Nutzt ihr im Unterricht gendergerechte Sprache?

  • Habe mir die letzten paar Seiten mal durchgelesen... OMG......... wieder massig Nebelkerzen, Hermetisierungsversuche und Co. - schade.

    Kardinalfrage ist ja, warum Menschen hierzulande 'Gendersprache' (insb. die Varianten mit Sonderzeichen, Glottisschlag u.ä.) nutzen, obwohl(!) die einschlägige Forschung keine der positiven Effekte des Genderns, die die entsprechenden Proponenten ja immer salopp postulieren, belegen konnte? Der Forschungsstand bzgl. der vermeintl. positiven Effekte des Genderns bleibt unverändert, belegt diese Effekte de facto nicht und die einschlägige Forschung prägen so gravierende wie endemische Probleme, z.B.:

    • unplausible Theoriebildung, insb. diejenige, die annimmt, dass sprachliche Stimuli als (primär) verantwortliche unabhängige Variablen mentale Repräsentationen resp. kognitive Imaginationen (Bilder) der entsprechenden Stimuli evozieren, also die Annahme des kognitiven Un-/Sichtbarmachens von nicht männlichen Personen durch entsprechende Sprache: Beinhaltet der Stimulus das generische Maskulinum, sei plausibel, dass sich Menschen (auch in ambigen Sprachsituationen) primär Männer vorstellten, vermeintl. ‚gendergerechte‘ Sprache evoziere kognitive Imaginationen, die (je nach Variante der Sprache) Menschen anderen Geschlechts beinhalteten. Unplausibel ist dies allerdings bereits deswegen,…

      … (a) weil einerseits fälschlich vorausgesetzt wird, dass sprachliche Stimuli quasi zwingend (oder auch lediglich i.d.R.) bildliches Denken evozierten,

      … und (b) weil andererseits Sprache zum Stimulus verklärt wird, der individuelle Einstellungen, Erfahrungswerte (bspw. das Phänomen, dass man im Gros männliche Ärzte erlebt hat und infolgedessen neigt, sprachunabhängig Ärzte männlich zu imaginieren) u.ä. quasi ‚überschreiben‘ können soll;

    • nichtrepräsentative Stichproben (bspw. convenience samples);
    • prävalenz lediglich bivariater (monokausaler) Wirkungsanalysen und auch insg. nicht hinreichender oder komplett fehlender Kontrollen von Drittvariablen, die potenziell ggü. den unabhängigen Variablen (bspw. Alter; Geschlecht; Einstellungen etc.) eine eigenständige Wirkung haben könn(t)en;
    • Validitätsprobleme der unabhängigen Variablen infolge z.B. unterkomplexer, z.T. fehlerhafter Operationalisierungen, wie mutatis mutandis z.B. die Verwendung von Satzkonstruktionen, in denen nicht im Plural von 'Chirurgen' die Rede ist (was eine ausschl. männliche, aber auch gemischgeschlechtliche Gruppe von Chirurgen bezeichnen kann), sondern im Singular vom 'Chirurgen', wie im folgenden Sprachrätsel:

      'Vater und Sohn fahren im Auto. Sie haben einen schweren Unfall, bei dem der Vater sofort stirbt. Der Junge wird mit schweren Kopfverletzungen in ein Krankenhaus gebracht, in dem ein Chef-Chirurg arbeitet, der ein bekannter Spezialist für Kopfverletzungen ist. Die Operation wird vorbereitet, alles ist fertig, als der Chef-Chirurg erscheint, blass wird und sagt: 'Ich kann nicht operieren, das ist mein Sohn!''

      Das Rästel lautet: 'In welchem Verwandtschaftsverhältnis stehen der Chirurg und das Kind?' Die Antwort ist natürlich, dass der Chirurg die Mutter des Kindes ist, also eigentlich eine Chirurgin. Das soll ja demonstrieren, wie wir das generische Maskulinum die kognitive Imagination bedinge, allerdings ist dieser Sprachgebracuh ja nicht ökologisch valide (s.u.).

