Förderschulabschluss Kl. 10 „Lernen“ - Was kann man damit anfangen?

  • Hallo,


    Mich beschäftigt schon länger die Frage, was man mit einem Förderschulabschluss Kl. 10 „Lernen“ ( offizielle Bezeichnung im Abschlusszeugnis: Abschluss im Bildungsgang des Förderschwerpunkts Lernen nach Klasse 10) eigentlich anfangen kann? Sowohl Arbeitsmarkttechnisch als auch was die weitere Schulkarriere anbelangt? Vielleicht können hier ja mal die Lehrer von Förderschulen ihre Erfahrungen mitteilen was aus ihren ehemaligen Schützlingen geworden ist ( sowohl diejenigen die an einer Förderschule unterrichtet wurden, als auch diejenigen die Inklusiv beschult wurden), die einen Abschluss FS „Lernen Kl.10“ erworben haben?


    Vielleicht haben ja auch SEK II Lehrer ( Gymnasium, Berufskolleg, etc.) mit solchen Menschen ihre Erfahrungen gemacht und möchten gerne berichten?


    Desweiteren hätte ich noch eine Frage: Welche Abschlüsse kann man an einer Förderschule eigentlich erlangen? Gibt es da Unterschiede zwischen Schulen mit Fö-Schwerp. Lernen und Fö-Schwerp. Körperliche u. Motorische Entwicklung, etc.?

    ( BL NRW wäre interessant, aber natürlich dürfen auch gerne die Kollegen aus anderen Bundesländern hier antworten :) )


    Ich frage deswegen, weil ich schon öfters von sog. Förderberufskollegs gehört habe, an denen man bis zur Fachhochschulreife gelangen kann...Aber wie soll das funktionieren? Fast alle Schüler, die an solche Förderberufskollegs kommen, haben ja wahrscheinlich lediglich den Fö-Abschluss...werden dann einfach die Abschlüsse „übersprungen“ bis zur FHR ?


    Ich würde mich sehr über eine Menge an Antworten und Erfahrungsberichten freuen.


    Vielen Dank schon mal an alle im Voraus :)


    PS: Ich hoffe es ist die richtige Rubrik, da es ja sowohl um SEK I/II als auch um Förderschulen geht..ansonsten bitte verschieben, Dankeschön!

  • Gibt es da Unterschiede zwischen Schulen mit Fö-Schwerp. Lernen und Fö-Schwerp. Körperliche u. Motorische Entwicklung, etc.?

    "Lernen" kann, muss aber nicht, zieldifferente Beschulung bedeuten,

    bei "KME" geht es um anderes und nicht unbedingt um zieldifferente Beschulung. Da gibt es Nachteilsausgleiche oder Ersatzleistungen, aber diese SuS sind ja nicht im Lernen als solches eingeschränkt, es sei denn, es ist eine Kombination aus mehreren Unterstützungsbedarfen.

  • Hallo!


    Also ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Schüler*innen durch den BLO-Unterricht ab Klasse 7 und viele Praktika einen Ausbildungsplatz bekommen haben. Sie besuchen dann die Berufsschule oder eine Förderberufsschule. Am SFZ (in Bayern) kann man sich auch für den einfachen Mittelschulabschluss anmelden.

    Andere Förderzentren (KME, esE, Sehen, Hören) arbeiten oft nach dem Lehrplan der jeweiligen Schulart (GS, MS, RS, Gym). Dort kann man dann auch den entsprechenden Abschluss erlangen.

    Viele SuS am SFZ werden keinen weiteren Abschluss erlangen, weil sie einfach "nicht fit" genug sind. Der FS Lernen beschreibt ja neben sozialen Beeinträchtigungen auch einen verminderten IQ. Diese Kombi macht es unglaublich schwer in unsrer Gesellschaft einen Platz zu finden :( Kinder mit Migrationshintergund sind überrepräsentiert an Förderschulen, genauso wie bildungsferne Familien. Deswegen bin ich sehr froh über den spezifischen BLO-Unterricht, der die Kids stark macht und auf das Berufsleben vorbereitet.

    Lg Lala

  • Ich bin da nicht so bewandert, aber ich meine, in Niedersachsen gibt es den von dir genannten Förderschulabschluss nicht nach der Klasse 10 der Förderschule, sondern bereits nach der Klasse 9. Nach der Klasse 10 an einer Förderschule kann man hier den Hauptschulabschluss erwerben.


    SuS, die ohne oder mit einem schlechten Hauptschulabschluss aus der Förderschule abgehen, kommen oft zu uns an die BBS in die "Berufseinstiegsklassen", um dort ihren HSA zu erwerben bzw. zu verbessern. Na ja, einige schaffen es, andere nicht. Sehr viele haben wir aber bisher in eine Berufsausbildung vermiteln können.


