Was tun, wenn man den "Störer" nicht eindeutig ausmachen kann?

  • Ich unterrichte Englisch in einer 8. Klasse. Die Lerngruppe ist genau genommen ein Mischkurs aus zwei Parallelklassen. Die SuS sind von der Leistung her sehr heterogen, soweit ich das verstanden habe, wurden die Lerngruppen nach "sozialen Kriterien" zusammengestellt--was auch immer das genau heißen soll.


    In der Praxis bedeutet das, dass eine Reihe Schüler dabei sind, die motiviert sind und sich auch sehr gut beteiligen, leider aber auch ein paar, die überhaupt keine Lust haben. Einige der Jungs (und wie ich vermute auch ein, zwei Mädchen) haben jetzt angefangen, sich durch Respektlosigkeiten mir gegenüber zu profilieren. Sie wollen wohl abchecken, was sich "der Neue" alles gefallen lässt und wann ihm der Kragen platzt. Anfangs warfen sie, sobald ich ihnen auch nur kurz den Rücken zuwende, im Raum mit Papierkugeln herum, dann auch auf mich, während ich z.B. an der Tafel schreibe. Heute ist einer nun eindeutig zu weit gegangen. Kurz nach dem Pausengong, während die SuS den Raum verließen und ich mich noch mit einem Mädchen unterhalten habe, hat mir einer beim rausgehen eine leere Getränkedose von hinten an den Kopf geworfen--wieder aus meinem Rücken, so dass ich keine Chance hatte zu sehen, wer es war. Ich weiß nur, wer es nicht war, denn die SuS, die sich noch im Raum befanden, waren von der Aktion in dem Moment genauso baff und erschrocken wie ich.


    Ich fürchte leider, dass ich versäumt habe, die rote Linie eindeutig zu markieren, bei deren Übertreten es sehr unangenehm für den "störenden" Schüler wird. Wir haben einen Trainigsraum, vor dem die SuS wirklich Angst haben. Auch wenn ich Angst als Mittel der Disziplinierung eigentlich verabscheue, habe ich mich mittlerweile damit angefreundet, den zu nutzen, wenn ein Schüler den Unterricht massiv stört oder durch Respektlosogkeiten wie dem Bewerfen des Lehrers glänzt.


    Ich hätte wahrscheinlich schon hart durchgreifen sollen, als die ersten
    Kügelchen durch den Raum flogen, doch stecke ich einfach in dem Dilemma,
    dass die sich geschickt genug anstellen, so dass ich nie sehe, wer genau
    gerade geworfen hat. Manchmal sehe ich, wenn sich einer "Munition" vorbereitet, verwarne den dann und kündige an, dass er in den Trainingsraum geht, wenn ich die Papierkugel fliegen sehe. Allerdings ist meine Hemmschwelle dann am Ende zu groß, mir willkürlich einen Schüler rauszugreifen, wenn ich an der Tafel beworfen wurde, wenn ich nicht wirklich sicher bin ob der gerade geworfen hat oder ob es vielleicht doch der Nachbar war. Kollektivstrafen im Sinne von "Einer von euch war's und wenn ihr nicht sagt wer, dann geht ihr eben alle drei" gehen irgendwie auch gar nicht, oder? Der Trainingsraum ist ja schließlich dafür da, dass die SuS ihr Fehlverhalten reflektieren, also sollte man da auch nur solche Schüler hin schicken, die sich wirklich falsch verhalten haben, die man also auch dabei erwischt hat, und nicht alle, die es hätten sein können.


    Ich befürchte außerdem, dass es nach hinten losgehen könnte, wenn ich mir einfach einen herausgreife und der es letztendlich doch nicht war. Klar, kann sein, dass sie dann merken, dass ich mir das nicht gefallen lasse und ich die Sache auf die Art langsam in den Griff bekomme. Könnte aber auch sein (und das vermute ich ehrlich gesagt eher), dass sie dadurch eine neue Methode entdecken, ihre Mitschüler rein zu reißen. "Ha, ich schmeiß jetzt mit einer Papierkugel auf den und der greift sich dann XY neben mir". *grins*


    Vielleicht hat jemand hier einen Rat oder kann mir mal schildern, wie ihr damit umgeht, wenn ihr nicht genau wisst, wer nun gerade konkret gestört hat.