    • ausschl. Demonstration statistischer Signifikanz (falls überhaupt) statt (substanziell relevanter( Effektsärken, so dass wir im Gros keine Werte zur Einschätzung der Größenordnung des Einflusses der unabhängigen Variablen auf die abhängigen Variablen hätten, selbst wenn man die Ergebnisse der einschlägigen Studien bona fide als methodisch-technisch hinreichend annehmen würde: Stellen wir uns vor, wir untersuchen experimentell den Einfluss der unabhängigen Variable A, des Brotkonsums, auf die abhängige Variable B, die Aggression der Brotkonsumenten. Jetzt haben wir eine robuste Studie, alle Störfaktoren ausgeschlossen etc. und können tatsächlich einen statistisch signifikanten Kausalzusammenhang zwischen A und B demonstrieren. Brotkonsum trägt zur Aggression bei. Ohne auf psychologische Messverfahren für Aggression einzugehen: Genauer gesagt demonstrieren wird damit nur eine statistische Überzufälligkeit des Zusammenhangs von A und B. Salopp formuliert können wir aber ohne Effektstärkemaße nicht differenzieren, ob der Brotkonsum jetzt bspw. 0,01 oder 100 Prozent des aggressiven Verhaltens erklärt… und da haben wir noch nicht davon gesprochen, wie hoch die Aggression denn überhaupt insgesamt ist, sondern nur davon, dass es hier um einen Prozentsatz der gemessenen Aggression geht... und außerdem lässt sich statistische Signifikanz ganz einfach für alle möglichen Zusammenhänge herstellen, weshalb die Demonstration statistischer Signifikanz als einzige Methode in unzähligen psychologischen Studien seit mindestens 1 1/2 Jahrzehnten heftig in der Kritik steht (berechtigterweise);
    • zweifelhafte Konstruktvalidität der abhängigen Variablen, ebenfalls infolge unterkomplexer Operationalisierungen derselben: Das Gros der einschlägigen Studien verwendet irgendeine Variante von Reaktionszeittests, bei denen die Probanden quasi instantant (mittels Tastendruck) z.B. jeweils dekontextualisierte, schriftsprachliche linguistische Vignetten mittels vorgegebener Alternativen komplettieren oder bzgl. vorgegebener Sätze entscheiden müssen, welche Folgesätze adäquat sind oder nicht. Die Probleme dieser Methode sind vielfältig, bspw. misst diese Methode lediglich (forcierte) Spontanreaktionen im zwei- bis dreistelligen Millisekundenbereich (die Lidschlagdauer des menschlichen Auges dauert vergleichsweise durchschnittlich ca. 150 bis 250 ms), längere Reaktionszeiten werden regelmäßig herausgerechnet. Damit werden allerdings ruminative Rezeptionsprozesse ignoriert, ebenso der Umstand, dass Kommunikation in der realen Welt i.d.R. nicht derart dekontextualisiert ist und insb. in oralen Kommunikationskontexten eine Reihe von bedeutungsgenerierenden nonverbalen, parasprachlichen Signalen hinzukommt. Damit sind diese Experimente ökologisch kaum valide.


    Etc. Etc. Etc.


    Ähnlich auch die Probleme mit Studien, die anführen, dass Mädchen eher einen Wunsch für einen bestimmten Beruf fassten, wenn dieser mit einem vermeintl. geschlechtergerechten Begriff belegt ist, dabei aber ignorieren, dass hier gravierende Konfundierungen wie die generelle Attraktivität der Jobs, realweltlich bekannte positivbeispiele u.ä. Existieren, die nicht kontrolliert werden. Zudem ignorieren die diesbzgl. Studien die wichtige Frage, ob diese fehlende Berufswunsch ggü. Sprachlich nicht vermeintl. 'geschlechtergerecht' präsentierten Berufen ein bis in das tatsächliche Erwachsenenleben persistentes Phänomen ist, und unterlassen die nicht unwichtige Feststellung, dass Berufswünsche von Kindern ohnehin eine sehr ephemere Angelegenheit sind.


