Ein Plädoyer für "Schreiben durch Lesen"?

    • Offizieller Beitrag

    Ich habe bisher ja immer versucht, zu verstehen, dass diese Methode anscheinend auch oft funktioniert. Aber in den letzten Jahren habe ich fast nur Schüler, die nach dieser Methode unterrichtet wurden (hatte ich vorher nicht und dazwischen habe ich nur mein anderes Fach unterrichtet) und ich habe momentan 40 Prozent (!) Schüler in meiner Klasse (sie wurden extern rechtschreibgetestet), die extrem rechtschreibschwach sind, während sie in allen anderen Bereichen mittlere oder recht gute Leistungen haben. Das kann doch kein Zufall sein. Ähnlich ist es auch in meinen anderen Deutschklassen.


    Einige wenige Schüler, die ich habe, wurden mit einer anderen Methode unterrichtet und haben eine gute Rechtschreibung. Ich muss sagen, dass ich auch einige Schüler haben, die mit der "Lesen-durch-Schreiben-Methode" unterrichtet wurden und eine gute Rechtschreibung haben. Die gibt es natürlich auch. Aber das, was ich in den letzten 2 Jahren an wirklich katastrophaler Rechtschreibung erlebe, ist für mich wirklich extrem erschreckend.


    Und wie ich ja oben geschrieben habe, gehörte ich immer zu den Leuten, die in dieser Hinsicht völliges Vertrauen zu den Grundschulen hatten und auch dachten, dass die Methoden ja irgendwie funktionieren müssen, sonst würden sie nicht angewendet. Und ich weiß auch, dass die Schüler, die zu uns kommen, noch nicht alle Rechtschreibregeln kennen und wir langsam vorgehen müssen. Aber wie kann es sein, dass sich bei meinen Schülern die Rechtschreibung in den letzten Jahren so extrem verschlechtert hat. Früher hatte ich an einer anderen Schule insgesamt viel leistungsschwächere Schüler aus schwierigeren Elternhäusern, war aber noch nie mit so vielen schlechten Rechtschreibern konfrontiert. :ka:

  • Und welche soll diese ominöse andere Methode sein? Die gibt es nämlich faktisch nicht. Ich kenne nur eine Methode, die nicht nach Hören arbeitet und das ist Intraact, ein Modell aus der Sonderpädagogik. Ansonsten nutzen alle Lehrwerke diese Methode Lesen durch Schreiben.

  • Ich denke nicht, dass man sagen kann, dass jede Methode Lesen durch Schreiben nutzt, nur weil in jedem Lehrbuch eine Anlauttabelle liegt. Da gibt es schon gravierende Unterschiede in der Methodik. Ich persönlich (!!) finde es immer sehr bedauerlich, wenn die Motivation der Kinder am Schulanfang endlich Lesen zu lernen völlig vernachlässigt wird und man sich nur auf das Schreiben konzentriert, nach dem Motto "Lesen können sie dadurch irgendwann von allleine!" Aber ich kenne persönlich (!!) auch niemanden, der Lesen durch Schreiben in Reinform praktiziert.

  • Und welche soll diese ominöse andere Methode sein? Die gibt es nämlich faktisch nicht. Ich kenne nur eine Methode, die nicht nach Hören arbeitet und das ist Intraact, ein Modell aus der Sonderpädagogik. Ansonsten nutzen alle Lehrwerke diese Methode Lesen durch Schreiben.

    :staun: Ich bin tatsächlich schockiert von solchen Aussagen!!!
    Aber nun wird mir klar, weshalb Herr Reichen von einigen Kolleginnen quasi schon gotthaft verehrt wird.....

  • :staun: Ich bin tatsächlich schockiert von solchen Aussagen!!!
    Aber nun wird mir klar, weshalb Herr Reichen von einigen Kolleginnen quasi schon gotthaft verehrt wird.....


    :staun: Ich bin tatsächlich schockiert von solchen Aussagen!!!
    Aber nun wird mir klar, weshalb Herr Reichen von einigen Kolleginnen quasi schon gotthaft verehrt wird.....

