Die Gemeinschaftsschule in Sachsen (Kl. 1-12) kommt

  • ich finde es lustig, wie die gesamtschulfans, die doch ach so tolerant sind, plötzlich ganz autoritär die gymnasien schließen wollen, damit "auch gute schüler an die gesamtschule gehen" (was zu ihrem nachteil ist, außer im "sozialen bereich" ist diese schulform für die echten gymnasiasten wohl eher nicht geeignet, da fachlicher diskurs auf augenhöhe mit den meisten mitschülern nicht möglich ist und das gesamtniveau aller erfahrung nach auch leidet). was de facto passiert, gerade in einem leider sozial selektiven schulsystem (statt nur über leistung selektierend) wie dem in d: wer es sich irgendwie leisten kann, schickt sein kind an eine gymnasiale privatschule. die klugen ohne geld versauern an der gesamtschule. und schon haben wir die soziale selektion weiter verstärkt. gratuliere!


    (empirisches anschauungsmaterial für diesen mechanismus: gb und sein schulsystem.)

  • Ich bin absoluter Verfechter des gegliederten Schulsystems und sehe in einem Gemeinschaftsschulsystem große Gefahr für die Konkurrenzfähigkeit Deutschlands in Sachen Bildung auf internationaler Ebene. Deutschland hat im letzten PISA-Test schon ganz schön abgelosed, was zeigt, dass die hochangepriesene Kompetenzorientierung vlt. doch nicht die Lösung für das ehemals vorhandene Problem war. Sachsen war einst eines der erfolgreichsten Bundesländer in Sachen Bildung, weil es anspruchsvoll und selektiv war - das sollte man nicht kaputt machen. Gemeinschaftsschulen schaffen Mittelmäßigkeit, was ein Land jedoch stärkt sind die Leistungsträger - und die können nur optimal gefordert werden, wenn diese Leute nach erhöhtem Anspruch unter sich lernen können.

  • Deutschland hat in der letzten Pisa- Untersuchung im oberen Bereich überhaupt nicht „abgelost“, sondern hat insgesamt betrachtet die Befunde der letzten Jahre verfestigt. Es passiert zu wenig im unteren Bereich an Förderung und Unterstützung, sei es an den GSen, sei es im weiterführenden Bereich. Ansonsten sind die mal wieder x% an SuS, die nicht die Mindestanforderungen erreichen, nicht erklärbar. Gesellschaftlich können wir uns das nicht erlauben, weil niemand mehr Tankwarte usw. braucht, d.h. Berufsfelder mit minimalen Anforderungen immer weniger vorhanden sind bzw. mit Ressourcen, die zunehmend weiter östlich rekrutiert werden, dafür eingesetzt werden.
    Die Eliten machen das schon, schön kaserniert für sich, auch wenn sich ab und zu mal ein paar Querschläger einmischen. Der Rest bitte nicht stören.


    Die Befunde legen nah, und zwar seitdem sie erhoben werden, dass sich an der sozialen Kopplung von Herkunft und Bildungsabschlüssen etwas ändern muss. Das geht nur durch längeres gemeinsames Lernen und massiven Ausbau der Unterstützungssysteme für alle Schulen.

    Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

  • Ich finde die Entwicklung in Sachsen eh schon schlimm, eine Gesamtschule wird es noch verschärfen.


    Ich als Mutter habe alles getan um mein Kind ans Gymnasium zu bringen, da ich Oberschulen (nicht nur eine ) von innen kenne.


    Seit der Inklusion und dem massenhafte Aufnehmen von Quereinsteigern hat das Niveau an Oberschulen massiv gelitten. Es geht in vielen Stunden nur noch um Verhaltenstherapie. Und das Streichen von Stunden in den Kernfächern zu Gunsten von (wie soll ich mich ausdrücken) Fächern, wo geredet wird über die Vorteile der Ehe, gibt dem Ganzen noch den Rest.


    Es wird weiter bergab gehen. Um es mit den Worten einer Kollegin zu sagen: „ Das ist politisch so gewollt.“



    Gute Nacht Deutschland.

