Sexualunterricht im online Unterrichtsbesuch

  • Zumindest hier in BW gehört der Sexualkundeunterricht zu diesen heiklen Themen, die zwar vom Bildungsplan her als verpflichtend gesetzt sind, wo aber Eltern sich dafür entscheiden können ihr Kind nicht daran teilnehmen zu lassen, ohne Sanktionen befürchten zu müssen. Das ist insofern tatsächlich ein Bereich, bei dem man als Lehrkraft mit unglaublich viel Fingerspitzengefühl vorgehen muss nicht nur im Hinblick auf die Kinder/Jugendlichen selbst, sondern auch zunächst mal im Hinblick auf die Eltern, damit diese möglichst ihre Kinder daran teilnehmen lassen. Ich habe ja selbst schon in der Sek.I eine Veranstaltung angeboten gehabt, bei der es stark vereinfachend um Homosexualität, Heterosexualität, Transidentität und um Toleranz im Umgang mit wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminierten Gruppen ging. Einer der heikelsten Punkte bei der Vorbereitung (gleich nach der Überzeugung der KuK, die sich nicht vorstellen konnten, dass das finanziert werden kann oder gar von den Eltern durchgewunken wird ohne Proteste) war es, den Elternbrief zur Vorabinformation der Eltern so zu formulieren, dass alle relevanten Punkte zur Veranstaltung daraus hervorgingen, aber so harmlos klangen und nach normalem Unterricht, dass niemand direkt sein Kind an dem Tag zuhause lässt (ich habe also z.B natürlich nicht geschrieben, dass wir Experten in der Schule haben werden, die selbst homosexuell sind oder eine Transidentität haben und die mit den Kindern darüber sprechen werden, sondern das waren ganz allgemein formuliert Experten von Organisation X die zum vorgeschriebenen Bildungsplanthema Y das wir gerade im Unterricht behandeln etwas zu den allgemeinen Bereichen Z1-4 sagen und Fragen der SuS beantworten werden :pirat:). Hat geklappt, am Ende waren tatsächlich alle anwesend aus den jeweiligen Klassen bei ihren Klassenveranstaltungen und begeistert nach der Veranstaltung (die erkennbare Lerneffekte mit sich gebracht hat, gerade bei der Verwendung des Wortes "schwul" als Schimpfwort).


    Solche Details muss man aber, wie von Alias angesprochen auch bei einer rein theoretischen Unterrichtsplanung mit bedenken und mindestens im schriftlichen Entwurf mit ansprechen (oder dann eben in der Diskussion zum Entwurf mit einbringen). Diesbezüglich würde ich einen Blick ins Schulgesetz des jeweiligen Landes vorab empfehlen, inwieweit es dort ggf. auch solche "Drop out-Regeln" gibt für Eltern, die ihre Kinder nicht teilnehmen lassen wollen, damit man auch das planerisch mit bedenken kann und überlegen kann wie man die Eltern versucht vorab mit ins Boot zu holen, wie man was einerseits offen und ehrlich, andererseits aber so "entschärft" wie möglich formuliert, damit Eltern, für die das ein besonders sensibler Bereich der schulischen Mitwirkung ist, nicht direkt ihr Kind krankmelden an dem Tag.

    "Benutzen wir unsere Vernunft, der wir auch diese Medizin verdanken, um das Kostbarste zu erhalten, das wir haben: unser soziales Gewebe, unsere Menschlichkeit. Sollten wir das nicht schaffen, hätte die Pest in der Tat gewonnen. Ich warte auf euch in der Schule." Domenico Squillace

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  • Obwohl ich in einer überchristlichen Region arbeite, gehört das zu einem der Lieblingsthemen in der 4. Klasse. Um den Eltern nicht unnötig Wind in die Segel zu pusten, habe ich das immer auf dem vorherliegenden Elternabend thematisiert und auch meine 3 oder 4 favorisierten Bücher für die Schülerbibliothek gezeigt.

    Ich habe immer begleitend einen Briefkasten aufgestellt, in den die Schüler Fragen einwerfen konnten. Hatten sie einen roten Punkt, sollte ich das nur in der Mädchengruppe besprechen, mit blauem Punkt nur in der Jungsgruppe, mit grünem Punkt mit allen.