    Konkrete Beispiele für derart defizitäre Studien:

    "Ich mag Kuchen!" (Johnny Bravo)

    Die Bildungsmisere (eine Anekdote)

    Der Vorwurf: "lächerliche Fremdwortdichte"

    Der Fakt: Ein Kommentar von 80 Wörtern beinhaltete das Wortpaar "quantifizierend exemplifizieren" - 2,5 %, indeed "lächerlic[h]" :zahnluecke:

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    Eine der prominentesten Studien zum Thema 'Un-/Sichtbarmachung' und offenbar 'Kronzeuge' für diese Effekte präsentierten immer noch Stahlberg & Sczesny (2001), die damals experimentell belegt haben wollen, dass "durch die maskuline Form [...] weibliche Personen weniger vorstellbar oder sichtbar [...] als männliche Personen" seien.

    Die eigenen Daten der beiden Autorinnen sind allerdings ernüchternd: „Im Gegensatz zum Geschlecht der Befragten erwies sich die Einstellung der Befragten zu geschlechtergerechter Sprache als relevante Moderatorvariable [….].: Die Sprachversion hatte primär dann einen Einfluss, wenn die befragte Person eine positive Einstellung besaß. Dieser Befund ist insbesondere deshalb interessant, da er nahelegt, daß Änderungen in der gesellschaftlichen Einstellung zum Gebrauch geschlechtergerechter Sprache bzw. ausschließlich generisch maskuliner Formen zu unterschiedlichen Interpretationen des generischen Maskulinums führen können“ (S. 138). Nicht die "Sprachversion" war ausschlaggebend, sondern die "Einstellung" der Probanden, was kein überraschender Befund ist, die Autorinnen allerdings kurioserweise nicht bewog, ihr Fazit entsprechend anzupassen.

    Damit ist diese Studie aber typisch für Studien in dieser Disziplin. In diesem Metier, in dem ohnehin unterkomplexe, bivariate Wirkungsanalysen dominieren, die bereits infolge ihrer Unterkomplexität keine Drittvariableneffekte analysieren können und damit vermeintl. 'Effekte' des 'Un-/Sichtbarmachens' nicht nur nicht eindeutig, sondern tendenziell föälschlich "Sprachversion[en]" attribuieren, wo diese evtl. Aber Resultate von Präsuppositionen der Probanden sind, ist "Einstellung" der Probanden eine Variable, die ich im Gros der einschlägigen Forschung vermisse (und die dort, wo sie ausnahmsweise gemessen wird, ebenfalls unterkomplex opretationalisiert wird).

    Ohne jetzt die m.E. evidenten methodischen Defizite z.B. der Studie insb. hinsichtlich ihrer Operationalisierungen zu diskutieren (Stichwort: Konstruktvalidität) und auch ungeachtet dessen, dass die absoluten Messwerte zwischen den Versuchs- und Kontrollgruppen in der Studie ggf. zwar statistisch signifikant divergieren, aber wohl keinen substanziell signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen markieren (ebenfalls ein endemisches Problem der Disziplin), die Demonstration rein statistisch signifikanter Unterschiede zwischen Versuchs- und Kontrollgruppen ohnehin nicht sehr brauchbar erscheint (wichtig wäre die Messung von Effektstärken, bevor wir überhaupt beginnen, die Ergebnisse zu interpretieren und diese dann vielleicht sogar zu diskutieren), demonstrierte die Studie damit allenfalls das Folgende: Das generische Maskulinum wird erst dann zum Problem, wenn wir es zu einem machen. Das individuelle mindset scheint das Problem zu sein.


    Andere Studien haben hier auch keinen Erkenntnisgewinn gebracht, so z.B. die Versuche nachzuweisen, dass das gewnerische Maskulinum nicht generisch wahrgenommen würde. Studien, in denen durchweg die erwähnte Moderatorvariable ignoriert wurde. Bspw. Die ebenfalls regelmäßig unkritisch-affirmativ rezitierten Gygax et al (2008).

