Alternative Prüfungsformate in Mathematik - wiederholen einer Prüfung

  • Hallo,

    Ichbin Lehrerin für Mathe und Physik an einem Gymnasium in NRW und mich beschäftigt seit einiger Zeit das Problem, dass Schüler*innen, die in der Klassenarbeit eine 5 oder 6 haben, meist mit diesen Defiziten in das nächste Thema weitergehen. Eine sinnvolle Auseinsndersetzung mit den eigenen Fehlern oder gar ein Nacharbeiten von Stoff findet meist nicht statt.

    Jetzt habe ich gehört, dass es Schulen gibt, wo man quasi mit einer 5 durch die Prüfung Durchfälle (wie an der Uni) und diese dann wiederholen darf und muss (oft bis zu 3 mal). Bekanntes Beispiel ist die Alemannenschule in Wutöschingen.

    Ich finde die Idee super, weil Schüler*innen ihr Lern- und Verstehenslücken so nicht ansammeln.

    Was meint ihr dazu? Kennt ihr Schulen (inNRW?), die das so handhaben? Ich habe dazu in der Bass nichts finden können.

    Ich bin gespannt auf eure Antworten.

  • Da müssen wir einen Blick in die APOen werfen.

    Sowohl die APO-S I als auch die APO-GOSt (als auch die APO-WbK oder BK) sehen keine Wiederholung einer einfachen Leistungsüberprüfung bei defizitären Noten vor. Lediglich eine nicht bestandene Abschlussprüfung darf einmal wiederholt werden.

    Denken wir nun einmal praktisch:

    • Wenn ich allen meinen SchülerInnen mit Defiziten nun eine zweite oder dritte Chance gäbe, hätte ich einen spürbar höheren Korrekturaufwand, zumal ich ja jeweils neue Arbeiten erstellen muss.
    • Die Wiederholung einer Arbeit führt nicht automatisch zu besseren Ergebnissen und würde in der Tat voraussetzen, dass die SuS den Stoff nachhaltig nachbereiten und lernen. Dafür brauchen sie aber Zeit, die sie zusätzlich zum weiterlaufenden Unterricht und der Zeit und Energie, die man dafür braucht, aufwenden müssen.
    • Die zweite oder dritte Chance bei defizitären Noten könnte alle SchülerInnen ohne solche Noten benachteiligen, weil sie dieses Recht nicht hätten, für den Fall dass die ursprünglich betroffenen Schüler nun deutlich bessere Noten schreiben.
    • Ein solches Verfahren könnte die SchülerInnen gerade in der heutigen Zeit noch eher zum Schlendrian verleiten, da sie ja im Voraus wissen, dass sie noch eine zweite oder dritte Chance erhalten.

    Denken wie nun noch formal:

    • Der Vergleich zwischen Uni und Schule greift hier nicht, da die Struktur des Studiums eine völlig andere ist. Im Studium brauche ich bestimmte Kurse bzw. muss sie bestehen, um die Folgekurse belegen zu können. Da haben Klausuren oder sonstige Prüfungen am Ende eines Kurses eine erheblich stärkere laufbahnbeeinflussende Auswirkung.
    • Eine einzelne Klassenarbeit in der Sek I führt nicht per se zur Nichtversetzung oder einem Schulformwechsel.

    Was sind die Alternativen:

    • Am Gymnasium stellen sich oft zwei zentrale Probleme bei Defiziten - gerade im Fach Mathematik.
      • Das eine ist der individuelle Fleiß der SchülerInnen und die Fähigkeit bzw. den Willen, nicht sofort die Schotten dicht zu machen, wenn man etwas auf Anhieb nicht versteht. Es besteht oft die Anspruchshaltung bei Eltern wie SchülerInnen, dass, wenn eine Lehrkraft gut erklärt, die SchülerInnen den Stoff ohne eigene geistige Anstrengung verstehen werden. Dem ist aber nicht so.
      • Das andere ist die Begabung bzw. die Intelligenz. Manche SchülerInnen kommen irgendwann an ihre Grenzen. (Und die Schulformempfehlungen werden ja in der Regle nicht willkürlich vergeben...)
      • Die Alternative ist somit, im Vorfeld anzufangen und sich früh über die Lernstrategien und -weisen seiner SchülerInnen zu informieren. Im Anschluss an Klassenarbeiten sollte eine Förderliste bereitgestellt werden - die Lehrwerke bieten ja in der Regel Forder- und Fördermaterial. Dieses Material sollte dann zum Nacharbeiten zur Verfügung gestellt werden.
      • Die Alternative ist auch eine aktive Beratung von Eltern und SchülerInnen, sowie ein verbindliches Förderangebot in Klasse 5 und 6 - was wiederum entsprechende personelle Kapazitäten voraussetzt.