  • Man kann mit allen SuS Einzelgespräche führen, um herauszubekommen wer es war, ggf. unter Zusicherung von Anonymität. DAmit sollte man schon rausfinden können, wer die Dose geworfen hat, ggf sagen dann die S. auch, wer sonst immer stört. Es sind ja meist gar nicht alle, wie du auch schreibst. Und die, die etwas lernen wollen nervt es auch, wenn Randale ist.


    Gruß
    CKR

  • Hallo Xiam,


    hier im Forum gibt es eine Reihe Threads, die ebenfalls ähnliche Probleme (Respektlosigkeit, keiner will's gewesen sein etc.) behandeln. Ich habe einige Antworten darauf irgendwann mal abgespeichert. Wer weiß, wann man sie braucht.... *g*


    Schau mal hier:


    Auch wenn es kein Allheilmittel gibt, so kann man einige Strategien anwenden, die für einen selbst stressfrei sind - aber andererseits (evtl.) Wirkung zeigen.
    - Nicht direkt reagieren. Nach einer Provokation den entsprechenden Schüler auffordern, nach der Stunde zu bleiben. (Man selber hat so Zeit, sich zu überlegen, was man machen will; der Schüler (und alle anderen) haben bis zum Ende der Stunde Zeit, "Angst" zu haben.)
    - Bei einer größeren Gruppe: Sich das "schwächste" Glied (aber durchaus einen Schuldigen) "herauspicken". Jeweils einzeln / nacheinander "abarbeiten", nachdem Fakten geschaffen sind (und der Rückhalt für die "Starken" zusammengebrochen ist), bekommt man leichter auch auf die "schwierigen Fälle" Zugriff.
    - Eine (fast) schmerzlose "Strafe" für Schüler: Verfassen eines Textes (Briefes) durch den "Übertäter", in dem das Fehlverhalten kurz benannt wird, gesagt wird, was daran falsch war, und ein (positiver) Plan für die Zukunft. Dieser Text wird vom Schüler seinen Eltern zur Unterschrift vorgelegt (erspart einem selbst die Diskussion mit den Eltern: "Sowas macht mein Kind nicht").
    - Zeit lassen: Man muss nicht beim "Besinnungsprozess" der Schüler ständig dabei sein. Sind sie bei einem klärenden Gespräch noch nicht so weit, lässt man sie sitzen (& kommt nach 5, 10 Minuten wieder: "Hast du mir jetzt was zu sagen?" ... "Und?" ...). Bei so mancher Klärung redet der Lehrer sehr viel - und der Schüler "verkapselt" sich immer mehr. Gerade, wenn das Problem "geklärt" ist, könnte man einem Schüler (vielleicht unterstützt durch den Klassensprecher) einen Stapel Papier und einen Stift überreichen mit der Aufforderung sich zu überlegen, wie das Fehlverhalten wieder gutgemacht werden könnte. Dann verlässt man den Raum und kommt nach 15 Minuten wieder. Das führt durchaus zu Ergebnissen (die teils strenger sind als man es selbst gewesen wäre).
    - ... die Liste ließe sich sicher fortsetzen ... aber vieles ist sicher typ- und situationsabhängig...

    Dazu auch: Die "Übeltäter" wurden durch Ausschlussverfahren festgestellt. Die Gruppe hatte auf meine Frage: "Wer war wirklich nicht beteiligt?" die vier "Unschuldigen" bestätigt.



