Hallo liebe Lehrer/in und angehende Lehrer/in,
mit dieser Nachricht möchte ich einfach Trauer und Kummer rauslassen, weil gerade nicht klar ist, an wen man sich sonst wenden kann. Mir ist auch bewusst, dass es neben der Realität auch Geschichten gibt. Ich habe diesbezüglich einen Nachweis der Moderatorin Friesin über mein erstens Abgangszeugnis und meine 2. Staatsprüfung eingereicht.
Mein eigener Lebensweg war leider von vielen Steinen geprägt. Als Erster in der ganzen Familie Akademiker geworden, aus einer Familie die aus Polen hier nach Deutschland als Aussiedler eingewandert ist. Zweimal sitzen geblieben als der typische stille Schüler, die Schule mit einem 4,x-Hauptschulabschluss verlassen und sich danach Schritt für Schritt hochgekämpft: erst die Realschule, dann die Ausbildung, anschließend der staatlich geprüfte Techniker inklusive Fachhochschulreife. Darauf folgten ein B. Ed. in Elektrotechnik (2,0), der Master (1,6) und vor einem halben Jahr der erfolgreich abgeschlossene Vorbereitungsdienst (2,1). Was hinter diesen Stationen steht, lässt sich schwer in Worte fassen. Aufgewachsen in einer Familie mit einem alkoholkranken Vater und einer co-abhängigen Mutter, und dennoch die Familie nie aufgegeben. Während der Schulzeit Mobbing erlebt, von einem Lehrer an den Ohren hochgehoben worden, bis Blutäderchen platzten. Rassistische Bemerkungen ertragen müssen und als „Klempner-Pole“ bezeichnet worden. Mehrere Jahre beim Militär verbracht, weil es damals der einzige Ausweg aus diesem Chaos zu sein schien. Ein Elektrotechnikstudium begonnen, ohne jemals zuvor mit Vektoren gearbeitet zu haben. Politik und Wirtschaft als Nebenfach gewählt, um sprachliche und argumentative Defizite aufzuholen. In Vorlesungen gesessen und oft jedes dritte Wort nicht verstanden.
Vor sechs Monaten wurde der Vorbereitungsdienst abgeschlossen. Die Schule lag in der Heimatstadt — wichtig, weil der Vater inzwischen Pflegegrad 3 hat und die Familie sich gemeinsam um ihn kümmert. Der Wunsch war einfach, die letzten gemeinsamen Jahre in Würde zu verbringen und irgendwann mit guten Erinnerungen Abschied nehmen zu können. Weder das Studienseminar noch die Schule wussten von dieser Situation. Zu groß war die Sorge, dass familiäre Verpflichtungen als Schwäche ausgelegt werden könnten. Die Zusage für den Vorbereitungsdienst gab es nur unter der Bedingung, den Quereinstieg in Informatik zu machen mit der Aussage "Dann haben Sie hier eine garantierte Zukunft". Wieder eine Herausforderung. Wieder kämpfen. Wieder keine Schwäche zeigen dürfen.
Nach dem Vorbereitungsdienst dann die Nachricht: Die Informatikjahrgänge seien eingebrochen, es gäbe keinen Bedarf. Kurz vor Ferienbeginn kamen dann doch noch zwölf Stunden zustande — halb IT, halb KFZ.
In der Hoffnung, sich damit langfristig an der Schule beweisen zu können, wurde der KFZ-Bereich zusätzlich aufgearbeitet. Durch die frühere Tätigkeit in der Luftfahrttechnik beim Militär konnten dort viele Erfahrungen eingebracht werden. Viel Zeit und Energie flossen in diese zusätzliche Einarbeitung, in der Hoffnung, mit Elektro, IT und KFZ eine wertvolle Kombination für die Schule zu sein.
Vorgestern dann die Mitteilung: Für das kommende Schuljahr ist keine einzige Stunde eingeplant, weil die Schule bezüglich Stunden im Überhang sei. Gleichzeitig erhielt ein LiV in Elektrotechnik, der nach mir den Vorbereitungsdienst kürzlich beendet hat, einen Lehrauftrag mit 20 Stunden.
Und genau in solchen Momenten beginnt das Verstehen: Dass im Schuljargon die Stundenvergabe oft die eigentliche Antwort für die Zukunft ist. Nicht direkt ausgesprochen, aber deutlich genug.
Kein einziger Krankheitstag. Keine Konflikte mit Lernenden oder Kollegen, positives Schulgutachten. Gespräche mit der Abteilungsleitung positiv und das der Unterricht sehr gut ist Einzige Kritikpunkt: zu wenig Präsenz im IT-Bereich. Dabei waren es dort gerade einmal sechs Stunden Einsatz, während parallel im KFZ-Bereich enorm viel nachgearbeitet werden musste.
Das Schlimmste daran und wahrscheinlich der Grund, warum seit Jahren zum ersten Mal wieder Tränen fließen ist dieses Gefühl, ein Messer in den Rücken bekommen zu haben, ohne jemals den Grund zu erfahren. Wieso konnte man mir einfach nicht über einen Dritten sagen "Hey such dir lieber eine andere Schule". Für diese Schule wurde eine Planstelle in Dresden abgelehnt, es wurde nicht sondiert wo man alternativ eingesetzt werden könnte, in der Hoffnung, Nähe zur Familie und berufliche Perspektive miteinander verbinden zu können. Am Ende bleibt dieses Gefühl: immer gekämpft, immer alles gegeben, immer weitergemacht — und trotzdem jederzeit austauschbar zu sein.
Gerade fehlt einfach die Kraft. Das Gefühl, verarscht worden zu sein, sitzt tief und lässt einen als Mensch wertlos zurück. Gleichzeitig fällt es unglaublich schwer, die Hoffnung aufzugeben, dass sich vielleicht in einem halben oder ganzen Jahr an dieser Schule doch noch eine Tür an der Schule öffnet, wenn wieder Platz oder Bedarf da ist (was praktisch sinnfrei sein wird). Wahrscheinlich würden viele von euch an diesem Punkt längst die Reißleine ziehen. Aber genau das fällt so schwer, wenn das ganze Leben daraus bestand, um jeden einzelnen Schritt im Leben kämpfen zu müssen. Ich bin einfach fertig und erschöpft.