Verbotene Outings von Lehrer/innen

  • In meiner Schule ergibt sich gerade eine Diskussion über einen transsexuellen Kollegen, der dazu noch Biolehrer ist. Er würde sich gern vor den Schülern outen, nur ist der Schulleiter strikt dagegen. Der (Schulleiter) bemüht sich auch gerade eifrig um die Versetzung des Kollegen, der eigentlich ungern gehen würde. Ich habe, ehrlich gesagt, nicht wirklich eine Idee, was Recht ist, und hoffe, ihr könnt mir ein bisschen was dazu erklären, also z.B.:


    - Darf sich ein transsexueller Lehrer denn jederzeit outen, wenn er will? Gehört das zu seinen Persönlichkeitsrechten, oder haben hier die Interessen der Schüler (nach geordnetem Leben, was auch immer) Vorrang?


    - Darf sich der Lehrer im Rahmen eines Aufklärungsunterrichts outen, quasi als 'Betroffener'? Ist das fachdidaktisch ok, oder ist das unprofessionell?


    - Muss die Schule eine Umstellung des Geschlechts überhaupt mitmachen, oder darf sie sich weigern? (Der Kollege plant das ja für nächstes Schuljahr.)


    - Muss der Transsexuelle sowas überhaupt der Schulleitung mitteilen? (In dem Fall hatte er es lange geheim gehalten, sich dann aber selbst im Kollegium geoutet.)


    - Darf die Schulleitung den Lehrern untersagen, den Schülern ihre sexuelle Orientierung mitzuteilen? (In dem Fall hat der Rektor allen Kollegen klar gemacht, dass er keine Outings duldet, egal ob sie die sexuelle Orientierung oder Identifikation betreffen.)


    - Habt ihr irgendwelche Erfahrungen an eurer Schule mit sowas?


    - Was sagt ihr überhaupt zur Situation? (Mich interessieren übrigens auch Meinungen von Eltern und.. naja.. Schülern.)

  • Ein Thema, bei dem sofort die Fake-Alarm-Lampe blinkt. Aber nehmen wir es einmal Ernst - dann fällt mir nur § 73 Landesbeamtengesetz BW ein:


    "Sein Verhalten [=das eines Beamten] innerhalb und außerhalb des Dienstes muss der Achtung und dem Vertrauen gerecht werden, die sein Beruf erfordert."


    Ob einer Deiner Punkte nun davon betroffen ist, wäre zu überlegen bzw. gerichtlich zu klären.

  • Zitat

    Original von unter uns
    Ein Thema, bei dem sofort die Fake-Alarm-Lampe blinkt


    Bzw. die "Grünschnabel-Lampe" :gruebel:


    Ansonsten volle Zustimmung zu "unter uns".


    Nicht jedes private Detail ist auch von öffentlichem Interesse. Es macht ja auch keiner am schwarzen Brett bekannt, dass er Schweißfüße besitzt. Ich weiß, der Vergleich hinkt, er soll jedoch verdeutlichen, was "Privatsphäre" bedeutet.....


    Es darf die Schüler nicht interessieren, ob ich mit meiner Frau schlafe oder nicht - oder wie oft... ebenso ist es nicht von dienstlichem Belang und Schülerinteresse ob jemand trans, - homo- oder hetero ist.


    Ein Outing befriedigt höchstens narzistische, egoistische Bedürfnisse. Daher könnte es sogar zu dienstrechtlichen Konsequenzen führen.


    Der transsexuelle Kollege hat natürlich das Recht, seine Orientierung zu leben und nächstes Jahr nach der Umwandlung im anderen Geschlecht an der Schule zu unterrrichten. Dann kann er seine Entscheidung auch erklären - wobei sein Unterricht sicher leiden wird. Damit sind wir wieder bei der Erfüllung des dienstlichen Auftrages.


    Vermutlich wird das Schulamt seiner dienstrechtliche Fürsorgepflicht nachkommen und ihn an eine andere Dienststelle versetzen - an der er dann von Beginn an in der neuen Geschlechterrolle agieren kann.

    Vorurteilsfrei zu sein bedeutet nicht "urteilsfrei" zu sein.
    Heinrich Böll

    2 Mal editiert, zuletzt von alias ()

  • Nee, kein Fake.


    Mir ist nur der Arsch ein bisschen auf Grundeis gegangen, weil mein Freund mich manchmal nach der Schule abholt. Natürlich haben wir uns bisher nichts anmerken lassen, aber falls mich ein Schüler mal gefragt hätte, wer das ist, hätte ich nun nicht groß rumgelogen und gesagt: "Mein Freund." Und dann? Verbotenes Outing oder was?
    Und den Kollegen schätze ich eigentlich auch sehr. Ich persönlich fände es doof, wenn er gegen seinen Willen versetzt wird. Er ist auch bei den Schülern sehr beliebt und ich teile seine Ansicht, dass die mit seinem Neuanfang zurecht kämen. Ist das denn wirklich eine unumstößliche Tatsache, dass sein Unterricht leiden wird? Ich meine, so unumstößlich, dass man ihn grundsätzlich versetzen muss?