    Folgendes passt gut zu deiner konkreten Situation mit Schülern, die hinter deinem Rücken respektlos sind. Es ist aus mehreren Threads des Forum zusammengeschnipselt:


    • Wenn ich das Gefühl habe, dass in einer Klasse Blödsinn gemacht wird, wenn ich ihr den Rücken zuwende ... dann wende ich ihnen halt den Rücken nicht mehr zu. Das heißt, entweder schreibe ich auf Folie oder ICH schreibe gar nix mehr, dafür die Schüler umso mehr (entweder ich diktiere dann oder ich habe den Hefteintrag schon fertig auf Folie und die Schüler schreiben ab). Am Ende der Stunde fasst ein Schüler mündlich zusammen, was er im Heft stehen hat - dafür kann es eine Note geben.
    • GERADE in solchen Klassen mache ich Frontalunterricht. Alle Schüler machen das Gleiche (z.B. eine Folie abschreiben), ich stehe vorne und habe alle im Blick - sobald jemand stört, sehe ich das und kann reagieren. Ich finde, ANDERS geht es in so einer Klasse nicht.
    • Mein Rat ist auch: Gerade in solchen Klassen Frontalunterricht! Wenn du diejenigen, die am ehesten dazu neigen, Mist zu bauen statt zu arbeiten, in die ersten beiden Reihen setzt, siehst du auch von vorne, ob sie arbeiten. Dazu kannst du ankündigen, dass du am Ende der Arbeitsphase stichprobenartig die Hefte/Mappen einsammelst und das Ergebnis dann als sonstige Mitarbeitsnote für diese Stunde zählst.Und natürlich am Ende der Stunde die Ergebnisse nochmal besprechen, wobei du von dir aus auch Schüler dran nimmst, die sich nicht melden und andere Schüler deren Beiträge danach einordnen sollen (nicht im Sinne von "War total gut", sondern schon differenzierter: "An der Stelle war etwas falsch dargestellt, es müsste eigentlich so und so heißen"; das ist anspruchsvoll und nicht jeder Fehler kann von den anderen Schülern auch entdeckt werden, aber zumindest offensichtlich falsche Dinge sollten sie erkennen können). Wenn du das zweimal hintereinander gemacht hast, wissen die Schüler, dass es durchaus nicht egal ist, was sie in der Arbeitsphase machen, sonern hinterher überprüft werden kann.
    • Während der Stunde werden Störungen, Störer sofort angesprochen, thematisiert. Erst wenn es wieder leise ist, geht es weiter.


      Du musst dich selbst zurückhalten, über die Störer hinweg deinen Unterricht weitermachen zu wollen. (Schont unter anderem deine Stimme und deine Nerven.) Ist Unterricht nicht möglich, wird er abgebrochen und gewartet, bis er weitergehen kann.


      Alles, was während der Unterrichtsstunde nicht geschafft wurde, ist dann eben Hausaufgabe... Die Schüler müssen sich halt entscheiden zwischen der Arbeit in der Schule und der Arbeit zu Hause.


      Schafft ein Schüler es nicht, Hausaufgaben zu erledigen, so sollte ihm Gelegenheit gegeben werden, diese in der Schule zu erledigen. Es gibt sicher einen Kollegen, der nachmittags einen Oberstufenkurs hat und in dem noch ein Stuhl frei ist. Da kann dann der "Hausaufgabenvergesser" seine Aufgaben erledigen. (Manche Schüler können bei entsprechender "Vorgeschichte" vielleicht auch eine Verpflichtung zur täglichen "Zusatzstunde" zur Hausaufgabenerledigung bekommen...)


    Und noch ein sehr guter Thread zum Thema Durchsetzen - Eure besten Sanktionen . Und dort vor allem Bears Maßnahmen !


    Damit müsstest du die Herrschaften in den Griff bekommen.


    Grüße sendet
    Raket-O-Katz

  • Xiam: Bitte verstehe das jetzt nicht als Kritik an deiner Person, aber ich bin immer wieder verwundert, wie viel sich andere Lehrer gefallen lassen. Dass mich in meinem Unterricht jemand bewirft, ist für mich unvorstellbar (erst recht mit einer leeren Getränkedose). Ich würde schon eingreifen, wenn Schüler mit Papier herumspielen, denn sie sollen sich schließlich auf den Unterricht konzentrieren.