    Was schockiert dich denn so? Ich unterrichte ehrlich gesagt gar kein Deutsch, habe es aber studiert. Vielleicht habe ich mich missverständlich ausgedrückt. Nicht jedes Lehrwerk nutzt die Methode Lesen durch Schreiben. Aber jedes nutzt eine Anlauttabelle. Die Kinder sollen also angeregt werden so zu schreiben wie sie hören und darum geht es doch den Kritikern, oder? Es gibt keine reinen Fibellehrgänge mehr. oder siehst du das anders?

  • Nun gebe ich doch auch noch meinen Senf zur Currywurst...


    Ich habe mich bereits mehrfach als Gegner dieser Methode geoutet. Zu uns an die Hauptschule kommen in der Regel DIE Schüler, die nach der 4.Klasse wegen "mangelhafter Deutschkenntnisse" 'downgraden' mussten.
    In der 5. und 6. Klasse liegt dann mein Hauptaugenmerk darauf, das Selbstbewusstsein der Kinder wieder zu stärken und die Lese- und Schreibfertigkeiten zu verbessern. Bei manchen Kindern, die als sogenannte "Legastheniker" bei uns abgegeben wurden konnten wir durch lesen-üben-üben-lesen-schreiben-schreiben-schreiben.... und ständige, positive und persönliche Aufmunterung die Fehlerzahlen drastisch verringern.


    Hatte ich erwähnt, dass diese Schüler in der Eingangsstufe mit "Lesen durch Schreiben" unterrichtet wurden?


    Ich habe mir oft die Mühe gemacht, Aufsätze der Schüler abzutippen und dabei die Rechtschreibung sowie etwas verquere Satzstellungen zu verbessern. Plötzlich waren das phantasievolle, tolle Aufsätze, die mir als Lehrer zuvor beim Lesen das Hirn strapaziert hatten und die ich am liebsten unkorrigiert beiseite gelegt hätte.
    Soweit ist durchaus ein Erfolg der Methode "Lesen durch Schreiben" erkennbar.
    Das Dumme an der Methode ist, dass sich bei manchen Kindern die "individuelle Rechtschreibung" ins Hirn gefressen hat und nur mit großer Anstrengung wieder gelöscht und ersetzt werden kann.


    Kann es sein, dass "Lesen durch Schreiben" in Gebieten, in denen Schriftsprache gesprochen wird, ganz gut funktioniert - in dialektaffinen Gebieten dagegen massiv versagt? Schreiben die Kinder im Dialekt - und die Lehrer merken es nicht?


    Unsere 'reingeschmeckten' Kollegen hätten sicher Probleme, wenn ein Schüler seinen Erlebnisaufsatz so begänne:
    "Gescht hau i meir mudr kolfa zoine i kea draga. ware fil krombire."


    ;)

    Vorurteilsfrei zu sein bedeutet nicht "urteilsfrei" zu sein.
    Heinrich Böll

    • Offizieller Beitrag


    Kann es sein, dass "Lesen durch Schreiben" in Gebieten, in denen Schriftsprache gesprochen wird, ganz gut funktioniert - in dialektaffinen Gebieten dagegen massiv versagt? Schreiben die Kinder im Dialekt - und die Lehrer merken es nicht?

    Hier spricht man kaum Dialekt. Daran kann es bei uns nicht liegen. Die Kinder schreiben in der Regel Hochdeutsch, aber eben oft mit vielen Rechtschreibfehlern.

    • Offizieller Beitrag

    Und welche soll diese ominöse andere Methode sein? Die gibt es nämlich faktisch nicht. Ich kenne nur eine Methode, die nicht nach Hören arbeitet und das ist Intraact, ein Modell aus der Sonderpädagogik. Ansonsten nutzen alle Lehrwerke diese Methode Lesen durch Schreiben.

    Ich bin je keine Grundschullehrerin und kenne die Feinheiten der jeweiligen Methoden nicht. Bisher dachte ich immer, dass Fibellehrgänge und die Silbenmethode nicht klassisches "Lesen durch Schreiben" wären.

    • Offizieller Beitrag

    Bisher dachte ich immer, dass Fibellehrgänge und die Silbenmethode nicht klassisches "Lesen durch Schreiben" wären.


    Sind sie auch nicht.


    Kann es sein, dass "Lesen durch Schreiben" in Gebieten, in denen Schriftsprache gesprochen wird, ganz gut funktioniert - in dialektaffinen Gebieten dagegen massiv versagt? Schreiben die Kinder im Dialekt - und die Lehrer merken es nicht?