    • Offizieller Beitrag

    Ich denke mir auch nicht, dass grundsätzlich "automatisch" der Unterricht schlechter wird und drunter leidet.


    Aber es kann sicherlich passieren, dass in der recht ... spießigen Welt (und die Jugendlichen in der Schule sind "spießiger" als sie zugeben möchten) der Respekt vorm Lehrer massiv schwinden würde. Und sich dies ggf. auf den Unterricht auswirken würde.
    Sicherlich gibt es auch genug Schüler, die ihm/ihr deswegen Respekt zollen würden. Aber ob das ausreicht?


    Ich stelle mir außerdem vor, was für eine Welle es gibt, wenn ein Lehrer sich als transsexuell outet. (Was meiner Meinung nach unumstößlich ist, wenn er sein Geschlecht wechseln will. Es hat also nichts mit "narzististischen Verhalten zu tun, da das Outing irgendwann automatisch passieren würde.) Spätestens wenn dann die ersten Schüler seinem Vorbild folgen, weil sie merken, dass sie sich in ihrem Geschlecht auch nicht wohl fühlen, dürften ggf. die Eltern auf die Barrikaden gehen. (Und dies wird sicher passieren.)
    Leider.


    Ich denke auch, dass es für den Kollegen am einfachsten sein wird, die Stelle zu wechseln. Er hört als Mann an einer Schule auf. Und fängt an einer anderen Schule außer Reichweite als Frau an.


    In diesem Zusammenhang kann ich mich an einen Fernsehbericht über "Geschlechtsumwandlungen" erinnern. Heutzutage fängt man damit ja auch schon vor der Pubertät an, wenn festgestellt wird (vom Kind und von Psychologen), dass ein Kind im falschen Körper sitzt.
    Dort sagte eine Mutter einmal: "Ich habe meinem Sohn (Grundschule) gesagt, wenn du den Schritt gehen willst, dann geh ihn. Und steh dazu. Und geh ab morgen mit einem Rock zur Schule." Am einfachsten ist es wohl, wenn der "Umwandlungsprozess" von einem Tag zum anderen konsequent (und mit allen Nachteilen) durchgezogen wird. Die Klassenkameraden haben es wohl überlebt. ;)


    Ich kann mir aber nicht ausmalen, was passiert, wenn dein Kollege plötzlich als Kollegin zur Schule kommt. (siehe oben)


    kl. gr. Frosch


    P.S.: Nur so nebenbei, meine persönliche Meinung ist "Keine Rücksicht auf die Umgebung, es geht nur um die eigene Person". Aber ich denke mir, dass dein Kollege damit leider nur Probleme bekommt. Daher ist der Schulwechsel besser.


    Nachtrag: okay, vielleicht mag dies Fake sein. ich glaube es aber nicht. Es gibt sicherlich Lehrer in der Schule, deren Fragen über Unterrichtsentwürfe und Lehrerarbeit hinausgehen.
    Und: sollte es ein Fake sein, liest dies vielleicht irgendwann mal ein Kollege, der es lesen sollte. ;)

  • Wenn er sich entschieden hat, diesen Schritt zu gehen, wird er/später dann sie sowieso viel Mut brauchen. Letztendlich kann nur die Person selber entscheiden, wann der richtige Moment für das Outing ist. Ich glaube nicht, dass ihm der Dienstherr da irgendwelche Vorschriften machen kann (ohne rechtliche Gewähr, aber schon das Antidiskriminierungsgesetz dürfte dagegen stehen).

    Man muss Partei ergreifen. Neutralität hilft dem Unterdrücker, niemals dem Opfer. Stillschweigen bestärkt den Peiniger, niemals den Gepeinigten.“

    Elie Wiesel

  • Mhm. SEHR komplizierte Frage.


    Sagen wir mal so. Wenn für deinen Freund klar ist, dass er den Transgendering-Prozess durchläuft, inklusive Hormon- und Verhaltenstherapie, und die Sache auch in Angriff nimmt, dann ist die Frage nach dem Outing ohnehin hinfällig, denn der Prozess ist offensichtlich.


