Spiegel: Die Erziehung der Eltern

  • Zitat

    alias schrieb am 20.07.2005 21:31:
    @ heike


    Vielleicht liegen unsere unterschiedlichen Wahrnehmungen der Kinder und Eltern daran, dass wir unterschiedliche "Klienten" betreuen. Ich bin Hauptschullehrer und ärgere mich tagtäglich, dass Kinder bei denen ich spüre, dass sie nicht dumm sind, nur deswegen "den Bach runter" gehen, weil es im Elternhaus an jeder Ecke knirscht.


    Tja, das geht bei uns im beruflichen Vollzeitbereich gerade so weiter. Wobei die Eltern aus eigener Initiative so gut wie nicht präsent sind. Diese Eltern wollen oft gar nichts für ihr Kind. Denn vom Bewerbungsschreiben über den Praktikums- und Ausbildungsplatz managen z.B. im BVJ alles die Kollegen inklusive einer rudimentären Werteerziehung.
    Eigentlich fast schön, dass sich diese Eltern nicht auch noch einmischen...
    X(

    Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.

  • Zitat


    FrauBounty schrieb am 20.07.2005 21:44
    Ich weiß noch, wie geschockt ich bei den ersten Gesprächen war, wenn dann die Mutter zu ihrem Grundschulkind sagt *Ich hab keinen Bock mehr auf dich.*


    :(


    Oh Gott, das ist ja dermaßen grausam.. :(
    So kann man einem Kind auch das Leben versauen.

  • Vielleicht sollte man bedenken, dass diese "furchtbaren" Eltern , in ihrer Kindheit nichts anderes erfahren haben und deshalb auch keine Werte transportieren können.


    Deswegen sind sie noch lange nicht schuldig, sondern selber Opfer ihrer Eltern, usw..


    Wenn keiner da ist, der dieses Muster durchbricht, dann wird das über viele Generationen so weitergehen.


    Und es kann, wie Timm schreibt, eine Lebensveränderung oder ein toller, verständnissvoller Lehrer ein Denkanstoss, zur Veränderung sein.


    Wir alle haben Eltern, die nicht alles "richtig" gemacht haben. Aber sie haben es nicht gemacht, weil sie uns ärgern wollten, sondern weil sie es selber nicht besser wussten.


    Und in Stressfamilien, zB. Alkoholiker, ist alles um ein Vielfaches schlimmer. Da gibts nichts, woran sich ein Kind orientieren kann. Diese Kinder sind Überlebenskünstler, sowie ihre Eltern das wahrscheinlich auch schon waren.


    woman123

  • Hallo alias,


    Zitat

    alias schrieb am 20.07.2005 21:31:
    Manchmal hatte ich nach solchen Gesprächen das Gefühl, gar nicht genug fressen zu können, wie ich kotzen wollte....


    da bin ich ja beruhigt, dass es Lehrern auch manchmal so geht. ;);)


    Meine Hausaufgaben für diesen thread habe ich eigentlich nicht gemacht. Den Artikel habe ich nicht gelesen. Mir geht es aber mit diesen reisserischen Artikeln und Supernannies ähnlich wie Heike.


    Eine Sache vielleicht noch. Vermutlich fühlen sich die falschen Eltern von solchen Texten oder auch von einigen Beiträgen hier im Forum betroffen. Ich vermute die Sorte Eltern, die hier von alias u.a. beschrieben werden, lesen solche Artikel eher nicht und sie werden ebenso wenig in so einem Forum mitlesen, wie sich denn Lehrer dazu fühlen.



    lg,


    füchsle

  • Die "Sorte Eltern" wird das wahrscheinlich wirklich nicht lesen, die finden aber auch "normal", wie sie leben und handeln.


    Aber ich denke, dies ist unter anderem auch ein Forum, zum Austausch von verschiedenen Sichtweisen.


    Und das sollte mein Posting sein, eine Sichtweise zu dem Thema.


    woman123

    • Offizieller Beitrag
    Zitat

    oh-ein-papa schrieb am 21.07.2005 11:56:
    Na dann möchte ich noch dieses bissigen Artikel über "Das wahre Elend der Unterschicht" beisteuern:
    http://www.stern.de/politik/deutschland/index.html?id=533666


    Grüße,
    Martin



    Krasser Bericht!


    Die Pisa Studie sagt ja im Grunde nichts anderes, nämlich dass es einen Zusammenhang zwischen Bildungschancen/-erfolg und sozialer Herkunft gibt.


