Neue Förderschulen bauen: Verhinderung der Inklusion oder eine logische Folge des Scheiterns?

  • Ich freue mich für (!) die Kinder mit Förderbedarf, dass das Schulangebot, das sich extra nach ihnen Bedürfnissen richtet, erweitert wird, sodass sie die Möglichkeit haben, hiernach entsprechend gefördert zu werden, statt im Regelschulbereich einfach nur mitzulaufen. Es gibt durchaus einige Eltern, die explizit wünschen, dass ihr Kind an einem sonderpädagogischen Förderzentrum beschult wird - ich fände es eher behindertenfeindlich, ihnen diesen Wunsch zu verwehren.

    Vermutlich ist es aber nötig, an der Stelle zu erwähnen, dass es Förderschwerpunkte gibt, die im Rahmen der Beschulung ein besseres Image haben (geistige Enwicklung, körperliche Einschränkungen) als andere (Lernen, sozial-emotionale Entwicklung).

  • Inklusion ist nicht, das Kind muss in die Schule passen. Inklusion ist, was muss die Schule verändern damit es für das Kind passt? Es gibt Kinder, die eine kleine Gruppe brauchen, aber warum das z.B. nicht in Form von Klein Klassen an Regelschulen passieren kann, verstehe ich nicht. Naja, vielleicht doch. Das kostet Geld.

    Da hast Du wieder Theorie und Praxis. Das trifft grundsätzlich auch für alle Kinder zu. Ich gebe dir vollkommen Recht, dass sich Schule in wichtigen Bereichen zu langsam verändert. (Es gibt auch etliche Lehrkräfte, die jede Veränderung ablehnen.) Ich gebe dir auch Recht, dass es an Geld fehlt.

    Aber wir müssen auch realistisch sein. Personelle Ressourcen sind begrenzt und egal was wir machen, werden wir nicht kurz- oder mittelfristig die Situation ändern. Auf der anderen Seite haben Kommunen (und Länder) auch nur begrenzte finanzielle Mittel. Ich habe auch den Eindruck, dass viele Kommunen grundsätzlich bereit sind, Geld für die Bildung auszugeben.
    Am Ende bleibt die Situation, dass wir eine Menge X an Geld haben und uns überlegen müssen, wie wir das sinnvoll einsetzen. Momentan ist es gefühlt Flickenschusterei. Bestes Beispiel aus meiner Praxis: Es wird ein sechsstelliger Betrag in digitale Tafeln und Infrastruktur gesteckt, aber es fehlt nachher das Geld um für neue Lehrkräfte ebenfalls Endgeräte zu kaufen. Da geht es dann um Zuständigkeiten und am Ende sitzen die Lehrkräfte ohne Endgerät vor der digitalen Tafel. Und das lässt sich dann in alle Bereiche übertragen. Für unser Inklusionskind wurde für 5.000 € Technik angeschafft, die eigentlich nur in der Ecke liegt. Auf der andere Seite fehlt das Geld für dringend notwendige Anschaffungen.

  • Ihr vergleicht einmal mehr ganz unterschiedliche Systeme, das System von NDS ist nicht das von NRW.

    Dazu sind es verschiedene Geldgeber.

    Die personelle Ausstattung muss vom Land kommen und sie reicht in NDS nicht aus, um Inklusion vernünftig umzusetzen, es fehlen Förderschullehrkräfte, es gibt keine pädagogischen Mitarbeiter:innen für Inklusion an Grundschulen, obwohl es sie an FöS-GE gibt, die Vertretungsreserve reicht nicht aus, die zusätzliche außerunterrichtlichen Aufgaben werden nicht angemessen angerechnet, das Beratungssystem in NDS wird zwar verbessert, reicht aber nicht aus und darf die Bodenhaftung nicht verlieren und den Klassenlehrkräften alles aufhalsen.

    Der Neubau für eine Förderschule kann notwendig sein, wenn das alte Gebäude nicht kostengünstiger saniert werden kann und wenn die Klassen weiterhin bestehen sollen, weil dort ein Therapieangebot vorgehalten wird, dass es an Regelschulen so nicht gibt oder das auch von Kindern, die an Regelschueln besucht werden, genutzt werden kann.

    Wir haben einen privaten Anbieter im Umfeld, der einen zentralen Standort hat, aber auch mehrere Koop-Klassen an Regelschulen. So ergänzen sich die Einbeziehung und die Therapie.

    Für die Regelschulen ist das sehr viel schwieriger, da schon 2 Geldgeber (Gemeinde+Landkreis) für die Gebäude und Ausstattung zuständig sind und das Land für das Personal und der Lamdkreis wiederum für I-Hilfen. Ab der SekI ist es wieder anders. Das schränkt die gemeinsame Entwicklung 7nd Nutzung ein.

    Für außergewöhnliche Anschaffungen hat unser Schulträger übrigens seit Jahren einen Inklusions-Topf, aus dem teurere Geräte für einzelne Kinder kurzfristig angeschafft werden können.

