Papierkram - Schreibtisch statt tatsächlicher Förderung

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  • Papierkram - Schreibtisch statt tatsächlicher Förderung

    Hallo,

    Vllt hat jemand Ideen und Tipps, mit dem anfallenden Papierkram umzugehen.

    Ich bin Sonderpädagogin und habe z.Z. das Gefühl keinem Kind mehr in der Inklusion gerecht zu werden!

    Ich hatte dieses Jahr bis dato 7 Entwicklungsberichte, schreibe an meinem 4. AO-SF, habe 5 Erweiterungs-/ Förderortswechselanträge zu schreiben, 37 Förderpläne, 2 AO-SF Anträge der Grundschulkollegen mit unterstützt, 5 selbst komplett geschrieben (Schulneulinge), Zeugnisse meiner Lernen-SuS (12 Stück) etc. habe bestimmt noch einiges vergessen - aber ich denke, ihr wisst, wovon ich spreche (es geht auch vermutlich ähnlich! Soll jetzt auch kein Wettbewerb sein "Wer-hat-am-meisten-zu-tun")

    Fakt ist: ich sitze viel am Schreibtisch, allerdings nicht um die Förderung und Unterricht zu planen und vorzubereiten, sondern um verschiedene Ordner zu füllen. Das empfinde ich als sehr unbefriedigend!

    Um mich zeitlich zu schützen, plane ich die für mich wirklich wichtigen Sachen kaum und bereite auch viel weniger vor als früher. Aber kann es das sein? Wie sinnvoll ist mein Beruf so?

    Ich überlege, eine Überlastungsanzeige zu stellen und zu argumentieren, dass ich so momentan keine adäquate Förderung durchführen kann.

    Ist das überzogen? Übertreibe ich? Wie geht ihr damit um? Vllt haben ja einige einen Tipp für mich! Das würde mich sehr freuen :)
  • Hallo wocky,

    bei allem Frustverständnis fürchte ich, dass Überlastungsanzeige da nicht passt. Du hast tatsächlich sehr viele Kids, für die du verantwortlich bist. Das würde mich auch nerven. Dass das aber in der "Inklusion" eher normal ist dürfte dir der Arbeitgeber dann vorrechnen.

    Ich weiß ja nicht, wie viele Stunden du effektiv für Förderpläne nutzen sollst und am Ende auch tust, aber Förderpläne sind ja nicht nur für den Ordner, dort überlegst du letztlich genau, was du mit dem Kind im Unterricht zu tun gedenkst. Sie könnten also die halbe Miete der Vorbereitung sein.

    Ich kotze zwar auch jedes Jahr über die Förderpläne ab, allerdings stelle ich auch jedes Mal fest, was man mit der Zeit übersieht und was im Alltag so untergeht. Ich finde Förderpläne ehrlich gesagt nicht nur für "die Tonne".
  • Ich bin keine Sonderpädagogin, sondern Regelschullehrerin an einer Hauptschule in NRW und mir geht es ähnlich.
    Ich reduziere meine Unterrichtsvorbereitung auf ein (peinliches) Minimum, weil die Verwaltung der 26 Schüler (davon 5 Förderkinder mit LE, einer mit ES, 3 aus Vorbereitungsklassen) so viel Raum einnehmen. Die Gutachten 3er der LEs laufen gerade ... die AOSF- Anträge dafür waren parallel zur Klassenleitung der Wahnsinn. Wir schreiben an unserer Schule selber die Förderpläne und die Textzeugnisse.
    "Unser" Sonderpädagoge der Unterstufe (jeweils zwei Klassen in Stufe 5-7) betreut so viele "Fälle", dass er vom Schreibtisch auch nicht mehr wegkommt.
    Richtige Förderung von seiner Seite aus kann nur punktuell stattfinden (etwa 2 Stunden pro Klasse und Woche).

    Es ist wirklich unbefriedigend. Ich würde gern mehr Zeit ins Unterrichten und Fördern stecken.
    Ich tippe am Handy.
  • Danke für eure Rückmeldungen!

