Referendariat abbrechen oder durchziehen?

  • Hallo,

    Ich wollte mal nach Meinungen fragen, da ich in einem Dilemma bin.

    Ich bin im 1. Refjahr und unterrichte die Fächer NT und Kunst an der Mittelschule.

    Mal abgesehen davon, dass ich total überfordert bin mit dem Organisieren und da zum Teil kaum hinterher komme. Ich habe extreme Klassenzusammensetzungen. Die Schüler erlauben sich bei mir alles. Sie gehen durch das Klassenzimmer, reden nur ständig, arbeiten kaum was. Natürlich habe ich auch vorbildliche SuS, die leiden aber sehr drunter.

    Ich habe verschiedene Methoden ausprobiert. Gespräche, Rote Karte mit Nachsitzen (von der KL übernommen), raus setzten, in andere Klasse setzten, Eltern kontaktieren und Verweisen. Nichts bringt! Es interessiert sie einfach nicht (sie gehen zum teil nicht mal raus, wenn man sie drum bittet) und respektlos werden sie dabei auch noch. Ich weiß nicht mehr was ich machen soll. Andere Fachlehrer haben ähnliche Probleme. Bei der Klassenleitung sind sie deutlich braver. Ich mache aber alles genau wie sie.

    Ich habe es auch mit positiver verstärkung versucht, dass macht es aber meist noch schlimmer.

    Ich frage mich inzwischen, ob ich wirklich für diesen Beruf geeignet bin und ob ich das ein lebenlang machen kann.

    Ich komme mit allem nicht mehr klar und habe so gut wie keine stressfreien Phasen. Alle meinen das wird besser, wenn man Klassenleiter ist. Ich trau dem aber nicht wirklich und ich will auch meine psyche nicht mehr kaputt machen.

    Habt ihr vielleicht Tipps?

    Oder auch Berufsalternativen? Mein Hauptfach war Biologie, Didaktikfächer Chemie, Mathe, Kunst

    Ich habe bis auf das Staatsexamen nichts. Habe lediglich im Verkauf und als Individualbegleitung Erfahrung gemacht.

    Ich bin wirklich verzweifelt.

    LG

  • Dass du noch in der Ausbildung und direkt konfrontiert mit einer herausfordenden Lerngruppe konfrontiert bist und nicht auf Anhieb die Klasse die ganze Zeit über unter Kontrolle hast, spricht erst einmal nicht gegen dich. Du schreibst ja selbst, dass Kollegen (m/w/d) ähnliche Probleme haben und warum soll es bei dir als Anfänger/in besser klappen?

    Ich verstehe vollkommen, dass ein konstanter Lärmpegel und Schüler (m/w/d), die sich nicht an die vereinbarten Regeln halten, auf Dauer sehr anstrengend sind. Du hast ein Recht auf angemessene Arbeitsbedingungen nicht nur für lernwillige Schüler (m/w/d), sondern auch für dich und du wirst da auch langfristig hinkommen, auch wenn dieser Zustand jetzt noch nicht erreicht ist.

    Es ist gut, dass scheinbar die Klassenleitung hinter dir steht und du diverse Maßnahmen durchsetzen kannst, denn nichts ist schlimmer als wenn du als Lehrkraft im Vorbereitung Methoden des Classroom Managements umsetzen möchtest, hierbei aber von Mentoren oder Schulleitungen (m/w/d) konstant behindert wirst. Gerade in herausfordernden Lerngruppen kann Classroom Management nur funktionieren, wenn die Schüler (m/w/d) den Eindruck bekommen, dass du Regeln nicht nur ankündigst, sondern auch umsetzt.

    Keine Lehrkraft ergreift den Job, weil sie Spaß daran hat, den ganzen Tag nur abweichendes Verhalten zu rügen, aber die Etablierung von Regeln und ihre Durchsetzung ist wiederum die Voraussetzung, um überhaupt erst gehaltvollen Unterricht, der die Schüler (m/w/d) auch zum Lernen anregt, durchführen zu können.

    Jede Klasse ist anders und gerade in schwierigen Lerngruppen wird es Schüler (m/w/d) geben, bei denen du das ganze Maßnahmenrepertoire durchspielen musst, eben auch bis zum Verweis. Immer daran denken: Die Schüler (m/w/d) sind dem Ganzen nicht hilflos ausgeliefert. Im Gegenteil - sie entscheiden aktiv jedes Mal auf's Neue, ob sie sich an die Regeln halten wollen oder nicht. Das würde ich auch so im Einzelgespräch kommunizieren: "Du entscheidest. Du kannst dich entweder an die Regeln halten und mit uns gemeinsam lernen. Oder du möchtest lieber stören und bekommst dafür von mir eine Konsequenz. Wie entscheidest du dich?". Vielleicht hast du die Möglichkeit, Konsequenzen zu visualisieren, sodass die Schüler (m/w/d) wissen, was passiert, wenn sie gegen eine Klassenregel verstoßen und was passiert, wenn sie sich weigern, die Konsequenz anzunehmen. Das musst du natürlich im Vorfeld überlegen und auch sichergehen, dass du diese Konsequenzen durchsetzen darfst und sie nicht im Nachhinein von Mentor/in oder Schulleitung kassiert werden.

