Kind mit ASS (und Asperger-Syndrom)

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  • Kind mit ASS (und Asperger-Syndrom)

    Hallo zusammen,
    ich habe zurzeit einen Autisten in meiner Klasse. Seine Noten sind super und auch sein Sozialverhalten.
    Leider beschwert sich seine Mutter immer wieder, ich würde mich nicht „gut“ um das Kind kümmern. Mein Fehler wäre, dass ich ihn oft loben würde. Das wäre ja bei ASS -Kindern ein großer Fehler. In der Schule ist das Kind top, sobald es aber zuhause ankommt, würde es ausrasten.

    Für mich ist das schwer nachvollziehbar, ich finde den Schüler wirklich toll und achte auf ihn besonders. Habt ihr vielleicht Tipps für den Umgang mit diesem Kind? Ich frage mich auch, ob ich den Kleinen wirklich nicht loben soll? (klasse 5, Realschule)

    Danke!
  • Für Autisten ist häufige und erzwungene soziale Interaktion neben der ohnehin schnell eintretenden Reizüberflutung ein großer Stressfaktor. Ständiges Lob erhöht auch das Mobbingrisiko.

    Was sie brauchen, sind möglichst gut angepasste Rahmenbedingungen. Es gibt Autismusberater, die an Schulen kommen und mit Lehrern Einzelfälle und praktische Detailfragen durchgehen. Habt ihr da jemanden?

    landesschulbehoerde-niedersach…oerdermassnahmen-1.-hilfe
  • Schokolade schrieb:

    In der Schule ist das Kind top, sobald es aber zuhause ankommt, würde es ausrasten.
    Vielleicht brauchst du eher Rat, wie du mit den Eltern umgehst, denn dem Kind geht's bei dir offenbar bestens ;)

    Möglicherweise hat die Mama auch gerade ein Problem damit, dass das Kind so gut mit dir klar kommt? Meine Fragen wären z.B. "was meinen Sie mit 'ausrasten', wie siehst das genau aus, was macht er dann?", "wie reagieren Sie darauf/wie geht es Ihnen dann?" "wann rastet er nicht aus?" "Welche Funktion hat das ausrasten, welchen Sinn in Ihrer Interaktion?" o.ä. um ihr zu helfen, sich dem emotionalen Problem zu nähern.

    Macht sie allerdings dicht und greift dich an, wäre ich kurz angebunden. "Frau X, in der Schule läufts bestens mit Ihrem Kind, er kommt mit allen klar, die Noten liegen im grünen Bereich. Kann ich sonst noch behilflich sein?" o.ä.
  • erfahrungswerte von drei ass-kindern- sehr, sehr unterschiedlichen kindern - in der inklusion (bzw. früher halt einfach so, ohne mitgeteilte diagnose) bei mir am gym:


    nein. wenn das kind zuhause ausrastet (ich kenne aus erzählungen einer kollegin, die in der autismusambulanz arbeitet, und aus eigener erfahrung: selbstverletzendes verhalten, zb. kopf gegen die wand, fluchtverhalten - aus dem fenster im ersten stock ohne nachdenken auf die hauptstraße voll im sprint, 13 jahre, durchschnitt 1,0 an einem normalen gymnasium-, wutanfälle, wie man sie eher von zweijährigen kennt, zerstörungsverhalten, verletzung von haustieren und geschwistern und eltern, wimmern und weinen, oder auch häufig stundenlanges markerschütterndes gebrüll, im versuch, das chaos der welt zu übertönen. dabei leider das kind darunter selbst am meisten, weiß sich aber nicht anders zu helfen.) nach der schule, dann ist das bei ass (asperger gehört auch zum spektrum, das ist nicht was extra, sonderne eine mögliche form von autismus, wobei man momentan, glaube ich, nur noch von "spektrum" redet, oder eben nicht) normalerweise ein hinweis darauf, dass es in der schule wahnsinnig kompensiert, um nicht aufzufallen, und dann zuhause die dadurch entstandene überlastung im meltdown zum vorschein kommt. für das kind ist das sehr schlimm und eine form der permanenten (!) überforderung. normalerweise können ass-kinder keine eigenen strategien entwickeln, um sich aus solchen verhaltensroutinen zu befreien, selbst wenn ihnen klar ist, dass die schule ihnen so schadet.