    Den Probanden wurden Sätze mit offenem Ende präsentiert: „Each participant saw 18 continuations about women, 6 following sentences with a female stereotyped role name, 6 following sentences with a neutral stereotyped role name and 6 following sentences with a male stereotyped role name, and 18 about men. [….] In our experiment each participant saw 12 continuations of each type. Across the experiment, we created six lists to ensure that each role name was equally often followed by men and women, and by sentences portraying different situations. […] In all experimental conditions the intended response was yes (the second sentence is a sensible continuation of the first). […] The participants […] were asked to make a prompt decision, based on their first impression and not on a prolonged reflection. […] The participants pressed the yes button to make the first sentence appear, and then pressed the yes button again to make the second sentence (target sentence) appear. They then had to make a prompt decision by pressing either the yes button (i.e., I think it’s a sensible continuation) or the no button (i.e., I don’t think it’s a sensible continuation). Participants were asked to keep the index finger of their dominant hand on the yes button and the index finger of their non-dominant hand on the no button. […] there was a main effect of Continuation, with more positive judgements when the continuation sentences mentioned men (M = .69) than when they mentioned women (M = .40). […] A significant Continuation effect […] with responses to men being faster than those to women fully supported the results found in the judgements. There was neither effect of Stereotype […] nor an interaction […].“

    Bedauerlicherweise dokumentiert die Studie keinen kumulierten Wert für female, male und neutral stereotypes. Auch absolute Werte für die „Proportion of positive judgements across languages and conditions“ fehlen (sprich: Wie oft „positive positive judgements“ etc. vorgenommen wurden), ebenso die dazugehörigen Standardabweichungen. Bei den „Mean positive judgement times“ haben wir die typischen Probleme und Unzulänglichkeiten von psychologischen Reaktionszeittests, gerade was deren Interpretierbarkeit betrifft: Einfach mal die absoluten Werte in TABLE 3 (S. 478) angucken (die Maßeinheit sind Millisekunde) und dann bitte auf die (bei der Methode nicht überraschend) immensen Standardabweichungen schauen. Es fehlt der Studie leider an Grundlegendem: Es werden lediglich bivariate Zusammenhänge gemessen, folglich erfolgt keine probate Drittvariablenkontrolle: Gerade bei dem Thema bspw. bereits den naheliegendsten Konfunder – das Geschlecht(!) –, zu ignorieren, ist untragbar. Effekstärkemaße? Fehlanzeige. Stattdessen wieder der Verlass auf statistische Signifikanz…

    Beispiele für weitere Probleme:

    1. Die Probanden schöpfen sich aus einem convenience sample, über dessen Hetero- bzw. Homogenität wir nichts wissen, außer dass es sich um Studenten handelt, die für credit points an der Studie teilgenommen haben. Als Studenten (u.U. sogar durchgehend aus einer Disziplin) sind sie nicht repräsentativ für die Allgemeinbevölkerung. Zudem ist es ist recht üblich, mind. Alter und Geschlecht zu dokumentieren, um relativ häufige Konfundierungen auszuschließen und Rückschlüsse auf die Extrapolierbarkeit der Ergebnisse auf die Gesamtbevölkerung ziehen zu können. Auch weitere (bspw. individualbiographische) Faktoren werden aus diesen Gründen regelmäßig erhoben. Das fehlt hier alles.

    2. Die ganze Studie ist ein Quasi-Experiment ohne Kontrollgruppe (stattdessen gibt es lediglich eine Kontrollaufgabe). Das beeinträchtigt die interne Validität u.U. erheblich, da somit Konfundierungen (antezedierende, intervenierende, verdeckte Beziehungen) nicht ausgeschlossen werden können, die einen eigenständigen Einfluss auf die abhängige(n) Variable(n) haben können.

    3. Selbst wenn die Studie sonst jeder Kritik standhalten würde, wäre ja auch die Frage offen, wie lang denn entsprechende Wahrnehmungen anhalten: Die Probanden sollten ja ausdrücklich Spontanurteile fällen (und längere Nachdenkzeiten wurden herausgerechnet), aber was ist, wenn es nur ein paar weiterer Millisekunden des Nachdenkens bedarf (die in realweltlichen Situationen regelmäßig zweifellos zur Verfügung stehen), um die positive judgments in allen Konstellationen in die Höhe schießen zu lassen? Da ist die ökologische Validität abermals stark in Mitleidenschaft gezogen…

    Etc.


    Stahlberg, Dagmar; Sczesny, Sabine (2001): Effekte des generischen Maskulinums und alternativer Sprachformen auf den gedanklichen Einbezug von Frauen. Psychologische Rundschau, 52, 131-140.

    Gygax, Pascal et al. (2008): Generically intended, but specifically interpreted: When beauticians, musicians, and mechanics are all men. In: LANGUAGE AND COGNITIVE PROCESSES 2008, 23 (3), 464-485.


