Fass mich nicht an!

  • Fass mich nicht an!
    sagte ein Junge der dritten Klasse zu mir, als ich ihn heute aus einer Ecke holen wollte, in der er nur Blödsinn machte.
    Klasse 4 führte ein Theaterstück auf und er lärmte in einer Ecke herum.
    Wieso soll ich aufhören?... Er war sich keiner Schuld bewusst... mir ist doch langweilig.
    Ich erklärte... er steckte sich den Finger in die Ohren und machte lalalala... ich nahm ihn am Arm und wollte ihn zu mir ziehen...
    Fass mich nicht an!
    Und er schmiss sich auf den Boden.


    Ich erklärte ihm, dass er sich dann direkt freiwillig neben den Schulleiter stellen könne... was er zu meiner Überraschung dann auch machte.


    Hätte er das nun nicht gemacht... was würdet ihr dann in so einem Fall machen?

    Das Leben ist unberechenbar. Iss das Dessert zuerst!

  • Herrlich, solche Kinder habe ich besonders gerne! :sauer:


    Schwierig!
    Nach wie vor fühle ich mich oft handlungsunfähig. Gerade bei solchen Biestern.


    Neulich ging eine Kollegin dazwischen, als ein EH-Kind ein anderes übel in der Pause schlug. Sie zog das Kind zurück, um das andere zu schützen. Das Kind hat sie auch richtig angeschrien.


    Ich glaube, ich würde sagen, dass alle sehen, wie albern er sich verhält und: Bei der nächsten Aufführung bleibst du im Sekretariat. Egal, was der dann sagt, lass ihn stehen und entziehe ihm deine Aufmerksamkeit.
    :uebel:

  • Zitat

    ....Ich erklärte... er steckte sich den Finger in die Ohren und machte lalalala... ich nahm ihn am Arm und wollte ihn zu mir ziehen...
    Fass mich nicht an!
    Und er schmiss sich auf den Boden.


    Mein erster Gedanke war, was muss dieses Kind erlebt haben, dass es auf ein Anfassen so reagiert? Das war doch eine völlig überzogene Reaktion des Kindes. Ich kann dein Verhalten gut nachvollziehen, hätte vermutlich ähnlich gehandelt. Hat er sich denn neben dem Schulleiter dann besser benommen?
    Tootsie


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    edit von jotto: Habe nur das Zitat repariert.

  • Bei solchen Situationen würde ich einfach den Schulleiter holen und die Eltern zu einem Gespräch einladen, ganz einfach. Aber nach der Aktion kann das Kind erstmal aus meinem Unterricht fernbleiben (vor der Tür)

  • Man muss da wirklich vorsichtig sein. An meiner Schule hatte ein Schüler anderen erzählt, eine Lehrerin hätte seinen Arm verdreht und er wolle es seinen Eltern sagen. Dabei war es eine ähnlich "harmlose" Situation wie oben beschrieben. Schüler störte massiv, lief durchs Klassenzimmer und meine Kollegin hat ihn am Arm angefasst, um ihn zurück zum Platz zu bringen.
    Wir hatten ein wirklich langes Gespräch mit Kollegin und Schüler und haben uns vom Schüler unterschreiben lassen, dass er lediglich angefasst und nicht, wie er zunächst behauptete, verletzt worden ist. Sowas kann nämlich ziemlich unangenehm werden. Seitdem befolgen wir an unserer Schuler die Regel, keinen Schüler gegen seinen Willen azufassen. Notfalls sofort Eltern anrufen und KInd abholen lassen.

  • Ach so, wenn andere Kinder durch das Verhalten eines KIndes gefährdet werden, gehen wir sicherlich dazwischen und "begleiten" das KInd aus der Situation raus. Dafür muss man das Kind dann auch mal härter anfassen. Aber das sollten Ausnahmen bleiben.

