die von Dir genannte Einstellung und Erkenntnisfähigkeit erst entwickeln konnte.
    Schaut man sich heute die Vielzahl an Betrügern, Selbstdarstellern und sonstigen falschen Vorbilder (aus der Riege der so genannten "Promis", Influencer, Politiker, Wirtschaftsbosse, Musiker...) in den Medien an, dann suggerieren diese oftmals, dass man mit anderen, sicherlich nicht nur aus meiner Sicht negativen Werten Geld und Ruhm einheimsen kann.


    Das Fehlen der oben genannten Erkenntnisfähigkeit als "kein Bock" zu etikettieren ist unglaublich selbstgerecht und borniert. Ich habe in den letzten Jahren genug Gymnasiasten beraten, die weder Anstrengungsbereitschaft noch Eigeninitiative gezeigt haben. Die soziale Herkunft und ein Minimum an Grips und ggf. mehr oder weniger Druck der Akademikereltern haben diese Kinder ans Gymnasium gebracht. Das war für die Kinder selbstverständlich - und trotzdem wiesen sie ähnliche "Unwerte" auf wie die sozial Benachteiligten. Dennoch erhoben sie Anspruch auf die entsprechenden gesellschaftlichen Positionen, obwohl sie nicht wussten, was sie aus ihrem Leben machen wollten. Es stand ihnen halt per Geburtsrecht zu... Und die Jugendlichen aus meiner Zeit als studentische Aushilfe im Internat waren da noch krasser. Die haben damals schulisch nichts auf die Reihe bekommen, sind aber heute größtenteils in gut dotierten Positionen in der freien Wirtschaft. Vitamin B macht's möglich...

  • Das Fehlen der oben genannten Erkenntnisfähigkeit als "kein Bock" zu etikettieren ist unglaublich selbstgerecht und borniert. Ich habe in den letzten Jahren genug Gymnasiasten beraten, die weder Anstrengungsbereitschaft noch Eigeninitiative gezeigt haben.


    Ich glaube nicht, dass der Lehramtsstudent das wirklich so drastisch meint, wie er es schreibt. Hier schwingt vermutlich etwas erlebte Resignation mit. Mein erstes Praktikum war auf einer Brennpunkt-Hauptschule. Wenn da SuS einen Stift mit dabei hatten, war das schon eine kleine Leistung - das ist kein Scherz! Da war einfach kaum Leistungsbereitschaft spürbar, weil die meisten keinerlei Perspektive für sich sahen. Die Eltern waren Hartzer ohne Berufsausbildung und sie selbst hatten diese "Karriere" für sich bereits fest im Blick. Das frustriert total, weil du die Jungs und Mädels auch nicht davon abbringen kannst.


    Ich hatte auch keine einfache Schulzeit, aber letztlich habe ich immer irgendwie gekämpft und wollte nicht vom Staat oder anderen abhängig sein. Mein Elternhaus war einigermaßen intakt, beide Eltern beruflich solide aufgestellt. Das macht den Unterschied. In der Schule kann man diesen Unterschied nicht oder kaum glätten, das muss viel langfristiger geschehen.


    Man müsste sozialschwache Familien grundlegend fördern, sie quasi beruflich abholen und nicht - wie es derzeit geschieht - nach dem Motto "satt, sauber und trocken" sich selbst überlassen. Immerhin haben wir einen Sozialstaat und eine gewisse - wenngleich oberflächliche und formale - Solidarität, aber um die trennenden gesellschaftlichen Barrieren aufzubrechen, müssen sich die Starken ernsthaft für die Schwachen - vereinfacht gesagt - interessieren und die verlorenen Generationen teilhaben lassen.


    Es reicht eben nicht, wenn es theoretische Chancengleichheit gibt, solange die Abgehängten diese Chancen nicht eigenverantwortlich wahrnehmen und nutzen können.


    Worauf wollte ich eigentlich hinaus? Egal, jedenfalls kann ich die Frustration des Lehramtsstudenten verstehen, man fühlt sich alleine relativ machtlos und dadurch entsteht Wut, die letztlich personifiziert wird. Gesellschaftliche Strukturen sind aber nicht im Einzelnen aufzulösen, das kann nur von der gesellschaftlichen Basis aus geschehen.