    Das heißt aber auch, dass man als "normaler Bürger" im Grunde kein schlechtes Gewissen haben muss bzw. sich einreden lassen muss, nur weil man mehr Geld hat.


    Somit gilt also wieder die alte Weisheit, dass man bei den Eltern anfangen muss, um die Kinder langfristig zu fördern. Es ist aus der Sicht eines Kindes ja auch schwer nachzuvollziehen, warum es sich jetzt anstrengen soll, benehmen soll, Ehrgeiz und Durchhaltevermögen zeigen soll, wenn die Eltern genau das Gegenteil vorleben.


    Krass gesprochen müsste man also die Eltern zuerst "erziehen", um dann die Kinder zu erreichen.


    Gruß
    Bolzbold

  • Ich stelle mir eigentlich eher vor, dass das Schulsystem sich vielleicht so verändern müsste, dass Schüler weniger auf die Unterstützung durch die Eltern angewiesen sind. Das würde mehr Chancengleichheit bedeuten.


    In der Gymnasialklasse meines Sohnes erreichte praktisch kein Kind, das nicht Eltern mit akademischem Background hatte, die Oberstufe. Einige wenige glichen das mit bezahlter Nachhilfe aus. Wenn eben zu Hause wenigstens Geld da ist. Die anderen bauten gnadenlos ab.


    Erziehung und Unterstützung der Kinder halte ich in solchen Fällen für deutlich einfacher als Einfluss auf die Eltern.


    Grüße Enja

    • Offizieller Beitrag
    Zitat

    Enja schrieb am 21.07.2005 12:22:
    Erziehung und Unterstützung der Kinder halte ich in solchen Fällen für deutlich einfacher als Einfluss auf die Eltern.
    Grüße Enja


    Ich stimme Dir grundsätzlich in Bezug auf die Unterstützung der Kinder zu. Diese Unterstützung verpufft aber in vielen Fällen, wenn die Eltern durch ihr Verhalten diese Maßnahmen bewusst oder unbewusst torpedieren.
    Thema Disziplin: Wie bzw. warum sollte ein Kind bei aller Untetstützung seitens der Lehrer in der Schule dies lernen bzw. beherrschen, wenn es zu Hause sieht, dass die Eltern auch ohne Disziplin klarkommen?
    Leider sind es immer noch die Eltern, die ihre Kinder nachhaltig prägen und den größten Einfluss auf sie haben. Falls es nicht gelingt, die Eltern positiv zu beeinflussen, so sollte man dann wenigstens Störmaneuver seitens der Eltern verhindern.


    Gruß
    Bolzbold

  • Zitat

    Enja schrieb am 21.07.2005 12:22:
    Ich stelle mir eigentlich eher vor, dass das Schulsystem sich vielleicht so verändern müsste, dass Schüler weniger auf die Unterstützung durch die Eltern angewiesen sind. Das würde mehr Chancengleichheit bedeuten.


    Da sehe ich auch grossen Nachholbedarf.


    Es beginnt damit, wie der Wechsel auf die weiterführenden Schulen stattfindet. Zumindest bei uns ist das so, dass die Grundschule eine Empfehlung ausstellt. Als Eltern muss man sich dann in der Umgebung erkundigen, wann die einzelnen Schulen Informationsveranstaltungen anbieten, man muss sich informieren, wann die Anmeldetermine sind und wenn man den verpasst (zB. wegen einem Beratungsverfahren) selber Schulleiter abtelefonieren bis jemand die Güte hat, einen Termin frei zu machen. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass man dabei gerne abgewimmelt wird.


    Wenn ein Kind in eine Familie hineingeboren ist mit Eltern, denen die Schulbildung gleichgültig ist bzw. die grosse sprachliche Probleme haben, hat es Pech gehabt. Wenn die Eltern nichts unternehmen, gilt automatisch die Anmeldung in die Hauptschule. Das finde ich sehr problematisch.