    Einmal editiert, zuletzt von MarlenH ()

  • Deutschland hat in der letzten Pisa- Untersuchung im oberen Bereich überhaupt nicht „abgelost“, sondern hat insgesamt betrachtet die Befunde der letzten Jahre verfestigt. Es passiert zu wenig im unteren Bereich an Förderung und Unterstützung, sei es an den GSen, sei es im weiterführenden Bereich. Ansonsten sind die mal wieder x% an SuS, die nicht die Mindestanforderungen erreichen, nicht erklärbar. Gesellschaftlich können wir uns das nicht erlauben, weil niemand mehr Tankwarte usw. braucht, d.h. Berufsfelder mit minimalen Anforderungen immer weniger vorhanden sind bzw. mit Ressourcen, die zunehmend weiter östlich rekrutiert werden, dafür eingesetzt werden.
    Die Eliten machen das schon, schön kaserniert für sich, auch wenn sich ab und zu mal ein paar Querschläger einmischen. Der Rest bitte nicht stören.


    Die Befunde legen nah, und zwar seitdem sie erhoben werden, dass sich an der sozialen Kopplung von Herkunft und Bildungsabschlüssen etwas ändern muss. Das geht nur durch längeres gemeinsames Lernen und massiven Ausbau der Unterstützungssysteme für alle Schulen.

    Mit deiner Analyse im ersten Absatz gehe ich d'accord. Wie ein Zusammenhang zwischen sozialer Selektion und längerem gemeinsamen Lernen gestrickt wird, entgeht mir bisher. Kannst du bitte erklären, wie sich ein längeres gemeinsames Lernen positiv auf die soziale Selektion auswirkt? Die Elternhäuser bleiben schließlich immer die gleichen.

  • Deutschland hat in der letzten Pisa- Untersuchung im oberen Bereich überhaupt nicht „abgelost“, sondern hat insgesamt betrachtet die Befunde der letzten Jahre verfestigt. Es passiert zu wenig im unteren Bereich an Förderung und Unterstützung, sei es an den GSen, sei es im weiterführenden Bereich. Ansonsten sind die mal wieder x% an SuS, die nicht die Mindestanforderungen erreichen, nicht erklärbar. Gesellschaftlich können wir uns das nicht erlauben, weil niemand mehr Tankwarte usw. braucht, d.h. Berufsfelder mit minimalen Anforderungen immer weniger vorhanden sind bzw. mit Ressourcen, die zunehmend weiter östlich rekrutiert werden, dafür eingesetzt werden.
    Die Eliten machen das schon, schön kaserniert für sich, auch wenn sich ab und zu mal ein paar Querschläger einmischen. Der Rest bitte nicht stören.


    Die Befunde legen nah, und zwar seitdem sie erhoben werden, dass sich an der sozialen Kopplung von Herkunft und Bildungsabschlüssen etwas ändern muss. Das geht nur durch längeres gemeinsames Lernen und massiven Ausbau der Unterstützungssysteme für alle Schulen.