    Zwangsversetzungen. Ein Outing ist ganz bestimmt nicht "verboten". Transsexualität ist per Definition eine Krankheit und wegen einer Krankheit darf man nicht diskriminiert werden. Die Frage, ob es klug ist und ob es dem Wohl deines Freundes dient, dass er an der gleichen Schule bleibt, ist allerdings eine andere Frage. So ein Schritt ist sicherlich eine ganz dramatische Zäsur im Leben und vielleicht ist es gar keine schlechte Idee, das auch in einer neuen Umgebung zu beginnen. Andererseits kann eine gute Umgebung, in der Sicherheit und Vertrauen herrschen, auch stützend wirken. Es kommt immer drauf an - wichtig ist für deinen Freund auf jeden Fall, solche Überlegungen zusammen mit den Dienstvorgesetzten zu besprechen.


    Falls es nicht zu privat ist - wie involviert bist du in dem Problem? Dein Beitragt klingt etwas danach. (Gerne per PM, ich habe einige Sachkenntisse in dem Gebiet.)


    nele

    Einmal editiert, zuletzt von neleabels ()

    • Offizieller Beitrag

    Ich sehe das ähnlich wie viele Vorredner: ist ein outing wirklich nötig? Wozu?
    Das Ganze mit einem "Kanonenschlag" einzuläuten, sorgt sicherlich für Aufruhr. Ohne es zu erwähnen und ganz selbstverständlich tuend, gibt man das Signal, dass das a) tendenziell nichts ist, worum sich ein Skandal entwickeln müsste, also etwas "normales", und b) nichts mit der Profession und deren Ausübung zu tun hat.
    Beides halte ich für wichtig. Unsere Geellschaft muss endlich akzeptieren lernen, dass die Sexualität der Menschen ihre Privatsache und frei zu gestalten ist und zweitens dass man Menschen mit Sexualität X nicht automatisch Eigenschaft Y zuschreiben darf.


    Wenn aber einer mit dem Löffel ans Sektglas plingt und sich räuspert, dann weiß ich "jetzt kommt was Wichtiges". Und dann nehme ich das auch so ... besser fände ich es, wenn sich dein Freund als ganz normaler Lehrer gibt, der er ja auch ist (!).


    Es hängt wohl auch von der Schule und der Schulform ab, wie schwer das wird. Die Gymnasiasten meiner Oberstufe würden das ein paar Tage diskutieren, ein paar Wochen interessiert beobachten und dann gäb's anderes / Wichtigeres.
    In vielen Hauptschulen mit hohem Migrantenanteil muslimischer Herkunft gilt "schwul" immer noch als die übelste aller Beleidigungen und zwischen Schwulen und Transsexuellen wird da nicht groß differenziert. Da könnte es schlimmstenfalls sein, dass der Kollege auf dem Weg zur Kollegin (so rum war's doch, oder?) bei den Jungs keinen Fuß mehr auf den Boden bekommt, egal wie gut sein Unterricht ist.


    Dann müsste man in der Tat über einen Schul(form)wechsel nachdenken.

  • Die Schüler schätzen den Kollegen und zwar in erster Linie menschlich. Er ist sogar eher als 'Hardeliner' bekannt, d.h. gilt als einer der strengen Lehrer der Schule. Wenn der nur die Hälfte seiner Autorität verliert, hat er immer noch genug.
    Ich halte auch nichts von Outings. Ich habe nur Bedenken, wenn man großartig vermeiden muss, dass man unfreiwillig geoutet wird. Also: Wenn man beim Kuss mit einem Mann 'erwischt' wird. Ich würd ja jetzt nicht das Sektglas bimmeln, aber ich will dann auch nicht alles abstreiten müssen. Der Kollege hatte es die letzte Zeit echt schwer, weil er im privaten Leben schon vollends auf Frau umgestellt ist. Für ihn war das ein scheußlicher Eiertanz.
    Leider hatte er ja mit seinem Eiertanz recht, denn der Rektor hat ja auch ziemlich nervig reagiert. Was müssen nun ungeoutete Schwule und Lesben befürchten? Wie dürfen sie durch ihr Privatleben gehen? Und.. mal ganz ehrlich: Wie soll das bitte bei unseren Schülern ankommen, wenn wir verschämt unsere Privatleben verstecken, weil sie nicht 'normal' genug sind? Andere Kollegen erzählen auch von ihren Partnern, Kindern, blabla. Gut, ich bin da eher weniger mitteilsam. Aber wenn man von Natur aus ein offener Mensch ist? Als Hetero scheint man ja Glück zu haben. Als Schwuler / Transsexueller muss man dann wohl zum Wohle der Allgemeinheit verschossen sein? Ich komme da grad ein bisschen ins Grübeln.


