Anrede volljähriger Schüler

  • So, weil ich nicht wußte, ob der alte Thread eine Wiederbelebung verträgt, habe ich mal einen neuen aufgemacht. Sollte sich das im anderen besser machen, bitte ich das Moderat, die Beiträge dorthin zu verschieben.

    Okay, worum geht's ?

    Ich habe in Klasse 10 einen Schüler, der mittlerweile 18 ist. Unser Verhältnis ist so... solala. Allgemein zeigt er sehr viel Engagement, was seine rechte angeht und eine deutliche Laissez-faire Haltung, was seine Pflichten angeht. Soviel zum Kontext. Dieser Schüler hat nun im Unterricht eingefordert, daß er ein Recht darauf hätte, mit Sie angesprochen zu werden. Und ich möge bitte auch seinen Nachnamen benutzen, Vorname möchte er nicht.

    Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, in der 10 teilweise zum Sie zu greifen, als ich meinen ersten 10er Kurs hatte (Abschlußjahrgang), habe das aber dann für mich verworfen, weil ich als Neuzugang an der Schule keine neuen Moden einführen wollte und die überwiegende Mehrheit der 10er ihren Abschluß macht, bevor sie 18 sind. Auch möchte ich da nicht auf Einzelfallbasis agieren, einer meiner wichtigsten Grundsätze, was so etwas angeht war bisher immer 'Do for one-do for all'. Meine persönliche Befindlichkeit in dem Thema ist, daß der Schüler sich meiner Meinung nach dafür nicht erwachsen genug verhält und sich hier ein Ventil sucht, um seine Unsicherheiten/Probleme zu Hause zu kompensieren, indem er hier ein Stück weit 'Kontrolle' ausübt. Das ist aber eher für den Nachgang und ehe ein persönliches Bild, das möglicherweise da auch den Blick auf ein professionelleres weniger auf meinen eigenen Empfindungen beruhendes Bild verstellen könnte. Einerseits möchte ich den Rechten des Schülers entsprechen, andererseits finde ich die Art und Weise, wie er diese konfrontativ einfordert, problematisch.

    Wie sieht die versammelte Schwarmintelligenz das bzw. habt ihr sowas schon erlebt und wie seid ihr damit umgegangen ?

  • Ist es jetzt eine Prinzipiensache?
    Was würde dich das kosten, ihn ab jetzt "Herr Müller" zu nennen?

    Ich kann die Gedanken und Empfindlichkeiten dahinter zum Teil verstehen (wobei ich nicht verstehe, warum es bei dir an die Volljährigkeit gekoppelt ist), aber das Argument "Do for one - do for all" hat für mich keine Bedeutung. Wenn ein Schüler mich darum bietet, mit einem anderen Vornamen angesprochen zu werden, wenn ein Schüler besondere Bedingungen im Unterricht hat, wenn bestimmte Regeln bei mir gelten, ... dann ist es für den Rest der Klasse und des Kollegiums irrelevant, solange es nicht um Benachteiligung oder Verletzung pädagogischer Grundsätze geht.

    (Natürlich gilt die Entscheidung und zwar bis Ende des Schuljahres).

  • Den Ansatz 'Do for one-do for all' halte ich in dem Fall auch für unumgänglich. Letztlich ist das ein kleiner Machtkampf. Ich würde ihn dazu anregen, in der Klasse halt den Antrag zu stellen, über das duzen/siezen abzustimmen und mit dem Ergebnis dann zu leben. Mit hoher Sicherheit bleibt es dann beim du. Dann hat er im besten Fall etwas über demokratische Prozesse gelernt.

  • Auch möchte ich da nicht auf Einzelfallbasis agieren, einer meiner wichtigsten Grundsätze, was so etwas angeht war bisher immer 'Do for one-do for all'. Meine persönliche Befindlichkeit in dem Thema ist, daß der Schüler sich meiner Meinung nach dafür nicht erwachsen genug verhält und sich hier ein Ventil sucht, um seine Unsicherheiten/Probleme zu Hause zu kompensieren, indem er hier ein Stück weit 'Kontrolle' ausübt.

    Wie sieht die versammelte Schwarmintelligenz das bzw. habt ihr sowas schon erlebt und wie seid ihr damit umgegangen ?

    Ach Gott, wenn er gesiezt werden will, dann wird er gesiezt. Ob du ihn für erwachsen genug hältst und er das aus deiner Sicht verdient, spielt keine Rolle.