    Gesamtschulen haben - wie alle anderen Schulsysteme auch - Vor- und Nachteile. Wie man über sie urteilt, hängt davon ab, wie man diese für sich persönlich gewichtet.
    Nachteile:
    - Sehr hoher Arbeitsaufwand für Lehrkräfte beim derzeitigen Stellenschlüssel, weil wir alles leisten müssen: Wir sind Haupt-, Real-, Sonderschul- und Gymnasiallehrer in jeder einzelnen Lerngruppe. Die frühe äußere Differenzierung ist nach und nach dem Landessparschwein zum Opfer gefallen. Wenn man diese Aufgabe ernst nimmt, verzweifelt man daran, denn entweder spart man an den Schülern oder an sich selbst, und beides fühlt sich nicht gut an. (Von der Ausbeutung der SekII-Lehrkräfte ganz zu schweigen, die daneben auch noch Abiturprüfungen und Klausurstapel bestreiten müssen.)
    - Schwache Grundschüler kommen an eine weiterführende Schule, an der sie wieder die Schwachen sind. Sie werden weiterhin an den gymnasialen Kindern gemessen. Erfolgserlebnisse in Bezug auf Noten: Fehlanzeige. So produziert man Schulmüdigkeit. An meiner Schule ringen wir seit Jahren um eine vernünftige Lösung für das Problem, aber rechtlich ist es kaum anders möglich, weil Eltern aus Noten Ansprüche ableiten können: Also: Wenn ich einem G-Kursschüler, von dem ich sicher weiß, dass er im E-Kurs unterginge, ein "gut" auf dem Zeugnis gebe, weil er auf seinem G-Kursniveau ganz ordentlich arbeitet, kommen die Eltern sofort mit dem Anspruch, das Kind in den E-Kurs hochzustufen. (Logisch: Davon hängen schließlich Abschlüsse ab.) Also bin ich - im Interesse des Schülers - gezwungen, ihn nicht besser als "befriedigend" zu bewerten. An einer Hauptschule hätte er dagegen super Noten, was seinem Selbstbewusstsein sehr zuträglich wäre.
    - Inklusion findet in NRW an Gymnasien nur noch in homöopatischen Dosen statt, so dass Gesamtschulen diese alleine stemmen müssen, bei miesem Stellenschlüssel und leer laufenden Stellenausschreibungen für Sonderpädagogik, weil der Markt leer ist. Doppelbesetzung wird in den kommenden Jahren nur noch eine dunkle Erinnerung sein.
    Vorteile:
    - Man hat ein Schuldorf. Alle lernen gemeinsam, kennen sich gut und respektieren sich: Wenn also der Rechtsanwalt mal einen Handwerker braucht, dann könnte das ein ehemaliger Mitschüler sein. Aber auch wenn nicht: Er kennt Leute wie ihn, er hat als Kind mit ihnen gespielt und gelernt. Er weiß um dessen Qualitäten, weil er dereinst in der Schülerfirma aktiv war und dort Beeindruckendes geleistet hat. Entscheidungsträger sind nicht in einer Blase aufgewachsen, die ihnen den Blick auf andere soziale Schichten verwehrt.
    - Die frühe Selektion setzt schon Grundschüler und deren Eltern unter enormen Druck. Das lässt sich so vermeiden.
    - Die Empfehlungen der Grundschulen erweisen sich häufig als unzutreffend.
    - Die Leistungsdifferenzierung erlaubt es Kindern, die Teilleistungsschwächen haben, in dem schwachen Fach auf ihrem Niveau zu lernen und dadurch den Anschluss zu behalten und die Motivation zu behalten.
    - An Gesamtschulen wird der Blick stärker auf das ganze Kind gerichtet. Es ist dort mehr als die Summe seiner Leistungen.
    - Wenn ein Kind wegen privater Krisen einen Leistungsabfall erleidet, muss es nicht auch noch um seinen Verbleib an der Schule fürchten. Es kann sich in Ruhe wieder stabilisieren.
    - Die Schullaufbahn ist weniger "geschlossen". Man kann an Gesamtschulen den klassischen gymasialen Durchlauf machen: 2. FS in Klasse 6 als Hauptfach starten, 3. FS in Klasse 8 hinzunehmen und alle differenzierten Fächer in E-Kursen durchlaufen. Dann hat man eine dem Gymnasium sehr ähnliche Bildung erhalten. Man kann aber auch "kreativer" darangehen: Keine 2. FS in WP I sondern, weil das Interesse so groß ist: Hauswirtschaft. 2. FS dann in Klasse 8. Oder: NW in WP I und die 2. FS erst in der EF. Das machen bei uns auch Kinder, die definitiv gymnasial sind. Einfach, weil sie Spaß daran haben und sich nicht in ein Prestige-Korsett pressen lassen wollen.


    Je nach Standort kommen verschiedene Aspekte hinzu. Schulen in sozialen Brennpunkten kämpfen vermehrt mit Armut und Gewalt. Schulen an bürgerlichen oder dörflichen Standorten eher mit emotionaler Verwahrlosung und psychischen Problemen der Schüler.
    Der Erfolg von Gesamtschulen hängt stark von ihren Bedingungen ab: Mit der richtigen Leistungsmischung, einem guten Stellenschlüssel und regelmäßiger Doppelbesetzung in Binnendifferenzierung oder kleinen Lerngruppen in äußerer Differenzierung und mit einem guten multiprofessionellen Team aus Sonderpädagogen, Sozialpädagogen und Schulpsychologen lassen sich beachtliche Erfolge erzielen. Erst recht an einem guten Standort. Das weiß ich, weil meine Schule all diese Bedingungen schon einmal hatte und in dieser Zeit - sehr zu recht - mit Preisen förmlich überschüttet wurde. Schade, dass das heute keinen Bildungspolitiker mehr interessiert.
    Allein gelassen mit regelmäßig nur einer Lehrkraft für eine extrem heterogene Klasse mit 30 SuS ohne Unterstützungsmöglichkeiten für Schüler mit Lern- und/oder Verhaltensproblemen werden sich die Erfolge in Grenzen halten und an problematischen Standorten vermutlich ganz ausbleiben.

