Die Gymnasiallehrer waren übrigens die allerschlimmsten, was die Arroganz betraf. Ich hatte an der Berufsschule auch die Abiturienten und kam als Erste in diesen Bereich, die nicht den klassischen Weg gegangen war. Irgendwann habe ich aufgehört die bissigen Kommentare zu zählen und konnte mich davon glücklicherweise gut distanzieren, weil ich insgeheim dachte, dass viele von ihnen aufgrund ihres Alters nur noch den Tunnelblick haben und in 5 Jahren eh ihre Pension antreten. Mein Eindruck war, dass man sich gerade in diesem Klientel sehr schwer tat neues zuzulassen, aber ja. Auch da möchte ich betonen, dass es gut möglich ist, dass es nur diese eine Schule war und an anderen Einrichtungen anders ist.
Im Seminar wurde übrigens auch nicht differenziert. Wir saßen neben den Lehramtsanwärtern. Ich war in einem anderen Fach die Einzige, die den Seiteneinstieg gewagt hatte, sodass meine Kollegen in meinem Fachbereich alle Lehramtsanwärter waren. Und ratet mal, was dann die Fachleiterin macht? Richtig, sie passt den Stoff an die Mehrheit an und das waren eben nicht die Seiteneinsteiger. Die geht nach 7 Unterrichtsproben nicht zu meiner Probe mit den gleichen Erwartungen und sagt: Hups, Frau Milli war ja Seiteneinsteigerin im Gegensatz zu allen anderen.
Leider gab es dann auch dementsprechende Kommentare von den Lehramtsanwärtern. Unser Seminar bestand insgesamt zu 70 Prozent aus Seiteneinsteigern mit einem oder mehr Fächern und zu 30 Prozent aus Seiteneinsteigern. Sobald die LAAs von den Gehaltsdifferenzen hörten, war die Spaltung natürlich erreicht und dementsprechend groß. Sprich: Durch die Seminarzusammentzung hatte man den Effekt, dass man die Auszubildenden gegeneinander aufbringt.
Insgesamt habe ich an verschiedenen Stellen mitbekommen, wie sehr schlecht über Seiteneinsteiger gesprochen wurde und ging oft inkognito, sodass ich mich nicht als Seiteneinsteiger outete und man davon ausging, dass ich eine Referendarin war.
Im Lehrerzimmer war böses Blut gegenüber Seiteneinsteigern an der Tagesordnung und man ging einzeln durch, welcher Kollege klassisch Lehramt studiert hatte und welcher nicht, aber auch im Seminar oder in der Öffentlichkeit begegneten mir immer wieder Virurteile. Mein eigener Arzt dachte, dass ich Referendar war und schimpfte lautstark über die Seiteneinsteiger, die ja alle so schlimm und kaum tragbar wären.
Die ganze Sache hatte fast etwas von Alltagsrassismus.
Neben der fehlenden Unterstützung an der Schule und einer friss oder stirb Mentalität hatte man also auch noch massenhaft gegen Stigmatisierungen zu kämpfen.
Und apropos Fortbildung. Es ist ja nicht so, dass man 8 Stunden absitzt und dann geht man nach Hause. Wir hatten ständig noch irgendwelche Aufgaben zu erledigen. Ausarbeitungen, Vorbereitungen auf Prüfungen, Hausaufgaben usw. Teilweise völlig überzogen neben den mehr als 20 Stunden.
Fazit für mich:
Man braucht sie, will sie aber eigentlich gar nicht haben. Man möchte am liebsten perfekte Kräfte ohne dafür Zeit und Energie zu investieren. Wenn dann irgendetwas nicht läuft tritt man erstmal nach unten und macht den Seiteineinsteiger verantwortlich. Denn der hat sich ja für die Laufbahn entschieden und bekommt angeblich so viel mehr Geld als der Referendar und hat es sich zugetraut, also muss er auch dafür verantwortlich gemacht werden, wenn Stunden nicht optimal verlaufen.
Hier läuft etwas in der Bildungspolitik falsch.
Wenn ich heute noch einmal vor der Entscheidung stehen würde, würde ich vieles anders machen, sprich durchaus Lehrer werden, mich aber nicht für diesen Weg entscheiden. Ich würde die Abstriche von 300 oder 400 Euro in Kauf nehmen und mich gezielt durch das Referendariat ausbilden lassen, mit dem Anspruch auf eine Fehlerkultur und kontinuierliche Begleitung. Die hatte ich nämlich nie.