    Unabhängig vom Dialekt eignet sich die deutsche Sprache nicht zum reinen Raushören, da es kaum eine 1:1-Beziehung zwischen Phonem und Graphem gibt. Aber dazu könnte nele wahrscheinlich mehr sagen. (Hat er ja auch schon mal.)


    kl. gr. frosch

  • Anja: Nur weil einem Lehrwerk eine Anlauttabelle beiliegt bedeutet das noch lange nicht, dass sie nach dem Prinzip Lesen durch Schreiben arbeitet (es ist einfach nur eine Erweiterung des Angebotes, ganz gleich ob Einsterns Schwester, Tobi, Karibu: Alle unterrichten nicht nach diesem Prinzip und haben dennoch eine Anlauttabelle.

  • ...vermutlich ist die sagenumwobene methode problematisch für im deutschen schwächere schüler (migration oder generell bildungsferne elternhäuser), aber eher gut für leistungsstarke schüler (spaß am schreiben, früheres lautieren, keine großen probleme mit rechtschrift)?! nur kristallkugel, aber möglich wär's, wenn ich mir das hier so durchlese.

  • Anja: Nur weil einem Lehrwerk eine Anlauttabelle beiliegt bedeutet das noch lange nicht, dass sie nach dem Prinzip Lesen durch Schreiben arbeitet (es ist einfach nur eine Erweiterung des Angebotes, ganz gleich ob Einsterns Schwester, Tobi, Karibu: Alle unterrichten nicht nach diesem Prinzip und haben dennoch eine Anlauttabelle.

    Dann habe ich in keiner meiner bisherigen Schulen einen Lehrer kennengelernt, der Lesen durch Schreiben in dieser Reinform praktiziert. Alle haben eine Fibel oder ähnliches gehabt. Kritisiert wird doch in den Medien, dass die Kinder erstmal lernen "falsch" nämlich nach Gehör zu schreiben und das wird zumindest bei den Tobis z.B. auch so gemacht. Sowohl meine eigene Tochter, als auch meine Schüler lernen so.

    • Offizieller Beitrag

    Kritisiert wird doch in den Medien, dass die Kinder erstmal lernen "falsch" nämlich nach Gehör zu schreiben und das wird zumindest bei den Tobis z.B. auch so gemacht. Sowohl meine eigene Tochter, als auch meine Schüler lernen so.

    Aber bei der Silbenmethode ist das nicht so, oder? Davon sind hier momentan sowohl die Eltern als auch die Grundschullehrer ziemlich begeistert. Schulen, di enach dieser Methode unterrichten, haben hier momentan einen großen Zulauf alleine aus diesem Grund.

  • Für alle, die kein Alemannisch verstehen:
    "Gescht hau i meir mudr kolfa zoine i kea draga. ware fil krombire."
    übersetzt:
    "Gestern habe ich meiner Mutter geholfen, Körbe in den Keller zu tragen. Es waren viele Kartoffeln."



    Manchmal grüble ich darüber nach, wie es wohl einem Kind geht das gelernt hat in 'seinem Dialekt' zu schreiben. Ob für dieses Kind die schriftdeutschen Worte genauso unverständlich sind, wie für "Fischköpfe" ein derartiger Dialektsatz - den das Kind aus seinem Aufsatz zügig und fehlerfrei vorlesen könnte.


    BTW: Wer seine alemannischen dialektalen Fähigkeiten prüfen und erweitern möchte, kann dazu die Alemannische Sprachversion der Wikipediabenutzen :wink_1:


    edit: Ich möchte hier nicht als schwäbischer Chauvinist in die Annalen des LF eingehen - es gibt auch die
    Plattdeutsche Wikipedia
    Bayrische Wikipedia
    Rheinfränkische (Pfälzische) Wikipedia
    Kölsche Wikipedia

    Vorurteilsfrei zu sein bedeutet nicht "urteilsfrei" zu sein.
    Heinrich Böll

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  • Aber bei der Silbenmethode ist das nicht so, oder? Davon sind hier momentan sowohl die Eltern als auch die Grundschullehrer ziemlich begeistert. Schulen, di enach dieser Methode unterrichten, haben hier momentan einen großen Zulauf alleine aus diesem Grund.