    Dödudeldö ist das 2. Futur bei Sonnenaufgang.

  • Danke Jule, du hast Frappers Frage im Grunde für mich beantwortet.


    Ergänzen möchte ich noch, dass der von der zu Recht angesprochene hohe Arbeitsaufwand sich dadurch reduzieren lässt, indem man im Team gemeinsam Lernumgebungen schafft, die vorbereitetes individuelles Lernen ermöglichen. Dadurch werden Vorbereitungsbelastungen abgebaut und Ressourcen im Unterricht für Unterstützung von einzelnen SuS gewonnen.Nach meinem Dafürhalten gerne auch ohne äußere Differenzierung, um die von die genannten Auswüchse von Elternseite zu minimieren.


    Dennoch fehlen einfach Ressourcen von anderen Professionen im System. Ich denke dabei auch an Sonderpädagogen, aber eher noch an eine angemessene Versorgung mit Schulpsychologen, Sozialpädagogen u. a. Wenn der politische dazu da wäre, würde man vernünftigerweise für schnell verfügbare Übersetzer sorgen und hätte Ergotherapeuten usw. im System.

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  • Ob äußere oder innere Differenzierung spielt keine Rolle. Ich muss nach Schulrecht und APO SI E-Kurs- und G-Kurs-Zuweisungen vornehmen, weil von der Anzahl der E-Kurse formal die Abschlüsse abhängen. In Deutsch habe ich bis einschließlich Klasse 9 E- und G-Kurs im Klassenverband (daher die Klassenarbeitsvarianten, die sich entgegen Mikaels Vorstellung nicht nur hinsichtlich der Aufgabenstellungformulierungen unterscheiden).


    Klar kann man im Team arbeiten. Aber das hat meiner Erfahrung nach enge Grenzen. Klassen sind unterschiedlich, die Unterrichtsgestaltung von Kollegen auch und - leider - auch die Einsicht, dass Team nicht nur Nehmen bedeutet.


    Übersetzer? Haben wir mal versucht zu bekommen. Ich war mir bei der Antwort des Amtes nicht sicher, ob wir den Übersetzer nicht schon für die Antragstellung gebraucht hätten. :autsch:
    Wir haben daraufhin in der Elternschaft nachgefragt. Das war erfolgreicher. Inzwischen habe wir glücklicherweise auch KollegInnen, die das leisten können.

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  • Irgendwie schon kontraproduktiv: Erst das dreigliedrige Schulsystem abschaffen wollen, alle in die Gemeinschaftsschule stecken und dann dort differenziert oder auf drei Stufen beschulen. Das war doch vorher schon.


    Es geht doch ganz wesentlich darum beim längeren gemeinsamen Lernen, dass die Kinder sich an der gleichen Schule täglich begegnen und miteinander Kontakt haben und sich über Leistungsniveaus und unterschiedliche Elternhäuser hinweg kennenlernen. Gab es dafür nicht im "alten Westdeutschland" die Konzepte der integrativen und der kooperativen Gesamtschulen? Man hat sie für gescheitert erklärt, aber nicht viel darauf geschaut, warum sie gescheitert sind - eben ganz wesentlich, weil nebenher Gymnasien bestanden.


    Der größe Kostenfaktor für die Schulen sind die Lehrkräfte.


    Eben.


    Und genau deswegen muss das Geld in die Grundschule fließen. Da muss eigentlich ein Klassenteiler von 16 her. Da könnte man sich später einiges an Geld sparen.


    Finde ich auch. Ich sagte bislang immer 18, aber ich schließe mich auch gerne den 16 an.


    ich finde es lustig, wie die gesamtschulfans, die doch ach so tolerant sind, plötzlich ganz autoritär die gymnasien schließen wollen, damit "auch gute schüler an die gesamtschule gehen" (was zu ihrem nachteil ist, außer im "sozialen bereich" ist diese schulform für die echten gymnasiasten wohl eher nicht geeignet, da fachlicher diskurs auf augenhöhe mit den meisten mitschülern nicht möglich ist und das gesamtniveau aller erfahrung nach auch leidet). was de facto passiert,
    gerade in einem leider sozial selektiven schulsystem (statt nur über leistung selektierend) wie dem in d: wer es sich irgendwie leisten kann, schickt sein kind an eine gymnasiale privatschule. die klugen ohne geld versauern an der gesamtschule. und schon haben wir die soziale selektion weiter verstärkt. gratuliere!


