Berufswechsel Lehramt in Hessen: Berufsschule vs. Gymnasium

  • Hallo zusammen,

    ich stehe vor einer richtungsweisenden Entscheidung und würde mich über eure Einschätzungen und Erfahrungen freuen.

    Zu meinem Hintergrund:

    • Wohnort: Hessen (gebunden durch Familie/Kinder, Umzug ausgeschlossen).
    • Qualifikation: Bachelor in Maschinenbau.
    • Berufserfahrung: 10 Jahre (davon 7 Jahre fachfremd in der IT).
    • Motivation: Ich fühle mich im aktuellen „Hamsterrad“ unwohl. Schon während des Studiums habe ich gerne als Mathe-Tutor gearbeitet und während des Abiturs Nachhilfe gegeben, mich damals aber aus mangelndem Selbstvertrauen gegen das Lehramt entschieden. Das möchte ich nun korrigieren.

    Ich schwanke derzeit zwischen zwei Wegen:

    Option 1: Lehramt an beruflichen Schulen

    • Fächer: Metalltechnik (Erstfach) & Informatik (Nebenfach).
    • Vorteil: Hohe Anrechnung (ca. 100 von 180 CP für den Bachelor). Ich könnte den Bachelor in 3–4 Semestern abschließen.
    • Bedenken: Eingeschränktere Schulwahl im Vergleich zum allgemeinen Lehramt.

    Option 2: Lehramt an Gymnasien (L3)

    • Fächer: Mathematik & Informatik.
    • Vorteil: Höchste Flexibilität. Ich könnte an Gymnasien, beruflichen Gymnasien sowie Haupt- und Realschulen und Berufsschulen unterrichten.
    • Herausforderung: Keine Anrechnungen möglich. Das Mathe-Studium (zusammen mit Mono-Bachelorn) ist extrem anspruchsvoll. Die Sorge, hier am Ende ohne Abschluss dazustehen, ist vorhanden.

    Meine Kernfragen an euch:

    1. Chancen auf Planstellen/Verbeamtung: Mir ist die Verbeamtung aus finanziellen Gründen (aber auch Jobsicherheit) wichtig (A13 wäre als kleiner Rückschritt zum aktuellen IT-Gehalt akzeptabel). Ich wäre nach dem Ref ca. 42 Jahre alt, ist das in Hessen für eine Planstelle ein kritisches Alter oder noch voll im Rahmen? Der "worst case" nach dem Tarifvertrag des ö.D. bezahlt zu werden, wäre final auch kein Weltuntergang, aber wenn ich die Beiträge einiger Nutzer richtig verstehe, hangelt man sich in diesem Szenario immer von einem befristeten Vertrag zum anderen. Ist das wirklich so? Das wäre auch nicht ideal für mich, aufgrund von Planbarkeit / Sicherheit.
    2. Einsatzmöglichkeiten: Habe ich mit dem „Gymnasial-Lehramt“ wirklich so viel bessere Chancen, wohnortnah eine Planstelle zu finden, weil ich theoretisch an fast jede Schulform (inkl. Berufsschule) kann?
    3. Prognose: Wie schätzt ihr die Lage ab 2030 ein? Man liest von sinkenden Schülerzahlen, aber auch von einer großen Pensionierungswelle (Boomer). Welcher beider Optionen ist „krisensicherer“?
    4. Studienwahl: Würdet ihr den schnelleren Weg (Berufsschule) wählen oder das Risiko „Mathe-Studium am Gymnasium“ eingehen, um breiter aufgestellt zu sein.
    5. Angst: Angst ist nie ein guter Ratgeber, aber wie (un)wahrscheinlich ist die Chance mit meinem Profil am Ende ohne Planstelle übrig zu bleiben? Mir ist bewusst, dass niemand eine Glaskugel hat und bei meiner Recherche im Internet finde ich für jede negative Meldung auch eine positive. Es ist schwer sich ein gutes Bild darüber zu machen.
    6. Quereinstieg: Für einen Quereinstieg wäre ich auch offen, aber von meinem Verständnis benötigt man dafür einen Bachelor/Master einer Universität, dass habe ich leider nicht (Quelle 1 und Quelle 2). Zusätzlich verstehe ich das so, dass ich z.B. ein "reines" Studium in Mathematik oder z.B. Informatik benötigen würde.
    7. Fächerwahl: Falls ich mich für Mathe/Informatik (Option 2) entscheiden würde und es mit Mathe nicht klappen sollte, muss/sollte zur Informatik ein Hauptfach wie Deutsch oder Englisch dazu genommen werden? Wäre z.B. Physik/Informatik, Chemie/Informatik, PoWi / Informatik eine Möglichkeit? Oder hätte ich mit diesen Nebenfächer in Zukunft zu wenig Stunden?