  • genau die von Kätzchen beschriebene Situation hatte ich vor Augen, als das Kind plötzlich losbrüllte.
    Dieses Kind ist so ein Kind, das so etwas behaupten würde... das Kind ist ein Kind, das sich sowohl im Unterricht als auch auf dem Schulhof sozial äußerst unverträglich verhält.
    Das Kind hat außerdem Eltern, die prinzipiell dem Kind glauben.... und emotional schnell hoch gehen...
    Hatte da schon mehrere unangenehme Gespräche sonach dem Motto... immer wird mein KInd beschuldigt, dabei ist es harmlos wie ein kleiner Engel. Und es sagt, dass die anderen Kinder ihn treten, ärgern, beschimpfen, verletzen... und natürlich glauben wir unserem KInd. und SIE tun nichts dafür, dass unser Kind hier sich sicher fühlt...
    Mir war also sofort klar, dass ich mich da äußerst vorsichtig verhalten muss... deshalb habe ich hier ja nachgefragt, wie man eine solche Situation lösen kann.


    neben dem Schulleiter hat das Kind nur ca fünf Sekunden gestanden, dann war das Theaterstück vorbei. Von daher hat das nicht wirklich etwas gebracht, außer, dass es die Situation erstmal gelöst hat.

    Das Leben ist unberechenbar. Iss das Dessert zuerst!

  • armes kind. was der erlebt hat, dass er sich so verhält? ich spekuliere mal munter vor mich hin:
    auf den boden werfen bei widerstand gegen eigenen willen = kleinkind, 3jähriger mit wutanfall. infantiles verhalten. das wiederum ist oft die folge einer unsicheren bindung - eltern, die ihr kind einmal verhätscheln bis zum geht nicht mehr, vor allem gegenüber außenstehenden (mein engel, dem alle böses wollen), aber im konfliktfall (kind tut nicht, was sie gerade von ihm möchten, kind funktioniert sonstwie nicht korrekt) genau das tun, was das kind euch mit seinem kindischen verhalten spiegelt, nur in der erwachsenenversion: liebesentzug, unberechenbare reaktionen, persönlich verletztende aktionen, ggf. überzogene sanktionen. unsichere bindung + mieses vorbild = sich asozial verhaltendes kind. bindung, bindung, bindung aufbauen, sicherheit bieten (durch klare ansagen und klare, sehr deutliche reaktionen).

  • Tja, armes Kind weil unerzogenes Kind. Harte pädagogische Arbeit ist gefragt, klare Ansagen, klare und umittelbare Konsequenzen. Ohne elterliche Mitarbeit ist die Erfolgsaussicht allerdings gering. Wie gesagt, armes Kind... :(


    Nele

  • Ich denke, Kecks hats auf den Punkt gebracht:

    unsichere bindung + mieses vorbild = sich asozial verhaltendes kind. bindung, bindung, bindung aufbauen, sicherheit bieten (durch klare ansagen und klare, sehr deutliche reaktionen).

    Was man "in der Situation" machen könnte ist vielleicht schwer zu sagen. Auf jeden Fall nicht aufregen oder persönlich nehmen, sondern davon ausgehen, dass das Kind einfach das tut, was es 9 Jahre lang gelernt hat. Wenn "zum Rektor stellen" funktioniert, ist doch prima.


    Langfristig würde ich (wenn es ein Schüler meiner Klasse wäre) zu den Eltern einen Draht aufbauen. Wenn du ihnen immer mit Vorwürfen kommst, wirst du auf Granit beißen- ob du im Recht bist oder nicht- und garnichts erreichen. Hör ihnen erstmal zu, versuche rückzumelden, was sie sagen ("schön, dass Sie gekommen sind, darf ich Ihnen erst mal einen Kaffe anbieten"/ "okay, sie machen sich Sorgen, wie es ihrem Sohn hier geht"/ "ich sehe, dass sie sich ärgern, weil die anderen Kinder auch keine Engel sind"/ "sie haben das Gefühl, dass immer nur Kevin Ärger bekommt"...) und wenn sie dann entspannter sind und zuhören, könnt ihr erst nach gemeinsamen Lösungen suchen (z.B. Verhaltensvertrag schließen- welche Konsequenzen gibt es zu Hause für welches Verhalten, Belohnung als auch Strafe)

  • Finde die Antwort von Pausenbrot bereits sehr hilfreich. Weiterhin bieten wir so schwierigen Kindern/Eltern immer die Hospitation an. Dann können die Eltern ihre Kinder selber erleben. Natürlich nicht nur für eine Stunde, sondern mindestens einen Tag.
    Viel Erfolg!