    Dass es danach kaum möglich ist, an der Schule zu bestehen ohne tatkräftige Unterstützung der Eltern ist ein weiteres Kapital, das man grundsätzlich überdenken sollte. Bei uns zeichnet sich jetzt im G8 eine ähnliche Situation ab, wie es enja beschreibt.



    lg,


    füchsle

  • Enja schrieb
    In der Gymnasialklasse meines Sohnes erreichte praktisch kein Kind, das nicht Eltern mit akademischem Background hatte, die Oberstufe.null


    Das ist bei uns nicht so,denn meine Eltern haben auch keinen akademischen Background und bei sehr vielen anderen Schülern ist es auch so.Schaffen kann es jeder.Das Schüler von Akademikern bevorzugt werden von vielen Lehrern z.B. was mündliche Noten usw. betrifft kann ich allerdings bestätigen.So ist es oft nicht nachvollziehbar ,wenn ein Schüler der nie im Unterricht den Mund aufmacht eine 1 oder 2 erhält in Mitarbeit und ein Schüler der ständig aufzeigt und sehr aktiv mitarbeitet eine 3.
    Könnte der Lehrer es auf Frage erklären, wäre es noch nachvollziehbar aber da sie das nicht können, ist es einfach so gewollt.Auch bei Arbeiten ist es manchmal so, dass bei gleichem Inhalt verschiedene Noten gegeben werden ohne Erklärung.Es gibt aber auch Lehrer die da gar keinen Unterschied machen und einfach nur gerecht sind.
    Ich weiß nicht wie das bei diesen Schülern später an der Uni mal sein wird? Vielleicht haben sie dort diese Vorzüge nicht mehr.


    Aisha

    Träume nicht Dein Leben,lebe Deinen Traum

  • An Füchsle
    Bei uns ist es so, dass in der 3. Klasse sowie 6.Klasse, nach der Orientierungsstufe ein Elternabend über Schullaufbahnberatung stattfindet, in der jeweiligen Schule.Dort sind Ansprechpartner von jeder Schule anwesend.Haupt--Real und Gymnasium.

    Träume nicht Dein Leben,lebe Deinen Traum

  • Zitat

    Ich weiß nicht wie das bei diesen Schülern später an der Uni mal sein wird? Vielleicht haben sie dort diese Vorzüge nicht mehr.


    An der Uni hat meiner Erfahrung nach jeder die gleiche Chance, da man sowieso eher anonym ist. ABER: nicht jeder kommt an die Uni bzw. kann sie sich finanzieren, denn selbst mit Bafög muss man noch oft was dazuverdienen. Das ist (wenn man wegen Bafög schnell studieren soll) nicht immer einfach. Jetzt mit den geplanten Studiengebühren (egal welche Auffangsysteme es geben wird) wird es sicher noch etwas schwieriger.

  • Eltern kann man nicht (mehr) ändern.


    Wenn man benachteiligten Kindern mehr Chancen für einen guten Start geben will, dann muss man halt mehr Förderung anbieten. Sprich mehr echte (gebundene) Ganztangsgrundschulen anbieten. So ganz kostenneutral wird das nicht gehen.


    Mehr Chancengleichheit auf weiterführenden Schulen schafft - das ist offensichtlich - die Gesamtschule. Ob auch die Qualität insgesamt dadurch steigt, sei mal dahingestellt. Andere Länder können jedenfalls mit den Resultaten leben.


    Kinder mit akademischem Hintergrund haben generell den Vorteil, dass sie das Abitur nicht als seligmachendes Ziel vermittelt bekommen. Wie sie zuhause sehen, fängt der Stress danach erst richtig an...



    Grüße,
    Martin

    Acht Semester mitlesen ersetzt das Lehramtsstudium. ;)

    • Offizieller Beitrag
    Zitat

    alias schrieb am 20.07.2005 21:31:
    @ heike


    Vielleicht liegen unsere unterschiedlichen Wahrnehmungen der Kinder und Eltern daran, dass wir unterschiedliche "Klienten" betreuen. Ich bin Hauptschullehrer und ärgere mich tagtäglich, dass Kinder bei denen ich spüre, dass sie nicht dumm sind, nur deswegen "den Bach runter" gehen, weil es im Elternhaus an jeder Ecke knirscht.


    Ja, alias, da kannst du recht haben.


    Ich bin mir darüber im Klaren, eher die "heile Welt" zu sehen, in meinem Arbeitsalltag.


    Ich erinnere mich aber auch an meine Zeit in Wales, wo das ganz anders aussah und ich viel menschliches und soziales Elend mitbekommen habe. Aber selbst da habe ich inmitten von schrecklich "entmenschlichten" Verhältnissen oft ganz viel Menschliches entdecken können, nämlich wenn ich mal hier , mal da mit einem der versoffenen Väter oder einer hysterischen und verhaltensgestörten Mutter in ein echtes Gespräch treten konnte und gemerkt habe, wie viel von dem Elend auch einfach NOT ist. Und wie sehr sich auch solche Leute (manchmal) wünschen, sie könnten es anders ...


