Erfahrungen Lessmann-Konzept

  • Hallo zusammen,

    hat jemand hier schon mal durchgängig (von Klasse 1-4) mit dem kompletten Lessmann-Konzept gearbeitet (also Wörterklinik, Schreib- und Lesezeit usw.) und kann mal von seinen Erfahrungen berichten? Wart ihr zufrieden? Wie aufwendig war die Vor- und Nachbereitung bzw. die Korrekturen? Wie war der Leistungsstand der Klasse? Hattet ihr das Gefühl, dass die Kinder gegenüber der "normalen Arbeit" mit Sprachbüchern einen Vorteil hatten oder eher einen Nachteil? Konntet ihr mit ihrem Konzept alle Kinder mitnehmen? Wie kamen die Kinder mit dem Wortmaterial (z.B. in den Rechtschreibboxen) zurecht? Und wie habt ihr Leistungsnachweise konzipiert?

    Ich bin gerade etwas hin und hergerissen, ob ich ihr Konzept in Gänze in meiner nächsten 1. Klasse starten möchte oder ob ich bei einigen ausgewählten Inhalten bleibe. Aktuell arbeite ich z.B. mit der Wörterklinik, was ich sehr gut finde und wovon die Kinder mE auch sehr profitieren. Die Schreibzeit führe ich ebenfalls durch, allerdings erst seit dem zweiten Halbjahr der 3. Klasse und ich merke, dass es sehr viele Kinder gibt, die entweder immer dasselbe schreiben oder sich sogar um die Schreibzeit herumdrücken, indem sie quasi so lange herumtrödeln oder in ihren älteren Texten herumschreiben bis die Zeit um ist. Die Lesezeit habe ich ebenfalls seit dem 2. HJ der 3. Klasse eingeführt, da sind meine Erfahrungen aber auch ein wenig zwiegespalten. Viele Kinder lesen z.B. oft nur ein Stückchen aus einem Buch und nehmen sich dann ein neues. Zwei Kinder schauen sich oft nur die Bilder im Buch an und auch wenn ich sage, dass sie mir nach dem Lesen erzählen sollen was sie erfahren haben, sagen sie einfach gar nichts. Und mir vorlesen lassen geht halt auch nicht immer, weil auch mal andere Kinder Hilfe brauchen.
    Die AH für Klasse 1/2 habe ich mir nun mal angeschaut, bin aber auch unsicher ob der Inhalt mir zum einen reicht und ich mit freiem Schreiben wirklich genug Lernzuwachs erreiche und zum anderen finde ich sie auf den ersten Blick auch wenig motivierend. Andererseits sind sie aber auch nicht so überladen wie viele Fibel-AH heutzutage und natürlich auch fachlich fundiert...

    Ach Mensch, es ist wirklich eine schwierige Entscheidung. Vielleicht sollte ich noch dazu sagen, dass ich an einer sehr kleinen Dorfschule arbeite und wir generell ein sehr hohes Lernniveau haben, so dass auch durchaus Erwartungen auch seitens der Eltern da sind...

    Es würde mich sehr freuen, wenn hier einige Mal von ihren Erfahrungen (auch speziell zu den AH Klasse 1/2) berichten!

    Vielen Dank schonmal! :)

  • Ich kann hauptsächlich für die 3./4. Klasse sprechen.
    Würde ich darüber nachdenken, nach dem Konzept zu arbeiten, dann wäre ich vor allem bei zwei Punkten skeptisch: Bei der Lese- und der Schreibzeit. Wann immer ich freies Lesen gemacht habe, sei es in der Vorviertelstunde oder auch mal so, war mein Eindruck immer ähnlich. Es geht so 10 Minuten ganz produktiv und dann steigen viele aus, wechseln im Minutentakt die Bücher, schauen nur die Bilder an usw.. Nur die Kinder, die daheim auch gerne viel lesen, lesen weiter und können sich dabei auch richtig vertiefen. Dazu denke ich mir außerdem, dass die Unterrichtszeit zu wertvoll für ungerichtetes Lesen ist. Das sehe ich als Sache für zuhause an. Auch das Lesen eines Buches, zu dem man dann z. B. eine Buchvorstellung vorbereiten soll, würde ich nach Hause auslagern. Wenn man die Kinder frei lesen lässt, müssten meiner Meinung nach irgendwelche Maßnahmen ergriffen werden, um den Leseerfolg zu kontrollieren (z. B. Fragen). Doch dazu fällt mir für die individuelle Lektüre nichts ein, was noch dazu sicherstellt, dass das Niveau der 3./4. Klasse erreicht wird. Freies Lesen mache ich wenn, dann mal vor den Ferien und dann ist es auch ganz nett, wenn jeder ein Buch mitbringt und man sich gemütlich verteilt.