    Du machst ihnen ein attraktives Unterrichtsangebot und wenn sie lieber die Konsequenz wollen, dann ist das so. Dann hast du nichts falsch gemacht, es war ihre bewusste Entscheidung. Und auch dabei gilt, dass die Konsequenz zwar durchgesetzt werden muss, dass die Schüler (m/w/d) aber nicht auf alle Zeit gebrandmarkt sind, sondern du ihnen jede Stunde auf's Neue die Chance gibst, sich an die Regeln zu halten und mit den Mitschülern (m/w/d) gemeinsam zu lernen - wenn sie wollen. Und wenn sie sich dafür entscheiden, lobst du sie natürlich. Wenn sie sich hingegen dagegen entscheiden und wieder stören (und dabei die nächste Konsequenz in Kauf nehmen) wollen, dann musst du auch diese Entscheidung respektieren und dann wird das Maßnahmenrepertoire durchgearbeitet.

  • Naja, du bist in der Ausbildung. Klar, dass nicht alles gleich klappt. Die Klassen merken sehr schnell, wenn man unsicher ist und sich noch nicht mit allem auskennt, und dann probieren sie halt, wie weit sie gehen können, lassen ihrem Frust/ihrer Langeweile/ihrem Schulverdruss irgendwie Luft. Das kenne ich sehr gut. Mit der Zeit wird es besser und manch einer ist nachher froh, das durchgestanden zu haben. Denn wenn man das Unterrichten erst mal im Griff hat, ist alles nicht mehr so stressig. Mit den Jahren hat man seine Unterrichtsmaterialien beisammen und kann etwas entspannter rangehen.

    Das ist die eine Seite. Dass du merkst, es greift dich psychisch an und du kannst dir nicht vorstellen, das für den Rest deiner Berufstätigkeit zu machen, dann ist das auch schon etwas, was du ernst nehmen solltest. Denn Schüler sind nunmal Schüler und man muss das schon irgendwie mögen und aushalten können. Dafür ist nicht jede/r gemacht. Und aus dem System Schule irgendwo anders hin ist nach meiner Erfahrung schwieriger als umgekehrt. Lehrkräftemangel wird es wohl noch eine Weile geben.

    Vielleicht wäre ein Weg, jetzt erst mal bis zu den Sommerferien irgendwie durchzuhalten und dann erst einmal zur Ruhe zu kommen und andere Optionen checken. Vielleicht denkst du mal Richtung Naturschutzbehörde und ähnliche Institutionen/Initiativen, studierst den Stellenmarkt, lässt dich beraten und guckst mal, wie sich das für dich anfühlt.

    Es wäre klug, zumindest das Ref abzuschließen, um die Option zu behalten, an der Schule zu bleiben oder später zurückzukehren.

    Aber man muss vor allem auf sich selbst hören und vielleicht noch auf Leute, die einen gut kennen und es gut mit einem meinen. Lebensläufe sind bunt. Ein Freund von mir hatte einen Job, den er furchtbar fand. Man riet ihm, 2 Jahre durchzuhalten, weil sich das irgendwie so gehört. Er hat gewechselt nach einem knappen Jahr - und das war richtig und hat funktioniert. Ich bewundere den Mut, die Reißleine zu ziehen, weil es nicht anders geht und ein Risiko einzugehen statt stumm zu leiden.

    Aber solche Entscheidungen sollte man nicht aus dem Stress heraus treffen (obwohl, so einen Fall kenne ich auch - wenn es einfach gar nicht mehr geht und man ganz plötzlich weiß: Nein. Stopp). Für manche funktioniert der Jakobsweg. Aber vielleicht reicht es, mal ein Wochenende allein wegzufahren. Irgendwas, was ein bisschen Abstand schafft.

  • Nun - Kunst ist für viele Schüler "Freizeit". Du kannst - bzw. musst - sie durch interessante Themenstellungen "fesseln" und Zeitlimits setzen. Ich habe zu jedem Thema immer ein "Lehrerexemplar" erstellt. Nicht, um es den Schülern zu zeigen, sondern um zu sehen, wo "Stolpersteine" bei der Umsetzung liegen und welches Zeitbudget für die Umsetzung notwendig ist.

