Wie Deutschnachhilfeschüler noch besser unterstützen?

  • Hallo,


    ich dachte mir, vielleicht haben die erfahrenen Deutschlehrkräfte hier Empfehlungen bzw. Rat für mich.


    Bis ich mit meiner DaZ-Weiterbildung fertig bin, arbeite ich weiterhin vor allem im Nachhilfebereich. Dort habe ich seit circa einem dreiviertel Jahr einen Schüler, 7.Klasse Realschule, dem ich in einer Kleingruppe Deutschnachhilfe gebe.


    Letztes Schuljahr kam er kurz vor Schiljahresende zu uns mit drei Fünfen in drei Hauptfächern und gefährdeter Versetzung. Wider Erwarten haben wir es gemeinsam geschafft, dass er auf dem Zeugnis in allen betroffenen Fächern eine Vier statt eine 5 bekam und somit versetzt wurde.


    Nun hat er gerade die erste Deutscharbeit im neuen Schuljahr geschrieben zum Thema Polizeibericht und heraus kam eine 5 minus.

    Die Schüler haben von ihrer Lehrerin eine Bildergeschichte über ein Verbrechen bekommen inklusive Stichpunkte und sollten dazu dann den Bericht schreiben. Dazu gab es sogar noch Hilfestellungen.

    Das Ganze war im Unterricht mehrfach besprochen und geübt worden und auch in der Nachhilfe haben wir intensiv geübt. Darum war ich etwas geschockt über die Note. Habe mir die Arbeit samt Bewertungsbogen kopiert und versucht, die Problembereiche festzustellen.



    - die Rechtschreibung ist sehr schlecht, obwohl wir dazu immer wieder geübt haben, vor allem die Groß- und Kleinschreibung


    - Er schreibt viele Wörter noch nach Gehör, so wie ich das eigentlich nur von Grundschülern kenne.


    - Er lässt immer wieder ganze Wörter aus in Sätzen und sagt, ihm selbst falle das beim Korrektur Lesen nicht auf.


    - Der Satzbau ist sehr einfach, ebenso die Wortwahl, es liest sich wie von einem deutlich jüngeren Schüler. Deswegen haben wir auch schon Formulierungshilfen besprochen im Vorfeld ...


    - Er hat einzelne Elemente der Bildergeschichte falsch beschrieben, sodass der Gesamtzusammenhang leider nicht richtig war.



    Hat jemand einen Tipp für mich, wo ich ansetzen kann? Das bisherige Vorgehen scheint ja leider nicht zu fruchten :-/

    Das Üben zu Rechtschreibregeln klappt im Nachhilfeunterricht immer ganz gut, aber nach ein paar Tagen scheint alles wieder vergessen worden zu sein ...

    Leider sieht es in Englisch auch gerade wieder nicht rosig aus.


    Vielen Dank und viele Grüße

  • Klingt bei den Deutschkenntnissen gepaart mit den Anstrengungen und dem geringen Outcome nach der falschen Schulart.

    Drei Fünfer in den Hauptfächern, nur knapp abgewendet, untermauern meine Vermutung.


    Wie ist denn sein allgemeines kognitives Niveau?

    Wie lange kann/lernt er schon Deutsch?

    Wird in der Familie Deutsch gesprochen?

  • Klingt bei den Deutschkenntnissen gepaart mit den Anstrengungen und dem geringen Outcome nach der falschen Schulart.

    Oder LRS? Oder Sprachentwicklungsstörung? Oder ADHS? Oder ... ? Ferndiagnose ist immer schwierig. Wir wissen ja noch nicht einmal, ob der Schüler ein- oder mehrsprachig ist.

  • Hallo ihr beiden,

    danke für eure Antworten!


    Der Schüler ist Muttersprachler.


    Naturwissenschaften scheinen ihm mehr zu liegen als Sprachen und in Mathe steht er nun weiterhin auf Drei.


    Er ist höflich, freundlich und macht meist auch gut mit.Manchmal hat er Anflüge pubertärer Unlust, aber im normalen Rahmen.

  • Manchmal habe ich schon den Eindruck , dass er meinen Erklärungen nicht mehr ganz folgen kann, sobald es etwas Abstrakter wird (z.B. beim Thema Wortarten oder den Zeitformen in Englisch ). Dann versuche ich es noch mal in einfacheren Worten zu erklären und viele Beispiele zu geben, aber das scheint leider nicht zu helfen.



    In Richtung Legasthenie habe ich auch schon überlegt. Allerdings finde ich in seinen Texten nicht die typischen Fehler, die ich von meinen anderen Nachhilfeschülern mit Legasthenie kenne (z.B. b/d vertauschen oder e und ä).

