Beiträge von helmut64

    Eltern in Neu-Ulm schicken ihre gehörlose siebenjährige Tochter auf eine herkömmliche Grundschule und verlangen vom Bezirk Schwaben die Bezahlung eines sog. Schulbegleiters, der Gebärdendolmetscher ist. Der Bezirk lehnt ab und verweist auf ein Gehörlosenzentrum, wo das Mädchen besser gefördert werden könne.


    Die Eltern klagen dagegen vor dem Augsburger Sozialgericht, wo am 25. Juli verhandelt wird. Bis zur Entscheidung teilen sich das Kultus- und das Sozialministerium die Kosten von 15000€ pro Monat, jedoch ohne Anerkennung einer Rechtspflicht.


    Es sieht so aus, als habe man einige mit der Inklusion verbundene praktische Probleme nicht bedacht.

    Ich kann einen GB Kind, einem ES Kind und eine "normalen" Knd etwas beibringen...und sie können zu einer tollen Klasse zusammenfinden...

    OK, das ist dann eine Klasse mit drei Schülern. Was machst du aber mit zehnmal so vielen?


    Wenn ich dreißig Kindern zur selben Zeit das Gleiche beibringen will, dann KANN dies sicherlich nicht funktionieren..

    Natürlich kann das funktionieren! Es funktioniert sogar meistens. Jedenfalls ist das meine Erfahrung aus 36 Jahren Unterricht.

    Zitat von ohlin:


    "Sport wird bei uns z.B. sehr viel fachfremd unterrichtet und die
    möglichen körperlichen Gefahren sind in dem Fach doch erheblich größer
    als in Religion, behaupte ich als nicht-ausgebildete
    Religionsfachlehrerin. "


    Die körperlichen Gefahren sind im Religionsunterricht sicher geringer. Aber wie steht es mit den geistigen (geistlichen?) Gefahren?

    Mit welcher Engelsgeduld du auf die kuriosesten Beiträge hier reagierst, das verdient Respekt.


    Du bist damit - was die psychologische, pädagogische und erziehungswissenschaftliche Seite des Lehrerberufes angeht - voll qualifiziert. Das Wichtigste sind nämlich gute Nerven und Ausdauer. Beides hast du hier im Übermaß bewiesen.


    Nun lass es aber gut sein! Gegen diese (natürlich nur zahlenmäßige) Übermacht kannst du nicht gewinnen. Hierzulande setzt sich durch, wer am lautesten seine Interessen vertritt. Die Volksschullehrer haben es damit in den letzten 60 Jahren weit gebracht und es wird damit enden, dass der Einheitslehrer kommt (am Gymnasium der 1-Fach-Lehrer) und bestenfalls nach A 12 bezahlt wird.

    Professor Helmke behauptet also, dass die Komplexität des Bildungsprozesses immer dieselbe ist, unabhängig davon, was ich eine bestimmte Person lehren möchte.


    Tut mir leid, meine Erfahrung aus 36 Jahren Unterricht spricht dagegen! Und nicht nur meine, sondern auch die meiner Kollegen.


    Interessant wäre es, zu erfahren, wie er die Komplexität eines Bildungsprozesses denn eigentlich misst. Ich glaube nämlich nicht, dass das mit reproduzierbaren Ergebnissen möglich ist.


    Der Verdacht drängt sich auf, dass Professor Helmke die empirische Erziehungswissenschaft ein wenig über- und das Fachwissen gewaltig unterschätzt.

    Oder: Was ich schon immer über den Grundschulunterricht wissen wollte, aber bisher nicht zu fragen wagte.


    Ich bin ja nun schon seit vier Jahren pensioniert (nach 36 Dienstjahren). Meine Frau, die auch Mathematik und Physik unterrichtete, ist nach 39 Dienstjahren gerade frisch pensioniert. Wir nehmen aber immer noch rege am Schulleben teil und lesen alles, was wir zum Thema Schule in Zeitungen und im Internet finden (früher hatten wir nicht die Zeit dazu).


    Unser erster Enkel kommt nächstes Jahr in die Schule und deshalb möchten wir einem Phänomen auf den Grund gehen, das uns schon seit vielen Jahren beschäftigt, nämlich:


    Woran liegt es, dass unsere Fünftklässler nicht mehr rechnen können?


    Wir haben diese Entwicklung während der letzten vierzig Jahre genau verfolgt. Anfangs konnten wir uns darauf verlassen, dass so gut wie alle 43 Kinder in der Klasse die Grundrechenarten mit natürlichen Zahlen einwandfrei beherrschten. Dann kamen die Mengenlehre und am Gymnasium das Spiralcurriculum. Vom Geschehen an den Grundschulen erreichten uns nur vage Gerüchte. Jedenfalls spürten wir die Auswirkungen: Die Rechenfähigkeit nahm mit beängstigender Geschwindigkeit ab.