    Und das Siezen dann verbunden mit einer überhöflichen Ansprache (über die du innerlich schallend lachen darfst). Sehr geehrter Herr Müller, ich möchte Sie darum ersuchen, Ihre Hausaufgabe an der Tafel vorzustellen. Und dann zu anderen: Michi, geh mal nach vorn und stell die Hausaufgaben vor. Er hat eine formelle Ansprache gewünscht. Die bekommt er. Das darf aber nicht ironisch rüberkommen.

    Wenn dann andere das "Sie" fordern - aber nur dann - dann führst du es für alle ein.

    Wenn jemand nach dem Warum fragt: Ich sieze jede(n), der/die das möchte. Du sagst aber nicht vor der Klasse: "Der Herr Müller möchte unbedingt gesiezt werden."

    Tim Finnegan liv’d in Walkin Street
    A gentle Irishman mighty odd.

  • Ist es jetzt eine Prinzipiensache?
    Was würde dich das kosten, ihn ab jetzt "Herr Müller" zu nennen?

    Ich kann die Gedanken und Empfindlichkeiten dahinter zum Teil verstehen (wobei ich nicht verstehe, warum es bei dir an die Volljährigkeit gekoppelt ist), aber das Argument "Do for one - do for all" hat für mich keine Bedeutung. Wenn ein Schüler mich darum bietet, mit einem anderen Vornamen angesprochen zu werden, wenn ein Schüler besondere Bedingungen im Unterricht hat, wenn bestimmte Regeln bei mir gelten, ... dann ist es für den Rest der Klasse und des Kollegiums irrelevant, solange es nicht um Benachteiligung oder Verletzung pädagogischer Grundsätze geht.

    (Natürlich gilt die Entscheidung und zwar bis Ende des Schuljahres).

    Das sehe ich deutlich anders. Alle Schüler zu duzen, und einen ganz bestimmten auf seine Forderung hin zu siezen, ist m.E. völlig daneben.

  • Das sehe ich deutlich anders. Alle Schüler zu duzen, und einen ganz bestimmten auf seine Forderung hin zu siezen, ist m.E. völlig daneben.

    Diese Frage stellt sich mir zum Glück nicht, da ich jede(n) Sieze. Immer.

    Tim Finnegan liv’d in Walkin Street
    A gentle Irishman mighty odd.

  • und wie machst du es denn im Alltag?
    Ich hatte schon mal berufliche Situationen (Schule und nicht Schule), wo ich Leute sieze, andere duze.
    Meine Schulleitung siezt einige, duzt andere.

    Demokratie in aller Ehre, ich finde, es gibt Sachen, über die man nicht abstimmt.
    In dem Fall mag es ein Machtkampf sein, aber ehrlich: warum sich daran abarbeiten?
    Ich habe in JEDER Lerngruppe Schüler*innen, die nicht so angesprochen werden möchten, wie auf der Liste. Ein Teil der Vornamen weg, ein "Spitzname", was weiß ich. Bis zum Schüler in einem Transitionsprozess. Bleibe ich aus Prinzip bei den Papieren? (Ich bin sicher, dass es einige KuK gibt, die das genauso als Machtkampf ausfechten.)

  • Sage ich ja: entweder alle duzen oder alle siezen innerhalb einer Lerngruppe. Eine Mischung wäre einfach schräg.

    Ich empfinde das Siezen bei mir besonders auch in schwierigen Klassen als Erleichterung, weil es eine bestimmte Form des Umgangs definiert: Respektvoll aber klar. (wobei das mein Ding ist und wenn andere es anders machen, ist es deren Sache und definiert keine Respektlosigkeit)

    Für meine Schüler bspw. in der Berufsfachschule oder Höheren Berufsfachschule ist das zunächst mal eine irritierende Ansprache. Als Junglehrer hatte ich früher darüber abstimmen lassen, wie sie angesprochen werden wollen. Zwei Gründe, warum ich das gelassen habe:

    1. Ich fühle mich mit dem Sie wohler.

    2. Bei uneinheitlichem Stimmungsbild hatte ich keinen Bock drauf, dass viele Schüler mit dem Resultat der Abstimmung unzufrieden waren.

    Tim Finnegan liv’d in Walkin Street
    A gentle Irishman mighty odd.

  • Ist es jetzt eine Prinzipiensache?

    Das ist halt die Frage, weshalb es den Thread gibt. Ich bin grundsätzlich abgeneigt, wegen der Gruppendynamik und meinem Eindruck, daß 'Sie' für Schüler an dieser Schule absolut unüblich ist. Andererseits weiß ich aber eben nicht so richtig, ob ich mich von der Art und Weise, wie er das vor versammelter Mannschaft eingefordert hat, so angegriffen gefühlt habe, daß ich dem schon deshalb nicht entsprechen möchte. Ersteres wäre legitim zu begründen, zweiteres unprofessionell und unangemessen. Was mich hier ins Grübeln bringt ist eben die Lage, daß der Schüler dieses Recht hat, ich eben nur nicht weiß, ob andere Überlegungen dieses Recht im Kontext Schule zumindest einschränken.

