Stress und Selbstzweifel

  • Hallo zusammen,

    ich befinde mich seit sechs Monaten im Referendariat und fühle mich zunehmend unsicher und gestresst.
    Ich habe drei Unterrichtsbesuche und ein Perspektivgespräch hinter mir und alles lief so weit gut und in Ordnung. Trotzdem bleibt vor jedem Besuch das Gefühl, dass diese Stunde dann doch nicht gut wird und nicht reichen wird. Ich zerbreche mir lange den Kopf über die Stunden und bin letztendlich nicht zufrieden.
    Dann kommt die Stunde, ich bin da meist fokussiert und ziehe einfach durch. Die Nachbesprechungen laufen zumindest von dem, wie ich sie wahrnehme, wertschätzend und positiv. Natürlich werden Dinge gesagt, die ich noch nicht gut mache. An denen halte ich mich auch am meisten auf muss ich sagen. Auch diese ständige Beobachtung durch ALLE Personen, die in der Schule sind macht mich fertig.

    Ich schlafe vor den UBs überhaupt nicht gut und habe 2-3 Tage davor meist durchgehenden Stress und Herzklopfen.
    Die größte Angst die ich habe ist, dass ich es nicht schaffe. Dass ich nicht bestehe. Ich glaube das schlimme Gefühl ist dieses "ausgeliefert sein", weil man manche Dinge nicht beeinflussen kann.
    Meine Mentorin ist da auch keine große Hilfe, weil dann Aussagen kommen wie: Du schaffst das, das ist keine Frage. Aber wenn nicht, was passiert denn dann? Es geht auch dann weiter.
    Ja, rein rational alles logisch und sie möchte mir natürlich Druck nehmen, aber für eine Person wie mich macht es das alles noch schlimmer. Dann denke ich erst recht: Oh, sie findet mich so schlecht, deshalb sagt sie mir das.

    Habt ihr Tipps, wie ich durch diese Zeit kommen soll ohne ständig vor Stress fast alles hinwerfen zu wollen?

    Danke fürs Lesen.

  • Ich finde auch, dass es normal klingt.

    Wenn die Besuche und Gespräche bisher gut verlaufen sind, dann wird es gut verlaufen.

    Ich finde es übrigens auch normal, dass gerade in der Mitte auch mal als schlechter empfundene Besuche dabei sind. Das liegt aber daran, dass noch genauer hingeschaut wird.

    In NDS müssen Entwicklungsziele nach den Besuchen festgelegt werden. Selbst wenn man etwas wirklich gut macht, muss man dann ein Ziel finden, es exorbitant gut zu machen. Nicht jede Seminarleitung kann das aber entsprechend begleiten.

    Dann bekommen plötzlich Belanglosigkeiten Gewicht, weil man ja offenbar nach dem Besuch nicht sagen kann: Gut gemacht!

    Hör auf deine Mentorin, die das große Ganze im Blick hat. Was soll sie sagen? Wenn sie dich lobt, traust du ihr nicht. Dann hat sie keine Chance, es dir zu erleichtern trotz deiner Selbstzweifel.
    Freu dich, dass du es mit der Mentorin gut getroffen hast und nutze es für dich. Sag ihr, wo du unsicher bist, oder frage, wenn du noch unentschlossen hinsichtlich der Umsetzung bist, nutze ihre Meinung zum Diskutieren und entscheide dann, was für dich besser passt.

  • Palim
    Danke für deine Nachricht.

    Meine Mentorin ist tatsächlich ganz in Ordnung. Unsere Persönlichkeiten sind manchmal nicht kompatibel, aber ich kann mittlerweile damit umgehen und versuche professionell zu sein.
    Bei uns werden auch immer Entwicklungsziele festgelegt und das finde ich auch nicht schlimm. Es sind glaube ich eher die Selbstzweifel und die Versagensängste, die mich blockieren.

    Die Mitte beginnt bald bei mir. Daher bin ich mal gespannt, wie dort gewertet wird. Wenn ich mich im Seminar so umhöre, sind alle immer super und gefühlt schon fertige Lehrkräfte. Da komme ich mir dann noch blöder vor.

    Meine Fachleiterin in einem Fach meinte zu mir in meiner 2. Stunde, dass die Stunde "oberer Bereich" war (wir bekommen keine Note gesagt), aber irgendwie freue ich mich dann zwei Tage darüber und dann geht der Stress wieder weiter und alles ist vergessen.
    Wenn ich das so schreibe habe ich das Gefühl, dass ich das Offensichtliche hinschreibe aber selber nicht sehe. Ich sehe schon, dass ich gutes Feedback bekomme, aber es kommt nicht so ganz bei mir an. Ich hoffe man versteht, was ich meine.