    Zur Schreibzeit lese ich: "Da beim Schreiben im Tagebuch keine Schreibaufgaben vorgegeben werden, sind die Schreibenden auf sich selbst zurückgeworfen." Dafür sehe ich bei mir - abgesehen davon, dass viele Kinder sicher sehr oberflächlich und unproduktiv arbeiten würden - auch keine Zeit. In Klasse 3/4 sollen ja informierende, erzählende und argumentierende Texte geschrieben werden und ich denke, dass die Kinder am meisten vorankommen, wenn sie in strukturierten Sequenzen darauf vorbereitet werden und wenn dann klare Schreibaufgaben mit Kriterien zu den Texten gestellt werden. Auch im Hinblick darauf, dass man anschlussfähig auf die Zeit nach der Grundschule vorbereitet. Wenn das evtl. auch Teil des Konzepts ist, ist es schön, aber ich stelle mir die Frage, welche Zeit man da dann dafür hernimmt. Aber das ist nur meine Meinung, andere mögen vielleicht anderweitig gute Erfahrungen gemacht haben.

  • Ich selber habe einmal versucht, mit der Wörterklinik zu arbeiten. Ich bin gescheitert - im Brennpunkt mit vielen chaotischen Kindern, die ihre Wörterkarten verloren haben und auch das richtige Einordnen und üben war für einige Kinder überfordernd. Das war aber zu einer Zeit, in der es die digitalen Möglichkeiten noch nicht gab. Ich selber habe dann umgestellt - auf Wörterlisten - und dann habe ich einheitliche Wörterlisten für mittleres Leistungsanforderungsniveau gemacht. Die ganz starken Kinder und die ganz schwachen Kinder haben dann differenziertes Übungsmaterial bekommen.

    Ich würde nicht nicht zu straff an ein Verfahren binden. Du hast ja deine Erfahrungen gemacht - und was spricht dagegen, das Leßmann-Konzept mit anderen Übungsmethoden zu kombinieren? Vielleicht startest du mit einem Bereich und schaust dann, wie es weitergeht? Kinder, mit einer freien Lesezeit fertig werden, können ja durchaus mit einem Lesejournal arbeiten. Kinder, die nur Blättern, bekommen Aufgaben. Leistungsstarke Kinder schreiben freiere Texte und mit dem Rest schaust du, wie es voran geht.

    Auch Leßmann hat ja mindestens 1 Thema pro Halbjahr, das in der Schreibzeit "angeleitet" wird (so habe ich es wenigstens verstanden).

    Wenn es dir darum geht, wie du in der ersten Klasse starten könntest? Ich bin ein Fan davon, mit beiden Methoden zu starten, mit dem sukzessiven Einführen von Buchstaben und mit dem freien Schreiben. Ich starte also meistens mit dem eigenen Namen (oder Nachnamen) und die Kinder lernen ihn in der ersten/zweiten Woche zu schreiben. Sie lernen das passende Anlautbild kennen. In der zweiten Woche vergleichen wir - andere Namen - andere Anlautbilder und wir lernen den Anlautbogen kennen (AnlautRAP)- da kannst du , wenn es dir wichtig ist, ja durchaus das neue Buchstabenregal von Lehmann einführen. Wenn die Kinder dann Wörter verschlüsseln und entschlüsseln können (z.B: Mama, Oma, Opa) haben sie schon viel gelernt, wie lesen und schreiben funktioniert. Die ersten Kinder haben das Prinzip verinnerlicht und können schon Wörter frei schreiben. Die anderen Kinder brauchen evt. eher dann eine aufbauende Erschließung der Buchstaben - da gibt es ja ganz viele Wege/Möglichkeiten/Bücher /Lehrgänge/Hefte. Auch Lehmann hat ja Übungshefte dazu, die man nehmen könnte und mit anderen Heften kombinieren könnte. Man kann ja dann wunderbar differenzieren - auch die starken Kinder führen in der Regel gerne die einzelnen Übungen durch - wenn nicht, kann man ihnen ja weitergehende Aufgaben geben.

    Irgendwann würde ich dann einen aufbauenden Leselehrgang anbieten - die starken Kinder steigen entweder später ein oder überspringen ihn ganz, die schwächeren profitieren davon. Und dann schaust du, wie die Klasse tickt, wie es weitergeht..... Generell würde ich mir nicht zu viel auf einmal vornehmen - lieber einen Grundstock zur Verfügung haben und dann freier arbeiten, als sofort ganz frei und dann überfordert zu sein. (Bei meinem Berufseinstieg habe ich ganz frei angefangen - damals war lesen durch schreiben angesagt - und heute denke ich "puh"- ich habe 24/7 gearbeitet).

    Wenn du dich für das ganz Freie entscheidest - dann mein Rat - suche dir einen Arbeitspartner für den Austausch. Wenn du in einer kleinen Schule bist, kann es ja sein, dass es kein(e) ParallelkollegIn gibt. Wenn es Zweizügigkeit gibt, würde ich versuchen, mich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner abzusprechen, um unangenehmen Gesprächen besorgter Eltern vorzubeugen.

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