    Eine detaillierte Darstellung des Forschungsstands, die kritikmäßig ähnlich meinen Erläuterungen geartet ist, artikulierte Philipp Huebl einige Jahre nach mir vor ca. zwei Jahren, s.:
    https://youtu.be/yvMGFeQ1gsI?si=8maMif_uJMG3Q14j

    "Ich mag Kuchen!" (Johnny Bravo)

    Die Bildungsmisere (eine Anekdote)

    Der Vorwurf: "lächerliche Fremdwortdichte"

    Der Fakt: Ein Kommentar von 80 Wörtern beinhaltete das Wortpaar "quantifizierend exemplifizieren" - 2,5 %, indeed "lächerlic[h]" :zahnluecke:

  • Warum als 'Gendersprache' verwenden?

    Ungenommen, dass einige an die positiven Effekte i.S.e. 'Sichtbarmachens' glauben, weil sie die einschlägigen Studien nicht selbst kennen und Multiplikatoren vertrauen oder sie die Studien kennen, aber nicht selbst entsprechend kritisch rezipieren können, also ebenfalls die behauptungen der Studienautoren u./o. von Multiplikatoren unkritisch-affirmativ reproduzieren und gleichsam glauben, mit diesem 'Sichtbarmachen' letztlich Gutes zu bewirken (oft auch, weil das 'Unsichtbarmachen' i.S.v. slippery slope-Fehlschlüssen als Ausgangspunkt allerlei antiegalitärer bis anomischer Effekte kommuniziert wird).

    Gründe mögen sein: Falsche (fehlsame) resp. unkritisch-affirmative Darstellungen von Studienergebnissen (bzw. des Forschungsstands) im populären wie auch im fachwissenschaftlichen Diskurs selbst. Dies erfolgt durch die Falsch-/Fehldarstellungen externer Multiplikatoren (Journalisten; Dozenten; populär- aber auch fachwissenshafftl. Publikationen etc.), aber auch durch die Pressestellen der jeweiligen Universitäten (resp. Institute), an denen diese Studien angestellt werden (bspw. die universitätseigene Pressemitteilung zu „Genderlinguistik – Eine Einführung in Sprache, Gespräch und Geschlecht“ von D. Nübling, H. Kotthoff und C. Schmitt aus dem Jahr 2018), und auch durch die beteiligten Forscher selbst, so hält ein Gros der einschlägigen Studien bspw. nicht, was in deren Abstracts u./o. Diskussionsteilen versprochen wird, was die eigenen Autoren auch behaupten.

    Ohnehin sind da viele Fehl- und Falschvorstellungen im Spiel, man denke an Auswüchse wie die sog. Feministische Linguistik und dort vorfindbare Behauptungen zum generischen Maskulinum (dass Menschen, die keine Männer sind, lediglich 'mitgemeint' seien u.ä.) und vermeintl. Patriarchalen Sprachgebrauch:

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    Man denke nur an Anatol Stefanowitsch, dessen Kritik am generischen Maskulinum offenbar primär auf der hier meinerseits bereits kritisierten Studie aus dem Jahr 2001 und einer ähnlichen aktuelleren Studie basiert, die die besagte Moderatorvariable der quasi Vorgängerstudie komplett ignorierte.

    Oft genannt auch "Zur Diskussion: Geschlechtergerechte Sprache als Thema der germanistischen Linguistik – exemplarisch exerziert am Streit um das sogenannte generische Maskulinum" von Gabriele Diewald [in: ZGL 2018M 46(2): 283-299], die aber zumindest selbst erkennt: “Mit dem Ausdruck ‘generisches Maskulinum’ wird eine Gebrauchskonvention des Deutschen bezeichnet, die im 20. Jahrhunderts als üblich akzeptiert wurde, und die im Wesentlichen darin besteht, grammatisch maskuline Personenbezeichnungen (im Singular oder Plural, z. B. der Kunde/die Kunden) zur Bezeichnung ‘gemischter Gruppen’ oder zum Ausdruck allgemeiner, d. h. geschlechtsunspezifischer Referenz auf Personen zu verwenden (vgl. Duden, Grammatik 2016: 160 f.).” Darauf folgt in dieser Studie abr ein “schon immer”-Strohmann als logischer Fehlschluss, der schon an Bulverism erinnert, gefolgt von noch mehr logischen Fehlschlüssen, z.B. den “Blick auf Webseiten von Bankinstituten”, als ob sich hier nicht bereits Effekte der öffentlichen Debatten/Diskurse finden würden (scheint mir eine Form von affirming the consequent zu sein). Ansonsten gilt auch hier einiges, was für die nächste Linguistin bzw. deren Ausführungen gilt, die zu nennen Sie sich sparen können.