    Aber das Weglassen/Vergessen ganzer Wörter beim Schreiben finde ich schon irgendwie seltsam und auch, dass er Nomen mal klein, mal groß schreibt.


    Habe überlegt, die Eltern mal um ein Gespräch zu bitten, vielleicht können sie mir etwas zur Vorgeschichte erzählen ...

  • Aber das Weglassen/Vergessen ganzer Wörter beim Schreiben finde ich schon irgendwie seltsam und auch, dass er Nomen mal klein, mal groß schreibt.

    So selten ist das nicht. Und kann verschiedene Ursachen haben (ein paar Möglichkeiten habe ich oben aufgeführt).

  • Natürlich muss man all die von dir, Plattenspieler, aufgeführten Möglichkeiten prüfen.

    Aber ich bitte auch darum, bei all der Diagnose nicht die einfache und doch so häufige Ursache aus den Augen zu verlieren: Überforderung wegen Erreichen der Leistungsgrenze ohne Hintergrunddiagnose.

  • Interessehalber, welches war das dritte Hauptfach mit einer 5, wenn er in Mathe auf 3 steht?


    Einiges (vergessen, vertauschen, nicht selbst korrigieren) spricht für Konzentrationsproblematik.


    Interessant finde ich das hier:

    - Er hat einzelne Elemente der Bildergeschichte falsch beschrieben, sodass der Gesamtzusammenhang leider nicht richtig war.

    Was sagt er dazu, wenn ihr die Bilder zusammen durchgeht, hat er die Geschichte wirklich nicht verstanden?


    Generell würde ich sagen, so konkret wie möglich vorbereiten, Strategien vermitteln, üben. Also hier zum Beispiel keine ausgefeilten Formulierungen und komplexe Rechtschreibregeln, sondern das Nötigste, um auf eine 4 zu kommen, etwa Zusammenhang vergegenwärtigen, Ablauf einhalten, Kriterien des Berichts berücksichtigen.


    Beim Erarbeiten oder Üben kann man zunächst vormachen, wie es geht und sprachlich begleiten "ich überlege mir zuerst das und das. Dann mache ich soundso. Nun überlege ich mir: kann das sein?" Etc. pp.


    Aber mir scheint, du machst schon alles, was möglich ist. Bestimmt frustrierend, aber wenn doch größere Probleme vorliegen sollten, vielleicht nicht durch mehr Nachhilfe zu ändern.

  • Vielen Dank, Quittengelee!


    Zu deiner Frage: Wenn wir in der Vergangenheit Bildergeschichten zusammen durchgegangen sind, hat er sie immer richtig erfasst. Die Bildergeschichte in der Klassenarbeit war meiner Meinung nach nicht sonderlich schwer, deshalb wunderte mich auch, dass er dabei Fehler gemacht hat.


    Dass es ein Konzentrationsproblem sein könnte oder vielleicht auch etwas mit Aufregung in der Arbeit zu tun hat, klingt plausibel. Kurz nach dem Erklären kann er einige Punkte, die ich ihm erklärt habe, ganz gut umsetzen, aber schon ein paar Stunden später scheint alles Vergessen und in der Klassenarbeit sah es dann so aus, als hätten wir nie geübt.


    Die drei Hauptfächer waren Deutsch, Englisch und Mathe.


    Werde versuchen, es jetzt so zu machen, wie du sagst: sich auf die wesentlichen Punkte konzentrieren, viel üben, noch mehr einzelne Arbeitsschritte erklären.

    Ich weiß, dass ich leider dazu neige, manchmal etwas kompliziert zu erklären oder hohe Erwartungen zu haben. Deutsch war immer mein Lieblingsfach und ich hatte als Schülerin nie Probleme darin, darum fällt es mir manchmal schwer, wenn ich Nachhilfeschüler habe mit großen Problemen im Fach, bei denen meine Art zu erklären nicht anzuschlagen scheint . Versuche, da an mir zu arbeiten, ich möchte gern all meinen Schülern gerecht werden.


    Ja, es frustriert mich auch, weil ich das Gefühl habe, wir strengen uns beide an und der Output ist doch so gering :-/

  • Ich bin zwar aus einer anderen fachlichen Richtung, habe aber früher sehr viel Nachhilfe gegeben und ein paar Punkte kommen mir bekannt vor. Andere Phänomene kenne ich von Schülern aus der Unterrichtspraxis. Daher traue ich mich mal:

    Manchmal habe ich schon den Eindruck , dass er meinen Erklärungen nicht mehr ganz folgen kann, sobald es etwas Abstrakter wird (z.B. beim Thema Wortarten oder den Zeitformen in Englisch ).