    Der Kollege wird vermutlich gehen, aber er ist sehr traurig darüber. Wir übrigens auch. Ich bin sicher, dass die Schüler das auch doof finden und lieber eine neue Lehrerin bekommen hätten, die fast genauso aussieht wie er, und denselben Nachnamen hat. Ganz ehrlich hatte ich gehofft, dass unter euren Beiträgen einer ist, der sagt: "Hey, war an unserer Schule auch so und war gar kein Problem." Naja.. schade. Einen Versuch war's wert.

  • Mhm. Ich kann gut verstehen, dass du gerne tröstende Worte gehört hättest, dass alles glatt und einfach gehen kann - denn es geht in deinen Beiträgen, wenn ich die richtig lese, auch um dich und deine Ängste. Es wird aber nicht einfach werden; deinem Freund und auch dir stehen sehr harte Zeiten bevor und ihr müsst Wege finden, die möglichst wenig beschädigt zu überstehen.


    Anders als viele Vorredner sehe ich aber nicht, dass sich die Frage "Outing oder nicht" überhaupt stellt. Wenn sich dein Freund auf den Weg zur Geschlechtsumwandlung gemacht hat, dann befindet er sich jetzt ohnehin in einem Zwischenstadium. Anders als Homosexualität lässt sich Transsexualität nicht im Privaten lassen, denn die sichtbare Veränderung des Körpers und der Lebensweise ist ja Ziel des Spiels! Die Trennung von Privat- und Berufsexistenz wird sich mit Sicherheit nicht dauerhaft durchhalten lassen - wenn dein Freund im Alltag als Frau lebt, wird es früher oder später bekannt werden, auch an der Schule. Das ist ja Teil des Leidensdruckes, unter dem Transsexuelle stehen, dass sie gezwungen sind, die Gradwanderung zwischen dem Wunsch nach Privatheit und dem aufgezwungenen öffentlichen Tabubruch aushalten müssen. Die Selbstmordrate und die Zahl der Drogenabhängigen ist ungeheuer groß. Als Lehrer arbeitet dein Freund ja nun auch noch in einem besonders exponierten Beruf - und Schulen sind in der Regel leider Gottes nicht gerade ein Hort besonderer gesellschaftlicher Permissivität.


    Man muss ganz deutlich sagen - bei Transsexualität geht es nicht um rational gefällte Entscheidungen, was "besser" ist, Phosgenas Freund kämpft darum, irgendwie zu überleben.


    Es gibt, wie ich gerade ergoogelt habe, ja sehr gut ausgebaute Netzwerke im Internet, "transgender-net.de" und so. Hat dein Freund denn schon einmal nach transsexuellen Lehrern gesucht und Erfahrungen ausgetauscht?


    Nele

  • Aber warum sollte er denn gehen?


    Wenn er/sie das Bedürfnis hat, an der jetzigen Schule zu bleiben, dann wäre das doch erst einmal einen Versuch wert, oder?

    Man muss Partei ergreifen. Neutralität hilft dem Unterdrücker, niemals dem Opfer. Stillschweigen bestärkt den Peiniger, niemals den Gepeinigten.“

    Elie Wiesel

  • Hab ich schon getan, aber scheint nichts zu geben. Offenbar wechseln Lehrer sehr insgeheim ihr Geschlehct, halt immer mit Schulwechsel und in aller Stille eben.


    Warum ich hier nachfrage und nicht in einem Transgender-Forum liegt daran, dass ich 'normale' Stimmen hören wollte. Dort scheint es mir zumindest, als würde jedem Transgender gesagt: Du bist in Ordnung und die Welt ist böse und gemein. Ich wollte wissen, ob die Eltern und Schüler, also die Öffentlichkeit, nicht doch ein Recht auf 'Verschonung' mit diesen Themen hat. Ob er also auch 'in aller Stille' in die Normalität verschwinden soll, so als ob der Geschlechtswechsel etwas Peinliches wäre, oder ob er seinen offenen Weg gehen dürfte.


    Und zur Situation meines Freundes, dem geht's gut, danke der Nachfrage *g*. Der geht da unbekümmert seinen Weg, meist mit einem Lächeln im Gesicht. Scheinbar tut ihm die neue Rolle extrem gut. Ich glaube, deshalb kommt er auch so sehr authentisch rüber. Und deshalb denke ich auch, dass die Schüler von ihm genauso beeindruckt sind/wären.


    Eigentlich eine vertane Chance. Für mich leider auch. Wenn er offen sein dürfte, dann hätte auch ich es etwas leichter. Neben seinem schillernden Weg (vom Heteromann zur Lesbe) bin ich doch relativ normal *zwinker*. Aber so werd ich nun tunlichst vermeiden, dass mich jemand outet. Sonst muss ich nicht nur die Reaktion der Schüler fürchten (die ich eher locker nehmen würde), sondern auch noch Repressalien meines Dienstherren, weil ich mein Privatleben nicht gut genug verborgen gehalten hab.