  • Ich freue mich für (!) die Kinder mit Förderbedarf, dass das Schulangebot, das sich extra nach ihnen Bedürfnissen richtet, erweitert wird, sodass sie die Möglichkeit haben, hiernach entsprechend gefördert zu werden, statt im Regelschulbereich einfach nur mitzulaufen.

    Vermutlich ist es aber nötig, an der Stelle zu erwähnen, dass es Förderschwerpunkte gibt, die im Rahmen der Beschulung ein besseres Image haben (geistige Enwicklung, körperliche Einschränkungen) als andere (Lernen, sozial-emotionale Entwicklung).

    Deine Beiträge zeigen, dass du keine Ahnung hast.

    Keines der Kinder kann „einfach mitlaufen“, es haben alle Förderbedarf und der wird nicht hinterhergeworfen, sondern es braucht Diagnosen und Gutachten, einen großen Aufwand, an dessen Ende eine Förderempfehlung steht und die Feststellung des Förderbedarfes.

    Je Kind muss man dann individuelle Wege finden, eine Beschulung zu ermöglichen, die das Kind möglichst gut fördert. Von „Mitlaufen“ kann da keine Rede sein und das ist mit Inklusion auch gar nicht gemeint.

    Übrigens kann eine schlecht ausgestattete Förderschule mit Lehrkräftemangel und Aushilfen die Förderung auch nicht umsetzen, auch da werden dann Klassen zusammengelegt, weit über die gesetzliche Teilungsgrenze der Klassen hinaus, und - ebenso wie in anderen Schulen - Studierende oder pädagogische Mitarbeiter:innen übernehmen die Betreuung.

  • Ich kann mir auch kleine Förderklassen vorstellen, die innerhalb der Regelschulen Kinder auffangen, die in den größeren Gruppen nicht zurechtkommen. Meiner Meinung nach nimmt das zu, bei uns sind es gerade mehr Kinder mit Autismus und Mutismus, die in einer kleineren Klasse sicher besser lernen und sich öffnen könnten.

    Aus Kanada habe ich neulich in einer Reportage gesehen, dass es sehr kleine Gruppen für Kinder und Jugendliche gibt, die sonst nicht beschulbar sind oder gar nicht mehr zur Schule kommen. Mit diesen kleinen, individuellen Möglichkeiten, die zwar zur Schule gehören, aber in anderen Räumen außerhalb der Schule stattfinden, will man neue Perspektiven eröffnen und den Kindern Bildung ermöglichen. Mit den Erfolgen ist dann entweder eine Rückführung oder zumindest ein Abschluss möglich.

    Davon abgesehen muss man ggf. auch digitale Möglichkeiten besser einbinden, das könnte auch landesweit oder über Ländergrenzen hinweg organisiert werden. Das sehe ich für die, die selbstständig lernen können oder eine Begleitung haben, für Kinder mit Hochbegabung oder Schulangst, vielleicht auch als Baukastensystem für einzelne Fächer oder Förderschwerpunkte, sodass es Lehrkräfte entlastet und gleichzeitig gut informierte Ansprechpartner:innen schafft, die erreichbar sind.

  • Je Kind muss man dann individuelle Wege finden, eine Beschulung zu ermöglichen, die das Kind möglichst gut fördert. Von „Mitlaufen“ kann da keine Rede sein und das ist mit Inklusion auch gar nicht gemeint.

    Offiziell musst Du das in Niedersachsen für jedes Kind. Egal ob mit Inklusionshintergrund oder nicht. Aber wenn wir ehrlich sind, ist es in Praxis oft ein Mitlaufen. Wie individuell gelernt werden kann, hängt am Ende von der Lehrkraft aber auch von den Rahmenbedingungen ab. Sobald zu viele Schüler individuelle Hilfe brauchen, wird es schwierig das umzusetzen. Ich habe beides bereites erlebt. Inklusionskinder, die perfekt eingebunden und fast optimal gefördert werden. Aber deutlich öfters, dass sie mehr oder weniger mitlaufen.

  • Offiziell musst Du das in Niedersachsen für jedes Kind.

    Das ist mir bewusst, aber für einiges ist der Aufwand ungleich höher als für anderes.

    Und weil es nicht angemessen angerechnet oder ausgeglichen wird, hat man in manchen Klassen zu viele zusätzliche Aufgaben unterschiedlichster Ausprägung.

    Da wäre es hilfreich, wenn es für das, was häufig wieder kommt, gelungene Unterstützung bzw. Material gibt, mit dem im inklusiven Setting gearbeitet werden kann, UND Personal, das dafür Zeit hat, dies auszuarbeiten und zu implementieren.