    Was für einen Eindruck hast du denn allgemein von ihm beim Sprechen? Kann er sich verbal gut, flüssig und mit ausreichend breitem Wortschatz ausdrücken und hat die Schwierigkeiten "nur" im Schriftlichen, oder hapert es allgemein auch an der Sprechfertigkeit?



    Und hierzu:

    Kurz nach dem Erklären kann er einige Punkte, die ich ihm erklärt habe, ganz gut umsetzen, aber schon ein paar Stunden später scheint alles Vergessen und in der Klassenarbeit sah es dann so aus, als hätten wir nie geübt.

    und

    Wenn wir in der Vergangenheit Bildergeschichten zusammen durchgegangen sind, hat er sie immer richtig erfasst.

    Hier mal gut prüfen, ob er es wirklich verstanden hat und selbst umsetzen konnte. Manche SuS haben in der Nachhilfe eine Art "Cold reading" perfektioniert. Das heißt, vielleicht beobachtet er deine Reaktionen sehr genau, wenn er was zur Bildergeschichte sagen soll, und dreht sofort in eine andere Richtung ab, wenn er merkt, dass du ein wenig die Stirn runzelst oder nicht positiv bestärkend reagierst. Das kann dann den Eindruck erwecken, als könne er die Aufgabe selbst lösen, aber eigentlich tastet er mehr im Dunkeln herum und liest an (mehr oder weniger subtilen) Reaktionen deinerseits ab, ob er auf der richtigen Spur ist.


    Dasselbe bei den Erklärungen: Sagt er nur, er hätte es verstanden, oder hat er wirklich? Hast du ihn in der Nachhilfe mal in einer Art Prüfungssituation "allein gelassen" und nur beobachtet? Denn auch hier neigen manchmal Nachhilfelehrkräfte dazu, sehr kleinschrittig zu erklären und dann hangelt man sich halt so durch, aber das "große Ganze", das dann in der Klassenarbeit abgeprüft wird, ist dem Schüler trotzdem nicht klar.


    Ich stimme aber auch den Vorschreibern zu, die sagen, dass eine Ferndiagnose wirklich schwierig ist, weil es so viele verschiedene Gründe geben kann. Ein Gespräch mit den Eltern finde ich daher auch sinnvoll. Und was sagt der Schüler selbst eigentlich?

  • Was für einen Eindruck hast du denn allgemein von ihm beim Sprechen? Kann er sich verbal gut, flüssig und mit ausreichend breitem Wortschatz ausdrücken und hat die Schwierigkeiten "nur" im Schriftlichen, oder hapert es allgemein auch an der Sprechfertigkeit?


    Hey,


    danke für deine Gedanken erstmal .


    Beim Sprechen bestehen die Schwierigkeiten meinem Eindruck nach nicht.



    Zum Thema cold reading: Interessanter Gedanke! Da muss ich in Zukunft mal genauer drauf achten. Bisher dachte ich immer, er hat das Besprochene wirklich verstanden und konnte dann nicht verstehen, warum ein paar Nachhilfestunden später schon wieder alles vergessen schien.

    Ja, ich neige tatsächlich dazu, sehr kleinschrittig zu erklären und viel auf Details einzugehen. Vielleicht wäre es für ihn besser, wenn ich dieses Vorgehen demnächst abändere ...


    Ich habe ihn gefragt, was seiner Meinung nach das Problem ist, was genau ihm in der Arbeit schwer fällt. Er konnte es mir nicht sagen, meinte nur, dass diese Arbeit generell schlecht ausgefallen sei.

    Ich frage ihn zwischendurch auch immer wieder, was er gerne üben würde, ob ich etwas Bestimmtes noch mal erklären soll etc. und versuche das dann umzusetzen.


    Die Eltern möchten jetzt, dass ich mich mit seiner Fachlehrerin in Verbindung setze. Ich bin gespannt, ob das vielleicht neue Erkenntnisse bringt.

  • Inzwischen habe ich eine sehr hilfreiche und nette Antwort von der Fachlehrerin bekommen.


    Es ist wohl so, dass der Junge im Unterricht seit langem nicht aufpasst, Unsinn macht und dadurch auch vieles nicht mitbekommt. Dadurch habe er große Defizite, die eine Nachhilfestunde die Woche auch nicht ausbügeln könne. Hausaufgaben werden wohl selten gemacht und Tafelbilder nicht mitgeschrieben usw.


    Das war für mich sehr aufschlussreich, weil ich ihn in der Nachhilfe ganz anders erlebe. Ich hatte immer den Eindruck, er gibt sich Mühe ...