    • Offizieller Beitrag
    Zitat

    Anders als viele Vorredner sehe ich aber nicht, dass sich die Frage "Outing oder nicht" überhaupt stellt. Wenn sich dein Freund auf den Weg zur Geschlechtsumwandlung gemacht hat, dann befindet er sich jetzt ohnehin in einem Zwischenstadium. Anders als Homosexualität lässt sich Transsexualität nicht im Privaten lassen, denn die sichtbare Veränderung des Körpers und der Lebensweise ist ja Ziel des Spiels!

    Vielleicht habe ich mich missverständlich ausgedrückt ... Natürlich kann ein transsexueller Mensch seine 'Transformation' nicht geheim halten, es sei denn er will dauerhaft ein Doppelleben führen. Wenn er/sie als Frau leben will, muss sie das öffentlich tun.
    Mir ging's eher um das "wie" des Öffentlichmachens. Ich glaube, dass ein outing im Sinne eines "hört mal alle her" insofern das falsche Signal ist, als man dem Ganzen damit den Status des Verkündigungswürdigen gibt, also des Extraordinären" (Absonderlichen?).
    Einfach langsam in der Schule die Frauenrolle zu übernehmen und zu erwarten, dass die Schüler die Toleranz, die sie als hoffentlich nicht nur Lippenbekenntnisse in diversen Aufsätzen und Diskussionen in fast allen Fächern von sich geben, in der Praxis gefälligst einfach mal ausüben, wäre mir persönlich der liebere Weg.


    Ob das nur mein Wunschdenken ist und dass das in bestimmten Schulformen, vielleicht in allen, sehr schwer umsetzbar ist, sei mal dahin gestellt.
    Es käme viellecht auf einen Versuch an?


    Ich denke aber, je mehr homo- und transsexuelle Menschen ihr so-Sein verheimlichen, desto länger wird es dauern, bis man das gar icht mehr verheimlichen muss. Klar - die die ihre Nase da vorreitermäßig in den Wind stecken, trifft der Gegenwind erstmal am härtesten. Nicht jeder eignet sich als Wegbereiter für kommende Generationen (ich weiß auch nicht, ob ich mehr am Verheimlichen oder am Durchstehen der Reaktionen leiden würde, wenn ich die Entscheidung treffen müsste)...

  • Konkrete Hinweise und Hilfe kann ich nicht beisteuern, möchte aber auf etwas hinweisen, was mit gesellschaftlicher Akzeptanz und der Rolle des Dienstherrn zu tun hat.


    Im Kerncurriculum des Faches "Praktische Philosophie", das in NRW in der Sek. I als Ersatzfach für Religion angeboten wird, gibt es den Fragenkreis 1 (Die Frage nach dem Selbst) und innerhalb dieses Fragenkreises das Thema "Geschlechtlichkeit".


    Bei den Unterrichtsvorschlägen für potentielle Unterrichtsreihen findet sich auch die Reihe "Wann ist ein Mann ein Mann, wann ist eine Frau eine Frau?" Im Rahmen dieser Reihe ist es ausdrücklich vorgesehen, das Thema Transsexualität zu thematisieren - idealerweise in Form einer so genannten Realbegegnung, d.h. man lädt Transsexuelle in den Unterricht ein.


    Zumindest im Fach Philosophie (Sek. I) ist diese gesellschaftliche Realität im Lehrplan angekommen; dass Schüler, Lehrer und ggf. der Dienstherr abseits von juristischen Überlegungen und Lehrplanvorschlägen anders damit umgehen, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Gleichwohl: Schule ist zwar in der Tat kein Hort der Permissivität (gottseidank, meistens), bildet aber doch Gesellschaft ab.

  • Ich würde es schön finden, wenn so etwas mit ruhiger Selbstverständlichkeit über die Bühne gehen könnte. Dass also im neuen Stundenplan auf einmal "Frau Müller" und nicht mehr "Herr Müller" das Fach unterrichtet, und das wärs dann schon. In den ersten paar Lektionen werden die SchülerInnen wohl Fragen haben, es ist sicher nicht falsch, dafür mal eine Viertelstunde zu reservieren, falls das kommen sollte.


    Da ein Geschlechtswechsel doch etwas sehr ungewöhnliches ist, wird es wohl einigen Aufruhr geben, und dass der Rektor seine Mühe damit hat, ist auch nicht gerade hilfreich... aber ich glaube, es ist das Beste, zu sich selbst zu stehen, den Kopf einzuziehen, und der Sturm wird dann auch wieder vorbei gehen.