    An den Förderplänen sitze ich echt verhältnismäßig kurz und ja, sie unterstützen natürlich auch die Arbeit! Genau wie die Entwicklungsberichte beim Reflektieren. Eine genaue, gute Planung, gute Vorbereitung etc. ersetzen sie natürlich trotzdem nicht (müssen sie auch nicht!). Mich belastet wohl mehr, ständig aus den Klassen zu sein, da wieder ein Gutachten durchgeführt werden muss etc.
    Ich weiß, das gehört auch zu meinen Aufgaben (und die Diagnostik, Beratung etc. mache ich an und für sich auch MAL ganz gerne). Nur diese Häufigkeit bringt mich aus meinem Förder- und Unterstützungsrhythmus. Ständig fehle ich wegen eines AO-SF, Vertretungstätigkeiten, Diagnostik der Schulneulinge etc.
    Ich mache alle meine Aufgaben eigentlich gerne, nur verdrängen mittlerweile eben viele das Unterrichten und Fördern selbst - und nicht nur ein bisschen, sondern massiv. Vllt muss ich damit leben, dass sich mein Berufsbild so verändert hat - viele Regelschulkollegen müssen dies durch die Inklusion ja auch. Vllt muss ich auch zurück an die Förderschule (möchte dies aber eigentlich nicht - ich stehe hinter dem Inklusionsgedanken!). Oder ich versuche zumindest durch Anzeigen und Hinweise meinen Beitrag zu leisten, dass sich das System zukünftig vllt positiv verändert. Ich weiß, letzteres wird sehr wahrscheinlich nicht unbedingt mit Erfolg gekrönt, aber (noch) weigert sich alles in mir, alles einfach hinzunehmen oder zu "flüchten". Ich werde meinen Dienstherren darauf hinweisen, dass ich unter den jetzigen Bedingungen einigen meiner Kernaufgaben nicht gerecht werden kann. Ob sich dadurch was ändert? Aber ich möchte es zumindest nicht unversucht lassen.
  • wocky schrieb:

    Danke für eure Rückmeldungen!

    An den Förderplänen sitze ich echt verhältnismäßig kurz und ja, sie unterstützen natürlich auch die Arbeit! Genau wie die Entwicklungsberichte beim Reflektieren. Eine genaue, gute Planung, gute Vorbereitung etc. ersetzen sie natürlich trotzdem nicht (müssen sie auch nicht!). Mich belastet wohl mehr, ständig aus den Klassen zu sein, da wieder ein Gutachten durchgeführt werden muss etc.
    Ich weiß, das gehört auch zu meinen Aufgaben (und die Diagnostik, Beratung etc. mache ich an und für sich auch MAL ganz gerne). Nur diese Häufigkeit bringt mich aus meinem Förder- und Unterstützungsrhythmus. Ständig fehle ich wegen eines AO-SF, Vertretungstätigkeiten, Diagnostik der Schulneulinge etc.
    Ich kann das generell nachvollziehen. Ich bin zur Zeit ähnlich unzufrieden mit der Beratung, weil man kaum vorankommt: ständig renne/maile ich irgendetwas hinterher, man kommt auf keinen gemeinsamen Termin, weil alle bei sich so eingebunden sind, die administrativen Prozesse nicht in die Gänge kommen bzw. völlig undurchsichtig sind usw. usf. Dazu hat sich der schlechteste Stundenplan gesellt, den ich jemals hatte: abzüglich meines Tages in der Beratung habe ich 17 Stunden Unterricht plus die Teamsitzung an vier Tagen mit nun insgesamt sieben Freistunden mittendrin. Ich habe mal nachgefragt, was ich mit so vielen Freistunden ernsthaft anfangen soll. Antwort: Ich solle etwas für die Beratung tun. Aha, ich kann keine Regelschulkollegen anrufen, weil die eben im Unterricht sind, die meisten Eltern sind bei der Arbeit und wir teilen uns mit einem guten Dutzend Kollegen in der Beratung ein Büro, wo genau ein Schreibtisch, ein PC mit Drucker und ein Telefon drinsteht. Die benötigten Akten sind ebenfalls dort drin und weitere Arbeitsplätze in völlig anderen Gebäuden. Es ist echt ein Witz! Im Gebäude gegenüber mit akzeptabler Laufdistanz zu den Akten und dem Sekretariat wäre das komplette Erdgeschoss frei, wo man prima Arbeitsplätze einrichten könnte. Nur unser Verwaltungsleiter hockt auf dem Geld, als ob es sein eigenes wäre. Ich bin ziemlich organisiert und strukturiert, aber auch ich weiß nicht mehr, wie ich so dort ernsthaft arbeiten soll.