  • Ich habe auch so einen Schüler, der sofort ausflippt. Ich fasse ihn nur noch an, wenn er sich oder andere gefährdet. Ansonsten rufe ich immer sofort seine Mutter an. Ich bin da der Meinung, den Leidensdruck auf die Eltern erhöhen, damit da was passiert. Also erste Regel: Geh den Eltern auf den Keks und mache sehr deutlich, dass das Verhalten des Kindes so nicht tragbar ist. Zur Not mit Erziehungs- bzw.Ordnungsmaßnahmen, denn offizielle Schreiben wirken immer ganz gut...Am besten ist es, wenn du eine Kollegin mit in das Gespräch nimmst, die auch schon Erfahrungen mit dem Kind gemacht hat. Damit es nicht heißt, dass nur du die Probleme hast und ihm was böses willst.

  • ...Am besten ist es, wenn du eine Kollegin mit in das Gespräch nimmst, die auch schon Erfahrungen mit dem Kind gemacht hat.


    Ja, das ist das Wichtigste, wenn man die Möglichkeit und Zeit dazu hat.


    Oft ist es aber so, dass eben diese Möglichkeit nicht vorhanden ist. Bei Gefahr für andere (große und kleine) Menschen, schreite ich auch sofort ein. Allerdings berichte ich dann unmittelbar einem Vorgesetzten und nehme Zeugen dazu mit.


    Bei kleineren Vorfällen (Kind stört massiv) forderte ich, wenn alles nichts half, zuerst (bspw.): "Komm mit!"
    Folgte das Kind nicht, führte ich es am Handgelenk weg. Auf so etwas wie "Fass mich nicht an!" reagiere ich gar nicht.


    Aber das alles war anfangs, als ich in diese Schule kam, selten nötig. Allzu bald waren die Klassen ruhig, hatten sich doch auch die "Seltsamen" daran gewöhnt, dass meine Worte stets Konsequenzen haben. Nach einem halben Jahr herrschte (Zitat des stellv. Schulleiters) "gymnasiales Lernniveau" in meiner Klasse dieser Realschule.


    Dabei half auch diese Art der Konsequenz.

  • hmm wirklich schwierig deine Situation. Also ich find die Reaktion des Kindes auch unglaublich...der muss schon einiges erlebt haben, um auf ein Anfassen so zu reagieren.
    Ich muss sagen, ich wäre auch überfordert gewesen, aber wenn er sich nicht neben den Schulleiter gestellt hätte und die Situation weiter eskaliert wäre, hätt ich definitiv einen zweiten Lehrer zugezogen und hätte den Jungen dann nach draussen gebracht. Dort kann er dann runter kommen und dann kann man in Ruhe darüber reden.
    Was du aber machen solltest wäre definitiv an der Sache dran beliben, um zu sehen ob bei ihm zu Hause alles in Ordnung ist :/

  • Wir haben diese Reaktion "Fass mich nicht an" auch schon öfter gehabt. Noch besser wird es, wenn Eltern ihre randalierenden Sprößlinge auch noch vor den übelwollenden Lehrern beschützen möchten und klar daraufhinweisen, dass man ihre Kinder nicht zu berühren hat. So etwas habe ich auch erlebt, ein stühlewerfender Neunjähriger, der von mir nicht gerade sanft aus dem Klassenraum transportiert wurde, weil sonst Schlimmeres passiert wäre. Ich denke, dass man in diesen Fällen klar eine Grenze ziehen muss und das Recht der anderen Schüler auf Unterricht und körperliche Unversehrtheit höher zu gewichten hat. Natürlich kam seitens der Eltern eine massive Beschwerde und der Hinweis, dass wir (die Lehrer) ihr Kind nicht anzufassen hätten. Unsere Reaktion darauf war, die Eltern darauf hinzuweisen, dass sie dann sofort ihr Kind in Empfang zu nehmen hätten, wenn weitere Störungen vorkommen würden, da wir uns nun anders nicht zu helfen wüssten. Diese Vorgehensweise ist den Eltern bekannt, da sie Teil unseres Programmes zum Umgang mit massiven Unterrichtstörungen gehört.

  • ... Ich denke, dass man in diesen Fällen klar eine Grenze ziehen muss und das Recht der anderen Schüler auf Unterricht und körperliche Unversehrtheit höher zu gewichten hat. ...


    Genau das ist der Punkt! Diese Rechte kann man als Lehrer auch durchsetzen und ist rechtlich sicher (leider finde ich jetzt den genauen Wortlaut des Gesetzestextes nicht).

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