  • ...Mein erstes Praktikum war auf einer Brennpunkt-Hauptschule. Wenn da SuS einen Stift mit dabei hatten, war das schon eine kleine Leistung - das ist kein Scherz! Da war einfach kaum Leistungsbereitschaft spürbar, weil die meisten keinerlei Perspektive für sich sahen. ...

    eben dies, die Frage ist, ob es den Schüler*innen besser geht, wenn man alle in eine Klasse setzt. Und ob es den Leistungswilligen aber intellektuell Schwächeren zuzumuten ist.


    Bezeichnend finde ich den Elterneinsatz für das längere gemeinsame Lernen, ich tippe mal darauf, dass es nicht die Eltern waren, deren Kinder ohne Stift in die Schule schlappen...

  • eben dies, die Frage ist, ob es den Schüler*innen besser geht, wenn man alle in eine Klasse setzt. Und ob es den Leistungswilligen aber intellektuell Schwächeren zuzumuten ist.
    Bezeichnend finde ich den Elterneinsatz für das längere gemeinsame Lernen, ich tippe mal darauf, dass es nicht die Eltern waren, deren Kinder ohne Stift in die Schule schlappen...


    Nein samu, eben gerade das nicht! Chancengleichheit wird nicht durch die Schule oder/und die Zusammensetzung einer Klasse generiert, Schule kann das nicht leisten. Schule ist ein Abbild gesellschaftlicher Realitäten, gestaltet diese aber selbst allenfalls marginal mit.


    Übrigens hatten die wenigen leistungswilligen SuS gar kein Problem mit den Resignierten. Sie saßen halt in der ersten Reihe und haben demonstrativ mit den Lehrkräften Unterricht gestaltet, während der Rest mal kam und mal nicht. Die haben ihr Mindset schon mit in die Schule gebracht größtenteils.


  • Außerdem haben über 50.000 Bürger*innen unterschrieben, das Interesse ist offenbar vorhanden.


    Wäre cool, wenn die GEW jetzt eine Stellungnahme verfassen würde, wie eine Gemeinschaftsschule laufen müsste. Vielleicht kann man sich noch gewerkschaftlich einmischen...

    Von 4 Millionen Einwohnern. Echt cool.
    Und ein Teil davon sicher mit der irrigen Annahme die POS wieder aufleben lassen zu können.
    Es gibt in Sachsen noch eine andere Gewerkschaft, den SLV. Der wird sich da hoffentlich auch einmischen.

  • @Tayfun Pempelfort: Das gemeinsame Lernen im Grundschulbereich war ja früher primär Mittel zum Zweck. Ursprünglich ging man ja davon aus, dass das Kind bei Eintritt in die 1. Klasse ein unbeschriebenes Blatt sei und man erst Zeit brauche, um herauszufinden, auf welchem Leistungsniveau das Kind arbeitet. Inzwischen weiß man, dass Kinder bereits bei Schuleintritt über Kompetenzen verfügen und dadurch bedingt auch ungleiche Startbedingungen haben. Aber selbst dann ist es in den leistungsorientierten Bundesländern so, dass man sich 4 Jahre Zeit nimmt, um durch Beobachtung und Testung herauszufinden, ob das Kind auf niedrigem, mittlerem oder hohem Anforderungsniveau die beste Leistung zeigen kann. 4 Jahre sind schon sehr viel Zeit und die meisten Grundschullehrer dürften wissen, dass man deutlich schneller ein Gefühl dafür bekommt, wer die Leistungsstärksten und wer die Leistungsschwächsten in der Klasse sind.
    Gerade bei einigen Leistungsstarken ist es jedoch so, dass sie bereits früh wissen, dass sie Wissen regelrecht aufsaugen. Das fordern sie auch regelrecht ein, weswegen sie in manchen Klassenkonstellationen enttäuscht sind, wenn die Lehrer (in der Realität läuft es ja häufig so) sich intensiv mit den Schwachen beschäftigen und die Reproduktionsaufgaben noch ein fünftes Mal durchkauen. Da entsteht bei manchen schon der Wunsch, nicht mehr ständig durch die Schwachen ausgebremst zu werden, sondern auch mal die eigenen Leistungsgrenzen auszuloten. Im Gegenzug: Wie fühlt sich der Leistungsschwache, wenn er ständig die Lehrerin bitten muss, es ihm noch ein fünftes Mal zu erklären, weil er es einfach nicht rafft, während Karl-Heinz von nebenan die Aufgaben spielend runterrechnet/-schreibt? Um dem zu entgehen, gibt es ja das selektive Schulsystem. Es ist einfach extrem schwer, dem Hochbegabten und dem Minderbegabten im gleichen Maße gerecht zu werden - und wenn die Gesamtschullehrer ehrlich sind, dann werden sie das bestätigen.