Ich denke mittlerweile, dass der Seiteneinstieg nicht die Lösung für Lehrkräftemangel bleibt. Zum einen ist die Ausbildung brutal hart und zum anderen hat man damit schlechter ausgebildete Kräfte und auch den angehenden Lehrkräften tut man damit keinen Gefallen, denn es ist kaum schaffbar und selbst wenn man sich durchkämpft bekommt man den Frust von außen zu spüren.
Theoretisch müsste ich bald fertig sein. Wenn ich ehrlich bin fühle ich mich oft so, als würde ich in meiner eigenen Suppe schwimmen. Hospitationen bei anderen Kollegen haben mir nur eingeschränkt zugestanden und ich konnte wenig bis selten über den Tellerrand blicken.
Und ich bin damit kein Einzelfall und es liegt nicht allein an meinen Fehlzeiten. Viele Seiteneinsteigerkollegen berichten ähnliches.
Um optimalere Bedingungen zu schaffen, müsste man Seiteneinsteiger erst einmal getrennt von den Lehramtsanwärtern ausbilden und meines Erachtens müsste dann auch das Bewertungssystem ein anderes sein. Es ist nun mal ein Unterschied, ob jemand 5 Jahre Lehramt studiert oder auch nicht, wobei ersteres optimaler ist, da man ansonsten ja auch kein klassisches Lehramtsstudium bräuchte.
Ich kann daher nur jedem, der mit dem Seiten- oder Quereinstieg liebäugelt raten, davon die Finger zu lassen.
Zumindest an den Schularten von Grundschulen, Gymnasien oder Berufsschulen.
Wie es an der Realschule ist, weiß ich nicht, aber da dort die Anforderungen an die SuS geringer sind, könnte ich mir vorstellen, dass es noch machbarer wäre.
Mit Kindern und Familie ist es hinzukommend schwer bis unmöglich. Selbst für einen Single ist es nur schwer zu realisieren, weil die Anforderungen extrem sind und der Stundenumfang einfach zu heftig ist.
Der Mix aus Ausbildung und über 20 Stunden ist kaum schaffbar.
An meiner Schulart waren die Jugendlichen wenigstens so fit, dass ihnen gravierende Fehler aufgefallen wären.
Wenn ich mir aber vorstelle, dass wir auch Seiteneinsteigerkollegen an der Grundschule haben, dann wird es mir direkt schlecht.
Wir stellen fachfremde Menschen vor eine erste Klasse der Grundschule, in der Kinder schreiben und lesen lernen sollen. Dafür gibt es spezifische Techniken. Die Fehler und Konsequenzen werden sich lebenslang auswirken.
Meines Erachtens ist der Seiteneinstieg keine Lösung den Fachkräftemangel zu bekämpfen. Wir ziehen damit das Bildungsniveau nach unten und sollten zusätzlich damit aufhören, die LAAs und Seiteneinsteiger in einen Topf zu schmeißen.
Also jeder, der darüber nachdenkt, sollte sich überlegen, ob er bei Interesse nicht an eine freie Schule geht oder bei Möglichkeit das Referendariat anschließt.
Man bekommt keine Unterstützung. Metaphorisch gesagt, wirft man dir in 10 Metern den Rettungsring entgegen, während du gar nicht schwimmen kannst.
Du bist dir mehr oder weniger selbst überlassen und alle verlangen alles von dir, während du die Grundvoraussetzungen nicht hast. Hinzu kommt, dass man damit schnell zum Sündenbock wird. Nicht nur gesellschaftlich, sondern auch bei den Kollegen und Verantwortlichen.
Nicht selten gibt es auch im Seminar Neider unter den Fachleitern, die sich rückwirkend vergleichen.
"Warum bekommt die jetzt so viel Geld? Ich hatte im Ref deutlich weniger zur Verfügung und hatte keine unbefristete Stelle. Bei mir ging es um den Schnitt."
Man schafft damit eine heftige Spaltung, die man nicht haben muss.
Für mich kann ich sagen, dass ich mich verheißen ließ.
Ich werde meine Ausbildung nun noch beenden und hoffe, dass zumindest das neue Kollegium tragbarer ist. Von dem Gedanken, dass es ganzheitlich besser wird, habe ich mich dennoch verabschiedet. Vermutlich wird mich auch an einer anderen Schule niemand an die Hand nehmen, denn dafür hat das System zu wenig Kapazitäten.
Für mich war es eine Lebenslehre. Ich werde mir zukünftig zwei Mal überlegen, auf was ich mich einlasse und eher auf geliebte Menschen im Umfeld hören, die zu recht ihre Zweifel hatten.
Wie gesagt mein Rat an alle: Überlegt euch die Sache gut.