Zweitfach-Wahl WiPäd: Interesse vs. Jobchancen (und die Angst vor Mathe/Info)

  • Hallo zusammen,

    ich brauche mal eure Einschätzung aus der Schulpraxis. Ich habe gerade meine Zulassung für Wirtschaftspädagogik erhalten und muss mich nun innerhalb der nächsten 7 Tage für mein Zweitfach festlegen.

    Da ich mich mit fast 30 beruflich neu orientiere (Ehemaliger BWL-Student und 4 Jahre in der freien Wirtschaft gearbeitet), möchte ich die Entscheidung "richtig" treffen. Ich schwanke zwischen Interesse, Machbarkeit im Studium und späteren Jobchancen.

    Zur Auswahl stehen:

    • Sprachen: Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch
    • MINT: Mathematik, Informatik

    Meine Überlegungen dazu:

    Mathe und Informatik scheinen die "Sorglos-Garantie" für eine Stelle zu sein. Aber: Ich bin seit 10 Jahren aus der Schule raus. Mein Mathemodul im früheren BWL-Studium war zwar machbar, aber ein ziemlicher Kampf. Ebenfalls habe ich so gut wie keine Programmiervorkenntnisse und Informatik ist ebenfalls sehr mathelastig. Ist das im Studium als "Späteinsteiger" realistisch machbar oder laufe ich da sehenden Auges ins Messer?

    Auf der anderen Seite, würde mich Deutsch am meisten interessieren, aber mir fehlt der Erfahrungsschatz, wie gut man später einen Platz bekommt und wie machbar der Korrekturaufwand ist.

    Meine Fragen an euch:

    • Wie wird der Bedarf für Deutsch an beruflichen Schulen aktuell/zukünftig eingeschätzt?
    • Gibt es hier WiPäd-Kollegen, die Mathe oder Info "nachgeholt" haben, ohne viele Vorkenntnisse zu haben?
    • Worauf würdet ihr rückblickend bei der Wahl mehr achten: Die Freude am Fach im Studium oder die Arbeitsbelastung (Korrekturen) im späteren Berufsalltag?
  • das BL ist nicht irrelevant (für viele Fragen: Bedarf, Belastung, usw.. auch wenn es regionale und schulform- bzw. abschlussabhängig sein könnte)

  • An unserem Berufskolleg und auch in der Nachbarschaft werden Deutsch und Englisch gesucht. Deutsch heißt in dem Falle vor allem DaZ. Mathematik und Informatik werden natürlich immer gesucht und anders als bei Deutsch und Englisch wird das wohl auch in 5 Jahren recht sicher noch so sein.

  • Ich würde gern noch eine etwas andere Perspektive reinbringen. Viele deiner Überlegungen wie Interesse, Machbarkeit, Jobchancen sind absolut nachvollziehbar, aber aus meiner Sicht nicht der entscheidende Punkt. Was langfristig wirklich den Unterschied ausmacht, ist dein Commitment.

    Egal, welches Fach du wählst, es wird Phasen geben, in denen du abends länger dran sitzt als geplant. Du wirst Inhalte lernen müssen, die dir nicht sofort liegen. Du wirst dich fachlich immer wieder weiterentwickeln müssen. Und du wirst im Schulalltag regelmäßig gefordert sein, fachlich wie menschlich.

    Das betrifft alle Fächer, nur auf unterschiedliche Weise. Mathe / Info fordern dich eher fachlich-analytisch, Deutsch eher durch Korrekturaufwand und Bewertungssituationen.

    Deshalb wäre für mich die zentrale Frage weniger „Was ist am einfachsten oder sichersten?“, sondern eher „Bei welchem Fach bin ich bereit, mich langfristig reinzuhängen, auch wenn es anstrengend wird?“

    Wenn diese Bereitschaft da ist, kann man sich auch in Mathe oder Informatik gut reinarbeiten, selbst mit Lücken. Wenn sie fehlt, wird es auch in Deutsch nicht wirklich leichter. Nur die Art der Anstrengung ist anders.

    Vielleicht hilft dir dieser Blickwinkel zusätzlich bei deiner Entscheidung.

    Schule. Jeden Tag eine Überraschung. Lohnt sich.