    Ich weiß, dass viele Lehrer Disziplinprobleme haben, weil es ihnen schwerfällt autoritär und konsequent zu sein.
    Aber autoritär bedeutet NICHT, dass der Unterricht keinen Spaß macht oder man als Lehrer die Schüler nicht wertschätzt. Ganz im Gegenteil: Man handelt hier im Interesse der Schüler.


    Meine Toleranzgrenze, was Unterrichtstörungen angeht, ist extrem gering. Schon wenn ein Schüler ein Lineal in der Hand hält, obwohl er dieses momentan nicht benötigt, wird er aufgefordert, es wegzulegen. Auch nicht gemachte Hausaufgaben werden bei mir sofort sanktioniert (durch Sonderarbeiten und beim zweiten Mal durch Nacharbeiten in der Schule). Das ist zwar in den ersten Wochen etwas mehr Arbeit für mich, aber schon nach 1 - 2 Monaten (oft sogar früher) zahlt sich dies aus.
    Nun mag man meinen, ich sei der absolute Schülerschreck - dem ist aber nicht so. Die Schüler wissen ja, dass sie etwas falsch gemacht haben und sind auch bereit, dafür Konsequenzen zu tragen. DENN die Schüler wissen auch, dass ich sie wertschätze. Ich mag all meine Schüler wirklich sehr und bis ich mal sauer auf einen Schüler bin, muss schon eine MENGE passieren (ich finde, das sind schließlich Jugendliche - und wenn ich mich zurück erinnere, wie kompliziert ich damals war... :whistling: ).


    Ich glaube inzwischen wirklich, dass AUTORITÄT und WERTSCHÄTZUNG die beiden Schlüsselfaktoren für einen guten Lehrer sind. Es kommen sicherlich noch viele andere Dinge hinzu, aber wenn das schon mal stimmt, kann eigentlich nicht mehr viel falsch laufen.


    Um auf Xiam nun zurückzukommen, ist hier der erste Punkt offensichtlich gar nicht vorhanden. Gerade als neuer Lehrer sollte man wirklich bei den kleinsten Dingen eingreifen und diese sofort sanktionieren. Auch wenn die Schüler nach der ersten Stunde sagen "Oh Gott, was ist das denn für einer!"

  • MrGriffin


    Hervorragender Beitrag!

    Meine Toleranzgrenze, was Unterrichtstörungen angeht, ist extrem gering. Schon wenn ein Schüler ein Lineal in der Hand hält, obwohl er dieses momentan nicht benötigt, wird er aufgefordert, es wegzulegen.

    Bei Dir lernen Schüler, sich komplett auf den Unterricht zu konzentrieren. Das ist total klasse, dass Du das so konsequent durchziehst und so viel Wert auf Disziplin legst. Bei vielen Lehrkräften können die Schüler nebenher herumkritzeln, ja teilweise sogar Dinge durch die Gegend werfen und leise Privatgespräche führen.


    So jemand wie Du sollte mal Referendare ausbilden, dann würden sie es gleich richtig lernen!

  • Xiam: Bitte verstehe das jetzt nicht als Kritik an deiner Person, aber ich bin immer wieder verwundert, wie viel sich andere Lehrer gefallen lassen. Dass mich in meinem Unterricht jemand bewirft, ist für mich unvorstellbar (erst recht mit einer leeren Getränkedose). Ich würde schon eingreifen, wenn Schüler mit Papier herumspielen, denn sie sollen sich schließlich auf den Unterricht konzentrieren-


    Es ist eigentlich nicht die Konsequenz, an der es mir fehlt. Wenn jemand Mist macht, dann bekommt der auch von mir sofort die Konsequenz zu spüren.


    Was mir in der Tat nicht so leicht fällt (und wo ich vielleicht einfach kaltschnäuziger werden muss) ist, mir willkürlich einen Schüler heraus zu greifen, wenn ich nicht sicher bin, wer der wirkliche Delinquent ist. Deswegen habe ich ja auch dieses Topic hier eröffnet mit der Frage, was ihr macht, wenn der Unterricht gestört wird ihr aber nicht 100%ig fest machen könnt, wer der Störer ist.