    wocky schrieb:

    Vllt muss ich auch zurück an die Förderschule (möchte dies aber eigentlich nicht - ich stehe hinter dem Inklusionsgedanken!). Oder ich versuche zumindest durch Anzeigen und Hinweise meinen Beitrag zu leisten, dass sich das System zukünftig vllt positiv verändert. Ich weiß, letzteres wird sehr wahrscheinlich nicht unbedingt mit Erfolg gekrönt, aber (noch) weigert sich alles in mir, alles einfach hinzunehmen oder zu "flüchten". Ich werde meinen Dienstherren darauf hinweisen, dass ich unter den jetzigen Bedingungen einigen meiner Kernaufgaben nicht gerecht werden kann. Ob sich dadurch was ändert? Aber ich möchte es zumindest nicht unversucht lassen.
    Ich würde es an deiner Stelle auf jeden Fall aufzeigen, und zwar auch in gesundheitlicher Hinsicht. Ich merke im Moment, dass sich meine Beratungstätigkeit zwar zeitlich für mich positiv auswirkt, aber es mich vermutlich über die Jahre krank macht, ständig sehen zu müssen, wie manche Kinder in der Regelschule vor die Hunde gehen und mir da eigentlich die Hände gebunden sind. Da finde ich schwierige Schüler bei uns bei weitem nervenschonender. Klar, Berufe wandeln sich, aber in der Inklusion kommt man schon ziemlich weit weg vom ursprünglichen Beruf. In der Beratung wurde ich zumindest nicht ernsthaft ausgebildet und auch Weiterbildungsangebote gibt es zu meinem speziellen Bereich ebenfalls nicht.
    Aus meinen jetzigen Erfahrungen stelle ich fest, dass es sehr schwer ist, an dem System mit gutem Willen und Argumenten etwas zu ändern. Dazu sind die Strukturgeber aus der Politik zum Teil einfach zu borniert und realitätsfern. Die größten Änderungsimpulse gab es meiner Meinung nach, wenn das System dem Abgrund immer näher rückte und die Elternbeschwerden in Richtung Politik massiv wurden.
  • Das nervt mich allerdings auch zunehmend. Auf der einen Seite wird man mit Urkunde zum Diagnostikfachmann gelobhudelt (einer muss ja nach wie vor die Inklusionskinder bestimmen) und auf der anderen Seite gibt's nur einen kaputten schwarz-weiß-Drucker als Ausstattung :telefon:

    Sollen sie uns doch dann bitte Büros, Beratungsräume oder wenigstens einen Telefonanschluss zur Verfügung stellen. Selbst der Hausmeister hat mehr Telefon!
  • Krabappel schrieb:

    Das nervt mich allerdings auch zunehmend. Auf der einen Seite wird man mit Urkunde zum Diagnostikfachmann gelobhudelt (einer muss ja nach wie vor die Inklusionskinder bestimmen) und auf der anderen Seite gibt's nur einen kaputten schwarz-weiß-Drucker als Ausstattung :telefon:

    Sollen sie uns doch dann bitte Büros, Beratungsräume oder wenigstens einen Telefonanschluss zur Verfügung stellen. Selbst der Hausmeister hat mehr Telefon!
    Genau so ist es, aber das ist in der Welt draußen auch gar nicht so wirklich bekannt. Ich habe das mal einer Freundin erzählt, die einen klassischen Bürojob hat. Man erhält nur verwunderte Blicke zurück. Wer rechnet denn damit, dass ein Mindeststandard nicht ansatzweise erfüllt ist. Man ist da so abhängig von der Verwaltung, die aber auch unsere Arbeitsabläufe so etwas von überhaupt nicht kennt. Da die bei uns im Haus sitzt, bekommen wir das direkt zu spüren und können das direkt beobachten. Wir müssen auch Bestellungen über die Verwaltung abwickeln bzw. die bestellen es eben, weil sie unser Geld mitverwalten. Darunter sind eben auch Lehrerexemplare, die man nicht in der örtlichen Buchhandlung bestellen kann, sondern direkt beim Verlag. Also kommt ein Teil der Bestellung nicht, weil "nicht verfügbar". Meine Kollegin erklärt, dass er dafür dort eben direkt beim Verlag mit Schulstempel bestellen muss - nö, so etwas macht er nicht, aber selbst sollst du es ja auch nicht bestellen. :autsch: Eine Verwaltung kann eine ganze Schule an der Nase herumführen. Es hinterlässt uns zum Teil fassungslos.
    Mit einer Kollegin habe ich heute darüber halb gewitzelt, dass es deren späte Rache am System Schule ist, weil sie irgendwann von irgendjemandem aus dem System gekränkt wurden. Ein bisschen ist da auf jeden Fall etwas dran.
  • MilaB schrieb:

    Ich bin keine Sonderpädagogin, sondern Regelschullehrerin an einer Hauptschule in NRW und mir geht es ähnlich.
    Ich reduziere meine Unterrichtsvorbereitung auf ein (peinliches) Minimum, weil die Verwaltung der... Schüler so viel Raum einnehmen.
    Genau so ging es mir im letzten Jahr auch. Verwaltung von Schülern (zwei Drittel der Klasse mit Förderplan) neben dem normalen Unterricht, der normalen Klassenleitertätigkeit und umfassender Schulentwicklung ließ häufiger nur noch Raum für Schwellenpädagogik mit Schwellendifferenzierung.
    Unsere Sonderpädagogen saßen ähnlich viel wie du an ihren Schreibtischen und kamen kaum hinterher.
    Das ist leider die Realität der Inklusion.
    Vermutlich würde es mich an Stelle der TE genauso nerven.
    Free Klorollen! Keine Klorollen-Basteleien mehr in Grundschulen!

    Immer wieder gut, Bodo Wartke: youtube.com/watch?v=WiCV4KKW6Nw
  • Hallo Wocky,
    du sprichst mir aus der Seele. Der Papierkram erschlägt einen und die eigentlich sonderpädagogische Förderung bleibt auf der Strecke. Nach 5 Jahren an unserer Schule bin ich dort als Sonderpädagoge wirklich frustriert. Ich bin eine Mischung aus Verwaltungsfachkraft- Vertretungsreserve und Heizungslehrer geworden. Meinen eigentlich erlernten Beruf übe ich jedenfalls nicht mehr so wie früher aus. Jeden Tag sehe ich die Grenzen der Inklusion, zumindest an meiner Schule.
  • Das Ergebnis der punktuell in den Stundenplan integrierten Form von "Team-"teaching, d.h. zu zweit in einem Raum unterrichten durch Doppelbesetzung. Der zweite Lehrer, der unterstützend wirken soll, mutiert dabei zu einer Art Hilfslehrer, der je nach Unterrichtsphase oder Kollegen, an der Heizung hockt (am Rand des Raumes) und wartet, bis er sich einbringen kann. Im schlimmsten Fall kommt es kaum zum Einbringen.
    Im Alltag ist Teamteaching mM nach aber auch kaum gut planbar aufgrund diverser Rahmenbedingungen (hohes StundenKontingent, Doppelbesetzung in zig verschiedenen Teams involviert.) Das gemeinsame Planen kann leider mehr Arbeit machen als es entlastet. Bei uns fällt die Doppelbesetzung oft weg aufgrund von Vertretung, so dass sich eine konkrete Teamplanung mittlerweile gar nicht mehr lohnt. Ist für den Sonderpädagogen, mich als Klassenlehrerin und die Schüler alles andere als toll.
    Mittlerweile freuen wir uns einfach nur noch, wenn morgens beim Blick auf den Plan klar wird, dass keine der wöchentlich zwei (!!!) stattfindenden Förderstunden in Form von Doppelbesetzung ausfällt. Ich versuche dann aus den Stunden Übungsstunden mit möglichst wenig Frontalphasen zu machen, damit wir beide nah am Schüler arbeiten und unterstützen können.
    Ist schon ganz schön zu zweit, weil man mehr Schülern helfen kann. Ein pädagogisches Feuerwerk ist das aber nicht und ein sondepädagogisches Studium braucht man dafür leider auch nicht. Ich verstehe wirklich, warum viele Sonderpädagogen in der Inklusion unzufrieden sind.
    Ich tippe am Handy.

