Beiträge von Frapper

    Wie nimmst du diesbezüglich dein aktuelles Aufbaustudium wahr?

    Ich musste in meinem Sonderpäd-Studium sowohl allgemeine Pädagogik (in geringerem Ausmaß) als auch die Sonderpäd-Seminare (in deutlich größerem Ausmaß) besuchen. Die allgemeinen Sachen empfand ich als nichtssagend und von der Realität entfernt. Das sah in Sonderpäd deutlich anders aus. Schon allein die Dozenten hatten deutlich mehr Praxiserfahrung oder arbeiteten gerade als Lehrer. Die kannten die Thematik nicht nur aus der Literatur.

    In den allgemeinen Seminaren palaverten die von Inklusion und wollten von der realen Praxis nichts wissen. Skepsis und Kritik wurde schön abgetan mit "Ja, aber das ist ja beschlossen.", während in der Sonderpäd die Grenzen des Systems klar aufgezeigt und benannt wurden. Die Leute hatten ja den Vergleich zwischen altem und neuem System.

    Es wäre im alemannischen Dialekt definitiv nicht das gleiche. Der Doppelvokal wird hier eben in der Regel auch als solcher gesprochen.

    Und wie würde man dann Bürgie aussprechen? Bürgi-e? Bürgije?

    Bei allemannischen Dialekten kenne ich mich nicht gut aus. Im Vergleich zu anderen Dialekten stechen sie sehr heraus. Dass es keine festen Regeln für das Schreiben in Mundart gibt, macht's nicht einfacher. Eine Österreicherin hat mir mal erzählt, dass sie die Vorarlberger mit ihrem allemannischen Dialekt einfach nicht verstehen würde.

    Ich kann mal wieder nur von meiner westfälischen Prägung her sprechen, aber ich empfinde das „y“ in Bürgy nur minimal stärker als das „er“ in Bürger oder das „e“ in Bürge. Auf keinen Fall empfinde ich es als Vollvokal. Die Betonung bleibt weiterhin auf der ersten Silbe. Anders wäre es bei Bürgie.

    Ich weiß jetzt nicht, wie unterschiedlich du Bürgy oder Bürgie aussprechen würdest. Für mich wäre es das gleiche. Egal, es ist trotzdem ein Vollvokal. Die beiden Zentralvokale ə und ɐ zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht nur in Bezug auf vorne - hinten zentral liegen, sondern auch auf offen - geschlossen.

    Der Vokalismus in Nebensilben im Deutschen hat sich von i, e, a, o, u erst zu e, a, o und dann zu ə (und ɐ) reduziert. Da die Nebensilbenschwächung noch aktiv ist, würde das y vermutlich auf Dauer zu ə reduziert.


    Vokaltrapez

    Die aber deutlich kleiner sind als bei Bürger:innenmeister:innen:kandidat:innen!

    Schriftlich mag das stimmen, aber mündlich ist das wieder ein ganz anderer Schnack. Deutsch hat ausspracheseitig eine Trochäus-Form mit starker Nebensilbenabschwächung. Das bedeutet konkret, dass i.d.R. die erste Silbe einen Vollvokal oder Diphthong enthält und die zweite Silbe einen Zentralvokal (Schwa) beinhaltet. Beispiele:

    e-Schwa (lautschriftlich ə) : Leere, Leute, Friede, laufen, Mädchen, Lehrerin usw.

    a-Schwa (vokalisiertes r, lautschriftlich ɐ): Bruder, Schwester, Lehrer usw.


    Bürgermeisterkandidaten entspricht nahezu der deutschen Idealform von abwechselndem Vollvokal (betont) - Schwa (unbetont) (Xx). Da Kandidat kein ursprünglich deutsches Wort ist, liegt hier eine Abweichung vor.

    Bürgymeistykandidaty enthält hingegen nur Vollvokale und widerspricht damit stark der deutschen Phonologie.