    Du schreibst, das du im 1.Refjahr bist. Weil der Beginn je nach BL unterschiedlich ist: Wie viele Monate unterrichtest du bereits? Wie viel hast du noch vor dir?

    Zweifel im Ref sind normal. Das Ref ist in erster Linie ein Test auf Stressresilienz. Wenn du nach diesem Begriff googelst, erscheint folgende Definition:

    Zitat

    Stressresilienz ist die psychische Widerstandsfähigkeit, Krisen, Rückschläge und hohen Druck zu bewältigen, ohne langfristig daran zu erkranken. Sie gilt als trainierbare Fähigkeit, die sich aus verschiedenen Faktoren wie Optimismus, Lösungsorientierung und Selbstfürsorge zusammensetzt, um gesund zu bleiben.

    Kernaspekte der Stressresilienz

    • Definition: Die Fähigkeit, nach schwierigen Zeiten wieder aufzustehen und an Herausforderungen zu wachsen.
    • Keine statische Eigenschaft: Resilienz ist kein festgelegtes Merkmal, sondern ein dynamischer Prozess, der sich im Laufe des Lebens verändern und stärken lässt.
    • Wirkung: Sie schützt vor den negativen Auswirkungen chronischen Stresses auf Körper und Psyche.

    Die 7 Säulen der Resilienz (nach Experten)
    Die Förderung der Widerstandskraft basiert oft auf diesen Schlüsselfaktoren:

    1. Optimismus: Positiv in die Zukunft blicken, auch in schwierigen Zeiten.
    2. Akzeptanz: Unabänderliche Gegebenheiten annehmen, statt dagegen anzukämpfen.
    3. Lösungsorientierung: Den Fokus auf Möglichkeiten und Lösungen statt auf Probleme legen.
    4. Opferrolle verlassen: Eigenverantwortung übernehmen und aktiv gestalten.
    5. Selbstfürsorge: Auf die eigenen Bedürfnisse und Gesundheit achten.
    6. Netzwerkorientierung: Beziehungen pflegen und Unterstützung suchen.
    7. Zukunftsplanung: Ziele setzen und Pläne für die Zukunft entwickeln.

    Wie lässt sich Stressresilienz stärken?

    • Regelmäßige Erholung: Ausreichend Schlaf und bewusste Pausen zur Regeneration.
    • Bewegung & Ernährung: Ein gesunder Lebensstil unterstützt die mentale Stabilität.
    • Achtsamkeit: Meditation und Achtsamkeitsübungen helfen, im Moment zu bleiben und Stress abzubauen.
    • Soziale Kontakte: Soziale Unterstützung wirkt als Puffer gegen Stress.

    Resilienz ist trainierbar wie ein Muskel und hilft, trotz hoher Anforderungen, wie sie etwa im Arbeitsplatzkontext vorkommen, stabil zu bleiben.

    Wenn du hier im Forum die Suchfunktion anwirfst und den Begriff "Referendariat" eingibst, wirst du erkennen, dass du nicht alleine mit den Belastungsfaktoren bist. Dieses Wissen hilft bereits, nicht alles auf die eigene Verantwortlichkleit zu schieben und Versagensängste zu entwickeln. Geh' davon aus, dass du immer besser wirst. Das ist auch Sinn und Zweck dieser Phase.

    Und ja - das Leben nach dem Ref ist anders. Die Schüler merken sehr schnell, dass du am unteren Ende der Hierarchiekette der Lehrer stehst und testen dich aus.

    Mein Rat: Zieh' das durch. Du hast bereits viel Zeit, Energie und auch finanzielle Mittel investiert, um dahin zu gelangen, wo du dich befindest. Die Rendite gibt es nach dem Ref. Dann wird Vieles Routine und man schüttelt das aus dem Ärmel, was man in den "Lehrjahren" dort hineingesteckt hat.

    Vielleicht helfen dir im Kunstunterricht meine Tipps und Linkhinweise, die ich über die Jahre zusammengetragen habe:
    https://autenrieths.de/kunstunterricht.html

    Auf der Website findest du auch Hinweise zu NT

    Meine Beiträge können Spuren von Ironie und Sarkasmus enthalten. "Tippfehler" sind beabsichtigt und dienen dem reflektierten Umgang mit Rechtschreibung und Sprache durch die werte Leserschaft. Wer einen Rotstift besitzt, darf diesen behalten und anderweitig nutzen.
    «Wissen – das einzige Gut, das sich vermehrt, wenn man es teilt.» (Marie von Ebner-Eschenbach)

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