    Wenn man es in Reinform wirklich macht wohl nicht. Dann ist es ähnlich wie Intra-Act. Aber auch hier kenne ich kaum Lehrer die das so in Reinform machen. Silbenmethode war hier mal vor Ewigkeiten sehr in, aber jetzt nicht mehr. Aber vielleicht kommt das ja jetzt wieder.

  • Jedem Lehrwerk liegt heutzutage eine Anlauttabelle bei. Soweit richtig. Ich kann von der Anlauttabelle nicht auf die Reichen-Methode schließen. Genauso wenig wie ich sagen kann, nur weil ich Lernwerkstätten anbiete bin ich der King of Freiarbeit. Sind ja zwei paar Schuhe.
    Kolleginnen, welche die Reichen-Methode anwenden, wenden sie in der Regel auch länger als das erste Schuljahr an. So kenne ich das zumindest.
    und genau DA liegt doch der Knackpunkt!
    Natürlich schaffe ich bei den Erstklässlern eine rege Schreibumgebung und motiviere sie, zu schreiben wie sie hören. Das ist ein sehr wichtiger Schritt. Verpasst wird nur leider zu oft, die Kinder mit der bösen Wahrheit rechtzeitig zu konfrontieren: Wir schreiben eben fast nix, wie wir es hören. Die Kinder kommen ja oft selbst drauf : "Stimmt das so, wie ich es geschrieben habe...?" Wie blöd wäre ich, dieses Zeitfenster NICHT zu nutzen? Das kommt ja bei den Kindern unterschiedlich. Und die Kinder, die mich nie fragen, müssen es eben TROTZDEM lernen, dass die Wahrheit anders aussieht.
    Bis dahin ist die Motivation aber hoffentlich schon so stark, dass sie damit leben können!
    Ich habe schon etliche VIERTKLÄSSLER bekommen von anderen Schulen, die der Rechtschreibung nicht mal ansatzweise Herr waren, weil: Reichen (oder manchmal auch Waldorfschule. Sorry..... will hier jetzt kein Fass aufmachen. Ist aber so)


    Im Übrigen: "Lesen durch Schreiben"????? Kann man sich das mal auf der Zunge bitte zergehen lassen??
    Ich finde: Richtiges Schreiben durch viel Lesen viel, viel sinnvoller!!!
    Panama

    "Du musst nur die Laufrichtung ändern..." sagte die Katze zur Maus, und fraß sie.

  • Panama,


    nun bei Intraact darf man zum Beispiel nicht schreiben wie man hört. Man lernt die Buchstaben und Buchstabenverbindungen und darf nur Wörter schreiben die man schon gelernt hat. Das fehlende freie Schreiben ist schon ein wenig schade, finde ich.


    Ich kenne dann übrigens nicht einen Lehrer der nach "Reichen" unterrichtet. Alle Medienartikel die ich gelesen habe, kritisierten im Ganzen das Schreiben wie Hören. Auch schon im ersten Schuljahr.

  • Sorry, war ein paar Tage weg... Mein persönliches Motto ist, dass man Lesen durch Lesen lernt und Schreiben durch Schreiben. Ich bin auch begeistert von der Silbenmethode zum Lesen und Rechtschreiben lernen, finde aber Freies Schreiben unerlässlich für die Motivation und den Alltagsgebrauch und korrigiere da auch nicht oder kaum, außer auf Nachfrage. Ich denke, Rechtschreibung lernt man nicht anhand freier Texte, aber an denen erkennt man aktuelle Rechtschreibkompetenzen. Bei mir hat jedes Kind seine eigene Modellwortschatzkartei mit "wichtigen" Wörtern aus eigenen freien Texten oder weil sie danach gefragt haben (Jungs und Mädels vom Wortschatz her wahrlich verschieden ;-)).
    Ist nach Lerntyp und Interesse verschieden (hab Kinder, die rechnen erst mal nur und merken dann bei Sachaufgaben, dass sie jetzt mal Buchstaben gebrauchen könnten), aber ich fange mit Rechtschreibung auch so früh wie möglich an. So, wie ich die Beherrschung des Zahlenraums bis 10 und 20 befürworte, befasse ich mich viel mit offenen und geschlossenen Silben - quasi als Handwerkszeug für Weiteres.

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