Quereinsteigerin am Verzweifeln

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    • Quereinsteigerin am Verzweifeln

      Hallo,
      Jetzt bin ich seit September als Quereinsteigerin (Fach Musik) an Grund- und Oberschule tätig. Alles schön, die Kids mögen mich.. aber: Wenn der Unterricht beginnt, schaffe ich es nicht, Ruhe im Klassenraum hinzubekommen, sodass ein vernünftiges Unterrichtsgespräch möglich wäre. Besonders in der Grundschule quatschen die Kids, drehen sich um, stehen auf, gehen im Raum herum usw. Natürlich ermahne ich, trage ins Klassenbuch ein, ins hausaufgabenheft usw. Aber in jeder Lerngruppe gibt es drei, vier die ich einfach nicht zur Ruhe bekomme und schwuppdiwupp geht es wieder überall los. Manchmal gibt es ein paar magische Minuten, das wars dann aber.
      Das macht mich fertig...
      Bin ich für den Job vielleicht nicht geeignet?
      Oder verlange ich Zuviel von mir?
      Was könnte ich besser machen?
      Wie lange brauchen andere, um das hin zu kriegen?
      LG Carabennemsi ;(
    • Das kann man von außen natürlich schlecht beurteilen, woran es liegen könnte. Ich würde dir raten, Kollegen (mit denen du gut zurecht kommst) zu bitten, bei dir zu hospitieren. Der Beobachtungsschwerpunkt wäre dann dein oben angesprochenes Problem.
      Generell ist es hilfreich, wenn man in der Schule bzw. zumindest in der Klasse gemeinsame "Ruhe-Signale" hat, also wenn alle beteiligten Kollegen auf die gleiche Art von den Kindern Stille und Aufmerksamkeit einfordern. Das kann bspw. ein bestimmter Klatsch-Rhythmus sein oder "Lehrer steht mit Zeigefinger vor dem Mund und erhobenem Arm vor der Klasse" sein. Das verinnerlichen die Schüler und verstehen schneller, was gerade von ihnen erwartet wird.
      Wichtig ist, dass man tatsächlich erst dann anfängt zu sprechen (mit ruhiger Stimme), wenn es wirklich leise ist. Oft beginnt dann allerdings sofort wieder ein Kind zu reden, herumzulaufen o.ä. Dann unterbreche ich sofort, was ich gerade sagen oder tun wollte bis es wieder ruhig ist. Dazu gehört Ausdauer und Geduld, aber nur so funktioniert es. Meiner Erfahrung nach, versuchen dann auch die anderen Kinder (die bereits aufmerksam sind) alle anderen zur Ruhe zu bekommen, da es sie selber auch stört und nervt, wenn es zu lange dauert.
      Manchmal erwähne ich auch leise Kinder, die schon zuhören "Super, Leon ist schon ruhig, Anna hört schon zu ....".
      Tja, und wenn es mal gar nicht anders geht (oder ganz schnell gehen muss) werde ich auch durchaus mal laut, um mich durchzusetzen. Aber das nur für einen kurzen Moment, um der Situation Herr zu werden. Arbeitsanweisungen, Erklärungen etc. werden generell nur in normaler Sprechlautstärke gegeben.
    • Carab, nicht die Flinte ins Korn werfen, das kann am Anfang schwierig sein, weil die Kinder ja auch ausprobieren, wie weit sie mit dir gehen können (und manchmal haben die nen verdammt langen Atem :) ).