  • Zum Bedarf von Mathematik an berufsbildenden Schulen können die Kollegen (m/w/d) mehr sagen. Das Studium verfügt aber über viele Schnittmengen mit dem Studium für das gymnasiale Lehramt. Es ist ein Vorteil, dass du über erste Erfahrungen mit Hochschulmathematik verfügst. Was sowohl für Mathematik in der Schule als auch an der Hochschule gilt, ist dass die Inhalte in hohem Maße aufeinander aufbauen. Zu Beginn des Studiums arbeitest du mit den Strukturen und Techniken, die du aus der Schule kennst. Es kommen dann regelmäßig neue dazu und im Verlauf des Studiums entfernst du dich zunehmend mehr von den bekannten Schulinhalten. Die Inhalte werden abstrakter, aber man gewöhnt sich daran, solange man am Ball bleibt.

    Wichtig ist, das Interesse mitzubringen, jede neue mathematischen Struktur von Grund auf verstehen zu wollen, um dieses Wissen bei der anschließenden Bearbeitung von Übungsaufgaben nutzen zu können.

    Wenn du also sagst "Ja, ich möchte mich intensiv mit einem Logarithmus oder einem Sinus auseinandersetzen.", dann kann das Mathematikstudium etwas für dich sein.

  • Manche Studienanfänger gehen davon aus, dass im Mathestudium die schulischen Inhalte vertieft werden. Das ist jedoch nur ein Teil der Fachwissenschaft - und viele Prüflinge scheitern am Ende an falschen Vorstellungen.

    Ich hab' das ja schon einige jahre hinter mir und weiß nicht, ob die Studieninhalte in der Fachwissenschaft heute noch ähnlich anspruchsvoll sind wie damals. Prüfungsrelevante Vorlesungen der Fachwissenschaft waren - als ich Mathe für das Lehramt an GHS studiert hatte: Aussagenlogik, Mengen & Relationen, Elemente der Gruppentheorie, Grundlagen der Geometrie (Kongruenz- und Ähnlichkeitsabbildungen in der Ebene). Da ging es Schlag auf Schlag. 30% Durchfallquote waren die Regel, weil die Studierenden mit derart abstrakt-theoretischen Anforderungen nicht gerechnet hatten.

    Auch "Informatik" ist weit weg von Excel und Word.

    Tipp: Die Studienordnung vor Beginn des Studiums zu lesen hilft. Ebenso ein Gespräch bei der Studienberatung.

    Meine Beiträge können Spuren von Ironie und Sarkasmus enthalten. "Tippfehler" sind beabsichtigt und dienen dem reflektierten Umgang mit Rechtschreibung und Sprache durch die werte Leserschaft. Wer einen Rotstift besitzt, darf diesen behalten und anderweitig nutzen.
    «Wissen – das einzige Gut, das sich vermehrt, wenn man es teilt.» (Marie von Ebner-Eschenbach)

  • Je nach Uni wird vielleicht auch Wirtschaftsinformatik angeboten. Da bist du etwas raus aus der wirklich komplexen Informatik. Für das BK hast du mit Winfo ebenfalls gute Chancen.

    An unserer örtlichen Uni hast du bei Lehramt Informatik direkt im 1. Semester mit Modellierung eine sehr schwere Vorlesung, die die Informatiker ohne Lehramt erst im 3. Semester machen müssen nachdem sie zwei Semester die mathematischen Grundlagen gelernt haben. Die Durchfallquote liegt im WS25/26 bei 70 % nachdem der Schnitt angehoben wurde. Also Informatik ist kein Sonntagssaziergang!

  • Das betrifft alle Fächer, nur auf unterschiedliche Weise. Mathe / Info fordern dich eher fachlich-analytisch, Deutsch eher durch Korrekturaufwand und Bewertungssituationen.

    Sorry, die korrigierende Deutschlehrkraft muss sich vom Korrigieren ablenken und hier crashen..
    Hä? und Deutsch fordert auch nicht fachlich-analytisch?

  • Hä? und Deutsch fordert auch nicht fachlich-analytisch?

    Guter Einwand. Mir ging es tatsächlich um das „eher“ in meiner letzten Formulierung, also nicht im Sinne von „Deutsch fordert nicht fachlich-analytisch“, sondern, dass sich die Art der Anforderungen etwas unterscheidet.

    Deutsch fordert natürlich auch fachlich-analytisch, nur aus meiner Sicht stärker interpretativ und argumentativ, während Mathe/Info oft formaler und eindeutiger sind. War vielleicht zu verkürzt formuliert, danke fürs Nachhaken!

    Schule. Jeden Tag eine Überraschung. Lohnt sich.

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