    Ein Kollege meinte z.B. ihm sei das egal, wichtig sei vor allem, dass die merken, dass solches Verhalten in jedem Fall Konsequenzen hat und ob es den richtigen trifft oder den Nachbarn, das spielt dabei erst einmal eine untergeordnete Rolle. Ich habe da wohl eine hoffnungslos idealistische Auffassung von Gerechtigkeit, die ich mir abgewöhnen muss :(


    Im geschilderten Fall hat das Werfen der (zum Glück leeren) Getränkedose jetzt übrigens für den Werfer tatsächlich ziemlich unangenehme Konsequenzen. Der Tutor der Klasse hatte vor, die Schüler in die Mangel zu nehmen, was im Endeffekt gar nicht mehr nötig war, denn die übrigen Schüler haben sich entschieden, den "Werfer" nicht zu schützen. Dem steht jetzt eine Klassenkonferenz bevor.

  • Wenn zu viel hinter deinem Rücken passiert, während du einen Tafelanschrieb machst, kannst du auch ankündigen, jetzt stattdessen nur noch zu diktieren. Nachdem du das ein paar Mal gemacht hast (sobald was passiert, mitten im Satz, den du an die Tafel schreibst, abbrechen und diktieren), sollten sich die Schüler gegenseitig disziplinieren.


    Das Vorbereiten von "Munition" würde ich übrigens schon als Vergehen bewerten. Dass die letztendlich auf dem Boden landet, ist ja klar und ob während deines Unterrichts, dem eines Kollegen oder in der Pause, ändert auch nichts daran, dass der Raum dreckig wird. Also ruhig dagegen vorgehen, auch wenn da (noch) keine Straftat begangen wurde. Es muss ja nicht gleich der Trainingsraum sein, aber in der Pause das Zimmer fegen ist auch schon abschreckend genug.

  • Gerade bei so Kügelchen und sonstiges werfenden Klassen musst du unbedingt darauf achten (wie schon oben geschrieben) dass du keinem Schüler den Rücken zuwendest.
    Schau dass du immer alle Schüler im Blick haben.


    Bereite Folien zu Hause vor.
    Den Stundeninhalt kannst du auch gut an Hand einer Folie erarbeiten.


    Dann schreiben alle Schüler die Folie ab---und du hast auch mal ein paar Minuten zum Verschnaufen.


    Du kannst in der Zeit auch gut deine Schüler beobachten.
    Bekommst raus wer die Initiatoren sind und wer eher so ein Mitläufer ist.


    So musst du nicht irgendjemanden beschuldigen, obwohl du dir nicht ganz sicher bsit ob es eigentlich der Störenfried war.

  • @Silicium: Ich hatte in der Tat im Referendariat eine Ausbildungslehrerin, von der ich das mehr oder weniger gelernt habe. Es ist sicherlich auch eine Typfrage (man sucht sich als Referendar ja auch den Lehrer aus, mit dem man auf einer Wellenlänge ist), ABER man kann so etwas auch ansatzweise lernen.
    Denn von alleine wäre ich auch nie auf die Idee gekommen, dass es stören kann, wenn ein Schüler z.B. mit einem Lineal in der Hand spielt. Aber gerade diese winzigen Störungen schaukeln sich später hoch und irgendwann fliegen die ersten Gegenstände. Klar, ich war da als Schüler auch nicht anders und habe mir sogar immer strengere Lehrer gewünscht, denn wir konnten damals (80er Jahre) tun und lassen, was wir wollten. Das hat mich sogar schon als Teenager gestört.


    indidi: Nein, das ist der absolut falsche Ansatz. Wenn man als Lehrer nur arbeiten kann, wenn man alle Schüler im Blick hat und das sogar soweit führt, dass man den Schülern nicht den Rücken zuwenden kann, dann ist schon grundsätzlich etwas falsch gelaufen!
    Meine Schüler wissen, auch wenn ich sie nicht sehe, haben sie ruhig zu sein - und das sind sie auch.