      Mein Tipp:
      Lass Sie am Anfang der Stunde und am Ende der Stunde hinter den Stühlen Aufstellung nehmen und zur Ruhe kommen. Wenn es ruhig ist, begrüßt ihr euch vernünftig und dann lässt du sie wieder sich setzen.
      Die Sache mit dem Finger vor dem Mund funktioniert bei mir auch noch bei den Großen (also ab 7. Klasse aufwärts).
      Was du neben den Tipps von Nordseekrabbe auch versuchen kannst (je nach dem ob ihr das an der GS "dürft"): Alternativ den Sitzplan so ändern, dass die "Störer" nicht in der Nähe von einander sitzen.Ansonsten kann ich Nordseekrabbe beipflichten, das aus der Ecke kommt, funktioniert auch bei meinen querlligeren 7ern, 8ern und 9ern in den meisten Fällen.
      Ob ein Weg sich lohnt gegangen zu werden weiß man erst wenn man ihn gegangen ist. - Peregrinatio maiores Weisheit
    • Bei ganz Kleinen und allgemeiner Unruhe würde ich auch so vorgehen, wie von Nordseekrabbe beschrieben.
      Bei Älteren, die sehr genau wissen, was von ihnen erwartet wird, bin ich wesentlich zackiger im Ton. „Ermahnen“ kann man mal, wenn einer abgelenkt im Buch blättert. Aber umdrehen?? Umherlaufen, wenn gerade gesprochen wird?! Das geht gar nicht und das wissen sie auch. Da würde ich mir nicht die Zeit nehmen, irgendwas irgendwohin zu schreiben, sondern dem Kind in die Augen schauen und sehr deutlich für Ruhe sorgen.
      Max! Es spricht gerade einer und das bin ich! Und zwar in einem Ton, der keinen Widerspruch duldet. Paar Sekunden Abwarten. Dann erst rede ich weiter und nehme den dran, der sich meldet...

      Andere Saiten aufziehen sozusagen, um im Musikalischen zu bleiben ;) Von Minute 1 an dafür sorgen, dass jeder nach vorne schaut. Sachen werden in der Pause ausgepackt (1 min. vorher daran erinnern). Nach dem Klingeln erst mal die zurechtweisen, die jetzt erst losstiefeln, ihren Kram zu holen. Erst für Ordnung sorgen, dann unterrichten.

      Und immer wieder hospitieren, dir den Stil abgucken, der dir liegt :)
    • Carabennemsi schrieb:

      Wie lange brauchen andere, um das hin zu kriegen?
      Keine Sorge,

      das Theater war wohl bei allen von uns so. Und mach dir keine Sorgen, daß die Kiddies auf einmal alle ganz ruhig sind, wenn ein Kollege dabei ist, der sich das anguckt, um Dir Tipps geben zu können. Das ist auch normal.

      Wie das bei anderen war, kann ich nicht beurteilen. Bei mir hat es insg. 5 Jahre gedauert, bis ich soweit war. Eine gute Portion bei dem Thema Autorität hängt nämlich weniger von irgendwelchen Methoden ab sondern vom eigenen Auftreten. Und ja, nach dem Referendariat (bzw. bei dir Vorbereitungsdienst) wurde es besser, weil diese "ewige Prüfungssituation" meinerseits weg war, also diese Angst meinerseits für jedes Zipperlein (falsch gewählte Wort) zur Verantwortung gezogen zu werden. Nach der Lebenszeitverbeamtung, weitere 2 Jahre später, wurde es nochmal besser.
    • Danke! Das macht mir Mut. Und Danke auch für die vielen Tipps. Das Hospitieren bringt mir viel, glaube ich. Allerdings gibt es bei uns nur eine Kollegin bislang, die mich mal zusehen lässt. Und vor lauter Unterricht und Vertretung und Vorbereitung bleibt mir wenig Zeit, mich dafür einzusetzen.
      Danke, ich gehe jetzt etwas aufrechter in den morgigen Unterrichtstag :) .
    • @Anja: Für die Kinder, die sich gut verhalten, ist das sicher eine angenehme Rückmeldung. Beim letzten Praktikum hatte ich jedoch das Gefühl, dass es die Kinder, die unruhig waren oder auf andere Weise den Unterricht am Weitergehen hinderten, gar nicht erreichte. Die reagierten wirklich erst, als man explizit ihren Namen in Verbindung mit einer Handlungsalternative rief! Hättest du zusätzliche Tipps dazu, wie man die Schüler dazu bewegt, dass sie bei "Max, das machst du aber toll!" denken "Oh, ich will auch das Lob wie Max!" und nicht "Oh, ich heiße nicht Max. Hat nichts mit mir zu tun!"?
    • Lehramtsstudent schrieb:

      ...Hättest du zusätzliche Tipps dazu, wie man die Schüler dazu bewegt, dass sie bei "Max, das machst du aber toll!" denken "Oh, ich will auch das Lob wie Max!" und nicht "Oh, ich heiße nicht Max. Hat nichts mit mir zu tun!"?
      Zunächst: Lob sollte immer konkret sein. Nicht „fein gemacht“ sondern „Max nutzt das Wörterbuch wie abgesprochen/ weil du dir das Rechengeld geholt hast, bist du schnell zum richtigen Ergebnis gekommen...“ o.ä.