    Wenn mir jetzt wieder irgendwer mit der Veränderbarkeit von Sprache kommt, möchte ich dezent darauf hinweisen, dass sich Deutsch über Jahrhunderte (althochdeutsche Nebensilbenabschwächung) von einer Sprache mit Vollvokalen hin zu einer Sprache mit starker Nebensilbenabschwächung entwickelt hat, die bis heute aktiv ist. Nichts ist unmöglich, aber zumindest äußerst unwahrscheinlich. ;)

    Wieso ist das für dich bei der Frage nach Lieblingssängern anders? Ich meine auch gelesen zu haben, dass die Frage nach Lieblingsschauspielern anders beantwortet wird als nach Lieblingsschauspielern und Lieblingsschauspielerinnen. Im ersten Fall denken die meisten vor allem an Männer.

    Generell hat es etwas mit Referenzialität zu tun. Je referenzieller etwas ist, umso deutlicher liegt eine konkrete Lesart vor. Je niedriger die Referenzialität, umso allgemeiner wird etwas aufgefasst. Der Plural begünstigt eine allgemeine Lesart, während der Singular eine konkrete Lesart begünstigt:


    Sehr geehrte Damen und Herren: sehr referenziell, da es eine Ansprache ist.

    Wer ist dein Lieblingsmusiker?: Stark referenziell, da es eine bestimmte Person und die Auswahl groß ist.

    Wer ist dein Lieblingslehrer?: Stark referenziell, aber aufgrund der kleinen Gruppe dürfte die Gemischtgeschlechtlichkeit naheliegend sein.

    Jeder Lehrer hat studiert: ersichtlich, dass damit keine konkrete Person gemeint sein kann.



    Google mal "Entgendern nach Phettberg", war hier auch schon Thema. Es gibt schon einige Menschen, die versuchen, bewusst öffentlich neue Wege zu propagieren, wie man sieht, setzen sich trotzdem andere Sachen durch. Wenn du dich dazu berufen fühlst, halte Vorträge zu deinem Lösungsvorschlag und lass dich von Der Zeit interviewen. Ich fürchte hier bist du einfach auf dem Holzweg, weil es auch in 3 Wochen nicht passieren wird, dass alle Forenteilnehmer und auch nicht die mit einem anderen Geschlecht zustimmend nicken. Es gibt hier schlicht kein "Recht haben".

    Entgendern nach Phettberg ist eine nette Idee, aber das Neutrum hat einfach eine andere Funktion in unserer Sprache. Außerdem bekommst du große Probleme bei Komposita (das Bürgymeistykandidaty).

    Wie kommst du denn auf diese irrige Schlussfolgerung? Es GIBT Busfahrerinnen und Busfahrer und es GIBT jeweils ein Wort dafür. Es gibt aber KEIN Wort für buddhistische Busfahrerinnen.


    Und Mensch und Person sind geschlechtsneutral, auf welcher Grundlage willst du das denn infrage stellen?


    Meinungen kann ja jeder haben, auch ohne Argumente kann man was doof finden. Aber etwas zu konstruieren, das nicht existiert, um seine Meinung zu belegen ist echt sonderbar.

    Hier beißt sich die Katze aber leider in den Schwanz. Welches Wort gilt als geschlechtsneutral und welches nicht? Derzeit sieht man es beim Wort der Gast, das immer häufiger zu Gästin moviert wird. Historisch belegt ist es auf jeden Fall, genau wie eigentlich ungrammatische Formen wie Lieblingin und auch die Blindin (statt die Blinde). Die Menschin ist auch im Duden eingetragen. Zur Häufigkeit der Movierung gab es historisch schon immer Moden, die dann auch den Familien- und Mädchennamen betrafen. Theoretisch könnte es genau so gut einen Personer oder Lehrkräft(er)ich geben. Diese Formen sind bildbar und letztendlich konsequent.

    Hier liegt einfach der Widerspruch zwischen der Sichtbarkeitsmethode, um auch alle "mitzumeinen", und der Neutralisierungsstrategie, um Sprache pragmatisch zu halten. Da werden dann die eigentlich geschlechtsneutralen Partizipien plötzlich moviert oder zur Doppelnennung: die Delegierten -> die Delegiert:innen (so gesehen bei phoenix) und die Vortragenden -> die Vortragenden und Vortragendinnen (so gehört bei einem Prof). Anglizismen müssen dann auch dran glauben, Fan -> Fanin (gehört bei Maybrit Illner).


