Analphabeten in der 2. Klasse - was tun?

  • Hallo,


    ich gebe gemeinsam mit einer Kollegin Leseförderunterricht in der 2. Klasse.


    Das Niveau ist sehr unterschiedlich: einige Schüler flüstern sich die Wörter silbenweise vor, andere können zwar Wörter in Gänze lesen, holpern aber viel und erkennen z.T. den Sinn des Textes nicht. Soweit, so gut... mit einigen wenigen SchülerInnen können wir allerdings im Prinzip gar nicht arbeiten, da diese teilweise nicht einmal Buchstaben erkennen, geschweige denn diese zu Silben zusammenfügen können. Von Lesen kann hier nicht die Rede sein.


    Diese letzte Gruppe, die ungefähr 1/4 der Schüler ausmacht und zum Großteil aus Kindern besteht, deren Muttersprache nicht deutsch ist (wird deswegen zum Problem, weil es in der LeFö vor allen Dingen um die Sinnerfassung von Texten geht), bereitet uns sehr große Sorgen. Wir müssten praktisch mit der ersten Klasse beginnen, um überhaupt ein selbstständiges Lesen ermöglichen zu können.


    Ein Mädchen ist m.E. funktionale Analphabetin, sie kann zwar Texte weitgehend fehlerfrei abschreiben; sie kann aber gar nicht lesen. Wörter rät sie nur, und wenn ich sie darum bitte, einzelne Buchstaben zu benennen, fällt ihr auch dies z.T. sehr schwer, bzw. gelingt gar nicht. Sie zurückzustufen, ist keine Option, da sie die erste Klasse bereits wiederholt hat. Anderen Kindern geht es ähnlich.


    Ich weiß nicht, was ich tun soll. Wir werden die Gruppe in jedem Fall teilen, aber eigentlich bräuchten diese Kinder Einzelbetreuung und tägliches Lesetraining. Von zu Hause kann man wohl wenig erwarten.


    Hat jemand von euch ähnliche Probleme? Oder Ideen, was man in diesen Fällen tun könnte?


    Ich bin etwas verzweifelt :(


    Herzliche Grüße,


    SchmidtsKatze

  • Der Leselernprozess darf zwei Jahre dauern. Bei nicht Muttersprachlern sicher noch mehr Zeit und Geduld nötig. Wenn ein Kind allerdings in 3 Jahren nicht mal die Buchstaben lernt, dann würde ich mir zudem die Matheleistungen anschauen und mich ggf. wg. "Förderbedarf Lernen" erkundigen.

  • Gehört das Mädchen in die letzte Gruppe (Sprachanfänger)?

  • Ja, ich denke, wir werden es so machen, wie @koritsi sagt: von Null starten. Das hatte ich mir auch schon überlegt, ist für die Kinder dann natürlich schwer, den Anschluss in anderen Fächern zu bekommen/behalten.


    @Schantalle: an einen Förderstatus hatte ich auch schon gedacht, das muss ich mal mit der KL beschnacken. Sie spricht angemessenes Deutsch und versteht alles, was man ihr vorliest, nur selbst lesen ist nicht möglich :(


    @Trantor, naja, wie mans nimmt... ihre Eltern sind nicht deutsch, aber sie spricht mit typischen Fehlern in altersangemessener Weise Deutsch. Sie ist hier geboren und kann sich verständlich ausdrücken. Die Feinheiten der dt. Sprache beherrscht sie nicht, aber das kann ich aber von 2.Klässlern nicht erwarten.

  • @Trantor, naja, wie mans nimmt... ihre Eltern sind nicht deutsch, aber sie spricht mit typischen Fehlern in altersangemessener Weise Deutsch. Sie ist hier geboren und kann sich verständlich ausdrücken. Die Feinheiten der dt. Sprache beherrscht sie nicht, aber das kann ich aber von 2.Klässlern nicht erwarten.

    OK, ich hatte gedacht, es könnte auch sein, dass die Eltern die lateinische Schrift nicht beherrschen, das kenne ich zum Beispiel von Schülern aus Bangladesh

  • @Krümelmama: das ist eine gute Idee, das werde ich mal erfragen, was in der Hinsicht möglich ist. Das in einer Stunde pro Woche zu leisten, was in der ersten Klasse in 5 Stunden Deutsch in der Woche geschafft wird, erscheint mir für die Kleine fast unmöglich.


    @Trantor: Wenn es so gewesen wäre, hätten wir sie in den DaZ-Unterricht gesteckt, da ist sie aber sicher vom Sprachniveau eher unterfordert. Da geht es ja mehr um so Sachen wie richtige Artikel und richtiger Satzbau. In dem Fall stimmen diese Komponenten, nur die schriftliche Sprache ist problematisch. :( Wobei andere Kandidaten meiner Ansicht nach noch in der DaZ-Klasse bleiben müssten, damit sie überhaupt beschulbar werden.


    Ich möchte den Kindern so gern die Chance geben, in der 2. Klasse weiter mitzuarbeiten, aber ohne Lesen keine Sachaufgaben, kein Sachunterricht, nicht mal Musik, wenn Lieder mit vielen Strophen gesungen werden...