    daher muss (!) die schule versuchen, im rahmen ihrer möglichkeiten das kind zu entlasten. das geht durch schulbegleitung, und/oder visualisierte routinen, isolierte pause, möglichkeit, jederzeit rückzugsräume alleine ohne nachfrage aufsuchen zu dürfen etc. vor allem würde ich versuchen, mit den eltern eng zu kooperieren; die kennen die kinder i.a. am besten. wenn die mutter sagt, dein schüler ist durch lob überlastet, dann wäre das für viele autisten ziemlich typisch. lob baut eine erwartungshaltung bei vielen autistischen kindern auf: "ich muss auch in zukunft gut sein." diese "regel" dann auch einzuhalten, ist für den autisten quasi so eine art lebensversicherung, sie bietet etwas struktur im auf ihn permanent einstürmenden chaos der reizüberflutung. das kann man nicht wegtherapieren oder so, es ist einfach ihre andersartige form der verarbeitung der welt. man kann sich vorstellen, unter welchen starken druck ein kind gerät, dass ein lieb gemeintes lob als "du musst auch morgen topleistung bringen, sonst bricht die welt zusammen" interpretiert. und das jedesmal. und die vorigen male nicht vergessen kann, das gehirn streicht nichts. es wird nur immer mehr. jeden tag. bis halt dann irgendwann gar nichts mehr geht.

    insofern: ich würde dringend auf die mutter hören, mit dem kind das loben kurz durchsprechen und es dann nicht mehr machen. eventuell hat die mutter oder auch das kind selbst ideen für ersatzformen, die für ihn/sie besser zu verarbeiten sind?
  • und nochwas: ihr habt doch bestimmt eine autismus-ambulanz oder einen autismus-beauftragten irgendwo im bezirk. der/die kann weiterhelfen und vor ort mal draufschauen. fast alles, was bei normalen es-kindern richtig wäre, ist im umgang mit autisten manchmal falsch. und jeder ist anders, und zwar sowas von. vom anderen stern halt.
  • Ich bin skeptisch bei "Autismusdiagnosen". Jedes Problem von vor allem Mittel- und Oberschichtskindern braucht ne sozial akzeptierte Diagnose, soundsooft ist es dann Autismus. Ich hab jedenfalls im Leben kein Kind kennengelernt, dass zu Hause markerschütternd kreischt und in der Schule ganz normal mitmacht.
  • ICD10 schrieb: Asperger... "Diese Störung von unsicherer nosologischer Validität ist durch dieselbe Form qualitativer Abweichungen der wechselseitigen sozialen Interaktionen, wie für den Autismus typisch, charakterisiert, zusammen mit einem eingeschränkten, stereotypen, sich wiederholenden Repertoire von Interessen und Aktivitäten. Die Störung unterscheidet sich vom Autismus in erster Linie durch fehlende allgemeine Entwicklungsverzögerung ..."

    Per Definitionem weiß a) keiner genau, was dazu gehört und b) trifft das charakterisierende Merkmal nicht zu, wenn das Kind ein "super Sozialverhalten" hat.

    Ist auch egal, wir sind keine Ärzte und Fernduagnose eh Käse. Aber auf gut Glück das Lehrerverhalten einzustellen, was sich pädagogisch richtig anfühlt und dem Kind offenbar im Unterricht gut bekommt finde ich zumindest fraglich.

    Aber Recht gebe ich dir auf jeden Fall in der Frage, einen vom Fach einzubeziehen, am besten den behandelnden Arzt oder Therapeuten, der das Kind kennt. Schweigepflichtentbindung nicht vergessen.

    @Schokolade, hast du mal in die Schülerakte gesehen, ob Befunde, Förderpläne... vorhanden sind?
  • Das ist (leider) alles richtig, was kecks zum Autismus-Verhalten schreibt.

