Ich fass mal zusammen:
Du hast einen Bachelor, für den du etwa doppelt so lange gebraucht hast, wie vorgesehen.
Dafür wird es Gründe geben, über die du nicht abschätzig urteilen solltest. Lebenswege verlaufen manchmal anders, als es KuK hier im Forum selbst erlebt haben die aus der Schule ins Studium und danach wieder in die Schule gewandert sind - und nicht viel vom "Leben da draußen" gesehen haben.
Vielleicht kann ich dem TE aus meiner Erfahrung Entscheidungshilfen geben. Ich hatte mein Studium auch erst mit 27 Jahren abgeschlossen. Das hatte Gründe. Nach dem Abitur kam zunächst der Wehrdienst, sodass ich erst mit 21 das Studium begonnen habe. Zwei Jahre lang war ich gewählter studentischer Vertreter im Senat der Hochschule und AStA und Studentenrat. Für diese Zeit erhielt ich eine Verlängerung des Bafög-Bezugs, was die hauptamtliche Tätigkeit zeigt. Um meine Zulassungsarbeit zu schreiben und mein weiteres Studium zu finanzieren, kam ein Urlaubssemester hinzu, ein weiteres Semester für die Prüfungsvorbereitung.
Nach der Prüfung im Juni hätte eigentlich im kommenden Februar das Referendariat begonnen. Da ich mein Leben finanzieren musste, habe ich in einer Druckerei gearbeitet. Dort wurde mir (Fächer Kunst und Mathe) angeboten, eine Ausbildung als Reprofotograf zu absolvieren und in der neu zu gründenden Abteilung für elektronische Bildverarbeitung zu arbeiten. Das klingt heute langweilig, 1984 war das eine Millionen teure Anschaffung für die Druckindustrie. Weil der Lehrerarbeitsmarkt sowieso mau war, habe ich angenommen und in diesem Bereich einen Gesellenbrief erworben und dreieinhalb Jahre dort gearbeitet. <Spoiler: Den Beruf und diese Abteilung in Druckereien gibt es heute nicht mehr>
Mit knapp 30 war ich Vater, Schichtarbeit und Bezahlung sowie die Arbeitsbedingungen wurden zunehmend uninteressanter, sodass ich gekündigt und das Referendariat absolviert habe. Danach brauchte Baden-Württemberg noch immer keine neuen Lehrkräfte. Ich fand eine Tätigkeit als Dozent bei der Handwerkskammer und unterrichtete drei Jahre lang Deutsch, Technik, Geschichte, Politik und Wirtschaftslehre für Spätaussiedler aller Altersstufen, sowie EDV für Bürokaufleute, Firmeninhaber und Handwerksmeister. Die Bezahlung war gut. Fachlehrergehalt plus dasselbe als Honorar für Überstunden und Abendkurse on top.
Dann war der Zuzug der Spätaussiedler zu Ende - ich fand eine Anstellung an einer privaten Schule für Erziehungshilfe als Hauptschullehrer. <Spoiler: Da es sich um eine anerkannte Ersatzschule handelt, wurden mir die 10 Jahre als Erfahrungsstufen im Staatsdienst angerechnet>
Mit 45 Jahren wurde ich als Lehrer an einer öffentlichen HS-Schule verbeamtet, war durch meine Connections zur Handwerkskammer in der Berufsvorbereitung aktiv, habe die EDV ausgebaut, wurde auf A13 befördert und ans Schulamt berufen.
Nun genieße ich meinen finanziell gesicherten Ruhestand und blicke auf vielfältige Erfahrungen zurück.
brauche123 An meinem Lebensweg kannst du sehen: Es geht schon.
Allerdings: Ich bin sehr froh, letztlich doch im Lehramt gelandet zu sein. Die Arbeit ist familienfreundlich, abwechslungsreich, bietet viele Möglichkeiten für Umstiege und vor allem eines: Eine finanzielle Absicherung, die manche meiner Studienkollegen, die damals ebenfalls andere Wege gesucht hatten, nicht haben.