    Mich würde aber auch mal interessieren, was sich hinter diesen "Förderberufskollegs" verbirgt. Das sagt mir gar nichts.

    to bee or not to bee ;) - "Selbst denken erfordert ja auch etwas geistige Belichtung ..." (CDL)

  • SuS, die ohne oder mit einem schlechten Hauptschulabschluss aus der Förderschule abgehen, kommen oft zu uns an die BBS in die "Berufseinstiegsklassen", um dort ihren HSA zu erwerben bzw. zu verbessern.

    Und danach können sie es tatsächlich auch noch an einer VHS probieren,

    aber etlichen wird es eher helfen, über Praktika u.a. einen Ausbildungsplatz zu finden.

  • aber etlichen wird es eher helfen, über Praktika u.a. einen Ausbildungsplatz zu finden.

    Ja, genau das versuchen wir in den beiden beruflichen Praktika, die in unseren BES-Klassen vorgesehen sind. Und - wie gesagt - oftmals erfolgreich.

    to bee or not to bee ;) - "Selbst denken erfordert ja auch etwas geistige Belichtung ..." (CDL)

  • Hallo,

    hier nun NRW.

    In der Sek 1 wird versucht,

    u.a. die zieldifferenten Kids bereits im Langzeitpratikum an Arbeitgeber zu vermitteln. Teilweise üben sie dann eine vereinfachte, 2 jährige Ausbildung aus. Wenn's ganz gut läuft, fördert die Arbeitsagentur die Ausbildung. Das heißt, sie bezahlt die Azubis und auch ggf. Nachhilfe. Diese Plätze sind jedoch rar. Viele landen am BK in den Berufseinstiegsklassen und holen ihren HA 9 nach. In der Sek 2 entfällt der Förderstatus.

    Für eine Ausbildung sind übrigens rein vom Gesetz her Abschlüsse keine Voraussetzung.

    Zielgleiche Förderschwerpunkte erhalten die klassischen Schulabschlüsse.

    Am besten unterhältst du dich mal mit den Berufskoordinatoren an deiner Schule.

  • Ich ergänze zu NRW: Förderschüler/innen mit Förderbedarf Lernen werden im Bildungsgang Lernen zieldifferent unterrichtet. Sie können bei entsprechenden Leistungen in Klasse 10 Noten bekommen und einen mit dem HSA Klasse 9 (nicht Klasse 10) vergleichbaren Abschluss bekommen, wobei sie den Förderstatus behalten. Dazu müssen sie am Englischunterricht teilgenommen haben und weiter teilnehmen, die Zensur ist egal. Darf auch ungenügend sein. Sehr sinnig :autsch:


    Die anderen erwerben den Förderschulabschluss. Im letzten Jahr haben zwei von vier Inklusionsschülern einen Ausbildungsplatz bekommen. Sie kriegen zusätzliche ausbildungsbegleitende Hilfen. Trotzdem ist es schwierig für sie, die Berufsschule zu schaffen. Der eine wollte leider schon abbrechen. - Die anderen 2 sind in ausbildungsvorbereitenden Maßnahmen gelandet.

  • Dazu hätte ich eine Frage: Nehmen wir an, es bewerben sich 4 Leute auf einen Ausbildungsplatz, vom Förderschulabschluss bishin zum Abitur alles vertreten. Gibt es konkrete Ausschlusskriterium oder darf man individuell entscheiden, was auch "Seine Nase gefällt mir besser." bedeuten kann? Ist ja schon für die Förderschulabsolventen wichtig, um ihre Chancen einschätzen zu können.

  • Ich denke, es wird sehr nach Abschluss gegangen, nach Noten,dem ersten Eindruck der Bewerbung. Da stehen SuS ohne Abschluss bzw. Abschlusszeugnis schlechter da. Deswegen versuchen wir, alle vorher unterzubekommen. Im Praktikum sehen die Betriebe ja die Person, die Stärken und die Persönlichkeit und konzentrieren sich nicht nur auf das Äußere!

  • Ein Schüler von mir wäre im Nischenhandwerk genommen worden, der Betrieb hatte 10 Jahre lang keinen Azubi mehr, der durchgehalten hätte. Vor allem wegen der Heberei schwerer Gegenstände. Aber der Chef sagte dazu: es wird an der Berufsschule scheitern. Die Inhalte der Berufsschule sind für L-Absolvent*innen kaum zu schaffen.