    In diesem Autismus-Blog findest du eine kurze informative Zusammenfassung zu Overload, Shutdown und Meltdown bei Autisten:
    dasfotobus.wordpress.com/2018/…der-delayed-after-effect/

    @ Schokolade: Das was du da beschreibst und was die Mutter dir schildert, ist der typische "delayed after effect": In der Schule werden alle möglichen Außenreize kompensiert, zu Hause in der sicheren Umgebung erfolgt dann die Entladung mit wildem Schreien, Anfällen usw. Deswegen erlebst du das Kind in der Schule auch völlig anders.
    Arbeite mit der Mutter zusammen - sie will dir wirklich nicht ans Bein pinkeln oder deine Kompetenzen in Frage stellen! Du machst deine Arbeit bestimmt gut.

    Hole dir ruhig weitere professionelle Hilfe an Bord über die Autismus-Ambulanz - man muss nicht alles allein hinkriegen und Therapeut oder Autismus-Spezialist ist von uns keiner.
    Hat das Kind denn die Möglichkeit, eine Schulassistenz zu bekommen? Ich weiß, dass so etwas z.B. das Jugendamt zahlt, wenn eine Diagnose erstellt wurde - das müssen aber die Eltern einreichen.

    Zum Verständnis der Elternsicht kann ich dir auch noch sehr diesen Beitrag einer Bloggerin empfehlen:
    mama-arbeitet.de/autismus/was-…ben-mit-autistischen-kind
    Ich zitiere:
    "Nur hörte die Trotzphase nicht auf, sondern wurde scheinbar immer ausgeprägter. Ganz schlimm wurde es, als die Schule begann – in der ersten Klasse benahm sich das Kind in der Schule unauffällig, ließ aber seine ganze Anspannung Zuhause an mir aus. Es schrie, tobte, biss, haute mich, es beschimpfte mich auf unflätigste Art, teilweise bis zu 45 Minuten lang. Das war schwer zu ertragen, und ist es immer noch.
    Die Anlässe dafür waren nichtig – manchmal war es einfach wahnsinnig wütend, weil Dienstag war und nicht Montag. Oder weil die Bücherei am Montag nicht geöffnet hat, oder weil ein Freund gerade zum Fußballtraining ging, und keine Zeit für mein Kind hatte. Diese Wut, die Fachleute Overloads und Meltdown nennen (und deren Anlass tatsächlich nicht nichtig ist, aber für Nicht-Autisten kaum nachvollziehbar), ist je nach Anlass und Ausprägung, schwer auszuhalten und teilweise beängstigend."
  • Danke für die vielen hilfreichen Beiträge.

    Mir wird auch immer wieder gesagt, dass das Kind mich sehr mag und auch anhimmelt. Ich denke auch, dass das ein Problem für die Mutter ist.
    Das Kind wird von einem Integrationshelfer begleitet. Komisch finde ich, dass die Mutter des Kindes immer genau weiß, was ich (oder auch die anderen Fachlehrer) im Unterricht sage oder mache. Anschließend beschwert sie sich dann bei der Schulleitung, ich hätte ihn ja wieder „gelobt“. Das finde ich ehrlich gesagt auch problematisch, dieses „ausspioniert“ werden. Man kann ja miteinander kommunizieren und nicht die Mutter aufhetzen.
    Ich werde den I-Helfer natürlich darauf ansprechen.

    Ich bin keine Person, die Kinder übertrieben oder ständig lobt. Natürlich reagiere ich auf gute Beiträge mit einem „Super!“ oder „Gut!“. Bei meinem Förderkind achte ich aber darauf, dass ich es nicht lobe. Manchmal rutscht es mir aber aus!
  • Finde die Story nach wie vor seltsam. Lass dich nicht verrückt machen. Du bist Lehrerin, nicht mehr aber auch nicht weniger.

    Und ja, es gibt viele unangenehme Inklusionshelfer, die dort nur sitzen, weil sie ein Problem mit Schule haben. Das Rumsitzen ist dann langweilig und ein bisschen wichtig machen und Lehrer kritisieren gehört dann wohl dazu. Lass dich von dem nicht verunsichern.