    Der übliche Aufklärungsunterricht lief gemeinsam ab. Zusätzlich gab es getrennte Jungs - und Mädchenfragestunden. Das hat sich bewährt. Mädchen wollen oft einfach wissen wie Hygieneschutzartikel funktionieren und haben auch sonst meist mehr zusätzliche Fragen als Jungs. Die fragen oft im "Namen eines Freundes", ... aber genießen es trotzdem irgendwie.


    Diese getrennten Fragestunden könnte man auch gut per Videokonferenz machen.


    Ansonsten ist es aber fast schade, dass das Thema so auf Distanz absolviert wird.

  • Total krass, ist es wirklich erlaubt, die Kinder nicht in den Sexualkundeunterricht zu schicken? 😳

    Ich zitiere mal aus einer Veröffentlichung des KM BW (Schulintern Nr7/1995):


    "Sollte sich (...) aus religiösen Gründen ein Dissens zwischen Elternhaus und Schule ergeben, muss ein klärendes Gespräch zwischen den betroffenen Eltern, dem Klassenlehrer bzw. der Klassenlehrerin und der Schulleitung geführt werden. Kommt es (...) nicht zu einer einvernehmlichen Lösung, so ist ein Fernbleiben einzelner Kinder von den Unterrichtsstunden bzw. Unterrichtssequenzen, in denen Inhalte der Geschlechtserziehung behandelt werden, seitens der Schule nicht zu ahnden. (...)"


    Es gibt Urteile z.B. des Bundesverwaltungsgerichts, die besagen, dass eine Befreiung von einzelnen Unterrichtseinheiten nur in Betracht komme, wenn eine besonders gravierende Beeinträchtigung des elterlichen Erziehungsrechtes vorliege, die- wie z.B. im GEW Jahrbuch nachzulesen ist- bei angemessener Ausgestaltung der Geschlechtserziehung gerade nicht anzunehmen sei. Insofern wird dort diese Einlassung des KM als problematisch erachtet. Dies geschrieben müsste man gerade diese Formulierung des BVerwG aber gerade mit bedenken bei einer Unterrichtsplanung zum Thema Geschlechtserziehung gleich in welchem Bundesland, um nicht dagegen zu verstoßen und damit auch ganz ohne solche BW-Spezialregeln eine Nichtteilnahme zu legitimieren.

    "Benutzen wir unsere Vernunft, der wir auch diese Medizin verdanken, um das Kostbarste zu erhalten, das wir haben: unser soziales Gewebe, unsere Menschlichkeit. Sollten wir das nicht schaffen, hätte die Pest in der Tat gewonnen. Ich warte auf euch in der Schule." Domenico Squillace

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  • "Sollte sich (...) aus religiösen Gründen ein Dissens zwischen Elternhaus und Schule ergeben, muss ein klärendes Gespräch zwischen den betroffenen Eltern, dem Klassenlehrer bzw. der Klassenlehrerin und der Schulleitung geführt werden..."


    Sehr seltsam, dass das unter dem Fähnlein der "religiösen Gründe" angesprochen wird. Das gilt doch eigentlich für jeden Dissens zwischen Eltern und Schule.

    Und Sexualkunde ist doch ein Teil der Biologie, und da kneift BW? Was machen die denn erst in Fragen wie Beschneidung? Ich hab da kein Verständnis für. Ist ja fast so schlimm wie im Bible Belt. Und das im aufgeklärten Mitteleuropa!

    https://www.zdf.de/nachrichten…z-vs-aufklaerung-100.html

  • Sollte sich (...) aus religiösen Gründen ein Dissens zwischen Elternhaus und Schule ergeben, muss ein klärendes Gespräch zwischen den betroffenen Eltern, dem Klassenlehrer bzw. der Klassenlehrerin und der Schulleitung geführt werden. Kommt es (...) nicht zu einer einvernehmlichen Lösung, so ist ein fernbleiben einzelner Kinder von den Unterrichtsstunden bzw. Unterrichtssequenzen, in denen INhalte der Geschlechtserziehung behandelt werden, seitens der Schule nicht zu ahnden. (...)"