  • Den Ansatz 'Do for one-do for all' halte ich in dem Fall auch für unumgänglich.

    Warum? Den Schüler zu siezen tut doch niemandem weh. Ich würde da überhaupt keine Gedanken dran verschwenden. Wenn er das will, dann würde ich das auch einfach durchziehen.

    Ich kann die Gedanken und Empfindlichkeiten dahinter zum Teil verstehen (wobei ich nicht verstehe, warum es bei dir an die Volljährigkeit gekoppelt ist), aber das Argument "Do for one - do for all" hat für mich keine Bedeutung.

    Ich kann die Gedanken und Empfindlichkeiten gar nicht verstehen. Wenn er damit "Unruhe" stiften will, schafft er das nicht, wenn man ihn einfach so anspricht. Tut mir als Lehrkraft doch nicht weh, völlig egal ob ich glaube dass die Person sich erwachsen verhält. Das ist doch kein Maßstab dafür. Auch die Volljährigkeit nicht, es gibt keine rechtlichen Vorgaben wann irgendjemand gesiezt oder geduzt wird.

  • Was mich hier ins Grübeln bringt ist eben die Lage, daß der Schüler dieses Recht hat, ich eben nur nicht weiß, ob andere Überlegungen dieses Recht im Kontext Schule zumindest einschränken.

    Ja, unser Gefühl, die höhere Position im asymmetrischen Verhältnis zu verlieren.
    Ich weiß nicht, ob mir das so wichtig ist...

  • Ich duze meine Schüler, wenn jemand gesiezt werden möchte, dann würde ich den einen siezen. Warum die anderen, die sich mit dem Du ggf. auch sehr wohl fühlen, dann nicht mehr geduzt werden sollten, erschließt sich mir nicht.

    Ich werde selbst auch wahrscheinlich öfter geduzt als gesiezt. Das liegt aber an meiner Schülerschaft. In den IFKs wegen der fehlenden Sprachkompetenz, in den Ausbildungsvorbereitungsklassen weil die Schüler zuvor auf der Förderschule ihre Lehrer geduzt haben. Und in Spanisch ist das Du Teil meines interkulturellen Unterrichts.

    Größere Disziplinprobleme konnte ich dadurch noch nicht ausmachen.

  • Weil das nahezu zwangsläufig die Gruppenatmosphäre beeinflusst, sei es auch nur unterschwellig.

    Das macht so jemand aber so oder so. Ansich wird er aber auch unterschwellig ins Lächerliche gezogen, wenn man ihn immer noch extra ansprechen muss. Ich hätte das so gemacht: "So, jetzt holt ihr und HERR MÜLLER, bitte die Arbeitsblätter raus." Entweder es wird ihm dann irgendwann zu blöd oder er merkt nicht wie sich der Rest der Gruppe darüber amüsiert.

    Play stupid games, win stupid prizes.

    Ja, unser Gefühl, die höhere Position im asymmetrischen Verhältnis zu verlieren.
    Ich weiß nicht, ob mir das so wichtig ist...

    Dein Funktion in der Klasse bleibt doch bestehen. Ob ich jetzt mit Vorname oder Nachname angesprochen werden macht hier kein Unterschied.

    Bei mir in der Klasse sieze ich alle und alle siezen mich. So habe ich mir das angewöhnt, aber wenn sich alle duzen würden wäre es sicher ähnlich. Ich habe sogar noch mehr "Probleme" die höhere Position zu halten, weil oft auch die Leute älter sind als ich. Ich kann mich nur mit meinem Fachwissen behaupten.

  • s3g4 ICH habe keine Angst, meine Position zu verlieren.
    Ich musste im Ref alle Oberstufen-SuS siezen und ehrlicherweise wäre es mir jetzt auch lieber.

    Ich bezog mich darauf, dass eine solche Befürchtung beim TE (oder Ablehnenden) mitschwingt. Ich kann es nicht nachvollziehen.

  • s3g4 ICH habe keine Angst, meine Position zu verlieren.

    So habe ich das auch nicht verstanden. Ich habe allgemein auf deine Aussage geantwortet.

    Ich musste im Ref alle Oberstufen-SuS siezen und ehrlicherweise wäre es mir jetzt auch lieber.

    Was hält dich davon ab?

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