    Was ja zählt - zählen sollte - ist die Qualität des Unterrichts, und die ist ja offenbar gut. Die wird sich auch durch eine Geschlechtsveränderung nicht verschlechtern.


    grüsse, das fräulein

  • Hallo Zusammen,


    da ich mich noch nicht vorgestellt habe, ein paar persönliche Informationen. Ich bin keine Lehrerin, sondern nur über dieses Thema im Internet gestolpert und möchte als selber Betroffene ein paar Worte beisteuern.


    Als allgemeiner Rüffel zuerst bin ich ein wenig erschüttert über das Wissen einiger Lehrer hier im Forum. Denn gerade Sie müßten mit betroffenen Schülern und Schülerinnen richtig umgehen, um diesen ein lebenswertes Leben zu ermöglichen. Unterdrückte Transsexualität führt zu unglaublichen psychischen Spannungen.


    Beginne ich doch erstmal, dass bisher geschriebene ein wenig zu kommentieren:

    Zitat

    ...Nicht jedes private Detail ist auch von öffentlichem Interesse. ...
    ...Es darf die Schüler nicht interessieren, ob ich mit meiner Frau schlafe oder nicht - oder wie oft..
    ... Ein Outing befriedigt höchstens narzistische, egoistische Bedürfnisse. Daher könnte es sogar zu dienstrechtlichen Konsequenzen führen.
    ....


    Es geht hier nicht um eine sexuelle Spielart, auch wenn das viele glauben. Es geht um Identität. Das ist kein privates Interesse, es geht auch überhaupt nicht um sexuelle Präferenzen und von narzistischen egoistischen Bedürfnissen zu reden sollte ausreichen, um Ihnen eine Dienstaufsichtsbeschwerde anzuhängen. Lesen Sie mal das Gleichstellungsgesetz.


    Zitat

    ...Ich sehe das ähnlich wie viele Vorredner: ist ein Outing wirklich nötig? Wozu? ..
    ...Unsere Geellschaft muss endlich akzeptieren lernen, dass die Sexualität der Menschen ihre Privatsache und frei zu gestalten ist....
    ...wenn sich dein Freund als ganz normaler Lehrer gibt, der er ja auch ist...


    Wozu wohl? Stimmt, das Outing ist völlig irrelevant, aber das Leben nicht. Sie wollen doch wohl nicht von einer Frau erwarten, das sie jeden Tag mit Klebebart und als Mann verkleidet zur Arbeit geht? Es geht nicht um Sexualität! Da hat wohl jemand das Problem nicht verstanden. Und nein, dieser Mensch ist eine normale Lehrerin!


    Zitat

    ... Man muss ganz deutlich sagen - bei Transsexualität geht es nicht um rational gefällte Entscheidungen, was "besser" ist, Phosgenas Freund kämpft darum, irgendwie zu überleben....


    Danke, genau das beschreibt es mit einem Wort. Es geht ums "überleben".


    Zitat

    ... Warum ich hier nachfrage und nicht in einem Transgender-Forum liegt daran, dass ich 'normale' Stimmen hören wollte. Dort scheint es mir zumindest, als würde jedem Transgender gesagt: Du bist in Ordnung und die Welt ist böse und gemein. ...


    Auch das ist völlig richtig. Die Selbsthilfegruppen haben leider oft ein etwas "verzerrtes" Bild von der Wirklichkeit. Sich Gedanken über den richtigen Weg zu machen und auf die Bedürfnisse anderer einzugehen, ist natürlich vernünftig, solange man sich dabei nicht zu sehr verbiegen muß. Die Frage des "wie" ist sicherlich zu diskutieren, aber nicht die Frage des "warum".


    Zitat

    ... Und zur Situation meines Freundes, dem geht's gut, danke der Nachfrage *g*. Der geht da unbekümmert seinen Weg, meist mit einem Lächeln im Gesicht. Scheinbar tut ihm die neue Rolle extrem gut. Ich glaube, deshalb kommt er auch so sehr authentisch rüber. Und deshalb denke ich auch, dass die Schüler von ihm genauso beeindruckt sind/wären....


    Und genau diese Erfahrung habe ich auch gemacht. Wer mit glücklicher Ausstrahlung auf andere zugeht bekommt diese auch zurück.


    Zitat

    ... Bei den Unterrichtsvorschlägen für potentielle Unterrichtsreihen findet sich auch die Reihe "Wann ist ein Mann ein Mann, wann ist eine Frau eine Frau?" Im Rahmen dieser Reihe ist es ausdrücklich vorgesehen, das Thema Transsexualität zu thematisieren - idealerweise in Form einer so genannten Realbegegnung, d.h. man lädt Transsexuelle in den Unterricht ein....