    Xiam: Es ist gerade wichtig, wenn eine ganze Klasse laut ist, einzelne Schüler kurz namentlich zu benennen. Das wirkt viel mehr als "Seid bitte ruhig" - was ich in Vertretungsklassen, in denen man die Namen der Schüler nicht kennt, zum Beispiel nicht geht.
    Aber, wenn du einen Schüler siehst, der etwas falsch gemacht hat, solltest du ihn benennen, ihn ermahnen oder sein Verhalten sanktionieren - auch wenn es noch fünf andere Schüler gab, die weitaus lauter waren. Das ist ja oft das Argument der Schüler: "Aber der Tom hat auch geworfen." oder "Aber ich war nicht der einzige"
    Ich sage dann immer: "Ja, aber dich habe ich gerade gesehen. Und jetzt reden wir gerade über DEIN Verhalten und nicht über Tom."


    Das Schöne ist, wenn man von Anfang an konsequent ist, braucht man diese - wirklich störende - Arbeit nach wenigen Stunden nicht mehr machen.
    In den ersten Stunden werden die Grenzen gezogen und dann weiß jeder, was Sache ist. Dann kann man sich zum Glück endlich auf den Unterricht konzentrieren und meine Schüler machen wirklich gerne Unterricht. Das macht dann auch wirklich Spaß, sie zu unterrichten.

  • Auch meine volle Zustimmung, geehrter MrGriffin ! Nur so geht`s !


    Zitat Xiam :

    Zitat

    Manchmal sehe ich, wenn sich einer "Munition" vorbereitet, verwarne den
    dann und kündige an, dass er in den Trainingsraum geht, wenn ich die
    Papierkugel fliegen sehe

    Hier würde ich nicht nur verwarnen, sondern den Schüler sofort in den Trainingsraum schicken. Die Bande muss merken, dass Du nicht bereit bist, auch nur die kleinste Störung oder Ablenkung zu dulden. Die Vorbereitung der Munition gehört eindeutig nicht zur Arbeitsanweisung und muss deshalb sanktioniert werden, damit erst gar keine größeren Störungen aufkommen.


    Wie schon meine Vorgänger angedeutet haben, dieser Klasse auf keinen Fall den Rücken zuwenden. Ich würde z.B. die o.g. vermuteten Mädchen genauestens beobachten, wenn Du die Klasse von der Folie abschreiben lässt, aber aus der Perspektive beobachten, bei der die Mädchen das Gefühl haben, dass sie unbeobachtet seien und dann blitzschnell aus dem Hinterhalt zuschnappen.


    Als Schulstubenmeister muss man sich halt ab und zu eine Raubtierjagdtaktik zulegen, die darauf abzielt, einzelne aus der Herde (hier Klasse) zu fixieren, bei denen man vermutet, dass sie zu den Störern gehören, um dann zuzuschnappen und (harte) Sanktionen folgen zu lassen. 8)

    Ihr kommuniziert mit dem künftigen Bildungsminister !

  • Danke für eure Ratschläge.


    Ich hatte seit dem Dosenwurf heute das erste Mal wieder Unterricht in dem Kurs. Anfang der Woche hatte sich geklärt, wer dafür verantwortlich war, da die übrigen Schüler es scheinbar nicht eingesehen haben, den Schuldigen zu decken. Es handelte sich offenbar um eine Art Mutprobe unter zwei Jungs ("Wetten, du traust dich nicht mit einer Dose nach ihm zu werfen!")