    (empirisches anschauungsmaterial für diesen mechanismus: gb und sein schulsystem.)


    Das hat doch nichts mit Toleranz oder autoritärem Verhalten zu tun. Dann könnte man ja auch sagen, die Länder, die die Hauptschule abgeschafft haben, seien nicht tolerant, sondern autoritär und die Länder, die das 12-jährige Abitur abgeschafft haben, seien nicht tolerant, sondern autoritär und wer Kopfnoten abschafft oder einführt, ist autoritär und nicht tolerant gegenüber denen, die das nicht wollen und überhaupt überall, wo etwas abgeschafft wird, was jemand nicht mehr zeitgemäß findet oder was sich so nicht mehr halten lässt, sei man autoritär und nicht tolerant. Du kannst ja viele andere Argumente vorbringen, aber das passt ja hier nun wirklich nicht.


    Kannst du bitte erklären, wie sich ein längeres gemeinsames Lernen positiv auf die soziale Selektion auswirkt? Die Elternhäuser bleiben schließlich immer die gleichen.


    Eine (mögliche) Antwort habe ich dazu ganz oben gegeben - auch wenn ich nicht ninale bin.


    ---


    Wie schon gesagt, ich wiederhole es nur, weil es beim "Schlechtreden" der Gesamt-/Gemeinschaftsschulen bisher ausgeblendet wurde, wir haben das gemeinsame Lernen doch auch in den Grundschulen bis Klasse 4 oder 6. Wir hatten das gemeinsame Lernen ohne Qualitätseinbußen doch im Osten bis Klasse 8 oder 10. (Ja, jemand kennt da jemand, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der sich immer gelangweilt hat. Kennen wir solche Kinder in oder aus dem gegliederten Schulsystem nicht auch? Wäre das dann also ein Argument gegen das gegliederte Schulsystem? Ich kenne ganz viele Kinder, die heutzutage Schule doof finden - trotz all dem, was da in den letzten Jahrzehnten reformiert wurde.)

    Aus Solidarität mit dem vom Aussterben bedrohten Schuppentier (als Pangolin gerade in aller Munde) nenne ich mich jetzt so. ;-)

  • Jule: Mir ging es nicht darum, was ist, sondern was sein sollte. Im Übrigen gibt es auch Bundesländer, in denen die innere Differenzierung zugelassen ist, obschon natürlich auch G- und E-Niveaus im Spiel sind.

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  • Ah, ok. Da hatte ich zu oberflächlich gelesen. Aber auch bei Deinem Gedankenspiel bleibt die Frage nach den Abschlusskriterien. Oder aber man stampft sie ein und vergibt einfach einen einzigen Sekundarstufenabschluss, der sich dann nur noch hinsichtlich der Noten und WP-Fächer unterscheidet. Je länger ich darüber nachdenke, desto sinnvoller wird dieser Gedanke. In NRW hat sich der HA in meinen Augen mit der faktischen Abschaffung der Hauptschule ohnehin selbst überlebt.
    Aber das wäre zu viel Reform. Das traut sich keine Landesregierung. :zahnluecke:

    Dödudeldö ist das 2. Futur bei Sonnenaufgang.

  • Das Problem der meisten Gemeinschaftsschulen ist doch, dass das individuelle Lernen einfach nicht funktioniert. Wie auch? Woher sollen denn die Verlierer der Grundschule (daraus setzt sich meist eine GMS Klasse zusammen) plötzlich in der Lage sein, sich selbst zu motivieren und zu lernen!?!
    Das funktioniert minutenweise. Aber nicht stundenlang. Zumal die Schüler meist größte Probleme mit der deutschen Sprache und vor allem dem Lesen haben. Oder anders: man findet kaum Aufgaben, die selbstständig von den Schülern zu lösen sind...
    Und das habe ich ja bereits geschrieben: in diesem System gehen die starken Schüler unter, da die meiste Zeit 1. für die verhaltensauffälligen Schüler drauf geht oder man 2. den schwachen Schüler helfen muss.