    Erfreulicherweise - zumindest für mich - sehe ich bei Stellenanzeigen, die ich so im öffentlichen Raum sehe, einen Rückgang der Movierung, seitdem alle das (m/w/d) dahintersetzen. Statt Schreibe mit Schrägstrich oder Stern steht da nur noch die Grundform. Mittlerweile hat sich ja rumgesprochen, dass das nicht "männlich, weiß, deutsch" heißen soll. :D

    Dieses "Mitmeinen" und Konsorten ist auch so eine Art Kampfbegriff. Wenn jetzt bei Alltagssaussagen wie "Am Montag haben alle Schüler frei." oder "Alle Kollegen treffen sich um 14 Uhr zu einer außerordentlichen Dienstbesprechung." aus Verständnisgründen wirklich Mädchen am Montag in die Schule kommen und die Frauen nicht zur Dienstbesprechung kommen, könnte man ja wirklich mal darüber reden. Dass dies ernsthaft passiert, bezweifel ich. Glaubt man den Untersuchungen zur Sprachverarbeitung (mittels Eyetracking), ist das einfach kein Ding. Sätze wie "Die Ärzte kommen zur Visite. Frau Müller ergreift das Wort." erzeugen beim Lesen kein Augenflackern/Zurückspringen der Augen, was ein Indiz für Irritation wäre. Das wird glatt durchgelesen. Es wäre auch sehr verwunderlich, wenn das generische Maskulinum seit Anbeginn unserer Sprachaufzeichnung nachweisbar wäre, es käme dadurch ständig zu Missverständnissen und die Sprachgemeinschaft ändert nichts daran, z. B. eine movierte Form für Männer. Das ist einfach nicht glaubhaft!
    Bei sehr konkreten Fragen zu großen Gruppen, bspw. zum Lieblingssänger, würde ich persönlich ein "männlich, weiblich, divers" hinterschieben, weil das Maskulinum hier sehr referenziell ist.




    Kleiner Exkurs zu den Moden: Früher wurden auch die Familiennamen moviert. Die Frau von Peter Müller konnte bspw. als Gabriele Müller, Gabriele Müllerin oder die Müller usw. bezeichnet werden. Es wurden auch die Hexenverhörsprotokolle dahingehend untersucht, auf welche Weise die verschiedenen Formen benutzt wurden. Es zeigte sich, dass die movierten Familiennamen (Müllerin, Schmidtsche) oder Artikelmarkierungen (die Müller) verwendet wurden, um die jeweiligen Frauen zu diskreditieren.

    Irgendwann gab es der Adel auf, den Familiennamen bei Frauen zu movieren und der Rest zog nach. Irgendwann galt es als unschick.

    Das generische Maskulinum hat den Nachteil dieser Zwitterstellung eben sowohl Maskulinum als auch generisch zu sein. Verwendet man etwas anderes als geschlechtsneutrale Form. Könnte das Maskulinum ganz Maskulinum sein.


    Wer auf dem generischen Maskulinum beharrt, sorgt eben dafür, dass die armen ohnehin so zurückgesetzen männlichen Personen noch nicht mal eine eigene grammtikalische Form haben, nachdem ihnen ja sonst schon alles vorenthalten wird.

    Das mit der Doppelfunktion des Maskulinums ist mir alles bekannt. Wäre das alles so missverständlich, ob man bei einer konkreten Aussage einen Mann oder irgendeine Person jedweden Geschlechts meint, hätte die Sprachgemeinschaft vermutlich den Weg einer Movierung für Männer gewählt. Das wurde ja auch alles schon so oft von verschiedenen Leuten (u.a. Mathias Behlert, B.-P- Liegert, http://www.gendern-ändern.de ) vorgeschlagen:

    allgemein: der Lehrer

    weiblich: die Lehrerin

    männlich: der Lehreron, -er, -ich, -us, -is usw.

    divers: das Lehrerix, -an, -il usw.


    Ich hätte damit überhaupt kein Problem. Für einen natürlichen Sprachwandel müsste jedoch eine Vielzahl an Männern ein ähnliches Empfinden entwickeln wie die Frauen der feministischen Bewegung, dass die Bezeichnung in einer movierten Form identitätsstiftend wirkt und man auf diese besteht. Historisch untypisch wäre es für Männer allemal und eine „Männerbewegung“ würde ziemlich sicher misstrauisch beäugt, wenn nicht sogar als antifeministisch angegriffen. Die Hürde wäre für Männer sogar ungleich größer als die für Frauen.