    Die Ausführungen von Ursula Doleschal in “Das generische Maskulinum im Deutschen – Ein historischer Spaziergang durch die deutsche Grammatikschreibung von der Renaissance bis zur Postmoderne” aus dem Jahr 2002 auf den Seiten der Universität sind für den Bedeutungsgehalt des generischen Maskulinums, ob es inklusiv ist oder nicht, vollkommen irrelevant. Zum generischen Maskulinum führt sie aus: “Diese sprachliche Norm ist seit Ende der siebziger Jahre des 20.Jh. feministischer Kritik ausgesetzt […]. Eine Frage, die meines Wissens in der Diskussion um das generische Maskulinum im Deutschen bisher jedoch weder gestellt noch beantwortet wurde, ist jene, ob es dieses Phänomen seit jeher gegeben hat, und wenn nicht, woher es denn eigentlich kommt. Denn für kleine Kinder ist die Geschlechtsabstraktion mit Hilfe maskuliner Personenbezeichnungen keine Selbstverständlichkeit, sie lernen diese semantische Regel meinen Beobachtungen zufolge nicht vor dem Schuleintritt.” Ja, dass dies eine Selbstverständlichkeit wäre, behauptet ja auch niemand. Sprache basiert auf Konventionen und ist nichts Gottgegebenes o.ä. Diese semantische Regel wird nach dem Schuleintritt gelernt – Klappe zu, Affe tot. Die etymologische Perspektive der Autorin ist außerhalb eines rein wissenschafltichen Interesses für die gegenwärtige Debatte vollkommen irrelevant. Ob eine strikte Unterscheidung von Genus und Sexus nun bereits in der Renaissance, erst in der Postmoderne bzw. seit den 1960ern oder unter Linguisten allgemeingültig noch nie allüberall stattgefunden hat, ist für die Frage des “Sichtbarmachens” egal… akademischer Elfenbeinturm lässt grüßen. Jedenfalls scheint das “Verständnis maskuliner Personenbezeichnungen als geschlechtsneutral […] in den sechziger Jahren des 20. Jh. [Eingang] in die Germanistik […] gefunden” zu haben. Wichtiger wäre es da aus deskriptiver Perspektive zu wissen, wie das Gros der Sprachanwender das generische Maskulinum wahrnimmt. Und die Probleme des Indizienprozesses der Autorin sind da noch gar nicht thematisiert (Extrapolationen von Rechtstexten auf andere Sphären des Sprachgebrauchs etc.).

    Und falls man über “Genderlinguistik – Eine Einführung in Sprache, Gespräch und Geschlecht” von Damaris Nübling, Helga Kotthoff und Claudia Schmitt aus dem Jahr 2018 gestolpert ist: Die dort im entsprechenden Kapitel diskutierten ca. zwei Dutzend empirische Tests sind genau so schlecht, wie die von Anton Stefanowitsch ins Feld geführten Studien, sind also unbrauchbar. Die Pressemitteilung auf den Seiten der Johannes Gutenberg-Universität Mainz teilt einem über dieses Werk eigtl. alles Wissenswerte mit. So steht dort über das generische Maskulinum: “Ein Beispiel für dieses Versagen zeigt eine Zeitungsanzeige, die ein Training für den akademischen Nachwuchs bewirbt: ‘Für immer an die Uni – wenn nicht als ewiger Student, dann wenigstens als Herr Professor!’.” Ah ja… da will man den Universalcharakter des generischen Maskulinums dekonstruieren und nimmt auch Fälle mit rein, die ganz ausdrücklich kein Fall des generischen Maskulinums sind. Die ganze Wortwahl in der Pressemittielung etc. ist aber auch schon sehr stark ideologisch geprägt.