    Es kann sein, dass es vereinzelte Schulen gibt an denen es besser funktioniert. Bei den Schulen die ich kenne, läuft es leider ab wie beschrieben.

  • @Tayfun Pempelfort: Das gemeinsame Lernen im Grundschulbereich war ja früher primär Mittel zum Zweck. Ursprünglich ging man ja davon aus, dass das Kind bei Eintritt in die 1. Klasse ein unbeschriebenes Blatt sei und man erst Zeit brauche, um herauszufinden, auf welchem Leistungsniveau das Kind arbeitet. Inzwischen weiß man, dass Kinder bereits bei Schuleintritt über Kompetenzen verfügen und dadurch bedingt auch ungleiche Startbedingungen haben. Aber selbst dann ist es in den leistungsorientierten Bundesländern so, dass man sich 4 Jahre Zeit nimmt, um durch Beobachtung und Testung herauszufinden, ob das Kind auf niedrigem, mittlerem oder hohem Anforderungsniveau die beste Leistung zeigen kann. 4 Jahre sind schon sehr viel Zeit und die meisten Grundschullehrer dürften wissen, dass man deutlich schneller ein Gefühl dafür bekommt, wer die Leistungsstärksten und wer die Leistungsschwächsten in der Klasse sind.
    Gerade bei einigen Leistungsstarken ist es jedoch so, dass sie bereits früh wissen, dass sie Wissen regelrecht aufsaugen. Das fordern sie auch regelrecht ein, weswegen sie in manchen Klassenkonstellationen enttäuscht sind, wenn die Lehrer (in der Realität läuft es ja häufig so) sich intensiv mit den Schwachen beschäftigen und die Reproduktionsaufgaben noch ein fünftes Mal durchkauen. Da entsteht bei manchen schon der Wunsch, nicht mehr ständig durch die Schwachen ausgebremst zu werden, sondern auch mal die eigenen Leistungsgrenzen auszuloten. Im Gegenzug: Wie fühlt sich der Leistungsschwache, wenn er ständig die Lehrerin bitten muss, es ihm noch ein fünftes Mal zu erklären, weil er es einfach nicht rafft, während Karl-Heinz von nebenan die Aufgaben spielend runterrechnet/-schreibt? Um dem zu entgehen, gibt es ja das selektive Schulsystem. Es ist einfach extrem schwer, dem Hochbegabten und dem Minderbegabten im gleichen Maße gerecht zu werden - und wenn die Gesamtschullehrer ehrlich sind, dann werden sie das bestätigen.


    Mit freundlichen Grüßen

  • @svwchris
    Das Problem ist da, verringert sich aber deutlich, wenn man eine gute Leistungsmischung und ein ausgewogenes Einzugsgebiet hat. Wir haben das Verhältnis 40-40-20 (Gy-R-HA). Wenn der überwiegende Teil einer Klasse lernwillig ist, dann zieht er die Unmotivierten mit. Dann kann auch der angehende Beikoch in Teilen zu einer vertieften Allgemeinbildung kommen und die Leistungsstarken müssen auf nichts verzichten. Es darf nur nicht passieren, dass in einer Klasse die Stimmung kippt. (Das Risiko besteht aber auch an Gymnasien. Selbst erlebt.)


    Was ist denn die Alternative: Die Hauptschule, an der alle Unmotivierten und Verhaltensauffälligen unter sich sind? Da geht doch erst recht nichts mehr bei der Dynamik, die so eine Klasse hat.


    Wie gesagt, jedes Schulsystem hat Vor- und Nachteile. Wir hängen dem einen oder anderen an, je nachdem, welche Nachteile wir in Kauf zu nehmen bereit sind und auf welche Vorteile wir Wert legen. Aber im Grunde wollen wir doch alle dasselbe: Dass jedes Kind optimal nach seinen Fähigkeiten gefördert wird.

    Dödudeldö ist das 2. Futur bei Sonnenaufgang.

  • Bei uns ist das Verhältnis 90% (HS bis Förderschüle) und 10% (vielleicht RS). Und das ist an vielen Schulen normal, das E Niveau ist fast nicht existiert.
    An der HS hat es gut funktioniert oder auf jeden Fall besser. Warum? Weil die Hauptschüler auf HS Niveau unterrichtet wurden und nicht wie jetzt auf RS Niveau. Nach dem richten sich nämlich auch die Bücher, so dass viele Schüler einfach permanent überfordert sind und auch die Lernnachweise nicht bestehen.
    Meiner Meinung nach ist das Niveau an vielen GMSen noch schlechter als es früher an den Hauptschulen war, nur mit noch mehr Arbeit für die dort unterrichtenden Lehrer...