    Es bleibt außerdem die Frage, wieso man überhaupt eine movierte Form wie Lehrerich für Männer übernehmen sollte? Die bereits etablierte kurze Form (der) Lehrer wäre erstens ökonomischer und zweitens schlicht nicht falsch. Sowohl geschlechtsspezifisch als auch geschlechtsneutral in Bezug auf die Rolle könnte man auf eine bekannte männliche Person verweisen.



    Ich "beharre" überhaupt gar nicht auf dem generischen Maskulinum, sondern sehe die Alternativvorschläge als schlechtere Lösung an, falls sie überhaupt in die deutsche Sprachstruktur passen. Noch einmal als Grammatikgrundkenntnis für dich: Ursprünglich gab es nur zwei Genera in unserer Vorgängersprache, nämlich Maskulinum und Neutrum zur Unterschiedung von belebt/unbelebt. Das Femininum kam als weiteres Genus für Belebtes hinzu. Es hat keine gleichwertige Funktion in der Sprache im Vergleich zu den beiden anderen. Das kann man bedauerlich finden oder nicht, aber es ist nunmal so. Ich hab's mir nicht ausgedacht.



    GenusBelebtheitPronomen
    Maskulinumbelebtwer?, irgendwer, jemand, niemand
    Neutrumunbelebtwas?, irgendwas, etwas, nichts
    Femininumbelebt-


    Jemand und niemand müssen mit Maskulina fortgeführt werden. "Jemand, der ...", "Niemand, der ..."

    Muss ich dir allen Ernstes erklären, wie das nur sein kann? Ehrlich, ich bin ganz sicher keine "Pussy", aber du machst es dir schon echt zu leicht mit deiner Argumentation. Ich bin alles in allem sehr zufrieden mit meiner Situation, unsere Elterngeneration hat aber noch ganz andere Zeiten erlebt. Lass mal noch eine Generation vergehen, dann diskutieren wir hoffentlich gar nicht mehr über sowas.

    Ich beziehe mich da rein auf die sprachliche Ebene mit der Movierung (Grammatik) und nicht auf die gesellschaftliche. Das stelle ich überhaupt nicht in Abrede. Das ist es aber genau, was mich an der deutschen feministischen Linguistik stört - diese apodiktische Verknüpfung von Gesellschaft und Sprache.

    An meinen Beispielen aus unseren verwandten Sprachen wollte ich aufzeigen, dass das auch alles ganz anders hätte laufen können. Luise Pusch war damals zuerst für die Abschaffung der -in-Movierung. Das ist auch immer sehr abhängig davon, wer wo mit wem gerade ist. Betrachtet man die Debatte um Kernkraft in verschiedenen Ländern kannst du ähnliches feststellen.

    Sagst du denn "der Laptop"? Ich nicht und das höre ich hier auch eher selten.

    Ich persönlich kann mich nicht daran entsinnen, dass ich mal das Laptop im echten Leben gehört hätte. Ich kenn's nur aus dem Internet/Fernsehen. Bei das Mail ist's genau so. Für mich ist's auch der Joghurt, während eine Kollegin von etwas weiter weg das Joghurt sagt. Ich habe auch immer das Radiergummi gesagt (wegen das Gummi), aber eine Kollegin sagte mir mal, dass es "eigentlich" der Radiergummi hieße. Das hat mich sehr verwundert und wie meistens geht beides.

    Ich glaube, dass mindestens einem Teil der Männer wirklich die Vorstellung dafür fehlt, wie diese Art der verbalen Zurücksetzung sich anfühlt. Es ist mir wirklich wumpe, ob für Isländerinnen der weibliche Flugmann OK ist. Hier, in unserem Kontext, ist Sprache offensichtlich eine Baustelle. Und so wie ich das beobachte, ist die Baustelle 5 km weiter nördlich noch deutlich grösser als hier. Allein die Tatsache, dass die Debatte in den Medien schon gar nicht erst so aufgeheizt geführt wird, spricht Bände. Vieles passiert da einfach so nebenbei, allenfalls begleitet vom Gezeter einer SVP-wählenden Minderheit. Selbst in deren Lager sehen ja längst nicht alle Anlass zur Empörung.