    Ggf. würde ich zum Schulleiter gehen, was er dir rät, wie in diesem Fall die Inklusion konkret laufen soll. Der hat Erfahrung mit sich-alle-Nas-lang beim Chef beschwerenden Eltern.
  • ...das ist wirklich keine komische, sondern eine sehr typische story für autismus. wenn das kind ein mädchen ist, dann noch mehr. viele weibliche asperger werden gar nicht diagnostiziert, leiden dann als erwachsene massiv unter den angehäuften überlastungssymptomen (auch die erinnerung funktioniert anders im autistischen gehirn, leider). warum werden sie nicht diagnostiziert? übernagepasst... kompensieren bis der arzt kommt, oder hier halt leider nicht bzw. dreißig jahre später.

    die mutter muss den i-helfer befragen, sonst kann sie den nachmittag mit kind kaum überstehen, wenn das kind sehr oft überlastet aus der schule kommt. nochmal, wende dich bitte an euren autismusbeauftragten oder die autismus-ambulanz, lasst euch beraten. inklusion für autisten könnte viel besser laufen, wenn autismus viel mehr thema in der lehrerausbildung und in fortbildungen wäre.

    hilfreich ist auch der austausch mit erwachsenen autisten. manche haben auch bücher geschrieben, es gibt einige blogs. redet doch mal den leuten, dann erscheint ihre perspektive auch nicht mehr "komisch".
  • Danke für die Antworten.
    Ihr helft mir alle wirklich weiter. Bald wird ein Gespräch diesbezüglich stattfinden.
    Der I-Helfer könnte natürlich aber sofort mit mir sprechen, so fühle ich mich etwas hintergangen. Wenn er sofort reagiert, habe ich ja noch die Möglichkeit, mein Verhalten zu „ändern“.

    Eine andere Frage: Manchmal fragen die anderen Schüler mich, warum der Schüler Y überhaupt eine erwachsene Person braucht.
    Der I-Helfer sitzt natürlich neben ihm. Ich habe immer wieder gesagt, „Nein, er ist nicht für X da. Er beobachtet den Unterricht nur.“
    Trotzdem erkennen viele, dass das nicht so ist und er sich um X kümmert. Wie macht ihr das?
  • ich habe momentan auch ein inklusionskind am gym mit schulbegleitung und komplexer problematik. wir dürfen die diagnose nicht weitergeben, obwohl das am einfachsten wäre. die klasse ist sehr sozial und würde das bei kindgerechter erklärung sicher akzeptieren. das verschweigen war wunsch der eltern, beratung unsererseits über mögliche folgen (gerüchtebildung...) war sinnfrei, nichts zu machen. naja, was sag ich dann ("frau kecks, warum ist der mann immer noch da?" leise zu mir an tag 2)... ich hab spontan einfach nur gesagt, dass "der x manchmal ein bisschen unterstützung braucht, und dafür ist der herr q da". herr q ist sehr nett und zurückhaltend, den bekommt man kaum mit, man gewöhnt sich dran. wir haben ihn am anfang auch einen steckbrief schreiben lassen, wie alle sus und lehrer in der klasse es auch gemacht haben, und jetzt ist er halt immer da.
  • Ichhabeeinen Schüler mit Autismus und begleitender Assistenz in der Klasse. Der Schüler hat den anderen Kindern von Anfang ab erzählt,dass er am Nachmittag zum Autismuszentrum geht. Nach kurzer Zeit wollte er auch allen erzählen, was er hat und was bei ihm „anders“ ist. Die Gruppe hat super darauf reagiert und ignoriert jetzt gekonnt, wenn er „komisch“ ist. Die Eltern sind aber dafür offen.
    Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
  • Wir hatten auch ein Kind mit Autismus.

    Am Schuljahresanfang kam eine Beratung vom Autismuszentrum in die Klasse und hat mit dem Kind gemeinsam erklärt, was Autismus ist und wie man mit ihm umgehen sollte. Auch auf die Begleitperson wurde eingegangen.

    Wäre das bei euch auch eine Möglichkeit?