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von MilaB ()

  • Ich war eine Zeit lang auch als Doppelbesetzung in einer Sekundarschule für Englisch für die Inklusionskinder eingesetzt. Übrigens, meine gesamte Qualifikation dafür waren 45 min Fortbildung.
    Insgesamt war ich von vier verschiedenen Lehrern die Doppelbesetzung von 3 bis 5 Unterrichtsstunden wöchentlich. Absprachen waren nur sehr sehr eingeschränkt möglich, denn es fehlte einfach die Zeit. Letztlich hat der "Hauptlehrer" mir in den Pausen gesagt, was er machen will bzw. oft erst kurz vor Unterrichtsbeginn. Meist kam er aber davor erst noch gehetzt aus einer anderen Klasse und musste sich erst sammeln, um dann schon wieder über die nächste Klasse zu reden. Damit sind eigentlich die Pausen weggefallen, die aber auch umheimlich wichtig sind, um zwischen den anstrengenden Klassen durchzuatmen. Ach ja, entweder war dann der "Hauptlehrer" oder ich auch noch zur Aufsicht auf dem Schulhof.
    Gelegentlich haben wir auch die ganze Woche schon durchgesprochen, aber nichts ist unplanbarer, als Unterricht für mehrere Stunden hintereinander.
    Mit einer anderen Kollegin habe ich teilweise jede Woche nach der gemeinsamen 7. Stunde noch die gesamte 8. Stunde die Stunde nachbereitet und die anderen Stunden vorbereitet. Das empfanden wir beide als extrem arbeitsaufwendig. Trotz gleicher Wellenlänge ist es uns nicht gelungen, für uns guten Team-Teaching-Unterricht zu machen. Letztlich fanden wir die Lösung: Aufteilung der Gruppe in zwei Gruppen mit fast getrennten Unterricht nach einem gemeinsamen Unterrichtsbeginn.

    Ach ja, außerdem waren wir beide Vertretungsreserve, d.h. oft gab es gar keine Doppelbesetzung, weil ich oder die anderen Kollegen in anderen Klassen zur Vertretung eingesetzt waren. Dazu gab es verschiedene Modelle: ich war zur Vertretung in den Klassen, die sowieso ohne Doppelbesetzung allein in Englisch unterrichtete und die andere Kollegin machte dann die Stunde allein oder umgedreht.

    Letztlich fanden alle Kollegen an der Schule, dass Doppelbesetzung nur sehr sehr schwer umsetzbar ist und entschieden sich (in Absprache mit der Schulleitung) für eine Aufteilung in Gruppen.
  • Danke MilaB für die Erläuterung. Das klingt tatsächlich sehr unbefriedigend. Schade, wenn es so läuft. Bei uns an der Schule ist die Zusammenarbeit von Sonderschullehrkraft und KL/Fachlehrern in der Inklusionsklasse deutlich anders aufgebaut. Da sind beide Parteien klar gleichberechtigt am Unterrichtsgeschehen der gesamten Klasse beteiligt und sind auch für alle Schüler der Klasse - ob mit oder ohne Inklusionsbedarf- Ansprechpartner. "Heizungslehrer" ist da keiner.
  • Gleichberechtigte Ansprechpartner sind bei uns auch alle. Wir verstehen uns sogar sehr gut und kommunizieren auch so gut wie möglich untereinander.
    Aber echter gemeinsamer Unterricht wird eigentlich nicht zu zweit geplant, da wirklich die Zeit dazu fehlt, es sich häufig nicht realisieren lässt aufgrund von Vertretung oder es zu zweit einfach viel länger dauert, als alleine.
    Wie wird das Teamteaching (oder noch konkreter: die Planung von Unterricht in Doppelbesetzung) bei euch konzeptionell umgesetzt? An welcher Schulform bist du?
    Wir geben uns echt große Mühe...
    Dazu muss ich sagen, dass ich an einer Hauptschule im Brennpunkt bin, an der alle Klassen natürlich Inklusionsklassen sind. Migrationsanteil 87%. Personaltechnisch sieht es nicht so rosig aus, obwohl wir eine ganz tolle Schule sind. Standort schreckt viele Bewerber ab.
    Ich tippe am Handy.

    Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von MilaB ()

  • Um meine Frage nochmal zu konkretisieren: @CDL: auch wenn beide Lehrer Ansprechpartner sind, gibt es doch einen, der den Unterricht leitet oder? Nur selten passt ein Team so gut zusammen, dass man sogar die Frontalphasen gemeinsam leiten kann. Das hatte ich bisher nur zweimal in der Vergangenheit.
    Gibt es bei euch im Unterricht keinen "Hauptlehrer", der den Unterricht anleitet? Oder arbeitet ihr hauptsächlich mit offenem Unterricht? Das ist bei uns aufgrund des sozialschwachen Klientels nur gezielt punktuell möglich/sinnvoll.
    Ich tippe am Handy.
  • Vor allem, was ich gleich beschreibe vorneweg: Wir sind keine Brennpunktschule, viele Schüler kommen aus eher intakten, funktionalen Familienverhältnissen (vor allem in der Inklusionsklasse) und haben exakt eine Inklusionsklasse mit mehreren Schülern mit unterschiedlichem sonderpädagogischem Förderbedarf (geistige Entwicklung, Verhalten, ... ) . Der Abstimmungsbedarf innerhalb des Kollegiums ist damit natürlich deutlich überschaubarer, als ich mir das bei euch vorstelle MilaB.

    In dieser Klasse sind Klassenlehrer und Sonderpädagogin ein festes Tandem und planen weitestgehend den Unterricht im Team, damit die Themen des sonderpädagogischen Lehrplans und des Sek.I-Lehrplans möglichst gut verzahnt werden können und an Stellen, an denen das nicht möglich ist, zumindest methodisch verzahnt wird, indem "nicht-inklusive" Schüler wenn sie mit ihren Aufgaben fertig sind als Tandempartner in den Differenzierungsraum gehen etc. Je nach Unterrichtsstunde kann das bedeuten, dass Frontalphasen von beiden geführt werden oder die Klassenlehrerin/Fachlehrkraft die Frontalphase führt, während die Sonderpäd. gezielt bei einzelnen Schülern sitzt und diese bei der Erfüllung der Aufgabe unterstützt. Dabei hat die Sonderpäd.aber immer die ganze Klasse mit im Blick und unterstützt auch Schüler ohne Förderbedarf bei Bedarf ganz selbstverständlich.
    In dieser Klasse wird sehr viel (und in den meisten Fächern) mit Wochenarbeitsplänen und offenen Unterrichtsformen gearbeitet, um dem unterschiedlichen Lerntempo der SuS gerecht zu werden und eben an vielen Einzelstellen unterschiedliche Wochenpläne verzahnen zu können. Da kann beispielsweise im Wochenplan stehen, dass man als eine Teilaufgabe mit Schüler x, y oder z mit Förderbedarf geistige Entwicklung gemeinsam in verteilten Rollen eine Geschichte im Fach Deutsch oder Englisch liest. Für diese Schüler ist dann das Lesen und ggf.Textverständnis die Hauptaufgabe, weshalb die Wiederholungen hilfreich sind, für die anderen ist es einfach eine kleine Entlastungsaufgabe und ein Beitrag zum Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Klasse.
    Die Lehrer die das umsetzen kostet dieser Einsatz enorm viel Kraft, da sie deutlich mehr Zeit in diese enge Abstimmung und Verzanhnung investieren, als sie dafür an Ermäßigungsstunden erhalten würden. Der Erfolg gibt ihnen zwar recht, dennoch zeigt sich finde ich, dass gute Inklusion eben nur funktionieren kann bei ausreichend Personal und (bezahlten) Personalstunden, denn diese Art selbstlosen Einsatzes ist zwar absolut lobenswert, sollte aber nicht der Maßstab für Inklusion sein.
  • Ich habe gerade sehr interessiert deinen Beitrag gelesen @CDL. Ich habe mir dabei buchstäblich vorgestellt, wie bei euch Inklusion funktioniert - hört sich fast bilderbuchhaft an :)
    Teilweise würde ich mir natürlich (der Kinder wegen) wünschen, dass bei uns auch solche Verhältnisse herrschen würden. Da wir aber im heftigen Brennpunkt liegen (Arbeitslosigkeit unserer Eltern bei 70%), mache ich mir keine Illusionen, dass sich die Bedingungen irgendwann ändern. Und woanders hingehen würde ich nicht, denn dafür bin ich zu gern im Brennpunkt.