    Das mit dem Zurückgesetztfühlen ist dabei wohl eine recht subjektive Empfindung. In einem Fernsehbeitrag ging es um männliche Beschneidung. Der Reporter benutzte da so eine Neutralisierung "Menschen mit Penis". In dem Interview wurde ein Arzt zu der Thematik befragt. Er erzählte, dass die Männer dadurch zum Teil Probleme mit ihrer Partnerin hätten. Ich als schwuler Mann hätte mich da ja auch zurückgesetztfühlen können, dass nicht gegendert wurde und auch ein Partner erwähnt wurde. Ich wusste, dass mich dieser Arzt ganz sicher nicht ausschließen will und dass es hier auch potenziell um mich gehen könnte.


    Frauen haben immerhin ein eigenes Genus mit einer eigenen Form. Männer haben gar keine spezifische Form (wie Lehreron oder so etwas) und das Maskulinum ist kein Genus nur für Männer, sondern nur für Belebtes/Menschliches. Ursprünglich waren alle Menschen im Maskulinum und vermutlich sind Frauen erst durch lautliche Gründe ins Femininum gewandert. Da spielt eben auch einfach Zufall mit, wie sich Sprache entwickelt. Es gibt auch Sprachen mit Verifikationsmarkern. Haben die sich entwickelt, weil die Sprecher und Hörer so misstrauisch gegenüber Informationen sind? Wohl kaum. Es ist vieles eben Zufall.

    Ich frage mich etwas, warum dass einige Gruppen etwas anders machen.

    Wie ist das bei "Laptop"

    Könnte das am Dialekt liegen? Weil die Aussprache etwas anders ist?

    Für mich persönlich ist ja "das" bei Laptop logisch. "Der" fühlt/hört sich meiner Meinung nach etwas besser an.

    Das du "das" auch logisch findest, hast du uns schon geschrieben. Wie ist das, wenn du mit deinem "Dialekt" "Das Laptop" und "Der Laptop" sagst.

    Schwankungen im Genus - regional oder zeitlich - sind nichts ungewöhnliches. Ich habe weiter vorne mehrere Prinzipien aufgeschrieben, die Genus bestimmen können. Wörter können auch das Genus wechseln, wenn sich insgesamt in der Sprache etwas verschiebt. Zum Beispiel sind einige niedere Tiere (der Schlange, der Krake, der Blindschleiche) ins Femininum gewandert. Bei Krake gibt es ja bis heute eine Genusschwankung (der Krake(n)/, die Krake). Wörter wie der Brunne oder der Schwane wurden dann verändert, um sie einer anderen Deklinationsklasse anzupassen (-> der Brunnen, -> der Schwan/e/).

    Das ist eine wohlwollende Interpretation des Geschriebenenen. Auch auf dem europäischen Kontinent haben sich die Sprachen überwiegend durch Eroberungskriege verbreitet. Total romantisch.

    Da die Völker auf dem europäischen Kontinent fast alle indoeuropäische Sprachen sprechen (Ausnahmen wären bspw. Finnisch und Ungarisch), ist dieser Faktor wohl eher zu vernachlässigen ...

    Dass diese Berufe nun auch häufig von Frauen ausgeübt werden, liegt vor allem daran, dass sie dann auch endlich mal studieren durften ... Und doch, die Sprache tut das Ihrige dazu. Im Englischen sagt man seit geraumer Zeit auch chairperson statt chairman. Nicht ohne Grund ...

    Du schmeißt hier zwei Ebenen zusammen, die getrennt zu betrachten sind. Chairman/chairwoman -> chair(person) betrifft die Lexik. Da hat die feministische Linguistik auch im Deutschen ihre Berechtigung (Kameramann -> Kamerafrau). Die Movierungen betreffen aber die Morphologie und daran kann man deutlich schwerer etwas dran ändern. Das liegt im Sprachkern und nicht weiter außen wie die Lexik.


    Wo nimmst Du das denn her? Die Debatten um genderfaire Sprache in England und insbesondere Frankreich seit mindestens den 60er/70er Jahren sind an dir vorbeigegangen?