    Danke für eure Tipps! Ich werde mich mal mit den entsprechenden Kollegen zusammentun :)

  • Ist sie nur in Deutsch so schwach (speziell lesen und schreiben) oder auch in Mathe? Ansonsten würde ich -wenn möglich - eine LRS abklären, bevor der FS Lernen beantragt wird (vorausgesetzt, dass passt zeitlich - ansonsten könnte LRS ja auch beim Gutachten erkannt und somit ein FS Lernen ausgeschlossen werden. Manchmal sind die Fristen ja ziemlich knapp gesetzt...).

  • Ehrlich gesagt kenne ich mich mit den Fristen gar nicht aus. Es muss ja auch erstmal ein Förderbedarf bzw. LRS festgestellt werden, bevor irgendwas beantragt werden kann, oder? o.O


    Ich muss auf jeden Fall mit der Klassenlehrerin sprechen, die Kinder mit dem sehr schwachen Lesen stammen nämlich alle aus einer von vier 2. Klassen.

  • Vielleicht kannst du mit bzgl. Länge und Schwierigkeit differenzierten Texten (Wörter in Silbenschreibweise) arbeiten und den Buchstabenlehrgang aus der ersten Klasse wiederholen. An meiner Schule wird frühzeitig diagnostiziert (BUEGA) und in Kleingruppen gefördert (Teilungsunterricht, Förderunterricht zusätzlich zum Regelunterricht, LRS-Förderung, DaZ-Förderung). Meine schwächsten Leser/-innen trainierten erfolgreich mit IntraAct von Jansen. Für das aktuelle Schuljahr ist in meiner zweiten Klasse eine Rentnerin als Lesepatin eingesetzt, die mit einzelnen Kindern parallel zum Regelunterricht übt. Zur Motivation habe ich seit der ersten Klasse einen Lesepass eingeführt, mit dem die Kinder Perlen für den Lesewurm sammeln können.

  • Den Anspruch, in einer Stunde diese Rückstände aufzuholen, solltest du dir nicht stellen.
    Ich sehe es wie die Vorschreiber/innen: Buchstaben wiederholen, Buchstaben verbinden. Vielleicht kannst du dir Intra-Act-Plus kaufen (Ordner, meiner hat 25 € gekostet), da kannst du Blätter draus kopieren, mit denen die Kinder Buchstaben, Silben und erste Wörter lesen üben können.


    Am wichtigsten erscheint mir hier eine Zusammenarbeit mit der Klassenlehrerin. Wenn ich die Klassenlehrerin der besagten Klasse wäre, hätte ich dir niemals einfach so eine Gruppe gegeben und du dürftest dich selber drum kümmern, sondern ich hätte dich über den Leistungsstand, die Hintergründe und ein ungefähr sinnvolles Niveau informiert. Zusätzlich hätte ich dir Fördermaterialien angeboten.

  • Danke ihr Lieben, für den Tipp zu intra act, das werde ich mir in jedem Fall mal anschauen.


    Mit den Käfern, die bereits mehr oder minder okay lesen, arbeiten wir mit der “Besser lesen“-Reihe und wir wollen nach den Herbstferien mit einem Lesepass starten.
    Aber mit den ganz schwachen Kindern werde ich mal sehen, was sich so mit dem Intra Act-Programm retten lässt. Das Mädchen mit den sehr großen Problemen werde ich für einen LRS-Test vorschlagen, anders kann ich mir das kaum erklären.


    Liebe Grüße, SchmidtsKatze

  • @Conni: Dass die Klassenlehrerin mir die Kinder einfach so “aufgebrummt“ hat, ist natürlich blöd, da hast du recht... aber wir arbeiten in der LeFö ja im Team mit 12 Kindern, sie hat eine Klasse mit fast 30 Kindern, in der das schlechte Lesen nur einen Bruchteil des Gesamtproblems ist :/

  • Ich würde auch überprüfen, ob das Mädchen über die nötigen Grundlagen bezüglich phonologischer Bewusstheit verfügt, d.h. kann sie Reime erkennen, Silben klatschen, Anlaute heraushören? Wenn sie hier noch Probleme hat, würde ich diese Bereiche erstmal mit ihr üben.

  • Tägliches Training ist, jedenfalls für mich, nicht möglich, da die LeFö nur eine Stunde in der Woche stattfindet.
    Ich habe nochmal mit der Klassenlehrerin gesprochen: Das Mädchen ist in allen anderen Fächern ebenfalls überfordert und auch emotional-sozial in der Entwicklung stark beeinträchtigt.
    Die Überprüfung des Förderbedarfs ist schon seit Längerem im Gespräch, aber das muss ja auch beantragt werden etc.


    Sie hatte wohl auch schon über einen längeren Zeitraum eine Förderlehrkraft als Stütze für den Unterricht.. richtige Früchte scheint das jedoch nicht getragen zu haben.

  • Mich würde mal interessieren: Könntet ihr in Schleswig-Holstein auch ggf. gegen den Willen der Eltern Förderbedarf Lernen beantragen bzw. ein AO-SF mit Verdacht auf diesen Förderbedarf hin starten? In NRW hat man bei Förderbedarf Lernen in der Regel keine Aussicht auf Erfolg, wenn die Eltern dagegen sind. Dann bekommt man vom Schulamt den Antrag auf Eröffnung des Verfahrens zurück und es passiert nichts.


    In den ersten beiden Grundschuljahren kann in NRW auch kein AO-SF in Hinblick auf Förderbedarf Lernen oder Sprache von der Schule her gestartet werden.

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