    Diese Fehl-/Falschdarstellungen treffen auf ein Publikum, das (trotz der Derogation der ‚Autorität‘ von Wissenschaft in den letzten Jahren, vulgo einer zunehmenden Wissenschaftsfeindlichkeit) im Gros der Autorität von Wisscnschaft(lern) vertraut (was i.d.R. ja auch ein wünschenswertes Phänomen ist), selbst aber nicht in wissenschaftlichem Denken und Arbeiten versiert ist, nicht über die notwendige Wissenschaftsliteralität verfügt, um diese Studien / den Forschungsstand (notwendig kritisch) rezipieren zu können, ja mit den eigtl. Studien etc. nie direkt konfrontiert wird, also bona fide glauben muss, was Ihnen diesbzgl. präsentiert wird. Diese Fehl-/Falschbehauptungen wirken für Laien (auch in der Reduktion, in der Sie i.d.R. außerhalb von Fachdiskursen präsentiert werden) zudem oftmals intuitiv nachvollziehbar, haben eine gewisse (oberflächliche) Plausibilität, eine (vorwissenschaftliche) Augenscheinvalidität, insb. in einem Klima, das (glücklicherweise) für die Wahrnehmung von Diskriminierungen, Minderheitenrechten und Co. sensibilisiert ist (und ebenso glücklicherweise) an einer pluralen, freiheitlichen, gleichberechtigten Gesellschaft intereressiert.

    Dort verfangen bestimmte Behauptungen einfacher, wenn sie mit entsprechenden (auch ähnlichen) Diskursen verknüpft werden. Derart erscheint es dann bspw. plausibel, dass wenn man bspw. die Fehl-/Falschdarstellungen bona fide glaubt, dass das gen. Maskulinum Frauen (oder diverse Minderheiten) sprachlich und damit kognitiv nicht wahrnehmbar mache, dies gleichzeitig die Diskriminierung von Frauen (etc.) durch das gen. Maskulinum und seine Effekte bedeute etc. Dies sind zwar logische Fehlschlüsse, aber die entsprechenden Diskurse leiden ja auch an einer Problematik von proofs of assertion (https://en.wikipedia.org/wiki/Proof_by_assertion) und concept creep- bzw. definist fallacy-artigen Umdeutungsversuchen von Begrifflichkeiten. Die wenigsten Menschen wollen immerhin als misogyn, diskriminierend o.ä. dastehen.

    In diesem zumindest ggü. den eigenen Mitmenschen aufgeklärten Thema, in dem auch individuelle Gefühligkeiten eine zunehmende Relevanz im Diskurs zu spielen scheinen, solidarisieren sich auch viele Menschen mit Menschen, die sich bspw. durch das gen. Maskulinum nicht wahrgenommen und diskriminiert fühlen, auch wenn dies faktisch nicht der Fall ist. Dort wird dann die Gefühligkeit und /falsch verstandene) Empathie zum Agens der Solidarisierung. Entsprechend auch häufige Äußerungen, dass man aus Respekt o.ä. ggü. den Gefühlen von Menschen gendere, auch wenn man selbst davon nicht überzeugt ist.

    Dies hilft, diese Fehl-/Falschbehauptungen zu etablieren. Die wenigsten Menschen wollen immerhin als ‚kalt‘, empathielos u.ö. dastehen. Oder weniger negativ ausgedrückt: Die Menschen glauben, ihren Mitmenschen etwas gutes zu tun. Tun sie vielleicht auch, man kann diesen Primat der Gefühlikeit aber auch durchaus kritisieren.


    tl:dr

    Ich kläremeine Schüler lieeer auf, statt Falsch- und Fehlvorstellungen und darauf basierende (schädliche) Befindlicheiten zu unterstützen.

    "Ich mag Kuchen!" (Johnny Bravo)

    Die Bildungsmisere (eine Anekdote)

    Der Vorwurf: "lächerliche Fremdwortdichte"

    Der Fakt: Ein Kommentar von 80 Wörtern beinhaltete das Wortpaar "quantifizierend exemplifizieren" - 2,5 %, indeed "lächerlic[h]" :zahnluecke:

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