    Ich bin immer noch der Meinung, dass es wenig Sinn macht, den Eltern den Vorwurf zu machen, sie "bekämen es nicht geacken". Das mag zwar als Syptom in vielen Fällen stimmen, aber die Frage bei Symptomen ist ja immer, welche Krankheit sie verursacht: und ich glaube nicht an die genetisch schlechten Eltern. Ich glaube daran, dass man als Staat, wenn man eine Zukunft haben will, nicht nur Kinder, sondern auch Eltern fördern muss. Bzw. umgekehrt: ich glaube, dass eine der besten Förderungen für Kinder die Förderung der Eltern ist! Und da seh ich einfach NIX aber auch GAR nix von, in der derzeitigen Kürzungs- und Sparpolitik.


    Was könnte den Kindern alles erspart bleiben, wenn es den Eltern erspart bliebe! Denn es gilt leider immer noch das alte Sprichwort: wer getreten wird, tritt weiter.


    seufzt,
    Heike

  • Da sind wir doch einer Meinung.


    Ich behaupte ja auch nicht, dass alle Eltern in der Erziehung versagen. Wenn man das Spiegelzitat anschaut, wird dort von 20% verhaltensauffälligen Kindern gesprochen.


    80% der Kinder und der Eltern bekommen den Umgang mit Menschen, der Schule und sich selbst ganz gut auf die Reihe. Das ist ja gar keine so schlechte Bilanz. Von den 20% Verhaltensauffälligen wird auch keiner behaupten, dass das alles Kinder sind, deren Eltern was verbockt haben. Da sind einige durch organische Störungen oder traumatische Erlebnisse so geworden, wie sie sind.


    Wenn man - wie ich - einige Jahre 100% verhaltensgestörte Kinder in der Klasse hatte, ergeben sich für die eigene Einschätzung schon relativ stabile empirische Daten. Da waren eindeutig mehr als die Hälfte durch Erziehungsfehler und Verwahrlosung verhaltensgestört geworden.


    Wenn ich das auf die Verhältnisse unserer Hauptschule umrechne (mit knapp 20% potentiellen Erziehungshilfe-Fällen), komme ich auf 10-15% der Kinder, die ich dem Versagen der Eltern (und zum Teil auch Lehrern, die Erziehungsfehler begangen haben) zurechnen würde.

    Vorurteilsfrei zu sein bedeutet nicht "urteilsfrei" zu sein.
    Heinrich Böll

    Einmal editiert, zuletzt von alias ()

  • Ich finde deine Einstellung sehr gut und bin mir sicher, dass du eine von den superlieben Lehrern bist und die Schüler dich sehr mögen.Wir haben auch so Lehrer,wo man echt merkt,man interessiert sie und sie sind für einen da.Meine Klassenlehrerin ist so eine,leider werden wir uns morgen von ihr verabschieden müssen,worüber wir sehr traurig sind.Ich wünsche dir weiterhin sehr viel Spaß und Freude in deinem Beruf und noch erholsame Ferien



    Aisha

    Träume nicht Dein Leben,lebe Deinen Traum

    • Offizieller Beitrag

    Dankeschön, aisha - "superlieb" bin ich zwar vielleicht eher nicht (ich kann auch bissig sein ;) ), aber interessiert. Ich hoffe, dass das die meisten meiner Schüler so sehen, bzw. ich geb' mir Mühe. Fehler werde ich wohl immer mal machen, aber solange das nicht aus Desinteresse oder Gleichgültigkeit passiert, krieg ich's hoffentlich verziehen.


    Dir jedenfalls auch schöne Ferien... und einen lieben Gruß


    Heike

  • *Weihrauchfächel* Hust Hust...


    Tschuldigung, wenn ich da so in dieses Happy End reinplatze, aber ich würde die Aufmerksamkeit gerne zurück auf den von Papa geposteten Artikel lenken.


    http://www.stern.de/politik/deutschland/index.html?id=533666


    Ich hab den Artikel mit großem Interesse gelesen, weil er sich mit meinen Vorstellungen doch an vielen Stellen deckt und die Probleme dieses Landes sehr deutlich macht. Meine Frau hat ihn ebenfalls gelesen und fand ihn sehr deprimierend, aber zutreffend. Mich täten weitere Stimmen dazu interessieren...


    Gruß,
    Remus

    Die Wälder wären sehr still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen - HEnRy vAn dyKe

    Einmal editiert, zuletzt von Remus Lupin ()

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