    Heute brauchen Fünftklässler bei den einfachsten Aufgaben (z.B. 176 x 100) schriftliche Nebenrechnungen. Beim Subtrahieren verändern sie den Minuenden durch Streichungen und Darüberschreiben so, dass die Zahl kaum noch zu erkennen ist. Multiplizieren kann nur etwa die Hälfte der 32 Kinder in der Klasse und das Dividieren durch eine einstellige Zahl beherrscht etwa ein Drittel. Zweistellige Divisoren dürfen nicht vorkommen.


    Nun habe ich gelesen, dass im Grundschulunterricht heute mehr Wert auf sogenannte Kompetenzen gelegt wird und weniger auf sturen Drill. Ich würde gerne wissen, welche Fähigkeiten am Anfang der fünften Klasse aufgrund dieser Kompetenzen zu erwarten sind. Eine bessere Feinmotorik kann nach unserer Beobachtung jedenfalls nicht dazu gehören.

    Zitat von »Ben78«




    Fakt ist, dass der Anspruch moderner Schule, erfolgreiche Bildungsprozzese zu initieren, sich die Komplexität dieser Bildungsprozesses nicht aus dem fachlichen Wissen ergibt.
    Vertiefende Literatur dazu findest sich auf nationaler Ebene in diversen empirischen Unterrichtsforschungsprojekten.



    Zuerst verbessere ich die leichten Fehler:


    Fakt ist, dass der Anspruch moderner Schule, erfolgreiche Bildungsprozesse zu initiieren, sich die Komplexität dieser Bildungsprozesse nicht aus dem fachlichen Wissen ergibt.



    Dann ist der Satzbau dran (schon schwieriger):


    Tatsache ist, dass die moderne Schule den Anspruch erhebt, erfolgreiche Bildungsprozesse zu initiieren, wobei deren Komplexität nicht auf die des Fachwissens zurückzuführen ist.



    Nun zum Inhalt:


    Die Aussage ist falsch. Sie trifft in meinen Fächern zumindest auf den Unterricht in der Oberstufe nicht zu.

    Zitat aus 54:


    "Dass die fachliche/fachwissenschaftliche Vertiefung bei Gymnasiallehrern intensiver ist, ist doch jedem klar, das ist auch schon ausgiebig diskutiert worden. Was ich noch nicht verstanden habe und wo ich noch kein überzeugendes Argument zu gehört habe, ist, wieso mehr Fachwissenschaft in der Lehrerbildung als wichtiger und für ein hohes Gehalt ausschlaggebender sein soll als Erziehungswissenschaft, Didaktik, Psychologie und Diagnostik."


    Die Inhalte der Fachwissenschaft sind das, was die Schüler am Gymnasium lernen sollen. Deshalb findet der Unterricht ja überhaupt statt! Für den Gymnasiallehrer haben gründliche Fachkenntnisse deshalb größte Bedeutung. Seine Haupttätigkeit besteht (jedenfalls in meinen Fächern) darin, komplizierte Zusammenhänge einsichtig zu machen. Dazu braucht er ein Fachwissen, das sehr weit über den Schulstoff hinausgeht. Hinzu kommen solide Kenntnisse der Fachdidaktik und -methodik, welche hauptsächlich im Referendariat erworben werden.


    Vorlesungen in Erziehungswissenschaft und Psychologie gehören auch zur Ausbildung. Der Beitrag dieser Wissenschaften zum Unterrichtserfolg wird von Gymnasiallehrern aber durchweg als gering eingestuft.



    Zitat aus 55:


    "- das nach Umfragen höhere Ansehen von Grundschullehrern gegenüber Studienräten in der Gesellschaft"


    Ich habe auch von dieser Umfrage gelesen. Die Frage war raffiniert gestellt. Es wurden nämlich nicht Grundschullehrer und Gymnasiallehrer einander gegenüber gestellt, sondern (wie zitiert) Grundschullehrer und Studienräte. Klar, dass in der breiten Bevölkerung bei "Studienrat" sofort eine ganze Anzahl von negativen Vorurteilen aktiviert wird.

    Zitat: "Tatsächlich weiß man um seinen Platz auf der "Leiter" und kann die Gründe, warum man weniger vergütet wird, einsehen. Was ist es bloß, das den Grundschullehrer annehmen lässt, er bilde da eine Ausnahme?!"



    Ganz einfach:


    Es sind die Erfolge, die Volksschullehrer seit Gründung der Bundesrepublik durch ihre rührige Standesvertretung und aufgrund ihrer großen Zahl erreicht haben. Vergleicht doch mal den Beruf des Volksschullehrers in den fünfziger Jahren mit dem des GS/HS-Lehrers heute!

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