    Unsere Inklusionsrealität sieht so aus: Da im Brennpunkt gelegen, herrscht bei uns das Klassenlehrerprinzip: D.h. der Klassenlehrer deckt in seiner Klasse weitesgehend alle Fächer ab, die er irgendwie "kann"(Gründe Beziehung zu Schülern aufbauen, Verbindlichkeiten und Struktur schaffen). Jede Klasse hat 23-28 Schüler. In jeder Klasse sind 4-7 Förderschüler (LE und/oder ES). In meiner Klasse z.B. nur ein "biodeutsches" Mädchen - dementsprechend sind wir ohnehin schon eine sehr nette, bunte Mischung :) Rund ein Viertel der Klassen wäre kognitiv dazu in der Lage, eine Realschule zu besuchen. Das Verhalten lässt es aber nicht zu.
    Die Sonderpädagogen teilen sich die Klassen untereinander auf. Es bleiben dann einzelne Förderstunden, die manchmal als Doppelsteckung genutzt werden. Ansprechpartner für alle Schüler (auch die, ohne Status), ist der Sonderpädagoge ohnehin - da alle irgendeinen Bedarf haben.
    Ermäßigungsstunden (bei euch scheint es Erlassstunden zu heißen) gibt es bei uns für die Arbeit in inklusiven Klassen nicht! Dann müsste jeder Klassenlehrer Ermäßigungen bekommen - fände ich zwar fair, denn wir haben in NRW an Hauptschulen 28 Wochenstunden, geht aber ja aufgrund der Personalsituation gar nicht.

    Nach Unterrichtsschluss führen wir gemeinsam Elterngespräche oder Teilen uns die Gespräche mit dem Jugendamt oder sonstigen Papierkram auf. Wir schreiben gemeinsam die Anträge und Stellungnahmen für AOSF Verfahren, erstellen Verhaltenspläne und evaluieren den Einsatz dieser...
    Aber echte Unterrichtsplanung für Teamteaching kommt viel zu kurz. Oft ist es so ähnlich, wie @marie74 beschrieben hat: In den Pausen oder kurz vor Beginn einer Stunde tauscht man sich noch schnell über die Inhalte aus, dann geht´s los.
    Wir beschäftigen uns größtenteils mit Dingen, bei denen es eigentlich um die Herstellung eines Rahmen geht, in dem Unterricht überhaupt möglich ist. Welche Dinge das im konkreten sind, kann ich hier jetzt nicht benennen, weil das zu viele Details wären und ich gern auch anonym bleiben möchte, aber wir sind quasi anhaltend damit beschäftigt, Strukturen in den Klassen zu integrieren und aufrecht zu erhalten, müssen Eltern zigmal mit demselben hinterherlaufen - weil sie es einfach nicht schaffen :( wir sind mehr Sozialarbeiter, Psychologen, Familienbetreuer - Unterricht kommt dann irgendwo dazwischen noch und läuft halt irgendwie. Jeder Klassenlehrer entwickelt seinen Stil - ich weiß, wie meine Klasse funktioniert und auf welchem Weg weitesgehend alle etwas "mitnehmen" können. Es gibt zum Glück auch recht oft tolle Erfolgserlebnisse - aber frag mich bitte nicht, wie oft da schon ein Junge oder ein Mädchen einfach mal eine ganze Stunde gesessen und gewartet hat, weil ich nicht zu ihm/ ihr kommen konnte, um zu helfen. Mit dem Gefühl muss man als Lehrer im Brennpunkt leider lernen zu leben und sich immer wieder vor Augen halten, dass man sein Bestes gibt, im Rahmen dessen, wie man dabei noch lange gesund bleiben kann.
    Wenn ich doppelt besetzt bin (2-3 Stunden/Woche), versuche ich die Zeit als intensive Übungsstunden für die Kinder zu nutzen. Mehr ist bei uns aber in Punkto Teamteaching leider nicht drin.
    Ich tippe am Handy.