    Sehr schön, dass ist doch mal ein guter Ansatz. Was bestimmt überhaupt das Geschlecht? Die alte Lehrmeinung von wegen XY und XX ist etwas zu ungenau und längst überholt. Die Frage, was sind weibliche und was sind männliche Eigenschaften bewegt mich schon seit Jahrzehnten. Gibt es eindeutige oder nur unterschiedliche Verhältnisse innerhalb der Geschlechter? Ich habe noch keine einzige Eigenschaft erlebt, die nicht in beiden Geschlechtern anzutreffen ist. Und wenn Sie für Ihren Unterricht Unterstützung benötigen, komme ich gerne in die Schule.


    Aber zurück zum eigentlichen Thema. Für alle nicht Eingeweihten wird der formale Weg sehr gut im TSG (Transsexuellengesetz) zusammengefaßt. Da lohnt sich ein Nachlesen, z.B.: http://de.wikipedia.org/wiki/Transsexuellengesetz
    Weiter gibt es das Gleichstellungsgesetz, was jede Diskriminierung, also z.B. einen Schulwechsel, natürlich verhindert. Aber das sind die juristischen Dinge, soweit muß es gar nicht kommen.


    Wie man ein Outing gestaltet und wie die Akzeptanz hinterher oder auch zwischen drin ist hängt von ganz vielen Faktoren ab, die nicht planbar sind. Ich z.B. habe alle meine Freundschaften vertiefen können, da mein soziales Umfeld auf mein eigenes sehr weitgehendes Öffnen eben nur mit einer eigenen Öffnung reagiert hat. Das sind aber Sonderfälle und ich gehe auch auf jeden Einzelnen sehr individuell ein, um niemanden zu überfordern oder mit Themen zu belästigen, die ihn nicht interessieren.


    Das Abhängigkeitsverhältnis mit Schülern macht es natürlich schwierig. Ist man beliebt, wird der Weg viel eher akzeptiert, als wenn es genug Schüler gibt, die einem eh eines auswischen wollen; und an Kollegen will ich lieber gar nicht denken. Ein Schulwechsel bringt überhaupt nichts, da bei der heutigen Vernetzung diese Information natürlich herum geht. Dazu kommt, dass es bei Menschen nach der Pubertät eh sehr schwer wird, die Wirkung der Hormone vollständig Rückgängig zu machen. Unerkannt zu bleiben an der neuen Schule wird darum schwer. Und dann ist das vertraute Umfeld viel eher eine Stütze als eine Belastung.


    Ganz herzliche Grüße
    Susanne Falter

  • Zitat

    Original von Phosgen
    - Darf sich ein transsexueller Lehrer denn jederzeit outen, wenn er will? Gehört das zu seinen Persönlichkeitsrechten, oder haben hier die Interessen der Schüler (nach geordnetem Leben, was auch immer) Vorrang?


    Juristisch darf er das. Ob es sinnvoll ist, muß der/die Betroffene entscheiden.


    Zitat

    Original von Phosgen- Darf sich der Lehrer im Rahmen eines Aufklärungsunterrichts outen, quasi als 'Betroffener'? Ist das fachdidaktisch ok, oder ist das unprofessionell?


    Im Aufklärungsunterricht hat das Thema nichts zu suchen. Im Rahmen von Werte und Normen, oder wie das heute heißen mag, und z.B. dem Thema "Rollenbewußtsein innerhalb der Gesellschaft" würde das Einbringen eigener Erfahrungen von beiden Seiten der Gesellschaft den Unterricht sicherlich interessanter gestalten.


    Zitat

    Original von Phosgen- Muss die Schule eine Umstellung des Geschlechts überhaupt mitmachen, oder darf sie sich weigern? (Der Kollege plant das ja für nächstes Schuljahr.)


    Muß sie, siehe Gleichstellungsgesetz und TSG.


    Zitat

    Original von Phosgen- Muss der Transsexuelle sowas überhaupt der Schulleitung mitteilen? (In dem Fall hatte er es lange geheim gehalten, sich dann aber selbst im Kollegium geoutet.)


    Das hängt vom Weg ab. Wer es schafft, weiterhin zweigleisig zu leben, muß dass in der Schule natürlich niemanden erzählen. Spätestens aber nach der Vornamensänderung und der damit verbundenen Änderung der Lohnsteuerkarte wird es offensichtlich. Wobei eine Vornamensänderung vor der Umsetzung auf der Arbeitsstelle selten genehmigt wird.


    Zitat

    Original von Phosgen- Darf die Schulleitung den Lehrern untersagen, den Schülern ihre sexuelle Orientierung mitzuteilen? (In dem Fall hat der Rektor allen Kollegen klar gemacht, dass er keine Outings duldet, egal ob sie die sexuelle Orientierung oder Identifikation betreffen.)