    Ich denke außerdem, dass social Skills nach wie vor wichtige Kriterien sind und Sympathie, man hat ja lange miteinander zu tun. Im Idealfall beschäftigt man die, die man ausbildet auch weiter. Gerade in einem kleinen Handwerksbetrieb. Bei einer Versicherung oder Bank zählen natürlich noch mal andere Kriterien. Kundenkontakt, gepflegtes Äußeres, Mathenote jenseits von Zahlenraum bis 100. Ein anderer Schüler von mir hat sich im Kfz-Betrieb ganz aufgeschlossen präsentiert und war Feuer und Flamme, da hieß es: wirklich netter Junge, aber wir brauchen Leute, die zupacken können. Also buchstäblich muskulös und keinen Hänfling, weil ständig Reifen hin und her gewuchtet werden müssen. Mechatroniker*in ist wiederum jenseits von, das schaffen unsere nicht.


    Es kommt also auf den Ausbildungsberuf und den Jugendlichen und den Betrieb an. Optiker*in kann man mit einem IQ von 70 nicht werden, weil Physik ist nicht, völlig egal, für was es in Physik welche Note gab an der L-Schule. Rein theoretisch könnte der Optiker aber sich für jemanden ohne Schulabschluss entscheiden, weil dieser nach 3 Jahren Schuleschwänzen plötzlich eine Erleuchtung samt Sinneswandel hatte und unbedingt Optiker werden will. Da wäre aber ein intellektuelles Grundgerüst vorhanden.


    Schulabschlüsse kann man nachholen, das Wissen sonstwo erwerben. Hohe und gute Schulabschlüsse sind statistisch gesehen vielleicht Prädiktoren für beruflichen Erfolg, aber keine in Stein gemeißelten Lebensentwürfe.

  • Es wird also langfristig auf Hilfsjobs hinauslaufen, bei denen man unter strengen Vorgaben zuarbeitet, aber keine eigene Verantwortung übernimmt, oder?

  • Für wen? Die Schülerschaft der L-Schule ist wie gesagt heterogen. Aber klar, einen börsennotierten Konzern wird wohl keiner von meinen Absolvent*innen leiten. Lernbehinderung ist ja eine recht umfassende Beeinträchtigung, sich die Erfordernisse des Lebens anzupassen.


    Edit: wir stellen gerade bei den Acht- und Neuntklässlern, (die bei uns hängen bleiben, weil sie keinen HS-Abschluss schaffen) fest, dass sie "abbauen". Sachen nicht mehr gehen, die in der 6. noch gingen. Ob sie sich aufgeben, weil sie wissen, zum Rest zu gehören, oder ob einfach nix mehr zu machen ist- keine Ahnung. Dazu sollte mal einer eine Studie machen und nicht nur zur Ipadnutzung im Homeoffice :gruss:

  • Kann sein, muss nicht. Wie oben erwähnt, kommen hier häufig die 2jährigen Ausbildungen zum Einsatz.


    Eine meiner ehemaligen Schülerinnen wird gerade Verkäuferin. Sie hat den Ausbildungsplatz durchs Langzeitpraktikum erhalten. Dort hat sie bereits unaufgefordert Regale aufgefüllt und sogar protokolliert, was im Lager knapp wird und bestellt werden muss. Das hätten einige unserer Schüler mit höherem Abschluss gar nicht auf dem Schirm gehabt. Nur weil die schulischen Leistungen Probleme bereiten, können sie trotzdem großes Talent in der Praxis haben.

  • Da sind doch einige coole Dinge dabei, für die unterschiedlichsten Interessen: Büro, Elektronik, Bekleidung, KfZ, Tiere. Da wäre jetzt die Anschlussfrage, ob es hierfür auch tatsächlich Ausbildungsplätze "in der Realität" gibt, denn dann dürften @samu s Schüler eigentlich gute Chancen beim Übergang in die Berufswelt haben, oder?

  • Da sind doch einige coole Dinge dabei, für die unterschiedlichsten Interessen: Büro, Elektronik, Bekleidung, KfZ, Tiere. Da wäre jetzt die Anschlussfrage, ob es hierfür auch tatsächlich Ausbildungsplätze "in der Realität" gibt, denn dann dürften @samu s Schüler eigentlich gute Chancen beim Übergang in die Berufswelt haben, oder?

    Die Ausbildungsplätze sind oft schulisch, oder eben in Einrichtungen der Berufsbildung. Aber die Vermittlungsquote scheint ganz OK zu sein.

    Ich fürchte die Gehälter mit den Ausbildungen sind allerdings nicht so besonders rosig.

    Sei konsequent, dabei kein Arsch und bleib authentisch. (DpB):aufgepasst:

  • Zum letzten Satz: Jeder will von seiner Arbeit leben können, klar. Inzwischen habe ich jedoch das Gefühl, dass gerade bei den Absolventen höherer Schulabschlüsse viele Ausbildungen mit dem Grund "zu wenig Gehalt" abgelehnt werden. Bei jemandem, der wirklich aus den Vollen schöpfen kann, kann ich noch verstehen, dass man es sich erlauben kann, wählerisch zu sein. Bei Anderen denke ich mir, dass man mit dem, was man angeboten bekommt, zufrieden sein sollte.

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