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von MilaB ()

  • Ich kämpfe mit den Tränen, während ich noch deinen Beitrag zu verarbeiten suche MilaB. Ich habe den allergrößten Respekt vor deinem Einsatz, dem deiner Kollegen oder auch anderer User hier im Forum, die derart arbeiten und Schule ermöglichen. Ich nehme an, NRW hat keine SBBZ/Sonderschulen mehr angesichts der vielen SuS mit Förderbedarf in euren Klassen? Was für eine Zumutung in der Arbeitsbelastung das für die Kollegen bedeutet, die die Arbeit leisten ohne entsprechendes Personal lässt sich deinem Beitrag deutlich entnehmen. Solche Lernsituationen kenne ich aber auch aus der Beschreibung von Mitanwärtern hier in BaWü, wo es noch SBBZ gibt. Nach allem, was ich am Seminar mitbekommen habe, sind wir als Schule eine der wenigen Ausnahmen wo - dank entsprechender Personalaustattung und entsprechenden Engagements- Inklusion funktionieren kann wie gedacht vom Erfinder. (Sonderpädagogin mit vollem Deputat abgeordnet an die Schule, weitere Lernassistenz dauerhaft mit im Unterricht, damit in fast allen Unterrichtsstunden drei Personen im Raum oder verteilt auf mehrere Räume).

    Schön, dass deine Schüler dich haben mit deiner Motivation, deinem Engagement, deinem Interesse und hoffentlich noch sehr lange der Fähigkeit dich ausreichend abzugrenzen, um das aushalten zu können, was du allein eben nicht auffangen kannst.
  • Ich denke, man gewöhnt sich früher oder später an alles irgendwie und lernt unter den Gegebenheiten zu arbeiten. Woran ich mich aber nie ganz gewöhnen kann, sind die Kontraste, die es gibt. Beispielhaft an Grundschulen in der Nachbarschaft: da gibt es eine, dort scheint es ähnlich wie bei euch zu laufen und andere, da traut sich kaum jemand auf den Schulhof zu gehen.
    Sonderschulen (Förderschulen in NRW genannt), gibt es schon noch und die Schließung der letzten bestehenden ist bis auf Weiteres momentan zum Glück nicht vorgesehen. Aber der Anteil der Inklusionsschüler an Regelschulen (besonders an Hauptschulen) steigt weiter. Die Eltern melden ihr Kind an einer Gesamt- oder Realschule an, erhalten dort keinen Platz und landen dann bei uns. In bestimmten Fällen raten wir den Eltern auch, ihr Kind an einer Förderschule beschulen zu lassen aber fast kein Elternteil lässt sich davon überzeugen, dass eine Förderschule auch Vorteile hat. Mir tun die Kinder dann schon sehr leid. Vor allem die Kinder, mit starkem ES.
    Es wird wohl bald eine neue Regelung geben, die Inklusionsklassen mit mindestens 3 Förderschülern zumindest rechtlich auf eine Klassenstärke von 25 Schülern begrenzt und pro zwei solcher Klassen eine volle Sonderpädagogenstelle zuteilt. Nur wo sollen die ganzen Sonderpädagogen herkommen?
    Naja, wie auch immer :) Du bist ja gerade im Referendariat, oder? Ich wünsche dir, falls du nicht an deiner jetzigen Schule bleiben kannst, dass du dich gut in eine neue Inklusionsstituation einfinden kannst und dass sie nicht all zu dramatisch sein wird :D . Es ist immer gut, wenn man dann aus seinen Erfahrungen schöpfen und sich einbringen kann.
    Ich tippe am Handy.