  • Das war für mich sehr aufschlussreich, weil ich ihn in der Nachhilfe ganz anders erlebe. Ich hatte immer den Eindruck, er gibt sich Mühe ...

    Vielleicht gibt er die sich in der Nachhilfe ja auch. Dort ist er schließlich alleine mit dir, so dass zahlreiche Optionen sich selbst abzulenken oder abgelenkt zu werden entfallen.

    Ich hatte zuletzt mal jemanden in einer meiner Hauptschulzugklassen hinten drinnen sitzen. Normalerweise lenken viele davon sich konstant selbst und gegenseitig ab, so dass sie Erklärungen gar nicht erst mitbekommen, geschweige denn verstehen. In der Stunde war es quasi mucksmäuschenstill, weil sie sehr aufgeregt waren. Prompt kamen wir auch richtig gut voran bei der Arbeit, weil es eben allen leichter gefallen ist, sich auf die eigentlichen Aufgaben zu konzentrieren. Das spielt immer mit eine Rolle, zusätzlich zu dem Effekt, dass man als Lehrkraft in der Nachhilfe unter Umständen so viel (auch unbewusste) Hilfestellung gibt durch Mimik, Gestik, zielgerichtete Tipps, die genau auf dieses eine Kind zugeschnitten sind, nicht auf eine ganze Klasse, dass Erfolgserlebnisse leichter fallen, als im regulären Unterricht, was zusätzlich motiviert.


    Ich habe auch lange Nachhilfe gegeben und immer versucht, meinen SuS dabei kurze, griffige Eselsbrücken an die Hand zu geben, die ihnen erlaubt haben bei korrekter Anwendung 60-80% der Aufgaben (weitestgehend) korrekt zu lösen. Damit hatten die Kids genügend Erfolgserlebnisse bei Klassenarbeiten und in der Schule, um auch dort wieder etwas motivierter mitzuarbeiten und/ oder wieder mehr Selbstvertrauen aufzubauen („Ich kann das“), so dass sie auch langfristig gesehen erfolgreicher waren im Unterricht. Das mit den Eselsbrücken klappt nicht immer, aber doch überraschend häufig meiner Erfahrung nach, zumindest beim SEK.I- Stoff.

    "Benutzen wir unsere Vernunft, der wir auch diese Medizin verdanken, um das Kostbarste zu erhalten, das wir haben: unser soziales Gewebe, unsere Menschlichkeit. Sollten wir das nicht schaffen, hätte die Pest in der Tat gewonnen. Ich warte auf euch in der Schule." Domenico Squillace

  • Zuerst habe ich mich gewundert, dass man mit so einer Leistung überhaupt in der Realschule Klasse 7 sitzt, aber als ich

    Es ist wohl so, dass der Junge im Unterricht seit langem nicht aufpasst, Unsinn macht und dadurch auch vieles nicht mitbekommt. Dadurch habe er große Defizite, die eine Nachhilfestunde die Woche auch nicht ausbügeln könne. Hausaufgaben werden wohl selten gemacht und Tafelbilder nicht mitgeschrieben usw.

    das gelesen habe, war mir das schon klar. Das Gespräch würde ich auch den Eltern weitergeben, denn die geben natürlich gerne der Lehrerin "die ihr Kind nicht mag" die Schuld.

    Vielleicht kann er sich in der großen Gruppe auch nicht konzentrieren (ADHS), aber das wird in dem Alter wohl schon längst abgeklärt sein, denn dann wäre das Problem ja nicht neu.

  • Danke, ihr beiden!


    CDL: Das mit den Eselsbrücken werde ich mal ausprobieren, danke. Ich könnte mir gut vorstellen, dass er davon profitiert.


    Zauberwald: Ich möchte auf jeden Fall bald mit den Eltern sprechen und ihnen dann auch mitteilen, was die Fachlehrerin mir berichtet hat. Laut Lehrerin wissen diese zwar schon bescheid, aber noch einmal kann nicht schaden ...

  • Wenn die Eselsbrücken in der Nachhilfe gut funktionieren, dann lass ihn vor Tests/ KAs gezielt Spickzettel schreiben mit den Eselsbrücken. Nicht um diese einzusetzen, aber weil das, was man dort ganz komprimiert notiert oftmals gut lernbar ist und über den Weg des Spickzettels oftmals besser in Erinnerung bleibt.

    "Benutzen wir unsere Vernunft, der wir auch diese Medizin verdanken, um das Kostbarste zu erhalten, das wir haben: unser soziales Gewebe, unsere Menschlichkeit. Sollten wir das nicht schaffen, hätte die Pest in der Tat gewonnen. Ich warte auf euch in der Schule." Domenico Squillace

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