  • Was die Mitrefis im Seminar verzapfen, vor allem die, die sich nicht so hart selbst reflektieren wie du, kannst du getrost ignorieren. Mir ging es im Ref wie dir, die Rückmeldungen waren gut (manchmal auch nur ok) und am Ende sind ein paar der Seminar“schwätzer“ tatsächlich durchgefallen. Das ist natürlich kein Automatismus und nichts, worüber man sich freut insgeheim, aber es hat mir doch gezeigt, dass ich mehr auf mich achten sollte.

    Ansonsten hilft wirklich, wie oben schon gesagt, einen Aufgleich finden und ans Ref-Ende zu denken. Danach wird es nie wieder so stresig und nervtötend

  • Ich finde das überhaupt nicht "normal" i.S.v. "gesund". Auch wenn es natürlich noch andere Menschen gibt, die unter Ängsten und Selbstzweifeln leiden, sollte es nicht als selbstverständlich hingenommen werden, dass man Angstzustände aushält und sich nur noch fremdbeurteilt wahrnehmen und definieren kann.

    In ausnahmslos jedem Beruf lernt man, wird geprüft, kritisiert, macht Fehler usw. Wenn dich das über die Maßen belastet, weil du deinen Selbstwert davon abhängig machst, würde ich mich damit in einer Therapie oder Beratungsstelle auseinandersetzen, ganz unabhängig vom Bereich Schule.

    In Bezug auf das Ref: natürlich bestehst du das. Warum solltest du plötzlich grandios scheitern, wo du doch bereits gesehen und erfahren hast, dass du den inhaltlichen Anforderungen gewachsen bist? Das ergibt logisch gesehen keinen Sinn. Ängste haben aber nur selten mit Logik zu tun.

  • mutterfellbach
    Ans Ende denke ich wirklich ständig und das löst Glücksgefühle aus. Aber es dauert ja noch ein ganzes Jahr. Ich lebe auch nur von UB zu UB und versuche wenigstens in den Ferien ein paar Tage andere Dinge zu unternehmen. Letztendlich denke ich dann trotzdem an Schule und was alles noch auf mich wartet.


    Der Tipp mit den anderen Refis ist gut, danke dir. Ich glaube, ich muss mich da innerlich einfach distanzieren.


  • Quittengelee
    Ich denke auch nicht, dass es normal oder gesund ist. Aber es wird einem immer wieder gesagt, dass es nunmal so ist. Über eine Therapie habe ich auch schon nachgedacht, da macht mir aber der Gedanke der Verbeamtung Sorge und es ist super schwer einen Platz zu finden.
    Hatte mich mal umgeschaut.

    Wenn dich das über die Maßen belastet, weil du deinen Selbstwert davon abhängig machst,

    Und genau das ist mein Problem. Meine Leistung ist so extrem mit meinem Selbstwert verknüpft und kann nicht gut mit dieser Ungewissheit und dem Kontrollverlust im Ref umgehen. Ich glaube das Ref und das drum herum lässt diese Gefühle noch extremer hervorstechen.


    Danke für deine positiven Worte :)

  • Das ist kein Kontrollverlust. Du stehst nicht am Meer und ein Tsunami bricht über dich ein, sondern du planst Unterricht und bereitest dich auf Schülerfragen und Verhaltensauffälligkeiten vor. Du denkst über Handlungsalternativen nach, du schreibst dir sogar vorher Formulierungen für Arbeitsaufträge auf. Nichts davon ist unkontrolliert.

    Du bist lediglich noch unerfahren und entsprechend deines Ausbildungsstandes triffst du Entscheidungen zur Situation passend. Hinterher begründest du deine Entscheidungen, wenn du sie im Nachhinein anders treffen würdest, begründest du das.

    Jeder Ausbilder und jede Ausbilderin weiß um deine Situation und gleicht diese Erwartungen mit der realen Situation ab. Alle Lehramtsanwärter*innen machen ähnliche Fehler und haben individuelle Stärken, auch du, da ist nichts Unkontrollierbares dabei.

    Edit: eine Referendarin musste mal einen Feueralarm im Unterrichtsbesuch über sich ergehen lassen und unsere Klientel reagiert zum Teil panisch auf derlei Situationen. Der Alarm war für sie nicht kontrollierbar und doch hat sie die Situation kontrolliert, auf ihre Weise. Das wird gesehen und anerkannt.

    Solange du nicht selbst traumatisiert bist und in einer besonderen Situation in Schockstarre verfällst oder in Tränen ausbrichst, fiele mir nichts ein, was du nicht handeln könntest, so wie alle Refs vor und neben dir.

Werbung