    Bei der Arbeit damit brauchen dann alle Kinder die Möglichkeit, ihre Ergebnisse zu präsentieren und Hilfe zu erhalten. Aber auch dafür reicht es nicht, schon gar nicht, wenn Zusatzbedarfe und Fördermöglichkeiten nach wenigen Wochen in der Vertretung aufgehen und dann das Jahr über nicht ersetzt werden. Eine 90%-Versorgung gehört auch dazu, dass Inklusion nicht unterstützt wird, sondern zu den besonderen Belastungen gerechnet wird.

  • Aber genau das ist es doch, wenn Gymshark von Mitlaufen spricht.

    Mangels Personal, Ausstattung, Wissen etc. laufen zu viele Inklusionskinder einfach nur mit statt sinnvoll gefördert zu werden.

  • Aber genau das ist es doch, wenn Gymshark von Mitlaufen spricht.

    Mangels Personal, Ausstattung, Wissen etc. laufen zu viele Inklusionskinder einfach nur mit statt sinnvoll gefördert zu werden.

    „Mitlaufen“ bedeutet für mich, dass man erwartet, dass die Kinder die gleichen Anforderungen erhalten, wie die anderen und man gar nicht auf ihre Bedürfnisse eingeht… oder die Kinder mit einem Mandala zum Ausmalen in die Ecke setzt.

    Das ist für mich nicht vorstellbar, da es nicht möglich scheint. Ich kann einem GE-Kind nicht den gleichen Text diktieren und ein KME-Kind (vermutlich) nicht am Barren turnen lassen.

    Zwischen „Mitlaufen“ und „nicht genug fördern, da zu wenig Ressourcen für die vielen Anforderungen zur Verfügung stehen“ ist doch eine sehr große Spannbreite.

    Ich kann DaZ-Kinder im Unterricht fördern, sodass sie alphabetisiert werden und Deutsch lernen, ABER mit DaZ-Stunden zwischendrin ginge es leichter, besser und schneller. Da würden mir schon 3 Stunden pro Woche in einer Kleingruppe helfen, aber sie sind mal wieder gestrichen. Diese Stunden werden beantragt und genehmigt und dann doch wieder kassiert mit dem ersten längeren Vertretungsfall (nahezu jedes Jahr).

    Ich kann Kinder mit LRS individuell fördern, ABER in einer Übungsgruppe würde es besser gelingen. Diese Stunden stehen zwar im Erlass, nicht aber in der Zuteilung der Stunden.

    Ich kann Kinder, die Schwierigkeiten beim Lesenlernen haben, innerhalb der Klasse fördern, ABER die Kinder bräuchten täglich eine kurze Übung am Vormittag mit 1:1-Begleitung.

    Ich kann Kinder mit Dyskalkulie nicht therapieren, das bedarf viel Zuwendung, die man aber auch in einer Förderschulklasse mit 16 Kindern nicht aufbringen könnte. Einen Förderbedarf Lernen haben diese Kinder aber gar nicht.

    Ich kann Kindern mit Förderbedarf Lernen oder Hochbegabung zieldifferentes Material geben und sie fördern oder herausfordern, ABER besser wäre es, wenn für diese Kinder mehr Zeit/Personal wäre, damit man ihre Aufgaben würdigt, ihnen etwas erklärt, die HBG-Kinder herausfordern oder mal im Schnelldurchlauf etwas erläutern kann, Technik begleitet einsetzt.

    Alle diese Kinder laufen nicht einfach mit, sie werden gefördert, ABER Inklusion stelle ich mir anders vor.

    Und ich sehe auch nicht, dass alle diese Kinder eine andere Schule und eine andere Klasse bräuchten. Eine Klasse für alle DaZ-Kinder oder gesplittet nach Niveau,

    • eine Klasse für Kinder mit Schwerpunkt Lernen, die fit in Mathe sind,
    • eine Klasse für Kinder mit Schwerpunkt Lernen, die fit in Deutsch sind,
    • eine Klasse für Kinder mit Mutismus, die sich dann alle nicht äußern,
    • eine Klasse für neurodiverse Kinder oder zwei oder drei, je nach Ausprägung,
    • eine Klasse mit Kindern mit Förderbedarf GE oder zwei oder drei, je nach Grad der Beeinträchtigung,
    • eine Klasse …

    Das gäbe viele Schulen mit vielen Schwerpunkten, die alle spezialisierte Lehrkräfte benötigen. Wer soll das machen? Die Lehrkräfte, die dann an den Regelschulen übrig sind? Also wir? Jede und jeder von uns, der die Kinder anderswo verteilen möchte, meldet sich damit doch freiwillig für diese Aufgabe, oder?

    Und wenn diese Kinder alle durch das Land gefahren werden, finden wir in unseren Klassen weitere, die nicht in ein starres Raster passen?

    Am Ende ist ein Grund für das Scheitern der Inklusion die stete Überlastung der Lehrkräfte. Viele könnten Inklusion besser umsetzen, wenn sie dafür mehr Zeit und Luft bekämen, weil weit mehr Personal für alles in den Schulen wäre, und wenn man mehr Kraft in unterstützende Systeme stecken würde.

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