    Ja, und dann wurden im germanischen Sprachraum diese Diskussionen (überwiegend) mit einer Form für alle recht schnell abgehakt. Frankreich ist dahingehend ein Sonderfall, dass es Sprachvorschriften von oben gibt. So wurde dort auch des Gendern mit Mediopunkt per ordre de muft von oben verboten.

    Ansonsten dreht sich die Frage derzeit dann eher um ein Pronomen für den dritten Personenstandseintrag. Das Ausmaß ist deutlich kleiner.

    Diese Begriffe sind mir noch nicht begegnet. Quelle?

    Da brauchst du nur mal in ein Online-Wörterbuch schauen. ;) Im Finnischen ist es übrigens bezüglich des Parlamentsmanns genau so, nur dass die finnische Sprache kein Genus hat.

    Ansonsten habe ich da ein Zitat gebracht. Hier gibt es den Aufsatz von Damaris Nübling (»Der Flugmann/-mensch, der eine Frau ist, ist schwanger«). Du wirst dich vermutlich über die feministische Perspektive des Aufsatzes freuen, aber da es sich um Nübling handelt, wenig verwunderlich. Die isländische Bevölkerung würde wohl eher nicht zustimmen, da sie sehr sprachkonservativ sind. ;)

    https://publikationen.ub.uni-f…4/file/Nuebling_2002a.pdf

    Manchen möchte man dringend empfehlen, sich einfach mal das Stöckchen aus dem Allerwertesten zu ziehen.

    Machst du da den Anfang? Rein faktenbasiert für die germanische Sprachfamilie (Englisch, Niederländisch, Afrikaans, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Isländisch, Färöisch, Jiddisch) ist man im deutschen Sprachraum mit diesem ganzen Gendern auf einem Alleingang. Die hiesigen Feministinnen sind die Geisterfahrer, nicht andersherum. Mal zwei Zitate aus der wissenschaftlichen Literatur:


    "SprecherInnen des Niederländischen, ob sie nun aus den Niederlanden oder aus Belgien kommen, sind sehr oft verwundert über den Aufwand, den wir in sprachlicher Hinsicht treiben, um Frauen ,sichtbar' zu machen. Sie bezweifeln, dass dies in irgendeiner Form zu mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern führt. Die Heftigkeit der Debatte im deutschen Sprachraum erstaunt und irritiert sie. Statt die Realität durch sprachliche Anpassungen ändern zu wollen, gehen sie eher davon aus, dass der gesellschaftliche Wandel der vergangenen Jahrzehnte auf Dauer dazu führen wird, dass die männlichen Formen für Personennamen uminterpretiert werden, neutraler werden."

    https://neon.niederlandistik.f…ng_2020_Muttersprache.pdf


    "The common opinion today, even among feminists, ist that linguistic gender is strictly grammatical and has no correspondence with gender bias." (Anna Gonnarsdotter Grönberg 2002 über das Isländische)

    Ok, nochmal für Anfänger (bewusst männlich formuliert) ganz niedrigschwellig erklärt:

    Wenn kleine Kinder (Mädchen und Jungen und alle anderen) tagtäglich nur von Ingenieuren und Anwälten hören, dann lernen sie, dass das Männerberufe sind. Entsprechend werden sich für diese gut bezahlten Berufe tendenziell mehr Männer entscheiden.

    Wenn Kinder täglich von Erzieherinnen und Putzfrauen hören, dann denken sie, dass das Berufe für Mädchen sind. Also werden sich tendenziell mehr Mädchen für diese schlecht(er) bezahlten Berufe entscheiden.

    Das führt zusätzlich zu einer weiteren Gender PayPal Gap, die es ohnehin schon in vielen Berufen gibt, die nicht (streng) nach Tarif bezahlt werden.

    Kinder, die nicht mit einem eindeutigen Gechlecht geboren sind, bzw. mit beiden Geschlechtsmerkmalen oder Kinder, die sich nicht dem ihnen zugeordneten Geschlecht zugehörig fühlen, werden in dieser Sprache gar nicht abgebildet.

    Das ist mit Verlaub kompletter Unsinn und lässt sich an der Realität sehr leicht widerlegen. Die Berufe Lehrer, Anwalt, Arzt, Tierarzt wurden von männlich dominierten Professionen zu weiblich dominierten ganz ohne jede Sprachdebatte. Empirisch belegte Effekte von Sprache gibt es schlicht nicht. Bitte komm mir jetzt nicht mit dieser einen Studie, die wieder und wieder hervorgezerrt wird, in der die drei Autorinnen selber einräumen, dass ihre Studie gar nichts aussagt.