    Das erschreckt mich jetzt auch. Finde ich echt traurig. :daumenrunter: Da wünsche ich mir eine Trennung von Schule und Religion. In NRW ist das zum Glück nicht so wie in BW. Die Eltern müssen informiert werden, aber auch wenn es ihnen nicht passt, wird Sexualkunde für alle verpflichtend unterrichtet.

  • In NRW ist das zum Glück nicht so wie in BW. Die Eltern müssen informiert werden, aber auch wenn es ihnen nicht passt, wird Sexualkunde für alle verpflichtend unterrichtet.


    Ich hab da sogar im Reli-Unterricht nie Probleme gehabt, wenn's um die christliche Verantwortung für Leben in Fragen um Lust und Liebe, sexuelle Identität, aber auch um Abtreibung und kirchlichen Ehebegriff ging.

    Nun gibt's da zwar die Möglichkeit der Abmeldung vom RU, was aber nie ne Rolle spielte.

  • ... Nur bei Sexualkunde wird darauf Rücksicht genommen und die Funktionalität anderer Körper und Sex zu etwas Geheimnisvollem und Besonderem gemacht.

    Erstens ist es etwas Geheimnisvolles und Besonderes und zweitens bedeutet Trennung ja nicht, dass man nicht in beiden Gruppen über beides sprechen kann. Aber die Fragen sind vielleicht andere. Und gerade Hygieneaspekte sind ja nun nicht so spannend, dass man das gemischtgeschlechtlich analysieren müsste.


    Ich hab allerdings beides schon ausprobiert und beides hat funktioniert. Es gibt meiner Erfahrung nach Kinder, die gar nichts sagen und welche, die viel reden, egal, wer sonst noch dabei ist.


    Erschreckend fand ich eher, wie wenig hängen bleibt.

    Meine Einheit ist folgendermaßen aufgebaut:

    - Gefühle (Ja/Nein)

    -...

    Was heißt eigentlich 'Gefühle Ja/Nein' ?


    Zu deiner Frage: Die Methode kann man erst nach dem Ziel aussuchen. Du musst erst wissen, was du vermitteln willst, bevor du suchen kannst, wie du es vermittelst.


    Wenn du sicher bist, dass es nur darum geht "irgendwie offen" zu arbeiten, dann musst du das wohl machen. Welcher Aspekt der genannten ist denn dran? Es gibt nette Filme "Du bist kein Werwolf", vielleicht kannst du mit denen was anfangen.


    https://www.kika.de/du-bist-ke…lf/buendelgruppe1570.html


    Muss die Hospi Distanzunterricht zeigen, also zu Hause machbar sein?

  • Sehr seltsam, dass das unter dem Fähnlein der "religiösen Gründe" angesprochen wird. Das gilt doch eigentlich für jeden Dissens zwischen Eltern und Schule.

    Und Sexualkunde ist doch ein Teil der Biologie, und da kneift BW? Was machen die denn erst in Fragen wie Beschneidung? Ich hab da kein Verständnis für. Ist ja fast so schlimm wie im Bible Belt. Und das im aufgeklärten Mitteleuropa!

    https://www.zdf.de/nachrichten…z-vs-aufklaerung-100.html

    BW hatte sehr lange sehr schwarze Landesregierungen und nur selten halbwegs fähige Kultusminister, die das Amt nicht als politisches Sprungbrett betrachtet haben, über das sich entsprechend Klientelpolitik machen ließ für die nächste Wahl (Susi, ick hör dir trapsen...).

    "Benutzen wir unsere Vernunft, der wir auch diese Medizin verdanken, um das Kostbarste zu erhalten, das wir haben: unser soziales Gewebe, unsere Menschlichkeit. Sollten wir das nicht schaffen, hätte die Pest in der Tat gewonnen. Ich warte auf euch in der Schule." Domenico Squillace

  • Erstens ist es etwas Geheimnisvolles und Besonderes und zweitens bedeutet Trennung ja nicht, dass man nicht in beiden Gruppen über beides sprechen kann. Aber die Fragen sind vielleicht andere. Und gerade Hygieneaspekte sind ja nun nicht so spannend, dass man das gemischtgeschlechtlich analysieren müsste.

