Das Kollegium der Schule war in großen Teilen sehr engagiert und kompetent, jedoch auch überfordert und unterbesetzt. Die Schülerschaft war in Großteilen eher schwierig, ich habe eine Vielzahl an körperlichen Auseinandersetzungen zwischen den Schülern mitbekommen, zudem war in einigen Klassen das Unterrichten kaum möglich.
Die Momente in denen das Unterrichten und lernen möglich war, haben mir gut gefallen und Spaß gemacht. Ich hatte meist die Möglichkeit Schülern während des Unterrichts zu helfen und die kleinen Erfolgsmomente der Schüler hierbei waren schön zu sehen. Mir hat es selbst über den kurzen Zeitraum Freude bereitet die verschiedenen Persönlichkeiten der Schüler zu sehen und mit ihnen zu interagieren.
Das sind die Licht- und Schattenseiten des Berufes. Oder anders formuliert: die Herausforderungen. Mit dem musst du rechnen und umgehen lernen. Dazu gibt es aber auch Strategien, die man erlernen kann. Die Idealbedingungen wünschen wir uns alle, aber die gibt es nicht.
Wie nehmt ihr euer Stresspensum war? Wie viel davon kommt von außen (Eltern, Schüler und Kollegium)? Habt ihr Strategien zu Stressbewältigung entwickelt? Habt ihr einen Ausgleich zum Job?
Ich bin seit wenigen Jahren im Ruhestand. Ich hatte bis zum Schluss zeitlichen Stress, gegen den ich wenig machen konnte, weil Arbeiten erledigt werden mussten. Zur Stressbewältigung im zwischenmenschlichen Bereich habe ich an Supervisionen teilgenommen. Durch die Strategien, die ich dort erlernt habe, ist der Stresslevel diesbezüglich immer weniger geworden, obwohl die Herausforderungen stiegen oder gleich geblieben sind.
Die Frage richtet sich an Lehrer, die schon seit einiger Zeit im Beruf sind; Sind die Schüler wirklich schlimmer geworden oder haben sich die Probleme nur gewandelt? Sind die Ansprüche an Lehrer heutzutage anders?
Na ja, meine Erfahrungen vor der Jahrtausendwende kann man schlecht jetzt mit der heutigen Situation vergleichen. Wenn ich zurückblicke: Es war alles im Wandel und es gab Einschnitte, die die Gesellschaft veränderten. Manches entwickelte sich allmählich, anderes ging schnell. Die Schule bildete das meist verzögert ab. Aber das wird immer so sein. Ich sehe aber auch gewisse Entwicklungen positiv. Man weiß zum Beispiel bei verhaltensauffälligen Schülern viel mehr um mögliche Ursachen und kann das gezielter angehen. Das alte Lehrerbild, dass man nur unterrichten kann, das gibt es schon lange nicht mehr und ist über die Grund- und Hauptschulen hinaus (ich habe damals bewusst diesen Bereich gewählt, da ich im Lehrerberuf auch sozial tätig sein wollte) in viele allgemeinbildende weiterführende Schularten vorgedrungen. Massivere Probleme gibt es inzwischen in allen Schularten, wenn man den Blick darauf wirft. Es geht einfach nicht, dass man "nur" lehren kann. Da gehört zwangsläufig mehr dazu. Mit Freude unterrichten und - sich den Problemen stellen bzw. damit umgehen lernen.
Ich persönlich hatte riesige Probleme mit dem rauen Umgang und den körperlichen Auseinandersetzungen an der Praktikumsschule. Ich kann mir persönlich nicht vorstellen später langjährig an einer Schule zu arbeiten, wo solch ein Verhalten an der Tagesordnung ist. Kann man trotzdem ein guter Lehrer werden, wenn man unter solchen Bedingungen nicht arbeiten kann/möchte?
Du bist ja nicht selbst in die Auseinandersetzungen verwickelt, sondern du sollst damit sinnvoll umgehen. Wenn die eigene Klasse (oder Fachklasse) betroffen ist, versucht man Maßnahmen zu ergreifen, die nachhaltig sind, damit das besser wird. Und hier haben wir die Crux: Je größer der Lehrermangel und je weniger geschult diesbezüglich die Leute sind und je weniger es multiprofessionelle Teams gibt um so größer ist der Stresslevel, dem ein einzelner Lehrer ausgesetzt ist. Dennoch: Konflikte unter Schülern gehören dazu und da kann man als Lehrkraft nicht wegschauen, zumal sich ungelöste Konflikte auch auf das Unterrichtsklima auswirken.