  • In NRW?
    Wir haben neulich in zwei Fächern neue Lehrwerke (ausdrücklich "für differenzierende Schulformen") gesichtet und waren bei ca. 70% entsetzt über das niedrige Niveau und haben die direkt aussortiert. Das sind solche Momente, in denen mir sehr bewusst wird, dass wir auf einer Insel der Seligen sitzen.


    Wir haben auch deutlich kleinere und weniger G- als E-Kurse, so dass wir uns schon gefragt haben, wie sich das für die G-Kursschüler wohl anfühlt, wenn sie in den letzten Schuljahren aus dem Klassenverband, der i.d.R.als E-Kurs bestehen bleibt, in den G-Kurs "aussortiert" werden.

    Dödudeldö ist das 2. Futur bei Sonnenaufgang.

  • Ich fürchte, dass das Thema "Gemeinschaftsschule" sehr vom Einzugsgebiet abhängt. Gutes Einzugsgebiet = geht schon noch irgendwie, schlechtes Einzugsgebiet = Katastrophe. Ich machte auch mal ein Praktikum an einer integrierten Gesamtschule mit gutem Einzugsgebiet, aber ob diese Schüler jetzt so viel leistungsstärker oder sozial verträglicher waren als auf einer Haupt- und Realschule? Im Prinzip ist es auch so an den zitierten Hauptschulen. In den ländlichen Teilen BWs und Bayerns sind das nicht zwangsläufig Resterampen, sondern da kommt sogar noch einigermaßen was Gescheites bei herum. Je sozial problematischer das Einzugsgebiet, umso gruseliger die Lehr-Lern-Bedingungen an Hauptschulen. Diese würden allerdings auch nicht zu Eliteschulen werden, wenn man das Namensschild der Schulen zu "Gemeinschaftsschule" oder "Wir-haben-uns-alle-lieb-Schule" ändert. Die Kinder bleiben ja die gleichen und die Stellschrauben zur Verbesserung der Lehr-Lern-Bedingungen liegen eher im Bereich Arbeitsv- und Sozialverhalten.

  • Da es ja hier um Sachsen geht(ging, ein interessanter Artikel


    https://slv-gewerkschaft.de/da…ine-schulstrukturdebatte/



    Zitat

    Mit dem Volksantrag zur Einführung von Gemeinschaftsschulen hat die Schulstrukturdebatte ausgerechnet Sachsen erreicht, dessen nachweislich erfolgreiches Schulsystem sich andere Bundesländer mittlerweile zum Vorbild genommen haben. Prof. Petra Stanat rät dazu, den Fokus auf die Sicherung der Unterrichtsqualität zu legen: „[Die Tendenz geht] deutschlandweit eher dahin, die Anzahl der Schularten zu reduzieren und Zweigliedrigkeit einzuführen, die in Sachsen ja bereits existiert. Mir persönlich ist nicht klar, warum man den Aufwand betreiben will, eine weitere Schulart einzuführen, zumal in einer Zeit, in der aufgrund des Lehrkräftemangels in Sachsen erhebliche Herausforderungen zu bewältigen sein werden.

    Ich denke, man soll sich eher auf das größere Problem, den Personalmangel konzentrieren. Ständig diese Experimente.

  • Interessant vor allem, dass sowas von Sachsen und nicht von Berlin, NRW oder Bremen kommt. Sinn von Bildungsreformationen ist ja die Steigerung des Bildungsniveaus und wenn ein Bundesland mit hohem Bildungsniveau Reformationen in Betracht zieht, ist das Risiko groß, dass diese zulasten des Bildungsniveaus gehen. Sachsen ist glaube ich die Nr. 2 unter allen Bundesländern und da wäre für mich die Frage: Möchte man eher langfristig die 1 anstreben oder irgendwo ins Mittelfeld abrutschen?
    Ganz OT, aber interessant, dass es immer heißt, dass Sachsen so rechtslastig sei und dann als Reaktion eine Keniakoalition (mit Grüne und SPD) gewählt wird...

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