      Dann: Das Lob muss nicht immer dazu da sein, dass alle anderen still sind. Manchmal lobt man einfach Max, weil es bei ihm gut lief und auch, weil er dann friedlich ist.

      Und generell: im Praktikum hat man keine Beziehung zu den Kindern, da funktionieren bestimmte Dinge einfach nicht.
    • Lehramtsstudent schrieb:

      Beim letzten Praktikum hatte ich jedoch das Gefühl, dass es die Kinder, die unruhig waren oder auf andere Weise den Unterricht am Weitergehen hinderten, gar nicht erreichte. Die reagierten wirklich erst, als man explizit ihren Namen in Verbindung mit einer Handlungsalternative rief! Hättest du zusätzliche Tipps dazu, wie man die Schüler dazu bewegt, dass sie bei "Max, das machst du aber toll!" denken "Oh, ich will auch das Lob wie Max!" und nicht "Oh, ich heiße nicht Max. Hat nichts mit mir zu tun!"?
      Ja, dass man das so machen soll, habe ich auch gelernt und bin dann in meiner ersten eigenen Klasse (sozialer Brennpunkt, 28 SuS, darunter Krgnsl und Frngsl (pädagogisch unschöne Wörter durch vokalfreie Wörter ersetzt)) richtig baden gegangen. Da habe ich dann auch noch solche Rituale wie den Morgenstehkreis (für den Sitzkreis war kein Platz und es hätte beim Transport der Stühle Verletzte gegeben) mit gemeinsamem Anfassen, Morgenliedchensingen und Guten-Morgen-Wünschen durchgeführt (für die Sek- und Berufsschullehrer: Ringelpietz-mit-Anfassen). Würde ich heute unter ähnlichen Bedingungen unbedingt von absehen. Alleine Stehen kann wirklich schwer sein.

      Erst als ich angefangen habe, störende Kinder explizit mit dem Namen anzusprechen, haben sie angefangen, ihr Verhalten zu verändern. Beste Erfolge brachten in den letzten Jahren: "K. setz dich bitte hin." - "K. setz dich!" - "K.! Sitz! Jetzt! .... (bei erfolgreichem Setzen)... So ist es gut! Wie die Großen in der 2. Klasse sitzt du!" In der Reihenfolge. Wenn sie sich beschweren, dass sie keine Hunde sind, verspreche ich ihnen, bei den normalen Sätzen zu bleiben, wenn sie auf den ersten hören. Das funktioniert nach einiger Zeit gut.
      Selbstverständlich die Kinder, die sich an die Regeln halten, auch immer wieder loben.
      Mit meiner 4. spreche ich, wie einige Kollegen sich das Sprechen mit einer 1. vorstellen: Laut, deutlich, gut artikuliert, langsam genug und kleinstschrittige Arbeitsanweisungen. Alle Versuche, das Sprechen der Normalität anzugleichen, schlugen bisher fehl.
      Aber wie gesagt, das ist eine Variante für den Brennpunkt, Kinder mit massiven Sprachrückständen, zum Teil verlangsamten Denkabläufen und einigen mit auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsschwächen in der Klasse.
    • Carabennemsi schrieb:


      Wie lange brauchen andere, um das hin zu kriegen?
      Manchmal klappt es heute noch nicht. (13 Jahre Berufserfahrung) :rotwerd:
      Besonders in Musik, dem Freizeit- und Bespaßungsfach, bei uns gerne in der 5. und 6. Stunde.