    Mit freundlichen Grüßen


    @Lehramtsstudent und @Buntflieger,


    "Praxis ist Kriterium der Wahrheit", sagten ja schon die "alten Marxisten" ;-) (aus: Staatsbürgerkunde, Klasse 11, DDR), denn wie ich hier lese, sind die Gemeinschaftsschulen in Thüringen und bei uns in Sachsen-Anhalt durchaus ein Erfolg.


    Es gibt für alles ein Publikum und für jede Meinung das passende Argument.

  • Im ländlichen Raum kann eine Gemeinschaftsschule eine Alternative zu "keine Schule" sein, das stimmt. Ansonsten kommt es immer darauf an, womit man Gemeinschaftsschulen vergleicht und wie konkret am Ende die Zusammensetzung aussieht. Vergleicht man Gemeinschaftsschulen mit reinen Hauptschulklassen, schneiden erstere natürlich besser ab, vergleicht man sie mit reinen Gymnasialklassen, dann entsprechend schlechter. Im Idealfall bestehen sie zu annäherend gleichen Teilen aus Schülern auf niedrigem, mittlerem und hohem Niveau. Es gibt aber auch diverse Gesamtschulen in urban Räumen, die primär Schüler auf Haupt- bis maximal schwachem Realschulniveau beschulen. Das ist dann eher ein Etikettenschwindel und wenn wir vom Idealfall ausgehen, muss auch überlegt werden, ob es für leistungsstarke Schüler wirklich sinnvoll ist, wenn sie über lange Zeit mit eher leistungsschwachen beschult werden. Es bildet insofern auch nicht Realität ab, da im Erwachsenenalter die Schnittstellen beider Personengruppen eher marginal sind...

  • @Lehramtsstudent, der Ansatz der Gesamtschulen/Gemeinschaftsschulen ist ja vor allem ein sozialer. Man will "soziale Spaltung bereits im Kindesalter" vermeiden, mindestens aber verringern, wenn sich bereits nach der 4. oder 6. Klasse die Bildungswege trennen und dann ja eben doch meist nur noch "Arbeiterkinder unter Arbeiterkindern" und "Ärztekinder und Ärztekindern" weiterlernen (ich weiß, ich vereinfache). Alle leben gemeinsam in einem Land und sollen daher auch gemeinsam zur Schule gehen. Dadurch soll auch der soziale Zusammenhalt insgesamt gestärkt werden, denke ich. Ich stehe dem offen gegenüber, denn ich bin durch so ein Schulsystem gegangen, finde jedoch die Förderung nach Leistungsniveaus wichtig.


    Der Vorwurf von der "anderen Seite" ist ja immer, dass durch die gemeinsame Beschulung (wie an den Grundschulen) sowohl die leistungsschwachen wie auch die leistungsstarken Kinder nicht bestmöglich gefördert werden. Dem steht diese Aussage gegenüber:


    Schenker lobt die "individuelle Förderung". Schüler seien in den verschiedenen Fächern unterschiedlich leistungsstark. "An der Gemeinschaftsschule haben sie die Möglichkeit, in drei Anspruchsebenen zu lernen und so gezielt ihre Stärken auszubilden", sagt er.


    (ebenda)


    Das heißt, heutige Gemeinschaftsschulen versuchen den sozialen Zusammenhalt zu stärken, ohne dabei die unterschiedlichen Leistungsniveaus zu vernachlässigen.


    "Zwischen den Abiturergebnissen der Schüler an Gymnasien und an Gemeinschaftsschulen gibt es keine signifikanten Unterschiede", sagt Sprecher Schenker.

    Es gibt für alles ein Publikum und für jede Meinung das passende Argument.

  • ja nun, die länder mit den durchgehend starken ergebnissen in den vergleichsstudien haben teils gar keine gesamtschulen (bis auf ein paar städtische, private usw. projekte). da kann man dann auch keine abiergebnisse vergleichen.

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