    In einer Konferenz mit dem Klassenlehrerteam und dem Stufenleiter war gestern beschlossen worden, dass die Sache ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen wird. Ich selbst hätte jetzt gar nicht so heftige Geschütze aufgefahren, habe mich dann aber schließlich von der Einschätzung der erfahreneren Kollegen überzeugen lassen, die meinten, dass hier eine klare Grenze deutlich überschritten worden ist und augenblicklich hart gegengesteuert werden muss. Unter anderem wurde der Junge aus meinem Kurs genommen.
    Es stellte sich in dem Gespräch außerdem heraus, dass die Lerngruppe auch für das Klassenlehrerteam nicht einfach zu handeln ist und die sich nicht nur in meinem Unterricht daneben benehmen, hinter dem Rücken mit Papierbällen durch die Gegend werfen etc. Klingt jetzt blöd, aber für mein Selbstbewusstsein war diese Erkenntnis äußerst gut--es liegt offenbar nicht (nur) an meiner Persönlichkeit.


    Als der Unterricht heute in der ersten Stunde begann habe ich den Jungen also aufgefordert seine Sachen zu packen und sich beim Stufenleiter zu melden, der nun für alles weitere zuständig ist. Ich habe mir dann fünf Minuten Zeit genommen, mit den anderen über den Vorfall zu sprechen und habe ihnen erklärt, dass es sich bei dem Dosenwurf um keinen Dummejungenstreich mehr handelt, sondern dabei wirklich etwas hätte passieren können, denn eine Dose ist--wenn auch leer--kein Papierbällchen... von der Reespektlosigkeit mir gegenüber mal ganz abgesehen. Ich habe in klaren Worten deutlich gemacht, dass ich derlei Respektlosigkeiten nicht dulden werde. Wenn auch nur ein einziges Papierbällchen fliegt, dann wird derjenige ohne weitere Warnung in den Trainingsraum geschickt. Wenn sich jemand berufen fühlt, den Unterricht in anderer Weise zu stören, schreibe ich den Namen an die Tafel. Bei der zweiten Störung geht derjenige dann ebenfalls in den Trainingsraum. Außerdem habe ich erklärt, dass die sich hinter meinem Rücken nicht mehr sicher fühlen sollten, denn wenn ich nicht sehe, wer geworfen oder sonstwie gestört hat und derjenige sich auch nicht freiwillig meldet, dann muss ich leider raten wer es war und mir willkürlich jemanden rausgreifen, von dem ich glaube, dass er es war. Letzteres geht mir eigentlich gegen den Strich, weil es gegen mein eigenes Gerechtigkeitsempfinden verstößt, aber es geht leider nicht anders. Und ich kann mich insofern vor mir selbst rechtfertigen, dass jemand, der einen Störer deckt, sich eigentlich mitschuldig macht und dass es daher keinen falschen erwischt.


    Und siehe da, das hat gewirkt. Anfangs waren die Schüler merklich eingeschüchtert. Das mag ich egentlich nicht, ich möchte nicht, dass Kinder in meinem Unterricht Angst haben. Ich bin aber auch dafür verantwortlich, dass die Schüler, die Unterricht wollen und von Störeren genauso genervt sind wie ich (und davon gibt es einige in der Klasse), ein Recht darauf haben, dass ich mich gegen die Störer durchsetze. Auf jeden Fall war plötzlich richtig guter Unterricht möglich. Das hat total Spaß gemacht und konnte sogar den drei, vier Klapskallis, die sonst nur Unfug machen, ein Erfolgserlebnis verschaffen, so dass die sich sichtlich gefreut haben, dass sie was richtig machen und plötzlich am Unterricht teilnehmen wollten. Heute war einer der besten Tage, seit ich meine Vertretungsstelle an der Schule angetreten habe. Und moich selbst hat das unheimlich motiviert, für morgen was vorzubereiten, woran die bestimmt Spaß haben werden, auch wenn das etwas mehr Arbeit bedeutet hat. Ich hoffe nur, dass die morgen nicht wieder alles vergessen haben, was ich denen heute über Unterrichtsdisziplin verklickert habe.

  • Das klingt doch schon ganz gut.
    Noch ein kleiner Tipp, um Störer ausfindig zu machen: Wir haben uber den Handwaschbecken in den Klassenzimmer einen Spiegel. Steht man günstig, kann man auch daruber einen Teil der Klasse im Auge behalten, ohne dass es die Schüler direkt mitbekommen.


    Sarek

Werbung