    Ich freue mich auf eure Meinungen.

    Viele Grüße

  • Die Kollegen (m/w/d) aus dem Bereich "berufliche Schulen" wissen zu dem Thema sicherlich mehr, aber ich bin letztens darüber gestoßen, dass der Mangel an Lehrkräften mit beruflicher Fachrichtung Metalltechnik wohl inzwischen so groß sei, dass einige Hochschulen bereits besondere Quereinsteigermasterstudiengänge eingeführt haben, z.B. in München oder Berlin.

    Auch Hessen scheint ein besonderes Förderprogramm zu haben, siehe hier.

  • Die Chancen mit der beruflichen Fachrichtung Metalltechnik plus noch Informatik sind in NRW hervorragend und sollten es auch in Hessen sein.

    Du solltest bei deiner Entscheidung auch berücksichtigen, ob du lieber eher etwas mit Praxisbezug unterrichten möchtest oder eher sehr theoretisch Mathematik. Zudem, ob die lieber mit älteren Schülern (ab 16 aufwärts) oder mit Schülern im Alter von 11 bis 19 arbeiten möchtest. Hilfreich könnte zur Orientierung auch eine Hospitation an beiden Schulformen sein.

  • Quereinstieg: Für einen Quereinstieg wäre ich auch offen, aber von meinem Verständnis benötigt man dafür einen Bachelor/Master einer Universität, dass habe ich leider nicht (Quelle 1 und Quelle 2). Zusätzlich verstehe ich das so, dass ich z.B. ein "reines" Studium in Mathematik oder z.B. Informatik benötigen würde

    Da steht der Master muss nicht von einer Universität sein. Es geht auch Maschinenbau master von der THM z.B. so steht es auch in deiner Quelle. Leider wurden die Programme für Bachelor-Absolventen eingestellt.


    Ich würde niemals an ein Gymnasium gehen, selbst wenn ich könnte. Das würde ich dir, da du auch entsprechende Berufserfahrung hast, auch raten. Mit dem Menschenschlag wirst du nicht glücklich werden.

    Ja es gibt weniger Schulen und auch weniger stellen, aber es gibt auch deutlich weniger Lehrkräfte insgesamt. Die Chance sind um ein Vielfaches besser, die Arbeit um einiges angenehmer. Alleine schon weil es keine Sek. 1 gibt und man deutlich weniger bis gar nichts mit Eltern zu tun hat.

  • Ich schwanke derzeit zwischen zwei Wegen:

    Mir fehlt bei deinen Betrachtungen definitiv der Blick auf die Schülergruppen, wie hier ja schon angemerkt wurde.

    Hilfreich könnte zur Orientierung auch eine Hospitation an beiden Schulformen sein.

    Das würde ich auch dringend empfehlen aus dem obigen Grund.


    Ich würde niemals an ein Gymnasium gehen, selbst wenn ich könnte. Das würde ich dir, da du auch entsprechende Berufserfahrung hast, auch raten. Mit dem Menschenschlag wirst du nicht glücklich werden.

    Geht mir genauso ;)


    Angst ist nie ein guter Ratgeber, aber wie (un)wahrscheinlich ist die Chance mit meinem Profil am Ende ohne Planstelle übrig zu bleiben? Mir ist bewusst, dass niemand eine Glaskugel hat und bei meiner Recherche im Internet finde ich für jede negative Meldung auch eine positive. Es ist schwer sich ein gutes Bild darüber zu machen.

    Ohne Glaskugel - Informatik und Metalltechnik und Mathe dürften alle nicht überlaufen sein.
    In NRW hat man an Beruflichen Schulen höhere Chancen, Gymnasien sind eher überlaufen (auch bei Mathe in beliebten Gegenden). Auch das wäre eher pro Berufliche Schule.

    Wenn du gerne Mathe unterrichtest, wirst du auch da Möglichkeiten zum Einsatz bekommen ggf. Vor allem hast du im beruflichen Kontext auch einiges am Technischen Rechnen. Das ist dann praxisnäher, ebenso Informatik, als man es am Gymnasium jemals erleben dürfte.

  • Vielen Dank für das bisherige Feedback.


    Zielgruppe: Tatsächlich ist für mich beides denkbar. Ich habe 3 jahrelang Nachhilfe gegeben für Real/Gym Kinder und kam damit gut zurecht, sowie jetzt natürlich auch die eigenen Kinder (was natürlich was anderes ist). Während des Studiums waren die Tutorien für junge Erwachsene und natürlich Theorie lästiger und komplexer, was aber auch in Ordnung war. Natürlich sind beide Erfahrungen nicht ansatzweise mit dem späteren Lehreralltag vergleichbar aber ich kann „gut“ mit Kindern. Da hatte ich sehr viel Kontakt über die letzten 17 Jahre.