      Besser wurde es aber nach 5 Jahren und mein Eindruck ist, dass es vor ca. 2 bis 3 Jahren nochmal einen Schub nach vorne gab.
      Du könntest dir Literatur zum Classroom-Management besorgen oder eine Fortbildung besuchen, das bringt durchaus was.
      Störer kommen, wenn sie zu oft nicht hören, nach Stundenschluss an den Lehrertisch zu einem Gespräch mit mir. Ich frage sie, ob sie zu ihrem Verhalten etwas sagen möchten und teile ihnen mit, was ich davon halte. Kurz, knackig und nicht verständnisvoll. Bei vielen wirkt das dann einige Stunden. Nicht bei allen, manchmal müssen Klassen von der Klassenleitung erst "eingenordet" werden, bis sie auch im Fachunterricht laufen können. Wichtig: Wenn sie als Gruppe stören, kommen sie zu Einzelgesprächen, sonst sind sie in der Überzahl.

      Und auch wichtig in Musik: Ruhephasen schaffen. Mandalas ausmalen. Jede Stunde 10 bis 15 Minuten. Jeder ist leise, Entspannungsmusik im Hintergrund.
    • Conni schrieb:

      ...Laut, deutlich, gut artikuliert, langsam genug und kleinstschrittige Arbeitsanweisungen. Alle Versuche, das Sprechen der Normalität anzugleichen, schlugen bisher fehl.
      ..
      Krass ist, wie sehr man sich daran gewöhnt! Wenn ich normalbegabte Jugendliche außerhalb der Arbeit treffe, die in ihrer Freizeit Bücher lesen oder gar eine Meinung zu irgendwas haben halte ich sie heimlich für hochbegabt.

      Das war jetzt OT. Aber was Conni schreibt, finde ich auch ganz wichtig: schreib dir mal vorher im Wortlaut auf, welche Arbeitsanweisungen du geben wirst. Sind die ganz klar formuliert? Wenn jeder weiß, was er zu tun hat entsteht schon mal weniger Unruhe. Lange Unterrichtsgespräche auf später verschieben.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Krabappel ()

    • Krabappel schrieb:

      Krass ist, wie sehr man sich daran gewöhnt! Wenn ich normalbegabte Jugendliche außerhalb der Arbeit treffe, die in ihrer Freizeit Bücher lesen oder gar eine Meinung zu irgendwas haben halte ich sie heimlich für hochbegabt.
      Das war jetzt OT. Aber was Conni schreibt, finde ich auch ganz wichtig: schreib dir mal vorher im Wortlaut auf, welche Arbeitsanweisungen du geben wirst. Sind die ganz klar formuliert? Wenn jeder weiß, was er zu tun hat entsteht schon mal weniger Unruhe. Lange Unterrichtsgespräche auf später verschieben.
      Ich frage mich ja schon in meiner Klasse, ob die, die selbstständig denken können, hochbegabt sind.

      Back to Topic:
      Arbeitsanweisungen lässt man idealerweise 2mal von Kindern wiederholen. Zuerst von einem schnell verstehenden, laut und deutlich sprechenden Schüler, danach von einem weniger leistungsstarken, welches zumindest so laut spricht, dass man es noch verstehen kann, eventuell noch von einem 3. Falls Unruhe durch unverstandene Arbeitsaufträge entsteht, lässt diese sich damit reduzieren.

      Gibt es weiterhin Situationen im Unterricht, in denen die unruhigen Schüler besonders unruhig werden bzw. anfangen unruhig zu werden?
      Oft sind das "informelle" Situationen wie "Packt euer Heft ein." oder "Bringt eure Heft in eure Fächer." Du könntest dann ein Stillesignal verwenden, damit alle wieder leise werden oder eine andere Struktur einplanen. Manchmal sind es auch die Unterrichtsformen und -methoden: Gruppenarbeit kann nicht jeder. Musikhören ist unglaublich schwierig...
    • ganz klassisch ginge auch...
      ...einen mal exempelhalber in eine höhere oder niedrigere Klasse umsetzen
      ...einen vor die Tür stellen und Stunde nachmittags/ in beliebter AG-Stunde nachholen lassen
      ...Spannung aufbauen: (*leise* wer mag mal nach vorne kommen und in diese Kiste gucken?)
      ...alle mit einbeziehen: nach einer richtigen Antwort fragen, „wer hätte das noch gewusst?“
      ...alle einbeziehen: ich habe XY nicht singen hören. Noch mal alle...
      ...einzelne einbeziehen: hibbelige Kinder dürfen Triangeln holen
      ...Eltern anrufen und um Hilfe bitten