    Sexuelle Orientierung ist eine Außenwirkung, Transsexualität etwas inneres. Outing ist nicht gleichbedeutend mit Umsetzung der Transition in der Schule. Die Schüler auch während der Transition, also dem leider auch für andere sichtbaren langsamen Übergang, nicht mit dem Thema verbal zu konfrontieren ist eine Möglichlkeit, ob die gut ist, sei dahin gestellt.


    Zitat

    Original von Phosgen- Habt ihr irgendwelche Erfahrungen an eurer Schule mit sowas?


    Ich kann Ihnen gerne (nach Rückfrage mit den Betroffenen) email-Adressen von Kollegen zukommen lassen.


    Zitat

    Original von Phosgen- Was sagt ihr überhaupt zur Situation? (Mich interessieren übrigens auch Meinungen von Eltern und.. naja.. Schülern.)


    Dazu gibt es keine Prognose. Schwierig wird das immer und Probleme gerade mit den Eltern sind vorprogramiert. Da stellen sich zuerst ganz grundlegende Fragen, wo die Schule ist und was für eine Schule es ist. Stadt ist besser als Land, je älter die Schüler, um so besser, am Gymnasien gibt es eher Ärger mit den Eltern, an Hauptschulen eher mit den Schülern. Aber das ist nie auch den Einzelfall übertragbar.


    Ganz liebe Grüße
    Susanne Falter

    • Offizieller Beitrag
    Zitat

    Original von Susanne Falter
    Hallo Zusammen,


    da ich mich noch nicht vorgestellt habe, ein paar persönliche Informationen. Ich bin keine Lehrerin, sondern nur über dieses Thema im Internet gestolpert und möchte als selber Betroffene ein paar Worte beisteuern.


    Als allgemeiner Rüffel zuerst bin ich ein wenig erschüttert über das Wissen einiger Lehrer hier im Forum. Denn gerade Sie müßten mit betroffenen Schülern und Schülerinnen richtig umgehen, um diesen ein lebenswertes Leben zu ermöglichen. Unterdrückte Transsexualität führt zu unglaublichen psychischen Spannungen.


    Liebe Susanne,


    soweit ich mich erinnere und richtig lesen kann, ging es in diesem Thread nicht primär um transsexuelle Schüler sondern um Lehrer.
    Insofern ist der Rüffel so wie er hier begründet wird unangebracht.


    Ferner verweise ich ganz explizit auf die Forumsregeln, die es Nichtlehrern nicht erlaubt, hier zu posten.
    Dein Engagement in dieser Sache ehrt Dich, aber dennoch gelten die Regeln hier für alle.


    Solltest Du dieses Thema weiter diskutieren wollen, kannst Du bei schulthemen.de einen neuen Thread dazu öffnen.


    Gruß
    Bolzbold

  • Zitat

    Original von Bolzbold
    .... ging es in diesem Thread nicht primär um transsexuelle Schüler sondern um Lehrer....


    ....Ferner verweise ich ganz explizit auf die Forumsregeln, die es Nichtlehrern nicht erlaubt, hier zu posten. ...


    Hallo Herr Botzbold,


    den ersten Satz in einen Forum mit "Rüffel" zu beginnen, ist sicherlich ungeschickt. Ich wollt nur darauf Hinweisen, dass das Symptom erheblich häufiger vorkommt, als gedacht, wahrscheinlich bei 1:10.000 Schülern. Darum wäre es vorteilhaft, wenn Lehrer mit dem Thema auf sachlicher Ebene vertraut wären und von Stammtischgedanken hinweggeführt würden.


    Ich schrieb, ich bin "keine Lehrerin". Stimmt, noch nicht, da ich gerade auf zweiten Bildungsweg versuche nach Jahren im Maschinenbau in die Berufsschule einzusteigen. Ich plane, im nächsten Semester mit den Pädagogikscheinen anzufangen und hoffe, dass reicht aus, um hier weiterhin lesen und schreiben zu dürfen? Es wäre schön.


    Liebe Grüße
    Susanne Falter

    • Offizieller Beitrag
    Zitat

    Original von Susanne Falter
    Ich schrieb, ich bin "keine Lehrerin". Stimmt, noch nicht, da ich gerade auf zweiten Bildungsweg versuche nach Jahren im Maschinenbau in die Berufsschule einzusteigen. Ich plane, im nächsten Semester mit den Pädagogikscheinen anzufangen und hoffe, dass reicht aus, um hier weiterhin lesen und schreiben zu dürfen? Es wäre schön.


    Liebe Grüße
    Susanne Falter




    Hallo Susanne,


    unter diesen Umständen ist das etwas anderes; ich denke, das sehen meine Mod-Kollegen und der Admin ähnlich.


    Gruß
    BoLzbold

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