    Hospitation: Dazu informiere ich mich einmal, ob ich eine Schule kurzfristig finde.


    Ich informiere dann auch noch einmal wie viele Berufsschulen es hier in der Gegend gibt und welche Fächer dort unterrichtet werden. Vielleicht rufe ich auch einfach mal an und probiere mich da etwas zu informieren wie deren individuelle Prognose für die nächsten Jahre ist.


    Wenn ich mich für eine Schulform entscheide und z.B. an einer Schule als Vertretungslehrer arbeiten dürfte, würde das meine Chancen erhöhen dort einen Ref Platz zu bekommen? Haben die Schule da bei der Auswahl Mitspracherecht?

    Haben die Schulen an denen man ein Ref machen kann auch den Lehrerbedarf danach? Unabhängig davon ob es eine Planstelle wäre oder nicht?

  • Haben die Schulen an denen man ein Ref machen kann auch den Lehrerbedarf danach? Unabhängig davon ob es eine Planstelle wäre oder nicht?

    DAS kann ich BL-übergreifend beantworten.
    1) Nicht automatisch (bzw. selten).
    2) Nur, wenn sie (rechnerischen, anerkannten) Bedarf haben.

    Die Ausbildung von Referendar*innen gehört nicht nur zu den Dienstpflichten einer jeden Lehrkraft, sondern auch zu den Aufgaben und Pflichten jeder Schule.
    Nur weil eine Schule (Bsp. Gym) gerade 3 Deutsch- und 2 Geschichtsreffis (von 4 Menschen) hat, heißt es WIRKLICH NICHT, dass es Bedarf gibt. Hessen hat eine Begrenzung beim Refzugang, es wird schon weniger blöd als in NRW kommen, trotzdem haben die BL die Pflicht und Aufgabe, das Ende der Ausbildung (ggf. mit Wartezeit) anzubieten. Auch den Germanist*innen und Historiker*innen.

    Schulen sind natürlich bemüht, Leute, mit denen sie gute Erfahrungen haben, zu behalten, wenn sie diese brauchen. Das heißt aber nicht, dass die jeweilige Schulbehörde das "Brauchen" ähnlich sieht.
    Ich lehne mich aus dem Fenster und behaupte, die von dir angedachten Fächer, insbesondere im BBS-Bereich (Achtung, nicht nur Berufsschulen!) haben Bedarf und du müsstest nicht zu ewig warten. Ob die Schule im Nachbarsdorf allerdings Bedarf hat, ist eine andere Frage.

  • Hallo aus Hessen; Gym-Lehrkraft an einer BS

    meine Gedanken zu

    1) egal, welche Kombi du machst, beide (Info/Metalltechnik) sind so gesucht, dass du eine Stelle bekommen wirst, zumindest im Umkreis von 50km. Daher gehe ich davon aus, dass du dich auch nicht von Befristung zu Befristung hangeln müsstest. Selbst wenn die Verbeamtung aus irgendwelchen Gründen nicht klappen sollte, könntest du recht schnell eine Planstelle erhalten und damit unbefristet werden.

    2) Gym-Qualifikation ermöglicht wirklich mehr Einsatzschulen. Wie meine Vorredner aber bereits geschrieben haben, ist es auch eine Typensache und wenn man bedenkt, dass du fast 30 Jahren als Lehrer arbeiten wirst, sollte dir das Klientel zusagen.

    3) Deine Fächer werden aller Voraussicht nach auch in ein paar Jahren noch gesucht sein. Mit ein wenig Flexibiliät wird das bei dir bestimmt eine feste Stelle. Die Prognosen gelten aber natürlich immer hessenweit. Es kann also sein, dass ein absolutes Mangelfach ausgerechnet an deiner Wunschschule gut versorgt ist. Wir z.B. haben in den letzten Jahren 2 Infolehrer ergattern können und sind nun gut besetzt. Das sieht an Nachbarschulen anders aus. Wenn du eine Region/Stadt im Auge hast, schadet es auch nicht, mit einer Schule Kontakt aufzunehmen. Wenn sie großen Bedarf an einem Fach haben, werden sie es dir sagen und evtl auch den Refplatz "anbieten"

    7) Ich würde nicht unbedingt auf ein Hauptfach setzen, sondern auf deine Stärken und Vorlieben. Ja, man hat mehr Lerngruppen mit zwei Nebenfächern, aber z.B. auch weniger Korrekturen und Abschlussprüfungen.

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