    Gruß
    #TheRealBolzbold

    Ceterum censeo factionem AfD non esse eligendam.

  • An der von dir genannten Schule in Wutöschingen sind dies keine Klassenarbeiten, sondern Gelingensnachweise, welche sich am Kompetenzstufenniveau nach Ziener orientieren - diese Gelingensnachweise werden auf den Niveaustufen Mindest-, Regel- und Expertenstandard ausgewiesen.

    Die Bestehenshürde dieser Gelingensanchweise liegen bei über 80%, damit tatsächlich auch das Erreichen einer Kompetenz nachgewiesen werden kann. Diese Gelingensnachweise liegen in mehreren Versionen vor. Das klappt dort vermutlich deshalb gut, da dort ein anderes Atbeitszeitmodell angewandt wird und dadurch Zeit für die Erstellung von Materialien besteht - ich meine ein Volldeputatler erbringt dort 12 Unterrichtsstunden, ist dafür aber 36 Stunden die Woche in Präsenz vor Ort und übernimmt dafür einen Teil der Gestaltung der Lernwege.

    Noten gibt es dort erst im Abschlussjahrgang oder in Klassenstufe 10, wenn es um den Übertritt in die Oberstufe geht. Diese lassen sich meist vergleichen mit den Schnitten umliegender Schulen - allerdings schaffen wohl mehr Hauptschulempfehlungen einen höherwertigeren Abschluss.

    Ein solches Konzept scheitert m. E. aber zu 99% an Schulen, in denen nicht das Kollegium selbst als ganzes sich auf den Weg macht, sondern eine einzelne Klassenleitung oder Fachlehrkraft.

  • Danke für die Antworten. Mir ist natürlich bewusst, dass das Konzept an der Schule komplett anders ist und es bisher nicht üblich ist Klassenarbeiten zu wiederholen.

    Ich habe das Gefühl Bolzbold und ich denken an unterschiedliche Altersttufen.

    Ich habe zuletzt eine 5.Klasse unterrichtet. Da ist fehlende Motivation ein eher kleines Problem. Das größere schienen mir die EXTREM unterschiedlichen Voraussetzungen aus den Grundschulen und eine sehr große Versagensangst, insbesondere bei Familien, die bisher keine Erfahrung mit dem Gymnasium haben.

    Daher schien es mir verlockend durch Wiederholung die Angst zu verringern und zusätzlich einen Anreiz zu schaffen, sich die Korrektur der Klassenarbeit anzuschauen. So könnte man im besten Fall auch die Anzahl der Schüler, die in jeder Mathearbeit eine 5 haben, verringern.

    Ich fand den Denkansatz sehr interessant.

    Offensichtlich

  • Übergänge im Laufe der Bildungskarriere sind immer etwas Besonderes, sowohl für die betroffenen Schüler (m/w/d) als auch die jeweiligen Lehrkräfte. Es gilt, trotz heterogener Voraussetzungen (Das ist jedoch nichts Neues - auch in Klasse 1 hatten die Schüler (m/w/d) bereits unterschiedliche Voraussetzungen.) eine gemeinsame Basis zu schaffen, von der ausgehend ihr dann den anstehenden Stoff erarbeitet.

    Gerade in Mathematik ist das eigentlich ganz angenehm, weil zu Beginn der Klasse 5 noch einmal die zentralen Eigenschaften des natürlichen Zahlenraums sowie von Figuren und Körpern wiederholt und systematisiert werden. Für die Einen ist das eine Auffrischung, Andere erhalten noch einmal die Gelegenheit, ggf. vorhandene Lücken zu schließen.

    Die Schüler (m/w/d) müssen zwar erst noch im neuen System der weiterführenden Schule "ankommen", das ist aber bei den Meisten nach spätestens 4 Wochen der Fall. Da du den gymnasialen Bildungsgang besonders hervorhebst: Ich kenne es so, dass der Anspruch ganz am Anfang über alle Schulformen weitestgehend gleich ist, dieser aber nach kurzer Zeit im gymnasialen Bildungsgang anzieht, die Themen schneller bearbeitet und einen stärkeren Schwerpunkt auf Aufgaben im Anforderungsbereich III setzt. Schüler (m/w/d), die eine grundsätzliche gymnasiale Eignung haben, gewöhnen sich daran. Menschen sind in der Lage, an ihren Herausforderungen zu wachsen. Wenn Schüler (m/w/d) merken, dass das Niveau auf Dauer für sie zu hoch ist, ist das nicht schlimm. Aus meiner Erfahrung heraus wechseln nach Klasse 5 circa 10% der Schüler (m/w/d) die Schulform. Lieber so, als sich über die Sek-I hinweg zu quälen. Der Anteil an Schülern (m/w/d) im gymnasialen Bildungsgang ausgehend von der Gesamtjahrgangsstärke ist eh zu hoch.

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