    Diese Mystifizierung der Geschlechtsteile trägt zu einigen Problemen bei, die wir als Gesellschaft haben. Auf einer rein biologischen Ebene sind Errektion, Menstruation etc. nur einfache Körperfunktionen, wie das Urinieren, die Notwendigkeit zu Trinken oder zu Schlafen.


    Zitat

    Ich hab allerdings beides schon ausprobiert und beides hat funktioniert. Es gibt meiner Erfahrung nach Kinder, die gar nichts sagen und welche, die viel reden, egal, wer sonst noch dabei ist.

    Wie gesagt, bei uns ist der Standard gemischte Klassen, gelegentlich wird aber auch getrennt. Getrennter Sexualkundeunterricht wird in manchem Jahrgängen sogar als Bestrafung wahrgenommen (sowohl von Jungs als auch von Mädchen; in z.B. der 8.Klasse sind die zum Teil sehr interessiert an der Perspektive der anderen und auch daran, miteinander zu reden und sich gegenseitig zu verstehen; wir bekommen von den 12ern immer mal wieder die Rückmeldung, dass es sehr hilfreich war, so zu unterrichten, weil es zu einer unverkrampfteren Einstellung geführt hat).

  • Diese Mystifizierung der Geschlechtsteile trägt zu einigen Problemen bei, die wir als Gesellschaft haben. Auf einer rein biologischen Ebene sind Errektion, Menstruation etc. nur einfache Körperfunktionen, wie das Urinieren, die Notwendigkeit zu Trinken oder zu Schlafen.

    Ja, auf einer rein biologischen Ebene. Aber zu dem Themenkomplex gehören ja nicht nur die Funktion der Geschlechtsorgane, sondern auch Verliebtsein, Liebe, Schutz vor Gewalt, Schmerz, Eifersucht, Selbstbild, Enttäuschung, Wünsche... Da rattert man ja nicht nur Fakten runter.


    Und dann kommt noch hinzu, dass nicht in allen Klassen super Gesprächsatmosphäre herrscht. In Klasse 4. mag das noch egal sein, in Klasse 7 ist es halt schon äußerst unangenehm, wenn man selbst zu denjenigen gehört, die rein äußerlich schlechte Chancen auf dem großen Flirt-Markt haben. Es ist eine sehr sensible Gesprächsatmosphäre, die mit einem gehässigen Kommentar zu Pickeln, Übergewicht oder fettigen Haaren einiges kaputt machen kann. M.E. ist der Schonraum für Verletzlichkeiten größer in einer gleichgeschlechtlichen Gruppe, weil keiner keinem was beweisen muss. Aber vielleicht täusche ich mich ja auch.


    Edit: eine Frage, die übrigens von Jungs schon öfter kam, lautet: Was machen Mädchen/Frauen eigentlich bei der Masturbation. Kann man sich gleich ein paar passende Worte zurechtlegen, wenn man doch verklemmter ist, als man zugeben mag;)

  • Ich liebe das Thema, hatte beim letzten Durchgang richtig tolle Unterrichtsgespräche mit den Kindern. Je gelassener und offener man selbst ist, desto leichter fällt es den Kindern, sich zu öffnen. Wir hatten auch Jungs- und Mädelsstunden, aber vieles konnten wir auch zusammen im Sitzkreis besprochen. Da durften auch mal derbe Begriffe fallen und huijuijui die Youtube-Generation (oder Youp*rn?) hat da einiges drauf ;-)


    Am besten war die Stunde über Gefühle und Selbstbewusstsein bezogen auf den eigenen Körper. Hier haben die Kinder gesagt, was sie gar nicht an sich mögen und die anderen haben Bezug dazu genommen (waaas? aber ich mag deine Haare total!) - das war richtig gut und alle gingen happy aus der Stunde (bisschen wie warme Dusche)

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