    Das erste weibliche und das erste lesbische Staatsoberhaupt gab es in Island. Frauen im Parlament nennen sich ganz selbstverständlich "Parlamentsmann", Pilotinnen sind "Flugmann" usw. Dieser enge Zusammenhang zwischen Sprache und Realität existiert schlicht nicht, egal wie oft man es wiederholt.



    Philipp Huebl hat hierzu eine sehr schöne Vorlesung in seiner Reihe "Bullshit-Resistenz" hochgeladen.


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    Vor ein paar Jahren wurde ein "Laptop" erfunden.

    Also muss man jetzt auch irgendwie einen Artikel dazu finden.

    Wie macht man das den?

    Da gibt es mehrere Prinzipien:

    1. Bei Fremd-/Lehnwörtern greift das Sockelgenus: Mail hat die Bedeutung von die Nachricht, also die Mail.

    2. Morphologische Struktur: die Ableitung (wie -er, -chen, -ung usw.) ist bestimmend: der Lehrer, das Mädchen, die Leitung.

    3. phonologische Struktur: bestimmte Endungen begünstigen ein bestimmtes Genus.

    4. Wortbedeutung: das Femininum ist das Genus für Kollektive und Abstrakta (die Familie, Stadt, .../Liebe, Vernunft, ...), das Neutrum für Unbelebtes wie Substanzen, Vorgänge und Kollektive (das Erz, Holz, .../Handeln, Wischen, .../Gebüsch, Gebirge, ...). Das Maskulinum ist das Individual- und Standardgenus. Greift kein anderes Prinzip, landet das Wort im Maskulinum. Das sieht man auch wunderbar an den zahlreichen Anglizismen.

    5. Sexus (nur bei Personenbezeichnungen): Maskulinum für Männer, Feminum für Frauen, Neutrum für Unreife (das Neugeborene, Kind, Kalb, Kitz usw.) und in manchen Dialekten auch für Frauen (Feminum zeigt Distanz, Neutrum zeigt Nähe).


    Mehr dazu (zu Anglizismen ab S. 109): https://ids-pub.bsz-bw.de/fron…_des_Substantivs_2004.pdf

    Es ist interessant, was du in der Theorie so alles weisst. Nur geht's hier grad eher um den Alltagsgebrauch der Sprache. Das scheint mir ein bisschen dein Problem zu sein. Du beharrst auf irgendeine Art von "korrektem" Gebrauch der Grammatik und reagierst beleidigt, wenn ich dir antworte, nein, meine Schülerinnen und Schüler sprechen so nicht.

    Ich beharre hier gar nicht auf irgendeinem korrektem Gebrauch, sondern es sind schlicht meine Beobachtungen der Alltagssprache.


    Ich sage dir ganz ehrlich, wie es ist: Die allerwenigsten achten so genau auf ihre Sprache und die ihrer Umwelt. Da es nur das Instrument zum Erreichen eines anderen Ziels ist, verwundert das wenig. Nur die allergröbsten Schnitzer dringen wirklich ins Bewusstsein vor. Selbst wenn, sieht man als normaler Sprachnutzer die Systematik dieser "Fehler" nicht, und vergisst es auch dementsprechend schnell wieder.

    Da können die in der Linguistik ein Lied von singen. Jedes Jahr fangen bei denen an den Unis die Studis an und werden mit den üblichen Phänomenen tatsächlicher Sprache abseits des Grammatiklehrbuchs konfrontiert: Doppelperfekt ("Ich habe eingekauft gehabt."), tun-Periphrase ("Wenn wir kochen tun ..."), Weglassen von Artikeln und Präpositionen ("Ist die Prüfung Nebenraum Mensa?"), "falsche" Präposition und allerlei anderem Firlefanz ("Das finde ich mehr interessanter."). Sprichst du die Leute darauf an, wird das meistens geleugnet oder als einmaliger Ausrutscher abgetan. Sie würden ja so nicht reden und da hätte man sich bestimmt nur verhört, um es kurz danach direkt wieder zu tun.

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